Vier Farben: Gelb
Sie kennen keinen inneren Kreis, die Chinesen. Schubsen und rempeln.
Mit jedem Schritt, den ich ging, schliff die Menschenerosion an mir, und als ich am Kunstmuseum in Peking ankam, war ich noch unvollständiger als am Morgen.
Ich schlenderte in gelb gestrichenen Räumen durch eine Ausstellung über finnische Künstlerinnen, da sprach er mich an. Auf Englisch. Er lispelte das "th" so deutsch, dass ich einen kurzen Moment überlegte, ihm vorzuspielen, ich wäre Amerikanerin. "Excuse me, I just saw you coming in and standing there and I was wondering if you are an artist or something."
Ich weiß, woran man deutsche Touristen im Ausland erkennt und an meinen blonden langen Haaren hatte es sicher nicht gelegen.
Ich antwortete auf Deutsch. "Ja. Ich habe freie Kunst studiert."
In China passiert das. Da wird man zuerst angestarrt und dann angesprochen. Von Europäern, die ihresgleichen für einen Moment bei sich halten wollen, weil hier alles so sehr anders ist als Zuhause. Weil man einer unter tausenden Asiaten auf der Straße ist.
Oder man wird erkannt von auf blondes Haar glotzenden Chinesen, die einem mitteilen, dass Europäer große Nasen hätten. Dann bleibt man stehen und antwortet, und dann wollen sie einen zum Tee einladen und irgendwann stellt sich heraus, dass sie den Kontakt zu Westmenschen nur suchen, weil sie ihr Englisch aufbessern oder deren Geld wollen.
Ich war mir sicher, hätte ich ihn gesehen, ich hätte auch geglotzt. Man starrte, weil man wusste, das Gegenüber fühlte ähnliche Dinge in diesem Land, in dem auf allen Ebenen mehr Schein als Sein gelebt wird.
Er reichte mir die Hand und stellte sich vor. Fragte, wo ich studiert hätte.
"Nürnberg" antwortete ich.
"Und? Wie ist Nürnberg so?"
Ich zuckte mit den Schultern, stellte mich vor eine Collage aus verschiedenen Radierungen und wartete.
Er fing an zu plaudern. Er kam aus meiner Stadt. Mit abgeschlossenem Design-Studium. Jetzt sei er als freier Künstler tätig. Erzählte von seiner Asienreise. Die er machen würde, um neue Impulse zu bekommen, das Blickfeld zu erweitern. Japan hätte er schon gemacht. Da wäre alles ganz anders als China. Fortschrittlicher. Bunter. Schneller.
Ich verstehe nie mit welcher Selbstverständlichkeit Menschen davon ausgehen, das alles, was sie täten, andere Menschen gleichermaßen interessieren würde. Das verbale Ausbreiten der Lebens- und Karriereleiter, als ob man sich hier zu einem Vorstellungsgespräch getroffen hätte, ließ mich immer mit einem leicht unwohlen Gefühl in meiner Haut zurück. Ich versteckte mein Desinteresse hinter einem höflichen Lächeln.
Er wäre über Amerika gekommen. Mit Stopover in Vegas. Hätte dort fotografiert. Eine Reihe über die Neon- und Leuchtreklamen.
Ich sagte, ich hätte in Vegas mal eine Fotoreihe über ehemalige Showgirls in ihren mehr oder weniger versifften Appartements gemacht. Da sagte er nichts mehr und ging stumm neben mir durch die Ausstellung.
Ich kaufte mir einen Fotoband über die finnischen Künstlerinnen und weil er keine Anstalten machte, vor der Tür des Museums weiter zurück auf seinen eigenen Weg zurückzukehren, fragte ich, ob er mitkommen wollte, ich würde jetzt Kaffee trinken gehen. Er sagte "Ja, gerne" und wir fuhren zu Starbucks weil es für Westmenschen sonst keine verlässliche Quelle für Kaffee in dieser 15-Millionen-Stadt gibt.
Eigentlich hätte mir die reine Anwesenheit eines Europäers für mein Wohlbefinden an diesem Tag ausgereicht, aber mir war klar, dass ich ihn schweigend für die nächste Zeit nicht neben mir halten könnte.
Also erzählte ich, dass ich Zuhause ein kleines Café hätte, in dem regelmäßig wechselnde Ausstellungen stattfänden. Er fragte, ob er eventuell bei mir ausstellen dürfe. Ich zuckte mit den Schultern und er gab mir seine Karte.
