init-admin 14.11.2007, 11:37 Uhr 0 1

Willkommen im Club

HOSPITALITY CLUB-Mitglieder brauchen kein Hotel, wenn sie in eine fremde Stadt fahren. Sie kommen einfach bei jemandem auf der Couch unter. Ein Test:

Unter mir verliert eine billige Isomatte gerade die letzte Luft, im Bett neben mir liegt ein halbnackter Mann und schnarcht. Es ist ein Uhr nachts, ich liege auf dem Fußboden einer winzigen Wohnung in Paris. Der Mann trägt Boxershorts, blau-weiß kariert. Von Ordnung hält er leider nicht viel: Neben meinem Schlafsack liegt ein größerer Haufen Socken und Schuhe, in den Regalen stapeln sich Papiere, und der Staub in den Ecken könnte auch mal wieder gewischt werden. Vorhin hat der Mann mir er zählt, dass er ein Faible für teure Restaurants hat. Und dass er seit drei Jahren in Chemie promoviert, doch dass seine Experimente mit Zement und Gummi bisher ergebnislos waren.

Ich kenne diesen Mann erst seit zwei Stunden, jetzt liege ich in seinem Zimmer: 22 Quadratmeter, Kochnische, Stäbchenparkett. Der Mann heißt Alexandre und ist 27 Jahre alt. Er hat mich vorhin an der Metrostation abgeholt, wir haben uns per E-Mail hier verabredet. Es geht nicht um Sex und nicht um Liebe. Es geht um seine Wohnung. Wir sind beide Mitglieder im Hospitality Club, er ist mein »Host« für die nächsten bei den Nächte, und das abgeschubberte Stäbchenparkett in seinem Zimmer mein Schlafplatz. Es ist nicht gerade der Inbegriff der Gemütlichkeit, aber es ist mitten in Paris. Und es ist kostenlos. Seit der Hospitality Club im Jahr 2000 von dem Deutschen Veit Kühne gegründet wurde, funktioniert Reisen auch ohne Fünfsternebudget.

Wer ein Bett in einer fremden Stadt sucht, meldet sich im System an, gibt Reisedaten und ein paar Details von sich ein – und erhält oft noch am selben Abend Antwort. Mit ein paar Klicks habe ich so zwei Unterkünfte für Paris gefunden: »Klar kannst du bei mir übernachten«, schrieb Alexandre. »Komm, wann du willst, mein Wohnzimmer steht bereit«, mailte Benjamin. Das System scheint nicht nur bei mir zu funktionieren, über 300 000 Mitglieder zählt der Hospitality Club inzwischen, die meisten davon kommen aus Deutschland, doch in nahezu je der Stadt auf dem Planeten bieten Menschen ein Bett, ein Sofa oder eine Isomatte an. Das Ganze ist ein bisschen verrückt, denn wer sich Bad und Bett teilt, erfährt zwangsläufig viel mehr voneinander, als bei einer Begegnung in der Bar. Es besteht kein Anspruch auf Luxus, aber mit etwas Glück kommt man so von Estland bis nach Portugal, ohne einmal im Hotel zu schlafen. Und übernachtet dabei manchmal in Zimmern, die aussehen als hätte Barbie Einrichtungsberaterin gespielt.

»Mir gefällt so was«, sagt Elisabeth, 22 , und beißt ein großes Stück von ihrer Nutella-Crêpe ab. Die Amerikanerin ist zum ersten Mal in Paris, zwei Tage will sie bleiben. Das Sofa auf dem sie schläft, gehört Amelle, 30, und steht in einem violetten Zimmer mit hohem Kitschfaktor in einem Pariser Vorort. Kennen gelernt habe ich Elisabeth vor dem Pariser Rathaus. Sie war dort zusammen mit Amelle über die große Eisbahn geschlittert, zu der auch Alexandre mich geschickt hatte.

