15 Euro
Eine Nacht und Klischees, die ihre beschissene Wahrheit haben.
Ich schrecke aus meinem Gedankenmüll auf, als sie mich nach einer Kippe fragt. Hatte bei meinem ziellosen Spaziergang durch die Stadt nicht bemerkt, in welchem Viertel ich gelandet war. Irritiert schaue ich zu ihr herüber. Taxiere sie misstrauisch von oben herab. Habe schlechte Laune und will nicht blöde von der Seite angequatscht werden. Schon gar nicht von irgendwelchen Schnorrern, die fast an jeder Ecke stehen. Hier in dieser Stadt. Will sie anschnauzen, dass sie mich in Ruhe lassen und sich verpissen soll. Irgendetwas an ihr hält mich davon ab.
Da steht sie. Neben mir. Vielleicht 1,65 groß, ziemlich dünn und frierend. Kein Wunder. So, wie sie angezogen ist. Billige, sommerliche Klamotten. In dieser kühlen Oktobernacht. Sage nichts und schaue sie nur an. Sie mich auch. Auf eine gewisse Art. Abstoßend und mitleiderregend zugleich. Irgendwie. Gebe ihr wortlos eine Zigarette. Und Feuer. Sie bedankt sich und will wissen, was ich hier mache. Ob sie etwas für mich tun kann. Dabei sieht sie mich so eigenartig an. Sie ist hübsch. Und jung. Sehr sogar. Bevor ich darüber nachdenken kann, was so ein junges Mädchen nachts hier auf der Straße macht, fängt sie an auf mich einzureden.
Sagt, dass sie mich hier noch nie gesehen hat. Plappert belanglose Dinge, die an mir vorbeizurauschen scheinen. Ihre Augen sind es, die erzählen und mich in ihren Bann ziehen. Leblose, stumpfe Augen. Und doch, irgendetwas schimmert in ihnen. Etwas, das mich berührt. Fragt, ob ich mit dem Auto da bin. Nein, bin ich nicht. Sie zuckt zusammen bei meinem harten Nein. Zieht hektisch an der Kippe und murmelt, dass sie doch nur gefragt hat, weil ihr kalt ist und etwas Wärme nicht schlecht wäre. Der zaghafte Klang ihrer Worte trifft mich. Mürrisch entschuldige ich mich und frage, was sie denn hier macht. Um diese Zeit. Sie grinst mich an.
Erst jetzt wird mir klar, was sie will.
Ihr junges Gesicht wirkt plötzlich so erwachsen. Auf eine Art, die mich anwidert. Vulgär. Berechnend und emotionslos. Tief ziehe ich die frische Luft ein. Will gehen. Sie stehen lassen. Soll sie doch zu anderen ins Auto steigen. Denen geben, was sie offensichtlich anzubieten hat. Aber ich kann nicht gehen. Sie ist noch ein Kind. Sehe es. Hinter dem geschmacklosen, viel zu grellen Make-up. Und den Spuren in ihrem Gesicht. Spuren viel zu vieler Nächte. Hier, auf der Straße. Ich weiß nicht warum und doch frage ich, ob sie einen Kaffee oder eine wärmende Suppe möchte. Dort drüben in dem Lokal gegenüber.
Erstaunt schaut sie mich an.
Ich bestelle 2 Tassen Milchkaffe und ein Päckchen Marlboro bei der schmuddeligen Bedienung. Das Mädchen raucht eine Zigarette nach der anderen und verbrennt sich fast die Lippen an der heißen Brühe. Sitze ihr wortlos gegenüber und höre zu. Sie erzählt von ihren jüngeren Geschwistern. Die beide im Heim sind. Den Eltern, die nur saufen und Videofilme gucken. Asoziales Pack, sagt sie. Kann ihr kaum folgen, so prasseln ihre Sätze auf mich ein. Von ihrer Oma, die nicht mehr da ist und immer gut zu ihr war. Und ihrem Alten, der sie mehr als einmal zusammengeschlagen hat. Wenn sie nicht wollte, wie er. Merke, dass mir übel wird. Ja, Klischees haben ihre Wahrheit. Die mir nicht gefällt. Nicht in diesem Augenblick. Spüre Mitleid. Und auch Wut. Darauf, was sie ist. Auf die, die sie zu der gemacht haben, die sie nun ist. „18“, antwortet sie, als ich frage, wie alt sie denn sei. Das ist eine Lüge. Sie weiß, dass ich es weiß. „Wie heißt du?“, frage ich sie. „Lilly“, sagt sie. „Lilly, das ist die Wahrheit“, flüstert sie und schaut mich verlegen an. „Ein schöner Name“, sage ich.
