abstorz 18.01.2007, 18:25 Uhr 9 5

"Um Stansted herum ist nichts"

Nichts gibt es nicht, denke ich mir. Und laufe einfach los. Von uralten Höfen und einer vergessenen Welt, im Schatten des größten Billigflughafens.

Meine feuchte Hose dampft in der Sonne, an meiner rechten Hand klebt Dreck und Blut, meine linke hält ein Salamibrot. Dies mag sich ein wenig kurios anhören, lässt sich jedoch erklären.

Heute Morgen hat mich Trondheim mit dem ersten Schneefall im Dezember verabschiedet. Abflug in Norwegen um 8 Uhr, wie die gesamten letzten Wochen ist es stockdunkel. Wenig Licht habe ich in der letzten Zeit gesehen, und so freue ich mich auf die kleine Auszeit. Im Anflug auf Stansted meint der Pilot, dass es bei der Ankunft sehr schönes Wetter geben soll. Zehn Stunden Aufenthalt und ein noch nicht ganz verarbeiteter Rausch vom Vorabend geben den Ausschlag, bei strahlend blauem Himmel ein bisschen Frischluft zu schnappen. „Um Stansted herum gibt es überhaupt gar nichts“ wurde mir am Vortag noch erzählt. Das wird sich schon zeigen, denke ich. Also wechsle ich die Schuhe, schultere meinen Rucksack und es geht los. Abenteuer Stansted, Großbritannien.

Das Erste was ich feststellen muss ist, dass die Erbauer des Flughafens vergessen zu haben scheinen, dass Menschen auch auf zwei Beinen laufen können. Durch Gestrüpp und Sumpf schlage ich mich gen Osten. Hier sah es ganz schön aus, vom Flugzeug aus. Recht schnell gelange ich zu Ackerland und folge mehr schlecht als recht irgendwelchen Wegen. Viele verlieren sich unterwegs, was das Überspringen von Bächen und Gräben nach sich zieht. Bei einem bleibe ich an einem Stacheldraht hängen und fliege direkt in die Wasserlache, meine Hände erreichen gerade noch das Dornengestrüpp am anderen Ufer. Blutend und nass bahne ich mir meinen Weg, der aufgeweichte Winterboden macht es nicht leichter.

Doch die Entschädigung kommt schnell: Plötzlich stehe ich vor einem Haus, mit dem ich hier nicht gerechnet hätte. Es hätte auch direkt aus einer Asterix und Obelix-Geschichte genommen worden sein. In die weißen Wände sind kleine hölzerne Fenster eingelassen, ein dickes Strohdach bedeckt das Haus. Es ist die Bauart, die in der Region lange verbreitet war. Aber heute hat sie Museumswert.
Ich stehe lange am Tor und überlege, ob ich einen näheren Blick wagen soll. Das Tor ist provisorisch mit Draht verschlossen, der Hof sieht ein bisschen heruntergekommen aus. Gut möglich, dass hier niemand mehr wohnt. Ich löse den Draht und öffne das Tor.

Als ich kurz vor dem Haus stehe, höre ich eine Tür. Verdammt, doch bewohnt. Keinen Moment später steht eine Frau vor mir, die auf den ersten Moment auch gleich ein bisschen an Obelix erinnert. „Ein schönes Haus haben Sie hier!“, schießt es mir durch den Kopf und dann durch den Mund, und ich setze mein freundlichstes Gesicht auf. Zum Glück nimmt sie mein Eindringen gelassen und wir kommen ins Gespräch.

Sie erzählt, wie es ist, so nahe an einem der wichtigsten Billigfughäfens Europas zu wohnen. Seit zwanzig Jahren wohne sie hier, und inzwischen habe sie sich an den Lärm gewöhnt. Im Sekundentakt dröhnen Flugzeuge vorbei, ein konstant an- und abschwellender Lärm. Viele Familien ziehen natürlich weg, und inzwischen habe sie fast das gesamte umliegende Land aufgekauft. Für einen Spotpreis. Nur noch wenige harren hier aus, so wie diese Frau.

