Justus 23.10.2013, 08:08 Uhr 8 7

Vom Zugfahren am Morgen

Fernverkehr am frühen Morgen. Geplant, ungeplant. Nur kein Stress!

Endlich wieder . . .  Zugfahren! Nicht, dass ich nicht wollen würde, unabhängig davon, dass grade Fernreisen mit der DB (aber auch sonst) auch eine Kostenfrage darstellt. Aber mir fehlen derzeit eigentlich Zeit und Muße um einfach mal eine Fernreise zu starten, auch wenn das Reisen prinzipiell noch so schön ist. Oder sein kann.

Da steht man also kurz nach fünf auf, weil’s einen derartigen Spaß macht wie eine Zombiemumie so früh von den Toten aufzuerstehen. Rucksack ist gepackt, Plan steht, eigentlich muss man sich nur noch fertig machen und starten. Natürlich dauert es alles einige Minuten länger als geplant, so wie auch der Kaffee spontan ein wenig kräftiger als gewollt ist. Zack, (relativ) wach! Da man sich selbst bereits am Vortag überlistet hat, hat man auch die ungeplante Verspätung mit eingeplant. Zumindestens die eigene von mehreren Minuten.
Da man sportlich ist, läuft man mit dem riesigen Rucksack zum Regionalbahnhof. Ja, nein, man geht nicht, man läuft. An dieser Stelle sollte ich aufhören zu generalisieren, ich glaube so einen Quatsch mache eher nur ich. Ich laufe also, noch im Zeitplan, zum Regionalbahnhof. Drei Gleise, ich selektiere jenes, von wo aus sonst immer (!) die S-Bahn in Richtung HBF fährt. Gleis 3. Die nächste S-Bahn fährt heute natürlich abweichend zwei Gleise weiter, von Gleis 1. Treppe runter, Treppe rauf. Ich fange ein wenig an zu schwitzen. Ah, cool, S-Bahn. On time! Ich sitze in der S-Bahn. Eine Durchsage gibt an, das die S-Bahn aufgrund einer Signalstörung in einem Tunnelbereich heute abweichend nicht sonstwie sonstwo lang, sondern über Bla und Bla zum Flughafen fährt. Fliegen ist auch nett, denke ich mir. Ah, oh, damn! Also, Rucksack wieder auf und raus aus der S-Bahn auf Gleis 1. Meiner einer hat schließlich ein Zug- und kein Flugticket. Menschen wuseln umher, es wird geschimpft. Drüben auf Gleis 3 . . . das Geräusch kenne ich doch . . . da fährt eine S-Bahn ein! Treppe runter, Treppe rauf, S-Bahn verpasst. Ich ärgere mich ein wenig und schwitze ein wenig mehr. Uhrzeitkontrolle. Ich könnte es mit der nächsten S-Bahn noch schaffen. Oder auch nicht. Stay easy, man kann es zur Not immer noch auf die regionalen Verkehrsbetriebe schieben, wenn man etwas später statt wie gekauft im ICE statt im IC sitzt. Wäre auch nett, stellt aber ein Risiko dar, denn ein unter der Woche früh am Morgen mies gelaunter, überarbeiteter, unterbezahlter und frisch in Scheidung lebender Schaffner oder dergleichen ist nicht immer so kulant jene Gaunerei zu akzeptieren. Gaunerei mag übertrieben sein, bedenkt man, dass es nicht mein Verschulden ist, das die S-Bahnen komisch fahren. Aber Diskussionen darüber, das man ja auch um fünf Uhr schon hätte aufstehen können sind prinzipiell . . . naja, für'n Arsch. Minuten vergehen. Ich schwitze. Und habe kein Deo dabei. Who cares, die S-Bahn kommt! Ich stehe in der S-Bahn. Und noch 18 Minuten bis Buffalo. Jetzt eine S-Bahn-Störung, dass würde passen. Nein, würde es nicht!
Restalkoholisierte Arbeitnehmer, pseudosportliche Bürohengste, übergewichtige und schwer atmende öffentlich Bedienstete, unangenehm riechende ältere Frauen mit voluminösen Frisuren und süß parfümierte Chicas mit und ohne große Brillen schieben sich durch die Türen und Gänge der S-Bahn. Station für Station schaue ich auf den Plan über meinem Kopf und während ich die ersten Morgengrüße über mein Handy entsende, beobachte ich jeden Bahnhof durch die Fenster und Türen der S-Bahn und schaue immer wieder auf den Plan über mir, wo die verschiedenen Bahnen so lang fahren und wann ich verdammt nochmal endlich am HBF sein werde! Endlich, ich bin am HBF. Die Massen strömen in Richtung der beiden fahrenden Rolltreppen, die hoch zu den Fernverkehrszügen fahren. Ich nehme – 2, 1, Risiko – eine der beiden Rolltreppen, welche eigentlich runter fahren. Eine fährt, eine steht. Ich sprinte die stehende hinauf und sie fährt, auch als ich oben ankomme, nicht an. Strike! Knieschmerzen. Fuck!
Orientierung: Ich habe noch fünf Minuten und das Gleis mit IC ist in Sicht. Ich gehe also halbwegs gesittet in Richtung IC, ohne mir etwas zu essen oder noch etwas zu lesen zu kaufen. Noch vier Minuten, ich bin am IC. Noch drei Minuten, ich steige in den IC. Geschafft, erstes Tagesziel erreicht! Abfahrt vom Startbahnhof verläuft pünktlich (Quelle surprise . . . ). Nun auf gen Hannover und dann mit dem RE gen Bremen, wo ich mittags eintreffen sollte.
Von nun an sollten Reise und Aufenthalt in Bremen eigentlich nicht mehr so spannend werden. Nicht stressig, denn Stress ist, was man selbst draus macht. Und nicht was einem regionale Verkehrsbetriebe oder DB diktieren.