Schätze sie auf höchstens 15, vielleicht 16. Ich wäre nett, sagt sie. So einer wie ich ist ihr noch nicht begegnet. Sonst sind die älteren Männer immer anders. Klingt bitter, wie sie es sagt. Merke meinen aufkommenden Zynismus. Will Lilly rügen. Dafür, dass sie mich mit diesen Männern vergleicht. Meine Eitelkeit ist fehl am Platz. Manche sind nicht mal so schlimm, sagt sie fast tonlos. Bei einem darf sie zuweilen sogar übernachten. Wenn sie fertig sind. Darüber ist sie froh. Sonst schläft sie bei irgendwelchen Typen. Dort ist es dreckig. Und es stinkt. Sie plappert und plappert. Glücklich, mal reden zu dürfen. Dankbar, dass ihr jemand zuhört. Ohne zu verlangen. Ja, sie hat Zukunftspläne. Möchte eine Ausbildung machen. Vielleicht Krankenschwester oder so. Aber dafür braucht sie Geld. Und einen Abschluss.
Hektisch löffelt Lilly die Gulaschsuppe. Kratzt sich zwischendurch an den verkrusteten Wunden der Einstiche. Die ich erst jetzt an ihren Armen entdecke. Natürlich. Was sonst. Sie haben ihre Wahrheit. Diese verdammten Klischees. Traurig fixiere ich ihre Augen. Die für eine Weile leben. Und jung sind. So wie sie. Sie bemerkt es und grinst mich an. Da ist es wieder. Dieses professionelle. In ihrem Blick. Ihre Stimme. Dunkel und verführerisch. Gekonnt bläst Lilly den Zigarettenrauch in mein Gesicht und schaut mich auffordernd an. 15 Euro und ohne Gummi, 30, sagt sie grinsend. So lange ich will. Aber ich will nicht. Nicht für 15 Euro, nicht mit oder ohne Gummi. Ich zahle. Kaufe ihr noch ein weiteres Päckchen Zigaretten. Ein Schnitzel zum Mitnehmen und eine Tüte Haribo Goldbären. Die mag sie gern, sagt sie.
Draußen stehen wir voreinander.
Lilly und ich. Bin immer noch traurig. Und resigniert. Darüber, dass ich nichts für sie tun kann. Taxiere sie wieder. Dieses Mädchen, das längst keines mehr ist. Noch eine Weile, und auch das letzte Stückchen Kindheit wird verschwunden sein. Aus ihrem Gesicht. Für einen kurzen Augenblick, nur für ein paar Sekunden denke ich, dass ich ihr vielleicht helfen könnte. Nein, ich kann es nicht. Sie lächelt mich an. Da ist es wieder. Das Mädchen. Dieses Kind in ihrem Gesicht. Zart und unschuldig. Ihre Augen erzählen eine ganz andere Geschichte. Die nicht meine ist. Verkommen und abstoßend. Wundere mich kurz über meine egoistischen Gedanken. Gesunder, abwehrender Egoismus.
Es ist Lillys Geschichte und sie schreibt sie. Nur sie. Tief atme ich die frische Luft dieser Nacht ein und berühre zum Abschied leise zaghaft ihren Arm. Sie schaut mich an. Lächelt wieder. Weiß, dass ich nicht kann. Dass sie ihren Weg selbst finden muss. Bedankt sich für die Auszeit, sagt „…tschüss, du“ und dreht sich um. Sie, in den billigen Sommerklamotten und ihren Träumen.
Die mit ihr in der Dunkelheit verschwinden.







Kommentare
Es gibt ja immer neue User, und die alten Texte verschwinden im NEON-Caosmos, versteh ich ja.
11.10.2012, 10:10 von TaneaTrotzdem, denk ich, wenn man nix neues hat, dann sollte man nicht die alten Kamellen wieder aufwärmen. Gibt denn sonst keine lesenswerten Texte hier?
Sorry, meine Meinung zu doppelt geposteten Texten.
Man hätte auf der Startseite eine Rubrik "Rückblick-Startseite vor einem Jahr" einführen können oder generell eine Sparte wo ältere Texte präsentiert werden. Aber nein, Neon hat hingegen sogar die Liste "Zuletzt empfohlen" beim Relaunch von der Startseite entfernt, in der man früher häufiger auf alte "Perlen" gestoßen ist. Alte Texte haben beim neuen Neon einfach weniger Chancen nochmal Aufmerksamkeit zu bekommen. Hätte man um einiges besser machen können, aber wie die Zusammenarbeit zwischen Usern und Redaktion läuft, weißt du ja selbst...