Jetzt sitze ich mit Amelle aus Marokko, Fred aus Frankreich, Nestor aus Italien, Barbara aus Chile, Elisabeth aus den USA und Catherine aus Kanada in der angeblich besten Crêperie des Quartier Latin. Früher gehörte das Viertel den Studenten, jetzt haben Touristen hier die Herrschaft übernommen. »Lasst uns das Menü mit den zwei Crêpes und dem Cidre nehmen«, schlägt Barbara vor, die als Au-pair in Paris arbeitet. Die Runde in der Crêperie ist bunt gemischt, manche sind nur für ein paar Tage auf Durchreise in Paris, andere bleiben länger hängen, suchen sich eine Wohnung und nehmen dann selbst Reisende auf. Wer etwas zu erzählen hat, spricht englisch und französisch und manchmal auch mit Händen und Füßen. Die Herkunft der Leute ist unterschiedlich, aber die Ge schichten ähneln sich. Alle wollen sie die Welt entdecken, wollen neue Freunde finden, wollen mehr vom Leben als nur »travail, métro, dodo«, »Arbeit, U-Bahn, schlafen«, wie Fred es nennt. Wie alle anderen loggt auch er sich fast täglich auf der Website von »Couchsurfing« ein – sie ist eine 1:1-Kopie des Hospitality Clubs, viele Mitglieder sind in beiden Foren aktiv. Fred schaut nach, wer ihm geschrieben hat und wo die Leute, die er vor kurzem beherbergt hat, sich jetzt aufhalten. Und sammelt so Bekanntschaften. »Der beste Couchsurfer von Paris hat schon 190 Leute bei sich aufgenommen«, sagt Fred und klingt ein bisschen neidisch. Die Chilenin Barbara bietet sich mir für den nächsten Morgen als Stadtführerin an, doch sie kommt zu spät: Ich wurde schon von Amelle und Elisabeth zum Frühstück eingeladen. Einzige Bedingung: »Du bringst Croissants für alle mit.«

Alleine zu reisen, kann manchmal unglaublich trist und langweilig sein. »Nach zwei Tagen in einer fremden Stadt, bist du froh, mal wieder mit jemandem zu reden«, sagt Amelle als sie am nächsten Tag den Tisch fürs Frühstück deckt. Elisabeth steht am Herd und wendet Pfannkuchen. Die Katze Luna schnurrt zufrieden. »Dieses Vieh hat mir den Schlaf geraubt«, seufzt die Amerikanerin. Luna ist läufig, aber sie gehört zum Inventar der violetten Wohnung. »Da müssen meine Gäste durch«, sagt Amelle. Rund fünf Übernachtungsanfragen bekommt sie pro Tag, sie trifft ihre Auswahl nach persönlichen Kriterien. Elisabeth hat sie bei sich aufgenommen, weil sie in ihrem Heimatland arbeitet und dieselbe Computermarke benutzt. Marokko und Mac: Es genügt manchmal wenig, um sich einem anderen Menschen verbunden zu fühlen. Nach dem Frühstück will Elisabeth shoppen gehen, ich möchte auf den berühmten Friedhof Père-Lachaise. Place de l’Étoile, Champs-Elysées, Centre Pompidou und Sacré-Coeur habe ich am Vortag bereits allein besichtigt. Ich überrede Elisabeth zu einer Friedhofs-Shopping-Tour. Als sie hört, dass Jim Morrison dort begraben liegt, ist sie mit von der Partie.

Elisabeth hat eine schüchterne Stimme und große Pläne. Gerade war sie für zehn Tage in den USA ihr Rückflug nach Marokko ging über Paris, und nach kurzem Zögern hat sie sich entschlossen, die Übernachtungskosten zu sparen. »Mein Freund hat mich von Couchsurfing überzeugt«, sagt sie. Bei einem Mann allerdings würde sie nie übernachten.

Wir bummeln durch das Marais, das jüdische Viertel von Paris. Es geht nur langsam voran, denn Elisabeth klebt praktisch vor jedem Schaufenster fest. Nach der Friedhofsbegehung sind wir an der falschen Metrostation ausgestiegen, sodass wir jetzt den Nachmittag nicht in großen Klamottenshops, sondern in winzigen Kramläden verbringen. Dann will Elisabeth zurück ins violette Zimmer, und ich muss umziehen: Benjamin wartet.

