Ninale 15.06.2007, 02:46 Uhr 1 1

Venezuela - schöner Name, fremdes Land

Venezuela - das best versteckte Geheimnis der Karibik. So lauted die Promotion einer Touristenfirma. Und es ist wirklich ein wenig so...

..Denn die Leute, die nach Venezuela reisen wissen meist nur,dass Venezuela ein grosses Petroliumvorkommen hat und haben vielleicht mal jemanden über die Insel “Margarita” reden gehört, die zu Venezuela dazugehört. Das wars dann. Doch Venezuela ist nicht nur Petrolium und Karibik. Es ist ein Land Südamerikas welches viele seiner Geheimnisse im Innern versteckt behält. Berge, Wüsten ,Wälder, Fauna und Flora in unvorstellbarer Varietät, faszinierende Architekturen und Kulturen.
Vor allem aber faszinierende Menschen, die in Venezuela zu Hause sind. Sie sind liebenswürdig, offen, lieben das Leben und das Klima ihrer Heimat (25 Grad Durchschnittstemperatur).
Sie können eben mal nach Miami fliegen um Urlaub zu machen (wenn das Geld zur Verfügung steht), doch wenn man sie fragt, freiwillig würden sie IHR Land niemals verlassen.Die Menschen leben nach ihren Bräuchen in diesem modern entwickelten Land, in dem es keine Rassenbarrieren gibt .Die Musik spielt eine grosse Rolle, denn sie leben tanzend mit und durch die Musik.

Und ich bin mittendrin. Ich bin mitten in meinem Auslandsjahr-hier in Venezuela. Ich wohne in Caracas- der Hauptstadt (ca.6 Mio. Einwohner) in einer Familie und besuche die Schule. Ich lerne viel von den Leuten hier, den Bräuchen, und auch einiges über mich selbst. Neben der Schule( wofür ich recht wenig tun muss) bin ich eifrig dabei die Landessprache zu lernen: Spanisch! Ich mache viel mit Freunden und meinen Schwestern, lerne Caracas kennen,spiele Rugby und besuche einen Mal- und Salsakurs. Ich bin jetzt 5 Monate hier- die Zeit verfliegt wie im Flug- und mir bleiben noch knapp 6. In diesen 6 Monaten hoffe ich viel reisen zu können, viel von Venezuela zu sehen, mein Spanisch perfektionieren zu können und einfach eine tolle Zeit zu haben. Ich möchte nun mein neu liebgewonnenes Land vorstellen und es euch auf eurer Landkarte einzeichnen (Wisst ihr denn überhaupt, wo es liegt?)...

Venezuela liegt im Norden Südamerikas. Es besitzt 3.000 Kilometer der Karibikküste und grenzt an Kolumbien, Brasilien und Guyana. Die Hauptstadt ist Caracas mit fast 6 millionen Einwohnern. Caracas ist im Norden Venezuelas und liegt in einem langgestreckten Tal. Die Stadt bekommt frische Briesen ab, es gibt wenige Moskitos und praktisch das ganze Jahr scheint die Sonne. Wenn es mal regnet, regnet es kurz und kräftig. Hier gibt es keine Woche, in der es jeden Tag regnet, wie in Deutschland.

