Unterwegs...
Der Regen peitschte gegen die Scheibe, als wir um die Kurve beim alten Kino fuhren. Das Foyer schien nicht mehr erleuchtet...
...nur die blättrig blauen Lettern der Reklametafel über dem Eingang spiegelten sich im nassen Asphalt. Ein junges Pärchen kam aus der Tür, innig umschlungen. Vermutlich waren sie noch länger im Saal geblieben, aneinander gekuschelt, in die rot gepolsterten Sitze gedrückt, die kantigen Lehnen in den Hüften, aber keinen Schmerz spürend.
„Was für ein Sauwetter heute, was?“
„Hm“ nickte ich, doch mein Blick haftete noch immer am schrumpfenden Kino hinter dem Fenster.
„Naja, was will man machen. Heute Regen, morgen Sonne. Da steckt man nicht drin. Ich hab bei dem launischen Wetter vorsichtshalber immer einen Schirm dabei, wenn ich raus gehe. Kann ich Ihnen auch nur raten. Aber morgen soll es ja wieder schöner werden, sagt der Wetterbericht.“
„Sie sind ja prächtig informiert, was? Und das, obwohl Sie den ganzen Tag in diesem Ding hier hocken müssen?“
„Tja, wissen Sie, wenn man wie ich über 30 Jahre lang Taxi fährt, dann weiß man mit der Zeit, ob es morgen regnerisch oder stürmisch oder eben ob mal heiter bis wolkig wird. Wahrscheinlich sogar noch früher als der Wettergott.“ Noch während des Satzes plusterten sich seine ohnehin schon dicken Backen auf, er prustete los, musste zweimal aus Leibeskräften husten, fing sich aber schnell wieder und zwinkerte mir im Rückspiegel über seine halb von der Nasenspitze zu fallen scheinende Sonnenbrille immer noch fett grinsend zu. Ich zwang mir ein müdes Lächeln ab und nestelte in meiner Westentasche nach den Gauloises: „Ich darf doch hier drin rauchen, oder?“
„Klar, aber kurbeln Sie bitte das Fenster ein Stückchen runter, mir reichen zum Taxi fahren schon die geteerten Straßen, wobei die bei dieser Nässe genauso gefährlich sein können wie ihre Lungen.“ Ich schaute erwartungsvoll in den Rückspiegel, wartete jedoch vergebens auf einen erneuten Lachanfall und so kurbelte ich das Fenster wie gewünscht einen Spalt herunter.
„Eigentlich wollte ich ja schon längst mal damit aufgehört haben, aber..“
„Wissen Sie, ich für meine Fälle habe noch nie in meinem Leben auch nur einen Zug von diesem Teufelszeug genommen und wissen Sie auch warum?“
„Hm, vermutlich, weil Sie vernünftiger sind als ich?“ antwortete ich mürrisch und stieß einen Schwall Rauch aus dem Fenster in den Abendregen hinaus.
„Genau, weil ich vernünftig bin. Angenommen ich greife heute zur Zigarette, aus welchen Gründen auch immer, dann kann es morgen oder übermorgen, wenn ich es nicht mehr will, schon zu spät sein. Machen Sie sich darüber keine Gedanken?“
Ich schaute aus dem Fenster und sah meine alte Schule hinter einem großen dunklen Baugerüst in der Ferne verschwinden. Es hatte sich so viel verändert seit damals, als wir noch mit den Jungs heimlich hinter dem kleinen Spielplatz geraucht haben, anfangs nur aus Neugier, später dann eher um die Mädchen der Klasse zu beeindrucken. Der Spielplatz musste mittlerweile einem größeren Lehrerparkplatz weichen und auch die Frauen reagieren nicht mehr so bewundernd auf Raucher wie noch zu Schulzeiten. Das Einzige, was sich nicht verändert hat, waren die Gauloises, die schmeckten immer noch genauso wie vor 20 Jahren. Zumindest kam mir das in diesem Moment so vor. Ich stieß gedankenverloren eine weitere große Rauchschwade aus und sah ihr nach, wie sie sich zuerst langsam, dann jedoch rasant durch den Zugwind in der Dunkelheit verlor.
„Hallo, leben Sie noch?“ riss der Fahrer mich grinsend aus meinen Gedanken und ich merkte, dass er noch immer auf eine Antwort zu warten schien.
„Hm, eigentlich nicht.“
Er schien etwas enttäuscht, weil er sich vermutlich gerne weiter über die Nachteile des Rauchens ausgelassen hätte. „Haben Sie was dagegen, wenn ich das Radio anmache?“ wich er stattdessen aus.
„Das kommt ganz auf die Musik an“ scherzte ich, doch der Fahrer hatte bereits den Finger am Knopf und suchte, bis schließlich nach einigen Minuten Rauschen Lookin’ Out My Back Door von C.C.R. aus den Boxen schallte.