Benjamin, 23 , wohnt in einer Altbau-WG im 19. Arrondissement. Er arbeitet als Beleuchtungschef am Theater. Dummerweise befindet sich dieses Theater mitten im französischen Finanzministerium, was großartig für die An - gestellten ist und frustrierend für die Theaterleute. »Die große Kunst ist das echt nicht«, sagt Benjamin, holt zwei Bier aus dem Kühlschrank und bietet mir ein Stück von seinem Baguette an. Seine künstlerische Ader lebt er derweil auf den Wänden aus. Eine riesige gelbe Katze grinst durchs Wohnzimmer, der Flur ist mit kleinen Skizzen und Graffiti besprüht. »Die sind nicht alle von mir«, sagt Benjamin. Das größte Graffito habe ihm eine Couchsurferin hinterlassen, eine gewisse Cleo aus Deutschland. Die habe er zwar nur kurz vor ihrer Abreise gesehen, »aber sie schien sehr nett, und ihr Graffito ist super.« Das Vertrauen der Mitglieder ist groß: Die meisten Gastgeber überlassen den Fremden nicht nur Bett und Kühlschrank. In Alexandres Wohnung hätte ich bei der Abreise locker Computer, Fotoapparat und ein Paar Ski entwenden können. Doch Gastgeber und Gäste bewerten sich untereinander: Wer schlechte Noten in seinem Profil stehen hat, wird bei seiner nächsten Reise Schwierigkeiten bei der Schlafplatzsuche bekommen.

»Habt ihr schon gegessen?«, fragt Ben. Morgan verneint, auch mein Magen knurrt. »Nachher kommt noch Amélie, die hat auch immer Hunger «, kündigt Morgan an, und Benjamin wirft eine Riesenportion Nudeln ins kochende Wasser. Bei Alexandre gab es nur Toast und Tee, hier dagegen wird man schnell in das WGLeben integriert. Erst vor einem Monat hat sich Ben im Hospitality Club angemeldet. Damals suchte er kurzfristig einen Schlafplatz in Stockholm. Gefunden hat er dort auf die Schnelle zwar nichts, aber seither haben bereits drei Leute auf seiner Couch geschlafen.

Jetzt stehen dampfende Spaghetti auf dem Tisch. Weil kein anderes Gefäß aufzutreiben war, hat Ben das Mahl im Dampfkochtopf serviert – der Wein wird in Marmeladegläsern kredenzt. Wir reden über französische Politik, schlechte Schlager und Disneyland, und als sich die Gesellschaft vier Stunden später auflöst, habe ich drei weitere Bekannte in Paris. Auch in Elisabeths Heimatstadt Washington bin ich willkommen, ebenso bei Nestor, Barbara und Catherine – sollte ich jemals nach Bergamo, Santiago oder Montreal fahren. Auf das violette Zimmer, das Amelle mir für meinen nächsten Parisbesuch angeboten hat, freue ich mich ganz besonders. Hoffentlich hat sich die Katze bis dahin wieder beruhigt. •


Stéphanie Souron
Die NEON-Autorin hatte bei ihren Recherchen in Paris einen Heimvorteil. Sie spricht perfekt Französisch. Das nächste Mal schicken wir dich nach Lettland, Steph!

Reisetipps
Internet:
hospitalityclub.org oder couchsurfing.com. Die Mitgliedschaft ist kostenlos. Man ist nicht verpflichtet, selbst Leute aufzunehmen. Wer will, kann sich auch nur als Stadtführer für die eigene Stadt eintragen.

Wie und Wo:
Mittlerweile gibt es fast in jeder Stadt auf der Welt Mitglieder, die sich mit ein paar Klicks finden lassen. Wer lieber nicht auf fremden Sofas übernachten, aber dennoch nicht auf die nette Gesellschaft verzichten will, kann sich auch auf eine Tasse Tee in der fremden Stadt verabreden.

Tipps:
• Wer über diese beiden Systeme verreisen will, muss geduldig sein. Es kann sehr schnell gehen, aber auch ein paar Tage dauern, bis sich jemand auf die Anfrage nach einem Schlafplatz meldet.
• Je ausführlicher man das eigene Profil anlegt, desto besser sind die Chancen, dass sich jemand auf die Annonce hin meldet.
• Die meisten Mitglieder legen großen Wert darauf, dass man ihr Profil liest. Wer in seiner Anfrage darauf eingeht, nach dem Motto: »Du magst Melonen? Prima, ich steh auf Melonenschnaps«, hat größere Chancen, einen Schlafplatz zu finden.

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