Als ich vor der U-Bahn-Station zwischen den schwarzen Chinesenhaarschöpfen wieder zurück auf meinen eigenen Weg gehen wollte und Anstalten machte, mich von ihm zu verabschieden – nicht ohne noch mal versprochen zu haben, ihn anzurufen – fragte er mich, ob wir uns am nächsten Tag erneut treffen könnten. Ich wusste nicht, weshalb, sagte aber zu, weil mir kein triftiger Grund einfiel, den Vorschlag abzulehnen. Ich hatte sowieso nichts Wichtigeres vor.
Es stellte sich heraus, dass es sein Abreisetag war, mit Direktflug zurück nach Deutschland und er an so einem angebrochenen Reisetag anscheinend nichts mit sich selbst anzufangen wusste. Er hatte seine Kamera dabei und fotografierte mich, während ich rauchend mit ihm durch die Straßen lief und einsilbig seine Fragen beantwortete und nie zurückfragte.
Ob ich mein Studium genossen hätte.
Ob das Café gut laufen würde.
Warum ich ausgerechnet zu dieser Jahreszeit nach Peking gekommen war.
Wo ich sonst noch so gewesen wäre.
Warum denn niemand bei mir wäre, wenn ich in Peking arbeitstechnische Dinge zu erledigen hätte.
Ob mich die Blicke der Chinesen wegen meiner blonden, langen Haare stören würden.
Ich streute die Jas und Neins wie ich gerade Lust hatte in seinen Vorhang aus Fragen und sagte:"Wenn du heute fliegst, wirst du den Sturm wohl nicht mehr erleben."
"Welchen Sturm?"
Ich gab ihm meine kleine Sprachkarte, auf der "Zum Flughafen, bitte!" auf Chinesisch stand, damit der Taxifahrer Bescheid wusste.
Er bedankte sich, fuhr sich mit der Linken fahrig und nervös durch seine dunklen Locken und gab mir die Hand.
"Wann werde ich von dir hören wegen der Ausstellung in deinem Café?"
"Wenn ich wieder in Deutschland bin."
"Wann wird das ungefähr sein?"
"Wenn ich hier fertig bin." antwortete ich und zuckte mit den Schultern. Er kniff ein wenig die Augenbrauen zusammen, weil er nicht wusste, was er von dieser Antwort halten sollte. Ich nickte ihm kurz zu, ging Richtung U-Bahn und fuhr zu meinem Hotel.
Als ich am nächsten Morgen den Vorhang zurückzog, waren der Himmel und die Stadt gelb.
Als ich ihn ein paar Tage später anrief, fragte er mich als erstes, ob ich "diesen krassen Sandsturm" noch gesehen hätte, der über und durch Peking hinweggezogen war. Er hätte Bilder gesehen. Das müsse ja "der Wahnsinn" gewesen sein.
"Woher hattest du das gewusst, das mit dem Sturm?" fragte er.
"Ich habe auch mal Meteorologie studiert." antwortete ich und fragte, wann ich seine Kunst anschauen könnte.
Ich bereute, dass ich nicht weiter nachgefragt hatte, was er eigentlich bei mir ausstellen wolle. Ich hatte mich von der Anwesenheit eines Europäers dort so einlullen lassen, dass ich vergessen hatte, die wichtigen Details im Vorfeld zu klären. Für mich war er ein Fotograf, aber die Kamera war nur das Sammelgerät für die Impulse, die er in sein Atelier führte und dort zu "richtiger" Kunst verarbeitete.
Er machte Holzschnitte.
Ich hasste Holzschnitte.
Holz ist zu wenig sensibel für Details. Zumindest als Basismaterial für Drucke. Ich muss dabei immer an meine Religionsbücher aus der Schule denken, in denen die biblische Geschichte mit düsteren und grobschlächtigen schwarzweißen Drucken von Holzschnitten illustriert war und mir systematisch eine Aversion gegen diese Art von bildlicher Wiedergabe angezüchtet hatte.
Er hatte sich Mühe gegeben mit den Details, hatte die Holzplatten aber trotzdem systematisch auf eine grobe Art vergewaltigt und abgeschlachtet. Er druckte vorwiegend mit Rottönen, Schwarz und Grau. Er hatte Serien angefertigt, die "Nippon 2010", "Food 2008/09" oder "Interieur 2006" hießen und ich blätterte die Mappen mit mäßigem Interesse durch.
