KalterHund 05.01.2017, 22:38 Uhr 1 3

2x Rausch, bitte!

Die Zigarette und der Kaffee am Morgen sind mein Mittelfinger für die Welt.Das bisschen Zeit, was ich mir nehme, stecke ich in Nikotin und Koffein.

Ich glaube ja, ein gesunder Hass auf die Welt ist wichtig. Wenn man morgens aufwacht und nicht sofort der Meinung ist, dass einem die Sonne aus dem Arsch scheint, kann doch eigentlich nur alles besser werden. Es gibt Filme darüber, es gibt Gedichte darüber, sogar Kraftklub haben vor Jahren „Ein bisschen Melancholie - ist manchmal ok, ein bisschen traurig sein - und den Grund nicht verstehn. Ein bisschen depressiv - aber trotzdem entspannt, denn glückliche Menschen sind nicht interessant.“ in ihre Mikros geschrien und etliche Menschen zum Mitgröhlen begeistert. Wieviel Wert man jetzt genau auf die Meinung dieser oder jener Band legt, sei dahingestellt, Fakt ist jedoch: Sie haben Recht. Der neue Penisvergleich ist das Drama auf der Bühne des eigenen Lebens. Man selbst spielt quasi nur die Nebenrolle, das Leben die Hauptrolle mit Zügen von Mephistopheles. Das Leben kann also so ziemlich scheiße sein, ist ja auch alles so furchtbar schwierig, wir als Mitte 20er oder Mitte 30er, die gern noch die  Mitte 20er wären, wir als Generation Y und Generation Beziehungsunfähig. Wir bekommen halt einfach nichts gebacken. Keine Beziehung, im Studium und Job sowieso nichts, aber Geld ist uns ja sowieso egal, der Weg zum Minimalismus ist halt eben doch das Beste und zum Reisen brauch man ja eh nicht viel, nimmste dir halt mal nen Apfel vom Baum da hinten, aber bloß nicht zum Denns oder zum Alnatura, alles Verbrecher, im Vollrausch vom Billiggin aber gern mal eben zu MC Donalds und heimlich Pommes bestellen und dann sagen, ja ja, einmal im Jahr, auf der Autobahn geh ich auch mal zu Mc Donalds, gibt ja nichts anderes da, aber öfter kommt das dann auch nicht vor. Bei all dem Drama, bei all den Versuchen, möglichst politisch korrekt zu handeln, bei all dem was wäre wenn und eigentlich und irgendwie könnte es ja, ist es wohl kaum verwunderlich, dass man Morgens beim Aufwachen einfach nur denkt „fick dich!“. Man macht sich das Leben ja gern selbst sehr schwer und einfacher wird’s dann natürlich schon, wenn man all das Negative in einem auf das große Ganze schiebt. Es scheint ein neuer Trend zu sein, sein Leben zu hassen. Momentan lerne ich mehr Leute kennen, die sich wünschen, tot zu sein, als Leute, die ihr Leben feiern. Aber natürlich hat dann (zum Glück!) doch jeder Angst vorm Sterben. Trotzdem wird mal eben ein „Enjoy Death“ unter dieses und jenes Bild getippt. Friedhöfe werden das neue Umkleideselfie und das bitteschön alles in schwarz-weiß. Wirkt dann gleich auch viel dramatischer. Das Weltgeschehen macht einen ja sowieso eher wehmütig, war das Jahr 2016 ja sowieso absoluter Bullshit. Alle sind gestorben, Iditioten bekamen Machtpositionen und keiner weiß so richtig warum, aber neuerdings soll ja das Internet Schuld an allem sein, trotzdem wird fleißig weiter geliked und geteilt, hier eine Hasstirade, da das nächste „Deutschland verrecke!“ und mal eben die neuen New Balance Schuhe bei Amazon per Overnightexpressversand bestellt. Verliebt hat man sich dann wohl auch noch, total blöd gelaufen das Ganze. Ja, 2016 lief für die meisten eher weniger gut. Bei all den negativen Schwingungen, die man seinem Umfeld und vor allem sich selbst auferlegt, tut der ganze Hass dann nur noch mehr gut. Hass ist einfach, Hass fühlt sich gut an. Hass braucht wenig Erklärungen, den gibt’s halt einfach. Hass auf die Welt, Hass auf das Leben, Hass auf sich selbst, Hass auf alles („home is where the hate is“ kann man auf Stickern einer gleichnamigen Band ablesen und sich wünschen, genau solche überall hinzukleben, um nur noch mehr Hass zu verteilen). Hass macht sichtlich Spaß und ist immer eine gute Entschuldigung. Tut mir Leid, dass ich mich nicht gemeldet habe, ich komm grad nicht so auf mein Leben klar und sowieso hasse ich alles. Ach, was, absolut kein Problem, versteh ich total! Mit der Zigarette und dem Kaffe am Morgen fängt dann schon alles an. Ein langes Frühstück? Nee, gar keine Zeit dafür. „Zwischen Käffchen und ner Kippe ist noch Zeit für SMS“ singt Frontsänger von OK KID in „Mehr mehr“ und beschreibt nur zu gut das Lebensgefühl unserer Generation. Die Zigarette und der Kaffee am Morgen sind mein Mittelfinger für die Welt. Das bisschen Zeit, was ich mir nehme, stecke ich in Nikotin und Koffein. 2x Rausch, bitteschön. 


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Kommentare

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    Love this one!!! :)

    17.02.2019, 12:17 von MrMelancholia
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