Zwischen 1970 und 1980 erlebte Caracas einen riesen Aufschwung, da der Petroliumboom eine Menge Geld einbrachte. Und nun ist Caracas eine Stadt, die Probleme wegen des schnellen Wachstums hat. Die Menschen bauen in den Himmel und es gibt einige dramatische Probleme, die mit den Barrios (Slums. Kleine selbstgebaute, bunt angestrichene, quadratische Hüttchen aus Backsteinen) zu tun haben. Diese werden nämlich gestapelt und in grosser Dichte die Hügel hochgezogen. Da die Häuschen nicht stabil sind und die Konstruktionen unsicher, reicht schon ein starker Regenguss um halbe Barrios die Hügel hinunterzuspülen. Die Bewohner überleben dies selten. Caracas ist eine Stadt, die von ihren Bewohnern geliebt und zugleich gehasst wird.
Chaos heisst es, wenn 6 Millionen Menschen auf „engen“ Raum in Caracas leben. „enger“ Raum + lächerlich niedrige Benzinkosten ( 3 Cent pro Liter / 1 Liter Wasser kostet hier 63 Cent) = STAU. Jeder Einwohner besitzt ein Auto, wenn nicht sogar mehrere.Egal wie kaputt (Lichter fehlen, überall Dellen, Türen fehlen, Scheiben eingeschlagen, Reifen platt, Stossstange weg ) - es sind einfach unvorstellbar viele Autos. Egal wo und wann du auf den Stassen in der Stadt, der Autobahn oder den Strässchen in den Hügeln unterwegs bist. Stau, Gehupe, Abgase, empörte Taxifahrer ( „Ay mama huevo, mueveteee coñoo!“), zu Tode erschreckte Fussgänger, die durch eine grüne Ampel getäuscht wurden...überall Chaos.

Der öffentliche Verkehr-Autobusse:
Es gibt ein grosses Netz von Autobussen in Caracas. Überall sieht man sie, wie sich sich an den anderen Autos vorbeidrängen. Die Preise sind niedrig- 800 Bolivares (ca.20 cent) wenn man Schüler ist 300 Bol. (ca.7.5 Cent).- Nur der Haken ist, es gibt nirgends, an keiner Haltestelle Fahrplantafeln. Wenn du Glück hast, wartest du 3 Minuten auf dein Verkehrsmittel, mit Pech 45 Minuten... so ist das hier.
Man hat hier oft das Gefühl, die Zeit ist wie Sannd der einem durch die Finger rinnt, ohne dass man es geschafft hat ,damit zuvor eine Sandbrug zu bauen. Man gewöhnt sich daran ohne diese Sandburgen zu leben.
Will man nach oft zweistündiger Fahrt (es gab ja mal wieder Stau) aussteigen, muss man a allen leuten vorbeibrüllen „la parada por favor!“(„Anhalten bitte!“)

Im Gegensatz dazu steht die Metro. Ich glaube, inzwischen sind es 4 Linien, die durch ganz Caracas fahren und sind schnell, zuverlässig und billig 800 Bol. -> 2 Fahrten.
Ich hätte hier Angst meinen Traum- Motorradfahren - zu verwirklichen. Die Autos fahren hier über Rot, kaum jemadn schnallt sich an, von TÜV wagt hier keiner zu träumen, aus 2 Spuren werden eben mal schnell 4 Spuren gemacht, gehupt wird, was das Zeug hält. Und immer haben sie die Klimaanlage an und die Fenster unten. (Sinn?)
Doch die Menschen lieben Caracas auch,denn diese Stadt hat viel zu bieten. 100erte von Einkaufszentren, Parks, der Präsident hat hier seinen Sitz, Museen, atemberaubender Horizont, Strände in der Nähe (z.b. La Guaira und Iguerote) die 4 besten Unis in Venezuela ( La Simon Bolivar, La UCV La Metropolitana und la UCAB)... es ist die Stadt Venezuelas, die die meisten Perspektiven für die jungen Menschen bietet.
Ausserdem bietet Caracas ein ausgeprägtes, aber etwas teureres Nachtleben. ( unter 25 Euro kommt man an einem Abend schlecht weg)

Was mich sehr erschreckt hat,war eine Zeitung in Deutschland lesen zu müssen „ Caracas- die zweit gefährlichste Stadt der Welt, nach Bagdad.“
Ja, es ist gefährlich hier. Ich selbst habe zum Glück noch keine Erfahrung damit gemacht, doch zwei Freundinnen von mir (auch Austauschschüler aus Deutschland) wurden beraubt. Ansonsten hört man immer mal wieder, dass Freunde von Freunden gekittnapt wurden und passt schon auf, in welchem Bezirk man die Autoscheiben runterlässt, Armbänder trägt, und welche Anmachen auf der Strasse man besser strikt überhört.
Ich glaube, in den Barrios(Slums) geht es schon hoch her. Geld, Drogen, Sex..wie gesagt ich kann (zum Glück) nicht aus eigener Erfahrung sprechen.