"Hast du schon mal Holzdrucke in deinem Café ausgestellt?" fragte er mich.
"Nein."
"Weil…?"
"Ich hatte mal einen Typen an der Hand, der hat wahnsinnig schaurig-schöne Holzdrucke gemacht, aber kurz bevor ich ihn ausstellen wollte, hat er seine Ehefrau erschossen und ist ins Ausland geflüchtet."
"Wirklich?"
"Nein."
Er schwieg und sah mir beim Blättern zu.
Die Food-Serie war das kleinste Übel. Er hatte sowohl verschiedene Stillleben von angerichteten Tellern, als auch organische Strukturen, die einzelne Gerichte zeigten, produziert.
Ich zeigte auf einen Druck, der ein bisschen Gelb mit dabei hatte. "Was ist das?"
"Hering in Aspik."
"Und das?"
"Gefüllter Truthahn."
Ich blätterte weiter. Ein Bild zeigte einen leeren, zerknautschten Milchkarton in der Abflussrinne eines Bürgersteigs.
"Das ist falsch." sagte ich.
"Warum?"
Er kam näher und beugte sich über das Bild. Ich konnte ihn riechen. Seinen süßlich-herben Eigengeruch. Frei von Kosmetik vermischt mit Holz- und Farbenduft. Ich musste an die Chinesen denken, die dank ihrer Ernährung in den U-Bahn-Waggons immer einen säuerlichen Geruch hinterlassen hatten und atmete tief ein, als ich auf das Papier tippte.
"Du hast die Schrift auf der Holzplatte nicht spiegelverkehrt gemacht. Jetzt ist sie im Druck falsch."
Er lächelte mich an, versuchte, spöttisch und zugleich irgendwie anders zu schauen, weil ich es bemerkt hatte. Er holte Luft, schwieg dann aber. Ich zog fragend die Augenbrauen hoch.
"Nun ja, es ist egal. Es ist und bleibt ja der gleiche Schriftzug. Egal ob spiegelverkehrt oder auf dem Kopf stehend. So funktioniert die Welt, weißt du. Die Wirklichkeit bleibt die Wirklichkeit. Auch durch einen Spiegel. Die Art der Abbildung ist vielleicht verzerrt, aber sie gibt doch die Realität wieder. Ich – äh – habe das mit Absicht gemacht. Liebe und Hass, verstehst du?"
Ich vögelte ihn, damit er endlich den Mund hielt.
Als ich mich wieder anzog, nach meiner Jacke griff und gehen wollte, fiel meine Tasche auf den Boden und er half mir beim Aufheben. Er betrachtete die Fotos, die aus meinem Terminkalender gerutscht waren, unter anderem das Foto von Viola, das sie in Unterwäsche auf der Couch sitzend zeigt, mit Zigarette zwischen den Fingern und mit Tränen in den Augen. Ich hatte es letzten Sommer gemacht, in den frühen Morgenstunden einer Nacht, die niemand von uns mit Schlafen verbracht hatte.
"Wow." sagte er. "Ist das aus deiner Reihe über die Showgirls in Vegas?"
"Ich war noch nie in Vegas." antwortete ich und sagte ihm, dass er seine Fotos in meinem Café aufhängen könnte, aber die Holzschnitte wollte ich nie wieder sehen.
Dann wickelte ich mir meinen gelben Schal um den Hals und ging nach Hause.






Kommentare
"Das verbale Ausbreiten der Lebens- und Karriereleiter, als ob man sich hier zu einem Vorstellungsgespräch getroffen hätte, ließ mich immer mit einem leicht unwohlen Gefühl in meiner Haut zurück."
10.01.2011, 21:09 von topfbluemchenfinde ich auch ganz grausam!
Aber zu deinem Text kann ich sagen: sehr gut.
Du hast das bislang bei jedem Text, den ich von dir gelesen habe, geschafft, dass ich ihn zuende gelesen habe, die Schreibe gefällt mir jedes Mal wieder & selbst die Gespräche zwischen den Protagonisten kommen jedes Mal klar rüber, was mir bei anderen Texten wesentlich schwerer fällt, zu erkennen, wer was sagt.