„Ist das was für Sie? Dürfte doch ihre Generation sein, oder?“ fragte er und musterte mich dabei ausgiebig im Rückspiegel. Natürlich war das was für mich, die 70er waren in meinen Ohren das einzige Musikjahrzehnt, in dem noch wirklich ehrliche Musik gemacht wurde und außerdem bestand auch der Großteil meiner Sammlung nur aus Platten meiner Jugendzeit. Doch weil ich ihm die Genugtuung, mich schon nach wenigen Minuten Fahrt derart durchschaut zu haben, nicht zugestehen wollte, antwortete ich nur mit einem leicht teilnahmslosen „Joa, das lässt sich schon hören.“
„Diese ganze alte Musik, das kommt alles wieder, die Musikbranche verwertet die ganzen Jahrzehnte noch mal, sag ich Ihnen. Und nicht nur das, mit der Musik wird auch gleich noch die ganze Mode, Kunst und alles andere aus den Jahren wiederbelebt. In Zukunft sind Sie wahrscheinlich sogar mit diesem Sakko noch mal modern.“ Er konnte sein verschmitztes Grinsen nicht unterdrücken und zog die Augenbrauen entschuldigend hoch, als fürchtete er einen Angriff auf sein eigenes Outfit. Aber da gab es nicht viel zu kritisieren, er war komplett in Schwarz gekleidet. Schlicht, unauffällig, zeitlos. Eine Mode, die vermutlich noch in hundert Jahren unangreifbar sein würde.
„Ist ein Erbstück von meinem Vater.“ entschuldigte ich mein allzu grell kariertes Sakko. Eigentlich gefiel es mir ja selbst nicht so richtig, aber es hingen viele Erinnerungen daran, die mir zu wichtig waren, um sie einfach im Schrank verstauben zu lassen.
„Um Himmels Willen, wie ich diesen Song hasse“ krächzte der Fahrer vorne und erst jetzt bemerkte ich, dass anstelle von C.C.R. nun Opus im Radio liefen und ihr unerträgliches Live is Life aus den Lautsprechern spieen. Noch bevor ich etwas erwidern konnte, hatte der Fahrer dem Spuk allerdings ein Ende gemacht und das Radio wieder abgestellt. Es war nun für einige Minuten sehr ruhig im Taxi und der Wagen fuhr, nur vom Trommeln des schwächer werdenden Regens begleitet, am Stadtpark vorm Historischen Museum vorbei, geradewegs auf die Waldallee in Richtung Westbahnhof. Anstatt jedoch wie gewöhnlich weiter auf der Straße zu bleiben, bog der Fahrer nach einigen Minuten abrupt rechts auf eine kleine, schwach beleuchtete Landstraße ab.
„Hey, wo fahren Sie denn lang?“ entglitt es mir.
„Tut mir leid, mein Navigationsgerät hat mir diese Route hier empfohlen. Vielleicht ist auf der Straße drüben irgendein Stau oder ne Sperrung oder so was. Das Ding hier hat bis jetzt noch immer den schnellsten Weg gefunden und das dürfte doch auch in ihrem Sinne sein, oder? Zumindest in dem ihres Geldbeutels.“ Seine gelblichen Zähne blitzten wieder im Rhythmus des schnaubend grinsenden Lachanfalls hervor und er musste sich sogar kurzzeitig nach Atem ringend am Lenkrad festhalten, um nicht in Ohnmacht zu fallen.
„Seltsamer Typ“, dachte ich, „aber irgendwie keiner von denen, die einen übers Ohr hauen würden.“ Meine Miene hellte sich wieder etwas auf und das schien auch den Fahrer zufrieden zu stellen. Ich schaute nach draußen und sah die beleuchteten Fenster der Häuser, die nach und nach immer spärlicher an mir vorbeizogen, bis mich schließlich ein dumpfes, wogendes Schwarz umhüllte.
„Hey! Hey Sie. Wachen Sie auf!“ Jemand zerrte mich am Ärmel. Ich öffnete die Augen. Das Trommeln des Regens hatte aufgehört, ich schien eine ganze Weile geschlafen zu haben. Draußen sah ich nichts, die Scheiben waren beschlagen. Der Fahrer beugte sich verschwitzt nach hinten und flüsterte mir zu: „Komisch. Das Ding zeigt an wir sind schon angekommen, aber ich seh’ hier weit und breit keinen Bahnhof.“
Ich rutschte zur Scheibe und wischte zweimal kräftig mit dem Sakkoärmel darüber, bis ich im fahlen Laternenschimmer hinter einer Reihe kleinerer Sträucher zwei aufgetürmte Erdhaufen erahnen konnte. Die Erde musste noch recht frisch sein, denn aus beiden ragte noch der dunkle Umriss einer Schaufel in den Nachthimmel.
„Oh mein Gott!“, der Fahrer sah mich mit weit aufgerissenen Augen entsetzt an.
„Schauen Sie mal wo wir sind.“
Ich beugte mich nach vorne, sah in einigen Metern Entfernung ein altes Holzschild, kniff die Augen zusammen und entzifferte mit eisigem Schauern: Alter Friedhof.






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