Tags: Zug, Zugfahren, Zugfahrt, Schwitzen
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Kommentare

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  • 1

    "Restalkoholisierte
    Arbeitnehmer, pseudosportliche Bürohengste, übergewichtige und schwer atmende
    öffentlich Bedienstete" großartig, und das klingt mal echt nach einem bezaubernden Morgen mit der DB :)

    30.04.2014, 22:00 von Blue_Miranda
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  • 1

    Ich war im Juli in Stavoren, Holland.
    Hinfahrt 20 Euro. Rückfahrt 16 Euro (von Bielefeld).

    Fandsch nicht teuer...

    18.11.2013, 15:42 von sailor
    • 0

      Dem ist nichts hinzu zu fügen.

      18.11.2013, 15:44 von Justus
    • 1

      Zugfahren hat was mit Übung und Einstellung zu tun.

      Ist so ein bischen wie Campingurlaub. Wenn man da Bock drauf hat, kann (!) es ziemlich gut werden. Wenn man da an grundsätzlichen Stellen keinen Bock drauf hat, kann es nur in die Hose gehen...
      Zugfahren ist da ähnlich strukturiert...

      18.11.2013, 15:47 von sailor
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  • 2

    einfacher gesagt als getan. mittlerweile müsste ich übung darin haben mich nicht von der Bahn stressen zu lassen, ich schaffe es aber trotzdem nie. wenn du deinen zug am Hbf nicht bekommen hättest, sähe das ende auch bestimmt ein bisschen anders aus ;)
    gerade montag kam ich dank der DB wieder mit einer stunde verspätung auf der arbeit an - auf der rückenlehne meines vordermanns stand "fick die bahn". wie passend.

    23.10.2013, 11:21 von Buttercup12
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  • 2

    Jau. Öffentliche Verkehrsmittel können echt nervig sein.

    23.10.2013, 10:56 von Aus_Zeit_Monsta
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