SnH 30.11.-0001, 00:00 Uhr 61 7

2. Juni, Rostock

Boom. Ein lauter Knall lässt mich zusammenzucken. Ich sehe eine Rauchwolke aufsteigen. „Tränengas, los weg hier!“, höre ich von der Seite.

Boom. Ein lauter Knall lässt mich zusammenzucken. Ich sehe eine Rauchwolke aufsteigen. „Tränengas, los weg hier!“, höre ich von der Seite. Drei Stunden zuvor: Ich steige mit meinem Bruder und meiner Mutter aus dem Bus aus. Es ist der 2. Juni und ich bin in Rostock. Hier werden heute fast 100.000 Leute gegen die G8 und für eine „andere Welt“ demonstrieren. Ich bin total überwältig von der Vielzahl der Leute, es sind nicht nur viele, sondern auch total unterschiedliche. Die Linke, Solid, Die Falken, Die grüne Jugend, Friedensorganisationen, Greenpeace und viele mehr. Man sieht Althippies und junge Hippies, man sieht schwarze und bunte Leute. Alle sind sie hier. Beeindruckend. Und wenn ich daran denke, dass das noch lange nicht alle sind, sondern dass wir später mit dem zweiten Zug zusammentreffen, bleibt mir die Sprache weg.

Der Zug setzt sich langsam in Bewegung. Die Stimmung ist sehr gut. Afrikaner trommeln traditionelle Rhythmen und von einem Lautsprecherwagen kommen Off-Beat-Klänge. Man hört Deutsch, Französisch, Russisch und Englisch. Wir laufen ein ganzes Stück. Alles friedlich, nur am Rand stehen ein paar Polizisten, die aber einen sehr entspannten Eindruck machen. Am Hafen dann setzten sie plötzlich ihre Helme auf. Dabei ist alles immer noch total entspannt. Hier treffen beide Züge aufeinander. Auf dem großen Platz steht eine Bühne, Getränke- und Essenstände und anderes. An der Seite sieht man ein ganzes Lager von Polizisten. Eine Einsatztruppe zieht jetzt auch auf und stellt sich an den Rand, ich frage mich, wieso.

Grade angekommen, stellen wir uns ein bisschen an den Rand und gucken, wer noch so alles kommt. Von der Seite kommen hektisch Jugendliche angelaufen. „Scheiße“, ist das einzige was ich verstehen kann. Schnell umziehen, die schwarzen Sachen schnell in den Rucksack, die rote Jacke an und dann in zwei Richtungen auseinander gehen. Was war das denn? Kommt gleich was? Noch bevor ich zu Ende darüber nachdenken kann wird alles ganz hektisch. Auf einmal rennen alle los. Ein Meer von weißen Helmen kommt auf die Menge zugestürmt. Wir rennen schnell auf die andere Seite und beobachten alles von da aus. Ein schwarzer Fleck steht auf der einen Seite auf der anderen Seite sieht man nur weiße Helme. Die Polizisten schlagen zu und die Demonstranten reagieren mit gleicher Gewalt. Man sieht Steine fliegen und Menschen am Boden liegen.

Die Lage beruhigt sich wieder etwas. Die Polizisten ziehen sich zurück und auch die Demonstranten setzten ihren Weg fort. Noch immer treffen tausende von Menschen am Kundgebungsort ein. Ein Polizeihubschrauber kreist über den Platz, so dass man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen kann. Nun hat sich alles wieder ein bisschen beruhigt, hier und da kommt es zu kleinen Rangeleien. Aber nichts Großes. Die Kundgebung wird fortgesetzt und die fröhliche Atmosphäre kommt wieder zum Vorschein. Auf der Bühne gibt es Redebetreige und Musik.
Als wir auf dem Weg zur Innenstadt sind, um uns in einem Cafe aufzuwärmen, sehen wir die Massen an Polizisten. In der Fußgängerzone stehen hunderte. Aber hier ist alles ganz friedlich, Demonstranten und Polizisten beraten sich über den besten Weg in die Stadt.