Ich lebe in einem Hochhaus, erster Stock. Es ist ein Hochhaus der reicheren Schicht.
Überwachungskameras überall, Swimmingpool...
Ich wohne in Baruta (eins von 5 Zonen Sucre, Hatillo, Chacao und Libertador) Baruta ist mit dem Auto (+Stau) eine Stunde vom Zentrum weg und mit Autobus 1 1/2 von der Metrostation. Meine Schule ist 5 Minuten zu Fuss von meinem Haus weg (-ja! Ich darf laufen,denn meine Nachbarschaft ist sicher...Jedenfalls bis letzte Woche, wo eine Frau im Auto mit einer Pistole bedroht wurde)

Meine Wochen und Tage sehen ungefähr so aus:
Donnerstags mache ich einen Malkurs, zu dem ich nach der Schule mit dem Autobus fahre und Dienstags einen Salsakurs in Der Universität Central, zu dem mich mein tanzpartner immer mit seinem Auto abholt. Nach der Schule, wenn ich nichts zu tun habe, besuche ich das Einkaufszentrum hier in der Nähe, male, lese, gehe ins Fitnesscenter, höre Musik oder bekomme von Rosa kochen beigebracht . Ich fahre zu Freunden mit den Autobussen oder setze mich ins Café nebenan und trinke Eistee. Schade ist nur,dass meine Freunde alle weit weg wohnen und mein Nachbar, der so alt ist wie ich weggezogen ist - in die Innenstadt. Ja-ohne Auto ist man ziemlich abhängig von Leuten die welche besitzen.Deswegen kann jeder normale 16 jährige Autofahren. Sie tun es auch- ob mit oder ohne Führerschein (etwa. 80.000 Bolivares = 25 Euro). Und das in einer Stadt, in der die Menschen fahren, als wären sie verrückt und lebensmüde.
Die Wochenenden sind oft sehr verplant. Ich gehe oft in die Stadt mit Freunden,in Bars, auf Hausparties oder übernachte bei Freundinnen. Wir gehen in den Park zum Picknicken oder ins Kino. Abwechslungsreichtum und Kreativität ist gefragt bei so viel Auswahl an Sachen, die man in hier Caracas machen kann .

Meine Schule heisst „El Placer“ („Das Vergnügen“) und ist sehr klein- ich schätze mal ohne den Kindergarten 300 Schüler.
Ich mag es in die Schule zu gehen, weil ich dort die Menschen sehe, die mir irgendwie schon so vertraut sind. Ausserdem kann ich meinem Mathelehrer, während die andern Arbeiten schrieben müssen mein Herz ausschütten oder über die Aktionen meiner Vorgangsaustauschschüler lachen. In der Schule muss ich werder lernen, noch bin ich für die Lehrer anwesendm was auf einer Seite Langeweile heisst, und auf der anderen Tagebuchschreiben, englische, deutsche und Spanische Bücher lesen, Musik hören, meinen Schlaf nachholen, malen und Zettel schreiben.Jeden Morgen, bevor man reihenweise (Jungs, Mädchen) in die Klassenräume marschiert, stellt sich die ganze Schule im Schulhof auf, die Flagge wird gehisst und die Nationalhymne wird gesungen. Schuluniform ist Pflicht: schwarze Schuhe, weisse Socken, blaue Hose oder Rock, schwarzer Gürtel, dunkelblauer Pulli und dem Jahr entsrechendes farbiges Polohemd mit Aufnäher der Schule auf der Brust. Piercings, Jungs mit langen Haaren (wegen Überlänge wurden schon einige wieder nach Hause geschickt!) und sichtbare Tatoos sind verboten.

