Und einmal, im Ferienlager ...
... da habe ich einen halben Zahn, die Beherrschung und eine Menge Illusionen verloren.
Als ich 13 war, lernte ich den Unterschied zwischen Theorie und Praxis kennen, ich lernte, dass es Dinge im Leben gibt, die sich so gut anhören, dass man glaubt, sie würden eine Menge Spaß, schöne Erinnerungen und Lachfalten bringen, und dass sie sich dann als ein ungeplanter Ausflug in die Hölle entpuppen. Ich fand mich in den Fängen von skrupellosen Kinderhassern wieder und wurde vom Heimweh gewürgt. Ich hungerte tagelang und schlief in keiner einzigen Nacht mehr als vier Stunden. Man könnte auch sagen: Als ich 13 war, fuhr ich in ein Ferienlager.
Wie es mit allen Albträumen ist, fing auch dieser so schön harmlos an. Unsere Eltern planten einen kinderlosen Segeltörn mit Freunden – und der „Ferienbungalow auf der wunderschönen Nordseeinsel Sylt“ klang nach dem perfekten Ort, an den mein Bruder und ich gefahrlos abgeschoben werden konnten. Es waren „ja nur zwei Wochen“. Niemand konnte ahnen, dass das 14 Tage, 336 Stunden und 20.160 Minuten voller Roter Grütze, Dale a tu cuerpo alegria Macarena, Sturmböen und verfaulten Quallen sein würden. Denn plötzlich wurde aus dem „Ferienbungalow auf der wunderschönen Nordseeinsel Sylt“ ein „Sturmzelt auf der kleinen, aber feinen Nachbarinsel Föhr“. Ich war 13, mein Bruder war 10. Wir wussten nicht, dass ein Sturmzelt ein Zelt ist, das man jede Nacht bei Sturm festhalten muss, damit es nicht wegfliegt.
Den ersten Reisestopp legten wir nach einer ganzen Nacht Zugfahrt am Hauptbahnhof Hamburg ein, und dort auf der Toilette sah ich meinen ersten halbtoten Fixer mit lilafarbenen Nadeleinstichen. Mir hätte da schon klar sein müssen, dass das nichts anderes sein konnte als ein böses Omen. Die Fähre brachte uns auf die Insel Föhr – und wir strandeten mitten im Nichts. Auf einem riesigen Feld hinter den Dünen standen verloren zehn weiße Sturmzelte, in der Mitte eine halb verfallene Holzbaracke, in der sich die verrosteten Sanitäranlagen befanden, die wir von Tag eins an selbst reinigen durften. Mit einer Art Hochdruckreiniger, der so stark war, dass das daran hängende Kind wegen der Wucht des Wasserstrahls praktisch hilflos in der Luft hing.
Willkommen im Survivalcamp.
Wir breiteten unsere Schlafsäcke auf den steinharten Holzpaletten aus, die uns als Unterlage dienten, mein Bruder durfte nicht neben mir schlafen, denn Mädchen und Jungs mussten getrennt sein. Alle Mädchen in meinem Zelt hatten Ausschlag. Sie waren übersät von roten, juckenden Bläschen, von Neurodermitis-Flecken und Schuppenflechte. Die Luft an der Nordsee ist gut für Hautkrankheiten. Und Luft gab es genügend – sie pfiff beim Zelt herein, rüttelte, beutelte daran, zischte und wehte in alle Ecken, sodass an Schlaf kaum zu denken war. Wir hatten Angst, uns würde alles um die Ohren fliegen, Zeltstangen, Haken, und die schwere weiße Plane würde uns unter sich begraben, aus die Maus. Als ich endlich in einen Dämmerzustand der absoluten Erschöpfung fiel, knallte es aus den Lautsprechern quer über den ganzen Platz, DALE A TU CUERPO ALEGRIA MACARENA, ja, es war 1996, es war 6 Uhr morgens und ich wollte sterben.
Etwa 20 Kinder waren mit mir auf diese Gefängnisinsel, umgeben von unüberwindbaren Mengen an Wasser, verfrachtet worden, und unsere drei sadistischen Betreuer waren Studenten Anfang zwanzig, denen es gefiel, eine Ferienlagerdiktatur einzurichten. Woher unser Essen kam, konnten wir nicht ergründen, es tauchte sehr unvermittelt auf und war gelinde gesagt widerlich. Zum Frühstück, zum Mittagessen und zum Abendessen gab es immer Rote Grütze – morgens zum blassen Butterbrot, mittags zu den zerkochten Nudeln, abends zum ungewürzten Salat. Und ich verabscheue Rote Grütze. Ich will sie nicht sehen, nicht riechen, nicht essen.
Ich mag das nicht, sagte ich am dritten Tag, als mir einer der Nazi-Betreuer schon wieder eine Schüssel mit wabbernder roter Kotze vor die Nase stellte.
Wenn du es nicht isst, bekommst du gar nichts mehr, sagte er.
Einem Widder-Kind auf diese Weise den Krieg zu erklären, ist nie eine gute Idee, denn ich stürzte mich mit Vorliebe in kleine Machtkämpfe, um meine Sturheit zu beweisen. Also hörte ich auf zu essen.
