Lagback 16.05.2012, 18:59 Uhr 4 5

Wellensuche.

Von Cornwall, einem paranoiden Mietwagen, und der Schönheit der Wellen.


Auf meinen Urlaubstouren gibt es immer wieder diesen Moment, in dem ich übermüdet im Auto von irgendwem sitze, über die Pisten, Strassen oder Autobahnen von irgendwo fahre und es seltsamerweise immer halb drei morgens ist, während der Fahrer mir gerade erklärt, was an dem Wagen kaputt ist. 

Durchaus landestypische Erklärungen übrigens, die von dem Mietwagen mit Unterbodenschaden (Südspanien, Schotterpiste, Schwabe) über den unüberhörbaren Schaden an der Radaufhängung hinten rechts (London, Polin) bis zu den mangels Bremsflüssigkeit nicht so ganz funktionierenden Bremsen (Venezuela, Autobahn, Surfer) oder der tief betroffenen Entschuldigung für die nicht funktionierende Gepäckraumbeleuchtung (Schweiz, Schweizerin) reichen. 

 

Dieser Urlaub scheint eine Ausnahme zu machen. Zwar ist es wie üblich halb drei und die Fahrbahnmarkierung flitzt im üblichen, unhörbaren Stakkato neben mir durch, aber ich sitze alleine in dem paranoiden Skoda Octavia, der zu spüren scheint, dass ich eigentlich nur einen Ford Ka wollte. Beleidigt bemüht er sich, mich auszusperren, mit Autoalarm zu vergraulen oder mich zumindest mit der Bedienung des CD-Wechslers bis zur Verkehrsgefährdung zu verwirren. Kaputt aber ist an diesem Wagen so rein gar nichts.

Die grüne Zicke (mein ebenso altes, wie hypernervöses Surfbrett, eBay, 80€) und ich sind auf den Weg nach Cornwall, ein Tipp meines Surfgurus.

Besagte Guru meinte, da gäbe es immer Wellen – ihr Wort in Neptuns Ohr! Ein paar Tage bleiben mir noch, bevor ich, tausend Meilen später, in Newcastle Freunde treffe. So fahre ich den kräftigen Diesel auf der korrekt falschen Straßenseite von Stanstead aus durch die britische Nacht: Was tut man nicht alles für ein paar anständige atlantische Wellen.

Wellenreiten ist ein teures Hobby, wenn man nicht gerade in der richtigen Ecke der Welt wohnt und überdies einen so schrägen Terminplan hat, dass man alleine unterwegs ist. Es gehört zwar zur Image vieler Wellenreiter, mit treuem Hundeblick zu versichern, man sei ja total arm und pleite und nur ein mittelloser Student – um dann im nächsten Atemzug von den letzten vier Trips nach Australien und den neuen Brettern, die man sich dafür natürlich kaufen musste, zu erzählen: Jaja, schon klar, irgendwann ist man dann schon pleite. Ich bin kein Wellenreiter, ich versuche nur, es irgendwann ein kleines bißchen zu werden.

Das mit dem Hundeblick kann ich schon mal ganz gut.

Nach ein paar Stunden Schlaf im Auto – verflixt, diese Insel ist ja doch ganz schön groß – komme ich morgens bei strahlendem Sonnenschein im malerischen Cornwall an, die Strassen werden schmaler und gewunden, die Landschaft scheint mit ihren Kliffs und Hügeln bestens für einen Kitschroman geeignet zu sein. Egal. Wenn es irgendwo Wellen gibt, dann hier an der äußersten Südwestecke. Doll war die Wellenvorhersage mal wieder nicht, also wedele ich den Skoda über die Sträßchen bis nach Sennen Cove, der zuverlässigsten Wellenecke dieses Landstrichs.

Aber genau wie ein paar Wochen zuvor in Hvide Sande ist das Wasser grausam platt, platt, platt. Wohl gerade von irgendwelchen Wellenkobolden gebügelt worden. Ich grinse etwas schief: warum habe ich so phänomenales Pech mit den Wellen? Muss ich das persönlich nehmen?

Eigentlich mag ich ja das Geseiher um die „Spiritualität“ des Wellenreitens nicht. Aber es ist schon etwas dran, für mich ist Wellensuche und –kampf im wesentlichen ein psychologischer Prozess. Und eine der Fähigkeiten, die ich beim Wellenreiten wohl lernen muss, ist die des Entspannens und Loslassens. Na dann..?

So organisiere ich mich, essen, Geld wechseln, Internet. Die Vorhersagemodelle sind sich einig: Keine Wellen weit und breit. Mahlzeit.

Inzwischen hat der Mietwagen mir auch seinen Namen offenbart und ich stehe auf einem  Parkplatz staunend vor dem Nummernschild, halte zwei Ziffern zu und lese: AD 0# L#F.


Adolf also. Na klasse, das muß britischer Humor sein, ich wette, diese Karre wird nur an Deutsche vermietet.

Wenn ich schon einmal hier bin, kann ich mir die Gegend auch angucken. Und so verbringe ich zwei Tage damit, Adolf längs der wunderschönen Küste über kurvige Nebenstrassen zu jagen, für die der Begriff „eng“ unzureichend ist. Mal ist eine Meile oder mehr gut einsichtig und er bekommt von mir Druck aufs Bodenblech bis die Lenkung weich wird, wenn der schwere Motor in den Kurven über die Vorderräder schiebt, mal muss ich bis auf Schrittgeschwindigkeit runter, da einspurig mit uneinsehbaren, rechtwinkligen Kurven. Fahren sollte man hier ein bisschen können, am besten auf der korrekten Straßenseite. Geschwindigkeitsgrinsen, so etwas kenne ich von meinem alten Tier von VW-Bus zuhause halt gar nicht mehr.