Meine Familie besteht aus Mama(Norma) Papa(Alejandro) 3 Schwestern (Camila 10, Alejandra 16 und Clauida 18), der Haushaltshilfe und Freundin (Rosa) und ihrer Tochter (susi 5). Wir wohnen in einer mittelgrossen Wohnung. Kleine Küche, ein Wohnzimmer, ein Fernseh-Computerzimmer, 4 Schlafzimmer die geteilt werden zwischen den 8 personen, 4 Bäder und 6 Fernseher. Meine Familie ist eine der reichen Schicht, die Kinder gehen auf eine bilinguale Schule und der Vater ist Anwalt. Nur am Wochenende gibt es McDonalds, Pepsi und Popcorn.Das ist die Hausregel. Der Computer ist schwer umkämpft, schliesslich wollen ihn 4 Mädchen auf einmal benutzen. Unter der Woche lebt jeder seinen Tag (sprich Computer, essen oder auch Fernschauen) und nach der täglichen Telenovela geht die Ganze Familie Gonzales-Vasquez ins Bett. Am Wochenende ist das gemeinsame Mittagessen Pflicht (immer sehr lecker!) danach hat man dann Freizeit zum Ausgehen und Freunde treffen.

Ich habe mir gesagt, wenn die politische Lage hier nicht so kritisch wäre, würde ich zum studieren hierher zurückkommen, denn die Uni Central ist einafch toll. Das Gelände ist unvorstellbar gross. Überall Grass, Palmen und nette Leute. Skater, Radfahre r(die sind hier eine Seltenheit!)...In den Freistunden sitzen die Studenten auf dem Rasen und lenren, reden, spielen Hackie-Sack (hier:Fuji) oder sonnen sich. Die UCV ist eine öffentliche Uni, theoretisch kann jeder dort studieren, der die Aufnahmeprüfung besteht. In der UCV Kann man alles studieren, von Medizin bis hin zu Geschichte. Die Kosten für ein Semenster sind 1.000 Bolivares (=35 Cent).
Die Leute aus meiner Klasse sind die ganze Ziet schon am lernen, denn nach dem 5. año (entspricht klasse 11) werden sie studieren. Jeder, der die Aufnahmeprüfung in einer Uni besteht, kann studieren.Es gibt nicht wie bei uns Unterschiede wie Haupt- Realschule oder Gymnasium. Das heisst in den Unis sitzen zum Teil 16 jährige. Wenn ich den Leuten hier erzähle, dass ich mit 20 anfange zu studieren schauen sie gross.

Fragt man einen Venezuelaner, in welchem Land in Latein America sie am besten tanzen , kommt meist: Venezuela, Kolumbien, Cuba und Brasilien. Und wo gibt es die hübschesten Frauen? – Venezuela! Ja, sie sind ziemlich eitel hier. Es stimmt, sie tanzen gut, denn jeder normale Einheimische kann Salsa und Merengue tanzen, einige auch Tambor ( Tanz der zu schneller Trommelmusik getanzt wird und sich Männchen und Weibchen gegenüberstehen und sich hüpfend im Kreis drehen. Sieht toll aus! Ein wenig Kolibrie-ähmlich.)
Alle machen sich darüber lustig, wenn sie Dialekte aus Argentinien oder Spanien im Fernsehen hören, denn hier ist das Spanisch perfekt und ohne Akzent ;) (haha wers glaubt) Von meinem Mathelehrer wurde mir erzählt, dass die Venezuelaner die fröhlichsten Menschen der Welt seien und als am ausgelassesten gelten. Denn sie sind immer „jodiendo“->“playing“->“am Witze machen“. Herrlich. Diesen Humor muss man erst einmal versuchen zu schlucken. Redet ein Mädchen zum Beispiel mit einem Jungen aus der Klasse, mit dem sonst wenig geredet wird, hört men gleich ein „eeeeeeeeepaaaaa!“. Wenn man hustet oder sich die Nase putzt kommt von allen Ecken ein „aiiiiiiii que ascooo!“ („wie eklich“) Neue Schüler werden 2 Jahre, nachdem sie in die Klasse gekommen sind immernoch mit „el nuevo“ („der Neue“) angesprochen. Ich werde ab und zu mit Hitlergruss und „hola rasista-alemana“ („hallo deutsche Rassistin“) begrüsst obwohl ich ihnen schon x mal gesagt habe, wie ich zu Hitler stehe. Das, was man in Deutschland „Dissen“ nennt, ist hier völlig normal und nichts Schlimmes. Man bekommt unaufhörlich das Bein gestellt, und wenn man hinfällt wird man belacht. Das ist Lebensfroh-naja gut.
Auf der anderen Seite teilen sie alles mit allen, Pausenbrot, tanzen mitten im Unterricht Salsa, begrüssen jeden wie einen Freund, sind nett und offen und unkompliziert. Manchmal ein wenig zu unkompliziert. Zum Beispiel verabredest du dich mit jemandem, der dann 2 Stunden zu spät kommt und nicht einmal daran denkt sich dafür zu entschuldigen,dass du warten musstest.
Meinen bloss : „dale , baja lokis toy abajo!“ (auf, komm runter Verrückte, bin unten!“. Man gewöhnt sich dran...