Das Haus passt nicht zum Dröhnen des Flughafens. Auf meine Frage, wie alt es ist, antwortet sie, es seien rund 300 Jahre. Aber Teile davon gehen zurück bis ins 11. Jahrhundert. Früher gab es in der Region viele dieser Häuser, aber sie verfallen und es werden immer weniger. Hier treffen zwei Welten aufeinander, die scheinbar gar nichts miteinander zu tun haben. Auf der einen Seite ein Flughafen, den täglich tausende von Menschen in fremde Länder befördert. Ein paar hundert Meter davon entfernt, wo sich im Jahr vielleicht zwei, drei Menschen hin verlieren, ein unbeachtetes Bauernhaus aus dem Mittelalter. Zeuge einer anderen Zeit.


Ich beschließe, dass ich die Frau lange genug aufgehalten habe, was auch immer sie gerade tut. Ich verabschiede mich und wandere weiter. Bei einem umgefallenen Baum mache ich Rast und lasse mich von der Sonne trocknen. Gleich werde ich mich auf den Rückweg machen. Angst, dass ich den Flughafen nicht mehr finden könnte, brauche ich mir nicht zu machen. Man kann ihn nicht überhören.

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    schöner Text, Stansted ist schon mit dem Auto recht weitläufig.
    Ich wohne gerade ca. 20 Meilen von Stansted. Hättest du es bis in die 'Stadt' geschafft, hättest du dort ein paar sehr gemütliche Pubs in eben jenem Baustiel vorgefunden. Allerdings dann besser gen Nordwesten aufmachen.
    Grüße von der Insel

    22.02.2007, 21:39 von cynan
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    Ja, Stansted, das ist schon eine reise Wert. Ich weiss noch, als ich vor ungefaehr vier Monaten das erste mal nach Stansted und wieder heimgefahren bin. Bei der Hinfahrt ist langsam die Sonne aufgegangen, und zwar auf meiner rechten Seite. Als ich keinen Plan hatte, wie ich vom Flughafen wieder heim komme, habe ich mich das erste Mal im Leben an der Natur orientiert, und wusste dann, dass ich richtig bin, als ich die Sonne auf meiner linken Seite hatte. Tja, haette ich nicht meine Freundin zum Flughafen gebracht, ich wuesste wohl heute noch nicht, wie die Natur einem bei der Orientierung nutzen kann.
    Aber auf jeden Fall ein sehr schoener Text!
    Liebe Gruesse, Julia

    11.02.2007, 23:13 von Wellenreiten
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    und noch was ist um Stansted herum, und zwar die höchste Dichte von Abtreibungskliniken in England... !Das erzählte mir eine irische Kollegin. Im katholischen Irland sind Abreibungen natürlich verboten und deshalb fliegen sehr viele ungewollt Schwangere 'mal eben rüber' nach Stansted mit einem Billigflieger...

    P.S. auch mir gefällt dieser Text gut!

    03.02.2007, 22:42 von Fuexa
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    Ja so ist es, das gute alte England. Wer schon öfter dort war, wird feststellen, dass es solche Gegensätzte in England oft gibt. Ich liebe dieses Land.

    Ein sehr toller Tex.
    Gruß
    Marli

    21.01.2007, 17:59 von marli
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    schönes thema!

    20.01.2007, 09:58 von schlupu
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    Aber den überfüllten Flughafen werde ich auch nie vergessen.

    20.01.2007, 09:43 von FraeuleinBonaparte
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    Ein sehr schöner Text. Es hat mich daran erinnert, wie bei mir in der berliner Gegend gegen den Ausbau des Großflughafens Schönefeld demonstriert und jahrelang geklagt wurde. Dabei verfällt einige Kilometer weiter der ehemals größte Militärflughaven Europas. Dort gibts auch kilometerweit nichts drumherum. Rostender Stacheldraht, Kasernenruinen, Bunker, munitions und atomar verseuchter Boden...und etwas weiter eine Stadt, die vom Alter mit Berlin mithalten kann...

    19.01.2007, 23:41 von bluros
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