Das Wetter ist – wider alle Erwartung – großartig und ich beschließe, mir ein lauschiges Plätzchen am Kliff zu suchen. Schließlich finde ich, abseits der Touristenpfade, einen Vorsprung im Fels, auf den ich vorsichtig herunterklettere. Vor mir geht es 50m senkrecht in die Tiefe, hinter mir, ooops, sitzen dicht an dicht fette Kreuzspinnen in ihren Netzen an der überhängenden Felswand.

Spinnen mag ich nicht sonderlich, will sie also nicht stören. Aber der Platz ist genial und so meditiere ich dort zwei Stunden, endlich mal wieder, denn als Buddhist bin ich ziemlich faul. Aber endlich bekomme ich eine Idee davon, was die ollen Tibeter so an ihren Höhlen im Himalaja fanden: Es sorgt schon für eine verschärfte Konzentration, vor sich einen Abgrund und hinter sich ein paar bissige Biester zu haben, während einem die Sonne auf den Pelz scheint und der Blick so in die Ferne geht, dass man jeden Bezug verliert. Phantastisch!

Weiter treibt mich meine ziellose Reise über Penzance, Zennor, St.Ives, alles beschauliche Dörfer und Städtchen, die im wesentlichen vom Tourismus zu leben scheinen. Sonst gibt es hier wohl nur ein bisschen Landwirtschaft und das war es dann auch.

Schließlich quartiere ich mich in Porthtowan in einem Backpacker-Hostel mit dem schönen Namen „Sick, lame and lazy“ ein. Adolf bekommt zwei Tage Pause, demnächst soll ein bisschen Welle kommen, bis dahin darf ich faul und lahm sein.

Dass es eine Katze im Hostel gibt, merke ich zu spät, na gut, dann eben Medikamente nehmen, muss auch so gehen. Blöde Allergie.

Ich merke, dass ich mich vollständig akklimatisiert habe, als ich – mit den obligatorischen Fish & Chips bewaffnet, neben Adolf auf dem Parkplatz sitze und auf der Kreuzung nebenan jemand energisch hupt. Unwillkürlich zuckt meine rechte Augenbraue hoch und ich ertappe mich bei einem Gedanken wie „Oh, meine Güte, er ist ungeduldig, ist er nicht?“

Am nächsten Tag sind endlich die ersten kleineren Wellen da und ich stürze mich in den Neoprenanzug, hole die grüne Zicke aus der Verpackung und stürme an den Strand. Bereits im hüfttiefen Wasser aber merke ich, dass etwas nicht stimmt, irgendwie habe ich keine Kraft in den Knochen.

Natürlich, ich hätte es wissen müssen. Schließlich bin ich wegen der bescheuerten Katze bis zum Neoprenkragen mit Antihistaminen und Cortison zugeballert.

Na, super: Sick, lame – and lazy?

 

Nein, Faulheit gilt nicht.

Und so kämpfe ich mich in den letzten beiden Tagen vor meiner Abfahrt immer wieder raus, werde von den Wellen gewürfelt, schlucke Wasser und fluche.

Und irgendwann merke ich wieder, dass ich eigene Grenzen überschritten habe. Transgression.

Die Frage, ob ich eine Welle bekomme, oder endlich mal auf dem blöden Board stehe, wird unwichtig. Weitermachen zählt. Entscheidend ist, dass ich mal wieder die eigenen körperlichen Grenzen überschreite – und kein Sparringspartner ist mir dafür lieber als die Welle. 

Ich besitze keine Kamera und so macht mein Bewußtsein eben manchmal eigene Fotos.
Wie in dem Moment, als ich völlig erschöpft im schultertiefen Wasser stehe und diese Welle auf mich zurollen sehen, wunderschön, grün und in der Sonne glitzernd, mit einer weißen Schaumlippe. 

Sie wird genau dort brechen, wo ich stehe und mich runterziehen.

Aber das ist jetzt nicht wichtig, ich stehe nur glücklich da und staune, die überwältigende Schönheit des Momentes prägt sich in jedem Detail in meinem Hirn ein.

 

Dieser Moment wird mich durch den Winter begleiten.

Bis ich wieder rausgehe.

 

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4 Antworten

Kommentare

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    Wir sind letzten Sommer durch Cornwall gereist, waren u.a. auch in St. Ives. Das Städtchen hat es mir wirklich angetan! :-)

    Mit den engen Straßen muss ich dir allerdings Recht geben - katastrophal! 

    02.03.2014, 14:48 von einna95
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    Ein wirklich schöner Text, lässt Urlaubserinnerungen hochkommen. Newquay war das Surferparadies, unser Host im B&B (Trevellis, sauber, tierfrei und der Gastgeber ist ein Bruce Willis-Verschnitt, der fließend zwischen Surfbrett und Schürze wechselt) selbst begeisterter Surfer, hat uns eine tolle Tour zusammengestellt!

    17.12.2012, 21:09 von FraeuleinWetterwachs
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    War schoen deinen text zu lesen,besondere Weil ich gerade selber hier bin und den ersten text den ich heute hier lese ging direkt über Cornwall:). By the way,warst du auch in plymouth und umgebung? Hier waren die wellen super ;).

    16.05.2012, 23:11 von wunschpunkt
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    Sehr schoen erzaehlt, ich habe auch gerade das vergnuegen mit Cornwall bekanntschaft zu machen und bin genauso voellig verblendet von der kueste. Die kreuzspinnen hab ich auch schon getroffen aber ich denke sie Sind gute wegbegleiter. Und auch ich kaempfte mit den allergien, von wo auch immer die herkamen

    16.05.2012, 23:07 von wunschpunkt
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