Essen hier ist sehr wichtig und wenn man kein Fleich ist, ist man pratisch aufgeschmissewn. Man isst viel Reis, Fleisch und Salat. Dazu Saft ( Pulver in Wasser gelöst oder komsich dickflüssiger Apfelsaft). Es gibt hier viele fettige aber leckere Sachen, die man in Deutschland nicht kennt.

Das Nationalgericht: Pavillon: Fleich (in dünne Streifen gerissen und gewürzt), schwarze Bohnen und Platanos

Platanos: Grosse Bananen, dünn aufgeschnitten, frittiert oder serviert als plattgewalzte Chips-> Mein Lieblingsessen

Tequeños:Teigstangen gefüllt mit Käse, im Ofen frittiert und mit Ketchup gegessen. Für Partys oder Kino geeignet.

Empanadas: Teigtaschen aus Maismehl, frittiert, gefüllt mit Hühnchen, Fleisch, Fisch (Babyhai) oder Käse.

Arepas: Maisfladen (Aus Arepamaschine oder auf Kochplatte gebacken), wird aufgeschnitten und kann beliebig belegt werden (Nur kein Nutella-das ist anti-venezuelanisch!)

Yuca: Irgendwas von ner Palme frittiert oder gegart

Hallacas: Maistaschen gefüllt mit Sachen wie Oliven, Fleisch, Gemüse und Rosinen -> Spezialgericht an Weihnachten.

Churros: beliebter Nachtisch. Zu Stangen gedrehter Waffelteig gegessen mit Caramel, Nutella oder Zucker.

Unter der Woche isst bei uns jeder,was er will und wann er will. Am Wochenende ist das gemeinsame Mittagessen pflicht, Da wird dann königlich gespeist. Meistens von 2:30 p.m. bis 5:00 p.m.
Den Samstag und Sonntag verbrigen meine Gastmutter und Rosa nämlich mit kochen. Lecker lecker... Das scheint wie ein heiliges Ritual, denn meine Hilfe wollen sie komischerweise nie annehmen.


Die Politik ist ein sehr wichtiges, aktuelles und umstrittenes Thema hier in Venezuela. Hugo Chavéz Frias, so heisst der aktuelle Präsident. Da ich sehr schlecht bin im schreiben über Politik, und da mir dafür einfach die Worte fehlen möchte ich an dieser Stelle eine Mail einfügen, die mir eine Freundin, die auch hier in Venezuela ist an den Wahlen 2006 ( die Chavéz übrigens gewonnen hat) geschickt hat,damit ihr euch ein wenig die politische Einstellung vorstellen könnt.


„Seit Mittwoch habe ich Schulfrei. Seit Donnerstag laesst mich meine Gastfamilie nicht mehr aus dem Haus.
Da sitze ich also und warte, warte auf den 3. Dezember, den Tag der Wahlen.
Venezuela ist angespannt. Seit Freitag wird in ganz Venezuela kein Alkohol mehr verkauft, um Ausschreitungen zu vermeiden...
Die Supermaerkte leeren sich. Die Menschen decken sich mit Lebensmitteln und Kerzen ein.
Denn wer weiss was kommt. Ich weiss es nicht.