11.10.2012, 10:47 von MatsumotoMan könnte meinen ein Schwerverbrecher zu sein, weil man irgendwann wiedergekommen ist und eher unbemerkt auch einige alte Texte wieder in sein neues Profil geladen hat, die einem vielleicht selbst wichtig sind - und die man auch wieder hier in seinem Archiv haben möchte... ^^
11.10.2012, 12:30 von derHalbstarkeTanea, ich hab genug Neues und keinesfalls damit gerechnet, dass dieser Text auf der Startseite landen könnte - aber das hat sich ja nun auch wieder erledigt. Kleiner Tipp: ich frage vorher, bevor ich etwas oder jemanden ab- bzw. beurteile. Ist immer besser für den Teint.
Sonnigen Tag. ^^
Das mit den lesenswerten Texten ging an die Redaktion, da bist du die falsche Adresse, weil du dich ja nicht selbst auf die Startseite stellst.
11.10.2012, 12:36 von TaneaDass du neue Texte hast hab ich auch schon bemerkt.
Verlorene Seelen im weiten Meer, treffen kurz aufeinander, um sich dann wieder voneinander zu entfernen.
11.10.2012, 09:59 von griwoKönntest ja mal dein altes Kiyan-Profil löschen lassen, dann fänd ich es auch nicht so schlimm, dass der Text nun schon wieder auf der Startseite ist. Täglich grüßt das Murmeltier.
11.10.2012, 09:57 von MatsumotoEigentlich sollte alles von mir inkl. dem alten Profil gelöscht sein - durch den Crash von dem mir Sophie erzählte, ist aber was schief gelaufen und noch einiges da, und das völlig chaotisch. Ich selbs komme nicht mal mit meinen alten Daten rein um das loszuwerden.
11.10.2012, 12:34 von derHalbstarkehttp://www.neon.de/artikel/-/-/15-euro/641860
Na, dann gehe ich mich mal demütig schämen... ^^
Also das was bei mir nach dem Lesen hängen bleibt ist auch nicht das Schicksal von Lilly, sondern das Ego des Erzählers der sich stolz auf die Schulter klopft was für ein netter Kerl er doch wäre, wenn er mal so einem Mädel begegnen würde. Denn diese Klischeeansammlungen muss es ja wirklich irgendwo geben, oder?
11.10.2012, 09:42 von MarvbaerKöstliche Interpretation, besten Dank! ^^
11.10.2012, 12:48 von derHalbstarkeo du widerliche sozialfantasie.
11.10.2012, 08:40 von __ickseZuviel Labarhabarba.Not my cup of tea.
10.10.2012, 23:52 von plattenbau-beaugab's doch schon mal.
10.10.2012, 21:28 von schimmernja, vor acht tagen in den neuen texten
10.10.2012, 21:33 von RAZimNee, auch davor schon mal.
10.10.2012, 23:17 von topfbluemchendas ist, wenn ein User mehrere Schreiberprofile hat, und die Texte untereinander wechselt.
RAZim, nö, stimmt nicht. ^^
11.10.2012, 00:49 von derHalbstarketopfbluemchen, hätten wir ja jetzt geklärt soweit, oder? ;-)
Stimmt, hast mich aufgeklärt ;)
11.10.2012, 00:50 von topfbluemchenAber doch nicht meine Seite verlinken, Freundchen ;-))
...sowasaberauch. ^^
11.10.2012, 00:58 von derHalbstarkeHabs gelesen. Gefällt mir nicht.
10.10.2012, 20:17 von RAZimHerrje, du solltest echt mal die Klischees sein lassen und vielleicht deine Eitelkeit.
10.10.2012, 19:56 von Sun.rise...wenn du "konstruktive Kritik" buchstabieren gelernt hast, können wir mal über deine Eitelkeit reden. Oder auch nicht. ^^
10.10.2012, 23:37 von derHalbstarkeIch glaub, im anderen, oder alten, Profil, hab ich es schon mal gemocht (meine ich zumindest).
Und ich würde ja immer noch Gulasch, nicht Goulasch, schreiben.
10.10.2012, 19:17 von topfbluemchenMist, hast recht und danke. ^^
10.10.2012, 23:41 von derHalbstarkeGern, ne? :)
10.10.2012, 23:55 von topfbluemchen