Wir kommen zu einer großen Straße, hinter der die Innenstadt liegt. Alle Fenster und Türen sind mit Speerholzplatten verrieglt. Anscheinend is man hier auf alles vorbereitet. Und das nicht ohne Grund. Die ganze Straße ist voll mit Polizeiautos. Und wieder wird alles wieder ganz hektisch. „Zugriff“, eine Tür nach der nächsten geht auf und zu. Alle stürmen in Richtung Innenstadt. Man sieht noch ein paar schwarze Gestalten um die Ecke rennen. Die die Innenstadt auseinander nehmen wollen.

Wir gehen wieder zurück zum Hafen. Wir kommen an zwei demolierten Autos vorbei, die Scheiben sind eingeschlagen und die Reifen platt. Aber im Moment ist hier alles friedlich. Wir stehen am Rand der Menge und unterhalten uns. Hektik. „Komm“, sagt meine Mutter und greift grade noch meine Hand. "Laufen, ich muss laufen," denke ich. Ich bin grade noch davon gekommen. Ich wäre um ein Haar den Polizisten direkt in die Arme gelaufen. Und das wäre nicht schön gewesen. Steine fliegen und man sieht die Kämpfe. Eine richtige Straßenschlacht ist entstanden. Und da stand ich grade noch, mittendrin.
Boom. Ein lauter Knall lässt mich zusammenzucken, etwas ist genau an der Stelle expoldiert wo ich eben noch stand. Ich sehe eine Rauchwolke aufsteigen. „Tränengas, los weg hier.“, höre ich von der Seite. Das Gas verteilt sich über der Menge. Leuchtmunition leuchtet auf der Polizeiseite auf.

Zwei Minuten später steigt schwarzer Rauch auf. Autos brennen. Die Feuerwehr rückt an, mit einem ganzen Löschtrupp. Und auch ein Wasserwerfer taucht plötzlich auf. Jetzt geht es erst richtig los. Der Wasserwerfer lässt keinen aus und kommt sogar in den Bereich wo gar keine Störenfriede mehr sind. Auf einmal fährt mit einer Wahnsinnsgeschwindigkeit (ich schätze 30 oder 40 km/h,) mitten in die Menge. Man hat keine Chance mehr dem Wasser zu entkommen. Nun sind alle mittendrin und Betroffene. Wie kann das sein? Hier sind Familien mit kleinen Kindern, Hund, Ältere Leute, da kann man doch nciht ienfach mitten in die Menge rein.
Wir beschließen uns auf dem Weg zu den Bussen zu machen. Und da sind wir nicht die einzigen. Die Straße auf der wir gekommen sind, sit gut gefüllt und auch ein Lautsprecherwagen sorgt für Musik.

Zuhause angekommen bin ich sauer und verwirrt. So wollte ich das nicht. So wollten das (fast) alle nicht. Warum müssen ein paar Idioten Steine werfen und warum ist die Polizei so heftig vorgegangen? Wir wollten friedlich zeigen, dass Globalisierung auch fair sein kann und der G8 unsere Meinung mitteilen. Jetzt liegt darüber ein schwarzer Schatten. Die Nachrichten berichten nur noch von Gewalttaten und Straßenschlachten. Die Polizei ist an ncihts schuld, sondernhat nur "deeskalierend" gewirkt. Die bösen "autonomen Schlägertrupps" sind an allem Schuld. Und auf einmal scheinen die übertriebenden Sicherheitsmaßnahmen gerechtfertigt zu sein. Aber wozu das alles? Damit ein paar Chaoten und SEK Leute ihren Spaß hatten? Wohl kaum. Die G8 und ihre Politik können nun wieder mit Entwicklungshilfe und Klimaschutz ihr Image polieren. Denn wer hört denn schon auf ein paar gewalttätige Globalisierungskritiker?
Aber trotzdem sollte man eins nie vergessen: Eine andere Welt ist möglich.

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    Interessant die Dinge aus Deiner Perspektive zu sehen.