Im Dezember 1998 gewann Hugo Rafael Chavez Frias die Praesidentschaft, im Februar 1999 trat er das Amt an. Sein Programm:
Mit der damaligen Regierung Schluss machen, eine Verfassung einfuehren, dem Volk reelle politische Macht geben und nicht zuletzt auf die Einigung Lateinamerikas im Geiste des Befreiers Simon Bolivars hinarbeiten.
Chavez ist ein Praesident, der sich endlich mal um die 70% bis 80% der Bevoelkerung, die in Armut leben, kuemmert, oder sie sich zu Nutzen macht. Das ist der erste Streitpunkt.
Chavez hat einige Projekte fuer die Armen eingefuehrt, wie die "misiones" ( z. B. Analphabetisierungsprojekte), staatlich subventionierte Billigmaerkte oder neue Bolivarianische Universitaeten. Ob die Armut in seiner Amtszeit zurueckgegangen ist, da hat jede Seite so ihre eigenen Statistiken und Meinungen. Die Kriminalitaet soll gestiegen sein, 40 bis 50 Morde pro Nacht in Caracas, das ist schon lange nicht mehr normal.
Es gibt Viele die sichtbar an Chavez profitieren. Einige Familien werden ploetzlich reich, kaufen sich zwei neue Autos, ein Appartment auf Margarita und eins in Miami. Was arbeiten sie? Fuer die Regierung... Ahja, alles klar. Auch Chavez soll gerne mal eine Rolex und Armani tragen, behauptet aber, es sei schlecht, reich zu sein. Arm als Ideal, teilen muss man. Er uebt sich auch im Tauschen. Die Menschen scherzen schon: "Wie viele Huehner musstet ihr fuer dieses Auto bezahlen?" Klingt ja ganz suess, wenn er nicht die venezuelanische Wirtschaft kaputt machen wuerde.
Vielleicht ist es nicht schlecht sich mehr zu einem starken Suedamerika zusammenzuschliessen und mal laut gegen die USA zu werden, aber so?


Schon ich merke hier, dass du vom Staat in vielen Freiheiten beschnitten wirst. Medien sind so ein Thema, obwohl ganz so einseitig sind sie nicht, aber auch an vielen alltaeglichen Dingen merkt man das. Hier sind es zwar nicht die Bananen die fehlen, (die gibt es immer!), aber es kommt schon vor, dass es mal tagelang keinen Zucker zu kaufen gibt. Das Umtauschen von Geld ist theoretisch nicht moeglich. Nur wenn du in den Urlaub faehrst kannst du einen bestimmten kleinen Betrag tauschen. Man soll sein Geld halt im eigenen Land lassen. Daher ist es normal sein Geld illegal zu tauschen.
Waehrend sich Chavez Buendnisse mit anderen Laendern mit Venezuelas Erdoel ertauscht, fallen die oeffentlichen Schulen immer noch auseinander und die Armut besteht weiterhin. Doch Viele jubeln. Vor allem jubelt natuerlich die Unterschicht, die sich Hilfe und Aufmerksamkeit erhofft. Die Mittelschicht ist im Allgemeinen gegen Chavez. Obwohl es gerade unter Jugendlichen einige gibt, die sich chavista nennen. Aber, naja, die, die ich von denen kennengelernt habe, haben eigentlich gar keine Ahnung. Und es gibt halt die Chavistas in der Mittelschicht die reich geworden sind. Alles ist ja auch nicht schlecht, manche Projekte scheinen gut und einige Gedanken sind interessant. Aber was Venezuela meiner Meinung nach jetzt braucht, ist ein Staatschef, der aus Venezuela das rausholt, was in diesem Land steckt. Denn Venezuela ist ein Land, das alles hat: Alle moeglichen Ressourcen die man sich vorstellen kann, von schwarzem bis zu echtem Gold. Venezuela hat weiter fast einzigartige Landschaften: Traumstraende ueber Traumstraende, den hoechsten Wasserfall der Welt, Wueste, Berge, sogar Schnee und Dschungel. Aber Tourismus gibt es wenig.
Durch den Abgang vieler Firmen, Geschaefte, ... verlieren andere ihre Arbeitsplaetze.
Die einen schimpfen Chavez also als einen korrupten und autoritaeren Diktator, die anderen preisen ihn als Sozialist des 21. Jahrhunderts.



