Tod spricht
Töten ist keine schöne Arbeit, weißt du.
Er wandte sich mir halb zu, sodass ich sein Profil erkannte. Gesenkter Kopf, Wolkenhaare. Traurige Augen.
Es ist grausam. Es ist viel zu oft dreckig, blutig und noch
viel öfter durchtränkt mit Verzweiflung. Die meisten sträuben sich. Am
schlimmsten sind die, die davon überrascht werden. Schlaganfälle, Stürze. Mord.
Das sind die Schlimmen, weil sie es nicht haben kommen sehen. Sie sträuben sich
und fragen nach dem Warum. Aber ich kann ihnen nie eine Antwort geben. Wer weiß
warum manche vor ihrer Zeit gehen müssen? Vielleicht machen sie Platz für
andere. Oder sie fallen einfach nur der Schlechtigkeit ihrer Mitmenschen zum
Opfer. Vielleicht ist es Schicksal. Am Ende ist es sowieso egal. Am Ende kommen
sie alle in meine Arme. Und etwas dagegen tun, können sie sowieso nicht.
Nein, Töten ist keine schöne Arbeit.
Er seufzt.
Sterben hingegen, sterben lassen, das ist eine wahre Erholung. Die Menschen mit einem erfüllten Leben, die bereit sind für das Ende. Ich nehme sie mit mir. Die gebeutelten Seelen, denen nichts mehr bleibt auf dieser Welt. Die Hilflosen, deren einzige Hilfe ich noch bin. Die starken Seelen, die mich wie eine Art Paketzusteller betrachten, auf dem Weg zum nächsten Leben, zur nächsten Station in ihrem Dasein. Sie alle nehme ich mit mir. Und auch die ganz Kleinen, die kaum etwas auf Erden erfahren haben. Die geben mir jedes Mal einen Stich ins Herz. Sie sind so voll von ungelebter Entdeckerfreude… Ich nehme sie an die Hand und zeige ihnen die Sterne, das freut sie immer.
Ein leises Lächeln stielt sich auf seine Lippen und er schaut mich fast entschuldigend an. Als würde er damit seine anderen Taten ausgleichen wollen. Ein bisschen Gerechtigkeit, wo doch das Leben schon nicht viel davon hergibt. Und der Tod erst recht nicht.
Sie sind die Einzigen, die das Lachen noch nicht verlernt haben, weißt du? Sie freuen sich über Alles. Das ist bei den Größeren fast nie so. Nur manchmal trifft man welche, die noch lachen können. Die leuchten, daran erkenne ich sie. Und was mich wundert, ist, dass es nicht einmal diejenigen sind, welche ein glückliches Leben im herkömmlichen Sinne hatten, sondern ganz oft die, welche auf Erden arm waren, krank oder alt. Sie haben viele geliebte Menschen verloren, aber sie wissen noch wie man liebt und das ist das Wichtigste.
Das sind die, die mir Kraft geben.
Er streckt sich, als wäre er gerade aufgestanden und legt den Arm um mich. Ich frage mich…
Du fragst dich, was ich jetzt mit dir vorhabe, nicht wahr? Viele fragen mich wo die Reise hingeht, aber das weiß ich nicht. Habe ich noch nie gewusst. Ich bin nur der Überbringer, der Zusteller, der Postbote. Was danach kommt ist mir nicht bekannt, was davor kommt nur allzu gut.
Er hebt mich hoch und setzt mich auf seine Schultern.
Na gut, dann wollen wir mal. Halt dich gut fest, die Reise
ist lang und für dich gibt es keine Sterne. Du leuchtest nämlich nicht. Du bist
dunkel und du bist still. Ich frage mich oft, ob solche wie du an andere Orte
kommen, als die Kleinen und die Leuchtenden. Nunja, du wirst es wohl erfahren.
Und dann wirst du dem Tod um eine Sicherheit voraus sein. Hat doch auch was,
nicht wahr?
Nicht wahr.





Kommentare
kennst du tod und tulpe? ein ganz hervorragendes kinder (?)buch
01.12.2012, 22:04 von ein_zipfelchen_zeit_in_der_tascheNein, leider nicht. Worum gehts?
02.12.2012, 23:02 von Lady_Hopezuerst dachte ich, es geht um massentierhaltung und hähnchenschlachterei.....
13.07.2012, 22:52 von Sarkastdann verengt sich alles, bis es an einem menschen endet ????
Es geht um den Tod. Zum Teil geht es für mich um die Frage, wer der Tod ist und was er fühlen würde, wäre er eine Person. Das Ganze 'gehört' aus der Sicht einer der Seelen, die der Tod 'einsammelt'.
13.07.2012, 23:05 von Lady_HopeDie Figur ist von Markus Zusaks "Bücherdiebin" inspiriert, falls dir das etwas sagt.
ich werde es mir vor dem hintergrund nochmal durchlesen.
14.07.2012, 00:28 von Sarkastund mir das buch besorgen :)
Lohnt sich auf jeden Fall. Also das Buch ;)
14.07.2012, 00:31 von Lady_Hopeauch für männer ? ;)
14.07.2012, 02:18 von SarkastAuf jeden Fall! :) Spielt zur Zeit des Nationalsozialismus und ist unglaublich schön geschrieben.
14.07.2012, 19:13 von Lady_Hopeich musste irgendwann an gevatter tod, von t. pratchett denken. fein geschrieben:)
05.07.2012, 22:27 von zehnmomenteIch auch. Dankesehr :)
05.07.2012, 22:30 von Lady_HopeIch ebenfalls!
17.08.2012, 14:34 von Lia89Rendezvous mit Joe Black
Den hab ich noch nicht gesehen, wär mal ne Möglichkeit.
21.06.2012, 19:11 von Lady_HopeJeder weiß doch, dass Tod/Death ein Mädel ist....
10.06.2012, 14:24 von cosmokatzeAber meiner nicht, es heißt ja auch DER Tod, das wär doch auch zu verwirrend :D
10.06.2012, 15:53 von Lady_HopeIm Deutschen ist der Mond ja auch männlich und die Sonne weiblich, was beweist, wie dumm diese Sprache ist.
10.06.2012, 21:56 von cosmokatzeHaste auch wieder recht. Naja, in meiner Geschichte ist es auf jeden Fall ein männlicher Tod :)
10.06.2012, 22:41 von Lady_HopeIch muss sagen, die Inspiration zu einer Figur "Tod" kommt unter anderem auch von Terry Prattchets Büchern und Markus Zusaks "Bücherdiebin". Die sind auch männlich, daher kommts wahrscheinlich ;)
Mir fehlen Binky und der Rattentod. ;)
10.06.2012, 13:26 von LunasolDas ist ja ein Gespräch unter vier Augen. Das treue Pferdchen steht am Rand und ruht sich aus. ;) Und der Rattentod macht bestimmt irgendwas, was Rattentode nunmal so machen.
10.06.2012, 15:52 von Lady_Hope