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robert_suydam_reloaded 16.10.2017, 23:45 Uhr 4 5

totgeküsst & liegengelassen

...

weil im inneren deiner seefahrerseele der rum neben der bibel zu finden ist und das knochentrockene schießpulver als sanduhrdünen die letzte nachtkerze umruht; deshalb und aus einigen anderen, unbekannt gebliebenen gründen, hast du das küssen in der öffentlichkeit verboten.

man beugt sich befehlen. 
man hungert nach liebe. 
wem beugt sich der hunger, wenn die liebe befiehlt?

hungrig waren wir immerhin stets. 
zielsicher schnappten wir aneinander vorbei. 

keine wunde schmerzt furchtbarer als jene, die in die leere geschlagen wurde. lachend klafft sie dir entgegen; du fällst. 
hinter dem lachen steht ein küchentisch:

„lass uns etwas schönes tun.“, sagst du, “endlich wieder. es ist herbst, um gottes willen, schönster herbst, und wir vergeuden die goldenen tage und wälzen in finsterer nacht schwarze gedanken. hier auf diesem küchentisch ist zwischen rührei und parmesan die hinrichtungsstätte der uns bekannten welt errichtet. sieh nur, wie die köpfe unter dem eisenschlag fallen; dort liegen sie im korb der aufständischen und betrachten im letzten bild vor ihrem sterbenden blick eine fadenscheinige zukunft: 
was wäre, wenn? 
nichts. 
wenn was wäre! 
ja. 
was, wenn wäre? 
alles. 
wir sind würfelnde feiglinge, liebling. die wahrscheinlichkeit bricht uns die finger, bevor wir uns mit ihrer hilfe der strahlenden wahrheit sanft ruhender wangen im dunkel versichern können. deshalb lass uns endlich wieder etwas schönes tun. wir müssen die küche des todes dringend verlassen, aufbrechen, unsere worte aus dem gedankenblut heben und sie erneut auf uns selbst richten; hoffnungsvoll, liebevoll, zärtlich. 
es ist herbst. riechst du es nicht?“

niemand hört deine worte.
als du den blick hebst, sitzt ein cremefarbener kater auf dem spültisch und putzt sich das fell. er sieht dich kurz an. 
„ja, ja.“, sagt er leise, und haare kleben an seiner zunge dabei, „wir alle mauzen bei gelegenheit den mond an.“

auf dem weg von der brücke zur hoftür kannst du nicht länger widerstehen; nicht dir selbst, nicht der nacht, nicht diesem mund. du küsst ihn stürmisch, obwohl er doch brav hinter deinen grenzen das mönchlippensein übte. 
verwirrt lässt er es geschehen und beißt schließlich nur um so entschlossener um sich; seine tollwut zeichnet dein gesicht. 
blut tropft zu boden, schimmert sich schwarzsamten durch den schatten eines stechapfeljahres zu euren füßen. zwei samen trinken hastig vom lebenssaft, saugen sich voll, und wachsen schließlich getrennt in fremde jahre. 

„tja.“, sagt der alte kriminalpolizist später zu seinem entsetzten kollegen, „das sehe ich auch nicht jeden tag. hat den armen kerl einfach totgeküsst und liegengelassen.“
„werden wir sie fassen?“
„schwer zu sagen. vielleicht mit dem fahrrad. sie ist zwei und weiß es nicht. das könnten wir ausnutzen. ja, ich denke, mit dem fahrrad könnten wir sie vorsichtig von hinten überfahren.“   





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Kommentare

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  • 0

    Großartig!

    17.10.2017, 10:22 von riotsk
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  • 0

    Hab vorsichtshalber zu Ende gelesen, da mir der komplette Text gefällt.

    :)

    So, nun brauch ich Frühstück, hab Hunger!


    (menno, keiner zum totküssen da)

    17.10.2017, 08:42 von Fin_Fang_Foom
  • 2

    hab vorsichtshalber nicht zuende gelesen, da mir der erste Teil gefällt. 


    Eine Unart, die ich gelegentlich bei andern tadele. Eine zuweilen naive Hoffnung, dass gelungene Auftakte gelungene Abschlüsse finden, trägt mich nicht jeden Tag so in vollkommener Lust und Zuversicht, sie auch jeden Tag vorläufig abschließend prüfen zu wollen.

    vermessen, wer da denkt, "der Punkt" wäre der Tod am Ende eines Satzes. 


    Hunger beugt sich nie, aber seine Kompensationen.
    langsam, 
    gewöhnend
    zärtlich gewaltsam
    widerstandsbrechend 
    unmerklich
    aufmerksam vergessend
     
    Kompensation.
    Das "stattdessen".
    Die Not zur Tugend. 
    Im Umkehrschluss vergessen
    Die Fügsamkeit der Rebellion.
    Protest molekularer Massen, 
    Gravitation der Elementaren
    Zentrifugale des Lebens   
    schwarzes Loch der Lichter.

    Raum ist nicht Zeit
    Unendlichkeit dauert lange

    besonders zum Ende. 
        

    17.10.2017, 02:55 von schauby
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