Ich habe versucht, euch beide Seiten ein bisschen zu schildern. Ich bin immer begierig darauf, chavistas kennenzulernen, denn meine Familie ist anti - Chavez.
Es ist schwierig sich eine Meinung zu bilden, wenn man nicht weiss, was Propaganda, was Antipropaganda und was die Wahrheit ist. Aber ich glaube sagen zu koennen, dass ich nicht fuer Chavez stimmen wuerde.



Chavez Konkurent Manuel Rosales will "die von der Bolivarianischen Revolution angerichteten Schaeden" beheben, jedoch viele seiner Sozialprogramme behalten. Die Chavez - Gegner hoffen also auf die Wahlbeteiligung der vielen Nicht - Chavistas, die nicht wissen , ob ihnen die Opposition so viel mehr bieten wird.
Atrevete (Trau dich!) heisst Rosales Wahlspruch. Mein Umfeld setzt also seine ganze Hoffnung auf ihn. Eine venezuelanische Freundin von mir soll zum Studieren naechstes Jahr ins Ausland gehen, wenn Chavez gewinnt. So geht es hier vielen Leuten (die mit Geld natuerlich). Denn das was bisher passiert ist, betrachtet Chavez als Beginn. Wenn er jetzt gewinnt, soll es erst richtig losgehen. Er hat Plaene und ist sich seiner Sache sicher. Und darum fuerchten die Menschen auch gleichzeitig den Sieg Rosales. Man hat Angst, dass Chavez die Abwahl nicht hinnehmen wuerde. Denn das ist es, was gefaehrlich werden koennte.


Darum kauft ganz Venezuela die Supermaerkte leer und deckt sich mit Kerzen ein. Es waere ja nicht das erste mal in meiner Zeit hier, dass man ohne Licht dasitzten wuerde. Die Elektrizitaet ist schnell gekappt und sowieso, Chavez hat ja schon einiges in seiner Hand. Schon schreit die Opposition "manipulacion" (der Wahlmaschienen).

Warscheinlich ist allerdings, dass Chavez gewinnt, ein paar Rosales - Anhaenger in Caracas demonstrieren werden und alles ruhig seinen sozialistischen Lauf nimmt."




Meine Lieblingsstadt-> Mérida

Mérida liegt in den Anden, 12 Stunden mit dem Auto weg von Caracas. 250.000 Menschen leben dort- wie in Karlsruhe. An Weihnachten war ich mit meiner Familie dort um den Rest der Familie zu besuchen. Ganz abgesehen davon,dass die ganze Familie einfach toll ist, Merida hat mir die Sprache verschlagen. Von den Anden umgeben liegt auch Mérida in einem Tal. Das Klima ist frisch, und die Stadt erinnert mich an Karlsruhe, meine geliebte Heimat. Vielleicht hat sie mich deswegen auch so gefesselt. Kleine schöne Häuschen rund herum in den Bergen, die Innenstadt hat schöne Plätze, Kirchen und Grün zu bieten. Die Kinder sprechen ihre Eltern mit „usted“ („Sie“) an und der Akzent ähnelt dem in Kolumbien. Die Menschen, die dort wohnen werden Gochos genannt (die Jungs dort sind bekanntlicherweise sehr hübsch). Es gibt einen riesigen Markt in der Innenstadt, in der es richtig heiss ist um die Mittagszeit. Auf dem Markt kauft man Früchte, turmhoch aufgestapelt, Kleider, tonnenweise Süssigkeite, die man noch nie zuvor gesehen hat und Essen an Essenständen, die zum Frühstück Arepas aus den Andern und frischgepressten Passionsfruchtsaft verkaufen. Es gibt Stände mit typischen Gegensteänden aus Venezuela, wie zum Beispiel „el Quatro“, das ist eine Gitarre mit 4 Saiten. Mérida besitzt die höchste Seilbahn der Welt und den Eisladen mit den meisten Geschmacksrichtungen der Welt. Dort isst man dann Eissorten wie Avocado, Bier, frische Forelle, Knoblauch oder Spaghetti. Ich habe mich wohlgefühlt dort- und in einer Woche werde ich dorthin zurückkehren.

