Neubert83 13.09.2012, 14:37 Uhr 0 1

6 Brötchen und einen Roggenbatzen

Ich gebe es zu. Ich bin süchtig. Nicht Kokain, Heroin oder Alkohol. Die Sucht nach Bäckereien bestimmt seit jeher mein Leben.

Ich bekomme leuchtende Augen und Hormonschübe wenn ich schicke glänzende Bäckereitheken mit Halogenlampen und frisch gebackenem sehe. Wenn in der hinteren Ecke der "WinklerWachtel" im 20 Minuten Takt neue Brötchen speiht, dann kann ich nicht mehr klar denken.

Mein erstes Bäckererlebnis muss jetzt etwa 24 Jahre her sein. Unweit meines Elternhauses war eine kleine Bäckerei die nicht nur Brot, Brötchen und so etwas wie Kuchen in der Theke hatte, sondern auch Süßigkeiten. "Für 5 Pfennig von den Schlümpfen, für 10 Pfennig von den grünen Schnüren, 3 Scheiben Esspapier und für den Rest Lakitzschnecken...." Geduldig hatte die kesse Bäckereifachverkäuferin die Gelantine-Brocken in die Tüte gesteckt und anschließend die Mark kassiert. Das fand ich damals faszinierend. Diese Frau muss so glücklich sein. Den ganzen Tag kann sie hier verbringen. Hier zwischen Kuchen, Langnese-Eistruhe und Ahoi-Brause.

Heute viele Jahre später ist der Bäcker von damals längst in Konkurs gegangen. Wo früher "mein" Paradies war, ist heute ein Döner-Schnellimbiss. Die Liebe zu Bäckerein ist geblieben. Ich liebe die Namen der Produkte. Ein 0815 - Brot bekommt eine Seele wenn man es einfach "Erftstumpen" nennt. "Gassenhauer", "Klostersonne" oder "Dreipfünder Bauernlaib". Auch beim Kuchen gerate ich leicht ins Schwärmen. Streusel-Taler, Apfelbatzen, Mohnschleife, Nussstrietzel, Puddingkissen, Kirsch-Plunder, Erdbeernest, Mandeltraum....Ich könnte diese Liste ins unendliche schreiben. Die schöne Bäckerwelt lässt mich einfach nicht mehr los.

Mit 15 wollte ich eigentlich Bäcker werden. Ich hatte mir das im Kopf so schön ausgemalt. Jeden Tag früh aufstehen aber schon morgens um 07.00 Uhr ein meisterhaftes Backkunstwerk geschaffen. Als ich meinen Eltern diesen Berufswunsch in einer ruhigen Minute zu offenbaren versuchte, erntete ich lediglich einen bösen Blick und den Zusatz "Mach du erst mal dein Abitur. dann kannst du werden was du willst..." Ich machte mein Abitur und wurde Dauerkunde in der Bäckerei. Immerhin.

Die Backstubenleidenschaft hatte sich bei mir eingependelt. Im Radio habe ich von 52 Kalenderwochen über 40 in der Frühschicht gearbeitet. Morgens um 05.00 Uhr steht der Bäcker noch am Rührteig und der Laden hat zu. Ich bin auf vorgefertigte Brötchen von der Tankstelle ausgewichen. Nicht lecker, nicht nahrhaft, nur teuer. Bei einem Besuch in Leipzig flammt mein Bäckerei-Leidenschaft dann aber wieder auf. Eine schicke Filliale einer lokalen Bäckereikette liegt auf meinem Weg. Vom Wortspiel-Namen "Der Brotagonist" bin ich mehr als entzückt. Die Marketingstrategie kommt sicherlich von einem jungen Start-Up Unternehmen. Auf der Tüte prangt der Hinweis, dass man für Mundraub keinerlei Haftung übernimmt. Ich gehe hinein und kaufe viel zu viel. Alles was ich nicht kenne kommt in die Tüte. Produkte mit tollem Namen müssen ebenfalls mit. Das Frühstück für drei Personen würde für 10 reichen oder als verkaufsfördernde Maßnahme des "Brotagonisten" durchgehen.

Meine Leidenschaft hat einen entscheidenden Haken. Obwohl ich Bäckereien von ihrer Aufmachung her liebe, mich in Produktnamen baden könnte und gerne auch mal das ein oder andere probiere, kann ich die Protagonisten in Läden wie dem Brotagonisten nicht leiden. Bäckereifachverkäuferinnen sind mir ein graus. Schon als Kind konnte ich sie nicht leiden. Ich bin mit 6 Jahren als "Junger Mann" angesprochen worden und werde es auch heute noch. Es gibt im wesentlichen zwei Gruppen von Bäckereifachverkäuferinnen.

Die erste ist die alteingesessene. Seit 30 jahren gehen Brötchen durch die Finger dieser Damen. Sie haben den "Staufener Kloben" schon geschnitten, als er als Produktinnovation der frühen 70er in die Regale kam. Sie schaffen es noch 6 Stücke Kuchen auf ein Tablett zu drapieren, dass nur für 5 konzipiert ist. Nur sie können so unbeteiligt, schlonzig und unfreundlich sagen: "Was darf es sonst noch sein?", "Wollen Sie das Hausbrot geschnitten oder am Stück haben?" oder "Das macht dann 6,23 Euro! Haben Sie es nicht passender? Ich hab doch morgens noch kein Wechselgeld!" Bei dieser Verkäuferinnen-Gattung muss man seinen Anspruch einfach an der Eingangstür abgebene und nichts persönlich nehmen. Sonst geht man am täglichen Brötchenkauf zugrunde.

