hillside 12.08.2012, 16:43 Uhr 0 1

Zurück in die Fremde

Eine Reise ins Ungewisse ist meist schon mehr Erlebnis, als das, was noch kommen wird.

Langsam wird mein Brustkorb enger, mein pochendes Herz scheint ihn fast zu sprengen, während meine Lunge sich anfühlt wie ein verschrumpelter Luftballon, den man vergebens versucht erneut aufzublasen. Mein Atem geht schnell, unregelmäßig. Gefühle komplett undefinierbar, chaotisch. Hier sitze ich also, an einem Bahnhof mitten in der Fremde, wartend auf einen Zug der mich noch weiter weg bringt. Mit einem Kaffee, der mich Unsummen gekostet hat. Schmecken tut er mir trotzdem nicht. Oder erst recht deshalb.

So fühlt sie sich also an, die Selbständigkeit. Irgendwie hätte ich mir das doch anders vorgestellt, dieses Gefühl. Ein bisschen freier, irgendwie spannender. Doch mich regiert die Panik. Nach außen gebe ich mich ruhig, sitze im Schneidersitz auf der Wartesaalbank, mit meinem überteuertem Kaffee und dem letzen Stück von Mamas Kuchen.

Es ist zu früh für Heimweh

Ich schreibe Sinnlose SMS auf der Suche nach Anschluss, nach Beschäftigung. Die Langeweile vertreibt die Nervosität. Vorerst.

Ich erschrecke zu Tode, als eine Taube neben mir zur Landung ansetzt. Sie bekommt einen Krümel Kuchen. Der Brillenträger-Business-Mann mir gegenüber schaut mich mitleidig an. „Bauernmädel in der Großstadt“ scheinen seine Augen zu sagen. Dabei habe ich mir extra einen Coffee-to-go gekauft, das Großstadt Accessoire schlechthin. Wir bleiben eben doch alle was wir sind. Und momentan bin ich nur eins: reif für die Psychatrie!

 

Der Zug fährt ein, endlich. Ich hätte mir keinen Donnerstag für die Fahr aussuchen dürfen: der ganze Bahnhof wird belagert von langhaarigen Festivalbesuchern mit Rucksäcken und Gummistiefeln – und alle drängen in meinen Zug. Der Kerl neben mir riecht nach einer Mischung aus asiatischem Fastfood Restaurant und Salami. Ich stecke mir einen Kaugummi in den Mund, in der Hoffnung es würde den Geruch neutralisieren. Es hilf nicht wirklich, macht das ganze aber erträglicher. Gegenüber sitze ein junges Pärchen. Sie unterhalten sich abwechselnd auf Deutsch und einer anderen Sprache, die klingt als hätte man ein finnisches Wörterbuch mit einem französischen gekreuzt. Ich versuche zu schlafen.

 

Geweckt werde ich von einem kleinen, verzogenen dänischen Jungen, der anscheinend soeben beschlossen hat den Rest meiner Zugfahrt zur Hölle zu machen. Ich drehe meine Musik auf volle Lautstärke.

Es wird kalt im Zug. Ich bin plötzlich doch froh, meine Kuschelsocken eingepackt zu haben, die Klimaanlage läuft auf Hochtouren, augenscheinlich mit dem Ziel den Zug in die Antarktis zu verwandeln. Oder um die Reisenden auf ihr Ziel, Skandinavien, vorzubereiten.

Es sind noch 15 Minuten bis Kopenhagen – und der Junge brüllt.


Tags: Skandinavien, Nervösität, Selbständigkeit
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