Weiter so! Ich warte auf neue Texte :-)
Handwerklich wie immer überragend!
06.07.2010, 13:08 von DarenBRensInhaltlich schwebt der Text allerdings irgendwo zwischen Lost in Translation und Le fabuleux destin d'Amélie Poulain. Inhaltlich! Nicht stilistisch. Beide Geschichten find ich übrigens grottig.
Allerdings ist fast jeder Text von Dir, so auch dieser hier, alles andere als Zeitverschwendung, sondern große, manchmal eben nicht mehr wirklich überraschende, Kunst.
@DarenBRens wie kann Kunst groß sein, wenn sie nicht überrascht?
15.09.2010, 18:42 von Laneraecht erfrischend, wenn man länger keinen neuen Smillow Text gelesen hat, sind die alten immer wieder nochmal erfrischender.
30.06.2010, 12:06 von SurecampMach ma hinne, Gangsterbraut!!!
will mehr gutes Zeug hier lesen!
gefällt. farbfortsetzung bitte.
05.06.2010, 10:12 von SuselwuselHm....dieser lakonische Stil erinnert mich immer an Romane aus den 90ern.
19.05.2010, 00:26 von holo...In den guten Momenten an Kracht, in den schlechten an Judith Hermann....und mit dem Typen wer' ich nicht warm - zu arg auf die Klischee-Tube gedrückt, um "echt" zu sein, zu wenig überzeichnet, um als Persiflage durch zu gehen...hmja...
Trotzdem ein Text, den man lesen kann, ohne sich danach über die verschwendete Zeit zu ärgern...
"Er lispelte das "th" so deutsch, dass ich einen kurzen Moment überlegte, ihm vorzuspielen, ich wäre Amerikanerin."
17.05.2010, 22:42 von misspringleund ich dachte, neonblond wäre die einzige, die noch glaubt, das würde einem wirklich abgekauft.
Gefällt mit an sich ganz gut. Es ist vielleicht eine Spur zu sehr gewollt emotionslos und daher oft in sich widersprüchlich (warum trifft man jemanden, der einen nicht interessiert?). Moment, emotionslos ist falsch. Die Person aus dem Text ist ja immerhin offenbar gelangweilt. Ja, dann... weiß ich auch nicht.
12.05.2010, 23:53 von DunnaghDann klingts wie ne Geschichte, die man Bekannten erzählt, um cool zu wirken.
Ich schlaf mal drüber
@Dunnagh Näääh, Dunnagh. Cool und gelangweilt ist falsch. Denk mal drüber nach was alles nicht gesagt wird und lies den Anheizer richtig.
13.05.2010, 00:13 von Steifschulz@Steifschulz ja. das passte aber nur zu den ersten paar Sätzen, weil danach keine Rede mehr von Chinesen ist. Oder schließt sich der Kreis, weil das lyrische Ich schließlich ähnlich mit dem komischen Hannes da umgeht? Manipulierend (und daher "in eine Richtung"-schubsend?
13.05.2010, 09:44 von DunnaghDas is ma 'n cooler Text.
12.05.2010, 19:05 von LenulitschkaGefällt mir sehr.
@Lenulitschka "ma'n cooler Text" ?
14.05.2010, 08:43 von SurecampKlingt so als hätte die Smilli nie einen guten Text?!
Litschi, die Smilli hat immer gute Texte. Inkl. SMS und Emails.
@Surecamp Nee, ich meinte das auf den Neon-Texte-Pool bezogen. Ich hatte davor etwa 8 nicht ganz so gute bis total beschissene Texte gelesen.
14.05.2010, 21:05 von LenulitschkaUnd: nicht alle von "Smilli" gefallen mir so gut wie der hier.
"Sie kennen keinen inneren Kreis, die Chinesen. Schubsen und rempeln. "
12.05.2010, 15:07 von quatzatFind ich nicht. Sie kennen keinen ausseren Kreis. Aber einen inneren sehr wohl. Wenn ich das jetzt richtig verstanden habe.
Text ist handwerklich mal wieder sehr gut, spricht mich aber voellich nicht an. Zu perspektivisch eintoenig.
Oder ich schon wieder was nicht verstanden.
@quatzat ich glaube, mich hätte der typ entsetzlich genervt.
12.05.2010, 16:44 von lavish@lavish Naja, ich versuch weg zu schauen.
12.05.2010, 16:48 von quatzat