Nach der zweiten Nacht fühlte ich mich dann doch ein bisschen schwach. Meine Fingernägel waren, als ich morgens aufwachte, weil DALE A TU CUERPO ALEGRIA MACARENA in Flugzeugstartlautstärke über das Feld dröhnte, ganz verkrustet, ich hatte mir die Kopfhaut blutig gekratzt. Aber ich würde nicht nachgeben.
Doch sie waren stärker, klüger und perfider als ich.
Wenn du nichts isst, stecken wir dich ins Krankenhaus, wo du zwangsernährt wirst, sagten sie.
Ich reckte trotzig das Kinn.
Und dein Bruder muss allein hier bleiben, sagten sie.
Von da an aß ich jeden Tag Rote Grütze. Drei Mal am Tag. Neun Tage lang.
Tagsüber versuchten wir manchmal, zu schwimmen. Wenn das Meer gerade da war – denn für elendslange Stunden zog es sich in die Ebbe zurück und hinterließ ein kilometerlanges Watt voller stinkender, verendender Quallen – schwappte es uns salzig ins Gesicht und legte seinen fauligen Geruch auf unsere Haut. Bei den Ausschlag-Mädels konnte ich keine Besserung erkennen. So ließen wir die Tage träge vorbeiziehen, stumm saßen wir am Strand, gähnten und blätterten in Büchern, zum Reden fehlte uns die Energie, zu unternehmen gab es nichts.
Abends zwangen uns die Sadisten-Studenten zu demütigenden Spielen, zwei Kinder mussten jeweils gegeneinander antreten und eine Aufgabe bewältigen, die sich die Guantánamo-Campleiter ausgedacht hatten. Ich sollte mich bis auf den Bikini ausziehen, in der Dunkelheit an den Strand rennen, mich nass machen und so viel Sand auf meinem Körper verteilen wie möglich. Wer mit mehr Sand auf der nackten Haut zurückkehrte, gewann.
Hättest du größere Titten, hättest du gewonnen, sagte einer der Folterknechte.
Ich wünschte mir eine Kalaschnikow.
Dann erzählten sie uns die Geschichte vom Kinderräuber Ole, der – gekleidet in eine gelbe Öljacke und hohe schwarze Gummistiefel – Nacht für Nacht seine Runden drehte, sich zwei Kinder unter die Arme klemmte und sie mit hinaus nahm ins Watt, auf dass sie bei Flut jämmerlich ertranken. Natürlich vermuteten wir, dass es nur einer von ihnen war, der – gekleidet in eine gelbe Öljacke und hohe schwarze Gummistiefel – später um die Zelte schlich und unsere Namen wimmerte, herzanhaltende Panikattacken bekamen wir trotzdem.
Kurz vor Ende der Reise – und es erschien mir wie eine Gnade Gottes, dass sie ein Ende haben würde – hörte ich nach dem üblichen Weckruf DALE A TU CUERPO ALEGRIA MACARENA lautes Geschrei aus dem Nachbarzelt, sie ärgerten meinen Bruder, zogen ihm immer wieder die Unterhose runter, ich warf mich mit explodierender Wut ins Getümmel. Wir fielen alle übereinander her wie Aasgeier über ein totes Schaf, wir prügelten, strampelten, wir schrien und spuckten, wir ließen den Frust über die schlimmsten Ferien unseres Lebens aneinander aus und verwandelten uns in eine Meute unkontrollierbarer, von Ausschlag übersäter, aufgebrachter Kinder mit einem Rote-Grütze-Zuckerschock. Dann bekam ich einen Fußtritt mitten ins Gesicht, mein halber Zahn brach ab, ich verschluckte ihn und lag benommen auf dem Boden, ausgeknockt.
Als ich mich am nächsten Tag an meine Mutter klammerte wie ein Ertrinkender an eine Boje, hatte ich aufgeplatzte, blau geschwollene Lippen vom handfesten Kampf, Schwielen zwischen den Fingern vom Schrubben des Barackenbodens, kahle, aufgekratzte Stellen an der Kopfhaut, 27 Kilo Rote Grütze im Magen und den Ohrwurm meines Lebens.
Die Kindercamp-Organisation wurde wenige Monate später aufgelöst.






Kommentare
Wie gut das ich das jetzt erst gelesen habe, nach meinem ersten Ferienlager....
13.09.2010, 01:41 von aN.KaBei mir war es super :D
1996 war ich auch in einem Ferienlager.
20.01.2010, 08:52 von farmerjungeDer Song Macarena wurde da ach fuer alles benutzt. Zur Bestrafung musste man vor allen dazu Tanzen, als aufruf zu den Treffen oder einfach so.
die kathegorie 'krieg und militär' find ich sehr passend ;)
18.08.2009, 10:40 von trashtunteOh wie furchtbar. Erinnert mich an einen Reiterferienurlaub, in den ich (12) mit jüngerem Bruder (7) und jüngerer Freundin (9) fuhr. Mangelnde Betreuung, schlechtes Essen und anderes führten bei einem anderen Kind zum Verlust dreier Finger.. wir wurden dann früher als geplant wieder abgeholt. Zum Glück.
14.08.2009, 18:28 von pirlieGut geschrieben!