Man muss ein kurzes neues Kapitel über die Jungs hier aufmachen, denn ich habe hier einiges über männliche Latinowesen gelernt. Hier läuft das alles etwas anders. Das Latino Klischee stimmt leider. Auf der Strasse, immer wenn ich nach Hause laufe, ernte ich im Durchschnitt 5 verschiedene Pfiffe oder sogar Gehupe. Wenn man zum Party machen in eine Disco geht muss man aufpassen, nicht abgeknutscht zu werden bei Reggaetontönen, zu denen man sich bewegt, als hätte man Sex mit Kleidern. Man muss eigentlich nur eins über die Jungs hier wissen: traue ihnen nicht, denn sie lügen. Egal ob es um „ Ich mag dich total“ oder „Machen wir morgen was zusammen, ich ruf dich an“ geht. Immer muss man mit Lügen rechnen. Das hat aber den Vorteil, dass man selbst auch nicht dazu gezwungen ist die Wahrheit zu sagen. Da bin ich froh, dass ich meine Familie hier nicht gründen muss, auch wenn ich mir liebend gerne nen Schwarzen Kerl mit schwarzen Haaren und Augen angeln würde. Auf jeden Fall scheint Ehrlichkeit keine Vorraussetzunge in einer Beziehung zu sein.

Was mir noch aufgefallen ist, ist,dass die Leute hier viel mehr wissen über die Welt als wir in Europa. In jedem Einkaufszentrum begegnen mir mehrere Leute mit Deutschland T-Shirts. Die Leute, die Geld haben, haben mehr von Europa gesehen als wir und haben ein besseres erdkundliches Wissen als ich. Im Gegensatz zu uns, die mit viel Gkück noch wissen, wo Brasilien liegt, wissen sie Bescheid über Italien, Spanien, Frankrich und vor Allem über Deutschland. Jeder Dritte spricht mich darauf an, ob ich ihn aufs Oktoberfest mitnehmen könne. Ich bin platt.

Mein Austauschjahr ist eine riesen Erfahrung. Ich lerne hier so viel über die Kultur hier, die Menschen, lerne viel über mich selbst, lerne eine total neue Sprache und bin fasziniert, wenn ich feststelle nicht mehr in Deutsch zu denken. Auch wenn ich mir mein Leben in Venezuela anders vorgestellt habe, merke ich, wie mein zweites Zuhause in meinem Kopf Gestalt annimmt. Die Menschen um mich herum sind mir nach 5 Monaten schon so vertraut und nicht mehr wegzudenken. Wenn ich die Stadt sehe, sie Hügel dahinter, die Sonne, die Wolken fühle ich mich wohl und daheim. Ich strecke meinen Kopf aus dem Autofenster und atme die süsse venezuelanische Luft ein und mich trifft das Gefühl, das alles irgedwann nicht mehr sehen zu können wie ein Stich. Venezuela- hier werde ich mein Herz lassen! Noch 6 Monate lang werde ich hier Abenteuer und schöne Stunden hier erleben können.
Lernt die Welt kennen!
Kommt aus euren Löchern rausgekrochen und lernt das Reisen lieben!


Tags: Auslandsstudium
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Kommentare

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    Eine sehr schöne, wenn auch konkurrenzlos lange Beschreibung des Landes. Aber das ist angesichts der Vielfalt wohl angemessen. Ich selbst war einen Monat in Venezuela und muss festellen, dass sich unsere Erfahrungen größtenteils decken. Zumindest was das Land angeht. In politischen Fragen, würde ich eindeutiger werden. Denn wenn Chavez mit Venezuela fertig ist, ist nicht mehr viel übrig von dem Land, das uns offensichtlich beiden ganz gut gefällt.
    Also Danke für den Text, ich hab ihn sehr genossen: Empfehlung

    10.09.2007, 15:52 von s.i.d.
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