Die zweite Gattung ist jung, blond, hübsch. Auf der Kittelschürze findet sich kein Fleck, kein Krümel und kein Mehlstaub. Bäckereifachverkäuferin war nie ihr Traumjob. Sie haben am Ende ihrer schulischen Karriere den Tatsachen ins Auge geschaut und haben sich schnell bei einer Bäckerei beworben, bevor Metzgereifachverkäuferin der letzte Ausweg gewesen wäre. Die "junge Bäckereifachverkäuferin" reduziert die Kommunikation auf ein minimum und schafft es so auch am Samstag Vormittag cool, lässig und ungestresst durch den Verkaufstag zu kommen. Diese Thekengeneration kann allerdings keine Fragen zum Weizengehalt des "Wiener Mischbrotes" beantworten und grübelt selbst bei der Fangfrage, ob in der Nussschleife wohl "Spuren von Nüssen" enthalten sein könnten verdächtig lange nach. Die Mädels sprechen mich nie mit "Junger Mann" an. Wahrscheinlich weil sie Angst haben ich könnte sie aus Rache mit "Fräulein" ansprechen.

Doch beim Bäckerhandwerk wird die Rechnung am Tisch gemacht. Nicht die Bedienung sondern das Backwerk auf dem Teller entscheidet ob ich noch einmal wieder komme oder nicht. Wenn das Brötchen nach dem horizontalen Aufschneiden noch die gleiche Form und das gleiche Volumen hat ist der erste Test bestanden. Wenn eine Puddingbrezel im Mund nicht an Masse sondern an Genuss zunimmt, ist alles gut. Dann hat der Bäcker auch sein Handwerk verstanden. Und nicht nur die kreativen Namensgeber oder die ranzige Verkäuferin mit dem Mehlstaub unter der Brust.

Doch es gibt Unterschiede. Wer nicht Bäcker sondern was besseres werden möchte, wird Konditor. Über der Ladentür steht dann meist "Confisserie" und im Laden ist die Dekorationsbombe explodiert. An jeder freien Stelle im Laden steht eine "süße Aufmerksamkeit" die toll aussieht, tausend Kalorien schwer ist und einen Bäckereifachverkäuferinnen-Stundenlohn kostet. Meist ältere Damen bringen das Kunstwerk regelmäßig auch rhetorisch auf den Punkt. "Das ist ja zum essen viel zu schade." Dafür hat die Konditorei-Fachverkäuferin (zumeist Studentinnen die gerne auch als Messe-Hostesse arbeiten) nur einen abgespeicherten aber freundlichen Blick übrig. Zugegeben. Die Torten in der Auslage sehen toll aus. "Kleine Kunstwerke. Da kann man sich ja gar nicht entscheiden."

Problematisch ist es allerdings, wenn man sich entscheiden muss, weil man 6 Stück Kuchen für die sonntägliche Kaffeetafel braucht. Beim Bäcker geht das Ratz-Fatz. 2 Apfel, 2 Käse, 2 Aprikosen-Riemchen. Beim Konditor oder in der "Confisserie" sehen die Torten alle nur lecker aus. Hier muss man bei jeder Torte fragen. "Was ist das hier vorne?" sage ich als Kunde und stehe gebäugt an der Glasscheibe der Theke und deute auf eine 5 Schicht-Kreation die in 4 verschiedenen Braun-Tönen leuchtet. Auf jedem Stück Torte liegt ein frisches Minzblatt, der Rest ist mit Schokolade überzogen. "Das ist eine Mailänder Buttercreme-Sahne mit Mandelmus und Nusssplittern", sagt die Verkäuferin so selbstverständlich als wenn sie mir gerade einen Vorwurf machen will, warum ich den frage. Das sieht man doch. Ich nehme 2 davon. Mit dem elektrischen Sägemesser schneidet das junge Mädchen die Stücke oder eher Stückchen ab und stellt sie dicht auf ein Tablett. Mit einem richtigen Messer hätte sich die Dame längst in den Finger geschnitten.

Mein Blick fällt auf den Apfelkuchen. "Ich nehme zwei Stück Apfelkuchen!" Ich bin entschlossen und stolz. Ohne Nachfrage habe ich gleich zwei Stück Torte in einer Confisserie bestellt. Toll. "Welchen?" Fragt die Verkäuferin entgeistert. "Wie welchen?" Will ich wissen und schaue die Verkäuferin an als hätte sie mir gerade die Millionenfrage gestellt. "Apfel-Orangen Kuchen, Walder Apfel mit Cognac-Sud, Apfel-Birne, Apfel-Buttercreme oder Apfel-Mandel-Nuss gedeckt?" Ich bin irritiert und fasziniert zugleich. "Ich will den da...." sage ich und zeige auf einen Kuchen in der Thekenmitte. "Das ist Stachelbeer-Joghurt!" sagt die Verkäuferin und bleibt so ruhig und freundlich wie sie es gelernt hat. Ich nehme zwei mal "Apfel-Mandel-Nuss", einmal "Florentiner Sahne" und einmal Erdbeerkuchen und bin erlöst. 13,20 Euro hat der Spaß gekostet und die Apfel-Mandel-Nuss-Torte hat am Ende nach gar nichts geschmeckt. Alles nur Show. Wie so oft im Leben.                


Tags: Bäckerei, lecker, Auswahl
1

Diesen Text mochten auch

0 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  •  

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
10. Juni 2013

Neueste Artikel-Kommentare

NEON-Apps für iOS und Android