Fantine 09.08.2007, 14:27 Uhr 29 16

Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust!

Manchmal liebt man eben beides: die eine Sache und ihr Gegenteil.

Zweifelsohne liebe ich mein Leben, hier in Berlin. Nicht nur, weil es Großstadt ist, sondern auch und gerade weil es Berlin ist. Aber auch, weil es Großstadt ist, weil ich all das liebe, was damit zusammen hängt.

Doch in mir drin, da gibt es doch eine andere Seite: Die, die die Einöde liebt, die kleinen Dörfchen und die wild wuchernde Natur. Die gibt es nicht erst, seit ich hier wohne, aber seitdem spüre ich sie deutlicher. Das hat nichts mit „Man will immer das, was man nicht haben kann“ zu tun. Manchmal liebt man eben beides: die eine Sache und ihr Gegenteil.

Es gibt vieles, was mir hier gefällt: Wenn ich auf meinem Fahrrad durch eine der vielen Berliner Straßen fahre, die Altbauten hochsehe und die Balkone und Verzierungen bewundere. Dann fang ich an zu überlegen, wer dort wohl schon gewohnt hat und was diese Häuser alles gesehen haben.

Und dagegen: Beim Landgasthof noch einmal die Flaschen mit Wasser füllen, dann den Rucksack aufschnallen und hinaus in die Natur. Ich liebe die weiten Felder, die Blumen, die Farbtupfer im Grün. Die Bäume, die sich im Wind wiegen und das Rätseln, welche Pflanze wohl welchen Namen hat. Ob sie giftig sind? Lecker schmecken würden? Farbflecken auf hellen T-Shirts hinterlassen?

Ich liebe dieses Gefühl, dass Geschichte mich hier überall umgibt, dass hier, wo ich stehe, genau auf diesem Fleck, vielleicht mal ein schüchternes Dienstmädchen stand, oder ein Grenzpolizist, oder der Kaiser höchstpersönlich. Dass durch dieselben Straßen, durch die ich gehe, früher die Droschken gefahren sind, Soldaten marschiert sind und dass in den Häusern Schriftsteller, Musiker und Maler gelebt haben, deren Werke uns heute noch umgeben.

Blumensträuße pflücken und an den Rucksack binden und versuchen, auf einem Grashalm eine Melodie zu blasen (was niemals klappt). Sich vorstellen, ich bin die erste, die je ihren Fuß hierher gesetzt hat! Ich bin der erste Mensch, den diese Bäume sehen! Und dann sich fragen: Wie lange die wohl schon hier wachsen?

Ich genieße die Möglichkeit, hier jederzeit sämtliche Bedürfnisse nach Theater, Filmen, Festen, Vorträgen, Veranstaltungen und Wissenserweiterungen jeglicher Art befriedigen zu können. Abwechslung ist jeden Tag und zu jeder Zeit möglich und in allen Bereichen. Abwechslung kulinarischer Art zum Beispiel! Im Umkreis von hundert Metern von meiner Wohnung befinden sich wenigstens fünf verschiedene Nationalitäten und wenn wir abends mal keine Lust auf Kochen haben, kein Problem: Dann müssen wir uns nur noch zwischen Indisch und Koreanisch entscheiden.

Ruhig ist es eigentlich nie, die Vögel singen, der Wind rauscht, Äste knacken, Grillen zirpen und Wassermassen toben den Berg hinunter. An einer Brücke Halt machen, die Rucksäcke erstmal runter und die Füße in den kalten rauschenden Fluss strecken. Dann den Proviant auspacken: Ein bisschen Brot, Käse, ein Apfel. „Draußen schmeckt es einfach am allerbesten!“, sagt Lucy in den Abenteuer-Bänden von Enid Blyton, und wenn man dann dort auf den Holzplanken sitzt, Ameisen laufen über die Beine und mächtige Berge ragen vor einem empor, dann gibt es überhaupt keinen Zweifel daran, dass sie Recht hat.

Über der Stadt ist es schon dunkel, aber unten leuchtet es. Noch schnell zum Spätkauf, um zwei Flaschen Radler zu kaufen und damit dann auf dem Balkon sitzen und den Nachbarn von der anderen Straßenseite in die Fenster gucken. Von unten dringt türkische Musik hoch und auf dem Bürgersteig haben sich wie jeden Abend ganze Scharen von Menschen versammelt, die dort sitzen und diskutieren. Ein letztes Flugzeug rauscht über die Dächer hinweg und lässt alle für einen Moment verstummen.