    Ich selbst lebe in Rostock, habe die Sache im Stadthafen von Anfang an mitbekommen. Nebenbei erwähnt, meine Freundin ist bei bei der Polizei und arbeitet momentan in der KAVALA (das ist die Sondereinheit, die den ganzen Polizeieinsatz in und um Rostock leitet).

    Es ist sehr bedauerlich, das es zu diesen Auschreitungen kam, aber leider muss man sagen, das sich dies im laufe des Tages abgezeichnet hat.

    Als erste vermummte gestalten begonnen hatten schon im Bahnhof die Steine von den Gleisanlagen zu entwenden, war klar das unheil drohen würde. Die Randalierer hatten ja auch Molotow Cocktails, Wasserpistolen mit ätzender Flüssigkeit und andere Dinge dabei, die ein minestmaß an Vorbereitung benötigen. Die Argumentation, die Polizei hätte provoziert ist mehr als absurd.

    Wie Du ja selbst sagtest, waren die ganzen Hundertschaften im Gebiet um die Lange Strasse (abseits des Hafens) postiert - im Hafen selbst war nur wenig Polizei.

    Die Polizei im Hafen zog Ihre Helme deshalb auf (was Dich ja wunderte) weil sie, von Zivilerpolizei informiert wurde, das der sogenannte schwarze Block unterwegs damit begonnen hat, sich auf Randale vorzubereiten... es wurden fleißig Pflastersteine gesammelt, in Einkaufswagen mitgeführt... etc pp...

    Die Randale begannen dann damit, das Streifenpolizisten, die nur für die Verkehrsüberwachung eingesetzt waren (also ohne Schutzkleidung) mit Kilo schweren Steinen attakiert wurden....

    Zum Wasserwerfereinsatz lässt sich folgendes sagen... wenn du das ganze von einer erhöhten position gesehen hättest, wäre dich auch auf gefallen, das es nicht darum ging wahllos auf demonstraten den strahl zu richten, sondern den schwarzen block aus der maße zu isolieren...

    erschrecken fand ich, wieviele schaulustige sich in dem umkämpften gibt aufhielten... kein wunder, das es dann auch unschuldige trifft.....

    06.06.2007, 23:34 von Cosmick
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    No Justice no Peace...........

    Herr Inspector sechs setzen!
    Vielleicht habe ich mal mehr Zeit und erzähl dir mal meine Story.

    06.06.2007, 19:51 von MueCkenFred
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    Hmm. ich weiß auch grade nciht so wirklich wie man der Gewalt beider Seiten entgegenwirken kann.
    Danke für deine/eure Beträge.

    06.06.2007, 18:48 von SnH
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    @SnH:
    Bedenke bitte, dass die Polizisten auch nur Menschen sind. Fehlverhalten seitens der Polizei wird es immer geben. Die Frage ist doch, wie man auf soetwas reagiert. Gewalt gegen Gewalt? Nein, das sicher nicht.
    Aber für mich ist das jetzt erledigt.
    Ich möchte mich bei dir entschuldigen, wenn du dich von meinen Äußerungen angegriffen gefühlt hast. Ich wollte damit nur auf Ungereimtheiten hinweisen und auf, aus meiner Sicht, Fehlverhalten deinerseits. Oder zumindest zu Spätes handeln. Bitte versteh das nicht falsch. Es ist meine Meinung und du darfst natürlich eine andere haben.
    Danke für die interessanten Momente gestern und heute.

    Gruß,

    Sir_Batman_BU

    06.06.2007, 18:39 von Sir_Batman_BU
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    danke, mephy

    06.06.2007, 18:07 von SnH
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    Sir, ebi dir komm ich teilweise nicht mehr so hinterher und weiß nciht mehr genau was deine Argumente waren.
    ich verstehe dir polizei, teilweise. natürlich mach man nich ncihts. aber man sollte sich überlegen wie weit man geht. und das man das in einer krasse situation manchmal nich kann is mir klar, aber das erwarte ich nunmal von der polizei, so blöd es klingt. sie ist die staatsgewalt und muss überlegt handeln, und da gehört mit einem tonnenschweren wasserwerfer mitten in die menge fahren für mcih nciht dazu.

    06.06.2007, 17:55 von SnH
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