Rechtzeitig am Abend im Dorf ankommen: Fachwerkhäuser und kleine Kinder, die barfuß über die kaum befahrene Hauptstraße springen. In der Gaststube die Bäuerin, die sofort ein leckeres Essen bringt, während ihr großer schwarzer Hund bettelnd neben dem Tisch steht. In der Ecke sitzt der Stammtisch, leert die großen Bierkrüge und schaut neugierig nach den Fremden, die sonnenverbrannt ihr Essen genießen. Im Zimmer alte Bauernmöbel, der Blick aus dem Fenster hinaus auf den Hof, wo um diese Zeit nur noch ein paar Katzen herumstreunen. Unter die großen schweren Decken kriechen und sich „Gute Nacht“ wünschen, bevor man erschöpft vom Fußmarsch einschläft.

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29 Antworten

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    Ich kenne dieses Gefühl auch nur von der anderen Seite!

    Ich liebe mein kleines, verschlafenes Heimatdorf und den Wald und die Menschen hier, aber es zieht mich einfach immer häufiger in die Stadt!

    Und genau diese Geschichten, die die Häuser und Straßen erzählen, faszinieren mich am meisten an Stadten!

    Super Text!

    22.07.2010, 19:08 von MrsAlfi
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    Für mich ist es genau das Selbe. Nur umgekehrt.
    Ich lebe auf dem Land in einem Dorf mit 400 Einwohner. Ich liebe es, diesen Platz Heimat zu nennen und bin unendlich dankbar dort aufgewachsen zu sein.
    Doch es zieht mich immer mehr in die STadt. Die Freiheit Sachen zu tun, ohne vorher 30 Minuten mit dem RAd, 20 Min mit dem Zug und 10 Min mit dem Bus unterwegs sein zu müssen
    Text gefällt mir

    10.06.2010, 21:26 von SonnenTaenzer
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    ach komm, das ist nicht die natur, das ist die bilderbuchversion vom kinderbett. so verträumt du die natur beschreibst, so realistisch die großstadt.

    ich empfehle dir einfach ein bischen urlaub im algäu.

    25.10.2007, 16:44 von Portfolio
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      @Portfolio Den Urlaub brauch ich nicht, ich bin in der Nähe vom Allgäu aufgewachsen *g*.
      Von daher: Für mich ist beides, was ich beschrieben hab, die positive Seite des jeweiligen. Beides hat auch eine negative, aber darum sollte es mal nicht gehen.

      21.11.2007, 12:10 von Fantine
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    mascha keléko was?! :-)

    22.08.2007, 12:55 von peachesrocks
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    oui, ich wohne auch in kreuzberg und ahne, dass wir in etwa die gleiche karriere bestreiten:-) außerdem: danke, mal kein von selbstmitleid triefender text!!! das ist schön!!!

    20.08.2007, 10:54 von peachesrocks
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    ich weiss genau was du meinst...

    14.08.2007, 01:54 von schischa
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    Mußte das abgegeriffenste aller Faust-Zitate unbedingt sein? Es hält mich leider eher vom Lesen ab, als daß es mich neugierig macht.

    13.08.2007, 11:41 von dondada
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    ja, genau so gehts mir auch.
    wunderschön beschrieben.

    12.08.2007, 19:41 von SinaOlsson
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    Ich sag ja. Man möge bitte eine Lösung finden, wie so Menschen wie Du und PDK und ich alles auf einmal kriegen. Ich hätt überhaupt nix dagegen, wenn hinter unserm Haus nix mehr kommt als grüne Wiesen, Felder, Wälder, Bäche, Seen und verwunschene Hügel. Und vor der Türe fährt weiterhin der Bus mich nach Mitte....

    Wenn ich ein Ferienhaus mieten will, verzweifel ich regelmäßig daran, daß die Dinger nicht einsam genug weit ab vom Schuß in den Tiefen der Wälder liegen.

    12.08.2007, 11:52 von chessige
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      @chessige googel ma häuser in norwegen/schweden, da gibts leere ecken ,-)

      12.08.2007, 12:02 von PDK
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      @PDK ... und anschließend verzweifel ich an den horrenden Preisen. ;D

      12.08.2007, 12:06 von chessige
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