King-Lube-III 20.07.2010, 11:42 Uhr 19 26

Sonntagssommersonnenbad

Manchmal verpasst man die Einfachheit der Momente.

* Am Strand. Du liegst auf dem Bauch, den Kopf auf deine verschränkten Armen gestützt, die Augen geschlossen. Vermutlich träumst du. Ich sitze neben dir und lese. Zuerst wollte ich dir etwas vorlesen, aber du hast nur kurz gebrummt. Du willst lieber träumen, als meinem Dialog aus dem Buch zu lauschen. Ich schaue über den Rand, tippe dich kurz mit einem Finger an: »Nennt man das nicht, ähm, Cellulitis?«
Du schnellst hoch und versuchst mich in die Seiten zu zwicken. Ich weiche vor dir zurück und schreie belustigt: »Hör auf!« - »Du Ekel!«
Ich lache. Du lachst. Es ist Sommer, endlich Sommer, endlich Sonne, endlich ein wohltuendes Bad der Sinne. Ich weiß, was du empfindest. Du fühlst dich unendlich weit und frei und ich fühle mich wie der Weihnachtsmann, weil ich dir diesen Tag geschenkt habe.

Dann legst du dich wieder hin, nicht ohne mir vorher noch einen „bösen Blick“ zuzuwerfen. Ich mag deinen „bösen Blick“, es ist der zärtlichste „böse Blick“, den ich kenne. Ich blicke zurück auf meine Zeilen. Es ist ein albernes Buch, genau das Richtige für diesen albernen Tag, für diesen Tag, den es nicht gibt. Nach einer Weile drehst du dich wieder fragend um und blinzelst mich an. In deinen Augen steht: »Was?« Neugierig bist du, aber du hast deine Chance vertan, dass ich dir vorlese. Ich ignoriere dich. Einen momentlang hältst du es aus, versuchst mit deinem bohrenden Blick den Buchdeckel in Flammen zu setzen, dann platzt es aus dir heraus: »Was ist denn so lustig?« - »Och, nichts.« antworte ich, mittlerweile schon eine Seite weiter. »Blödmann.«

Ein bunter Ball rollt mir zu Füßen und zwei Kinder trollen ihm laut lachend hinterher: »Tschuldigung!«. Sie greifen nach dem Wasserball und spielen grölend weiter. »Es wäre schön, wenn wir auch Kinder hätten.« - »Hm.« brummelst du zur Antwort. War das jetzt ein zustimmendes »Hm« oder ein überlegendes »Hm« oder ein skeptisches »Hm«? Du bist für mich noch immer voller Rätsel. Ich könnte einfach fragen, aber dann lese ich doch in meinem Buch weiter, weil es doch unser Tag ist, der eine Tag, den du mir geschenkt hast.

Ohne aufzublicken, sagst du: »Setz dich gerade hin, sonst bekommst du Streifen auf dem Bauch.« Ich strecke dir die Zunge raus, aber du siehst es nicht. Ich richte mich auf, mein Blick magnetisch an jede Zeile geheftet. Es ist ein heißer Tag. Der Erste und, wer weiß, vielleicht der Einzige in diesem Jahr. Die Hitze verlangt nach einer Abkühlung. Ich verspüre Lust das Meer zu spüren und sein Salz zu schmecken. »Schwimmen?«, frage ich dich.
»Nö.«
Als ich beginne umher zu laufen, stehst du auf und gehst langsam dem Wasser entgegen. Ich lege das Buch auf die Decke und folge dir. Du bemerkst mich und fängst an zu rennen. Ich höre dich vor Amüsement glucksen. »Na warte!«, drohe ich dir.

Auf der Hinreise hattest du mich gefragt, ob ich zaubern könne. Ich überlegte sehr lange. Was wolltest du von mir hören? Was hattest du mit dieser Frage bezweckt? Wolltest du mich auf die Probe stellen? Gab es überhaupt eine richtige oder falsche Antwort? Ich war ratlos und irgendwann kam der Zeitpunkt, dass die Frage soweit zurücklag, dass man sie nicht mehr beantworten konnte. Manchmal mache ich mir zu viele Gedanken und verpasse die Einfachheit der Momente.



Mit einem Hechtsprung stürzt du in die Fluten. Ich, außer Puste, hinterher. Ich tauche ab, tauche auf, suche dich über der flimmernden Wasseroberfläche. Versuche zu erraten, wo du auftauchen wirst, um dir hinterherzujagen. Die Zeit verstreicht. Ich schaue irritiert, dein Versteck zu finden. Ich stehe im Wasser, höre die lachenden Kinder, sehe die kreisenden Möwen, spüre den warmen Wind, rieche das Salz, schmecke jede endlos vorbeiziehende Sekunde, aber entdecke dich nicht. Dann gehe ich zurück an den Strand. In deinem Handtuch liegt noch dein Abdruck. Vorsichtig falte ich es zusammen und lege es zusammen in deine Strandtasche. Mein Buch obenauf.

Auf der Rückfahrt schaue ich auf den leeren Platz neben mir. Du bist für mich noch immer voller Rätsel. Dann flüster ich: »Danke für diesen schönen Tag. Und: Klar kann ich zaubern.«

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19 Antworten

Kommentare

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    irgendwie kommt mir das bekannt vor.
    außer dass der besagte jemand nicht weggezaubert wurde, sondern weg ist.
    und mich verletzt zurück gelassen hat.
    wunderschön zu lesen.
    ganz toll.
    hat mich nostalgisch gestimmt. und melancholisch.
    bravo.

    25.07.2010, 18:50 von MsLeigh
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    Schönschön, das Ende gibt der ganzen Geschichte den interessanten Schliff, der die gesamte Beziehung in ein anderes Licht stellt.

    22.07.2010, 14:10 von breitgefaechert
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    Oder eine Erinnerung?
    Zitat: "Ich mag deinen „bösen Blick“, es ist der zärtlichste „böse Blick“, den ich kenne."
    Also gibt/gab es diese Frau...?

    Zitat: "In deinem Handtuch liegt noch dein Abdruck. Vorsichtig falte ich es zusammen und lege es zusammen in deine Strandtasche. Mein Buch obenauf."

    Ihre Strandtasche, sein Buch...
    Sie hat sich von ihm getrennt - da er eine Lesejunkie ist...

    Ein literarischer Irrgarten. Oder ein abstraktes "Gemälde".

    22.07.2010, 11:46 von Jackie_Grey
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    Zitate: "...genau das Richtige für diesen albernen Tag, für diesen Tag, den es NICHT(!) gibt.
    "Versuche zu erraten, wo du auftauchen wirst, um dir hinterherzujagen."

    Ein Sonntagssommersonnenbad-Traum?

    Der Protagonist kann zaubern, ist Single mit leichtem Bauchansatz und sucht noch nach einer eigenwilligen Frau mit Cellulitis, die ihm nicht zuhören mag. Da sind seine Aussichten nicht schlecht, denn die gibt es wie Sand am Meer ;)

    Gekonnt und raffiniert geschrieben. Regt zum Nachdenken an. Trotz aller Raffinesse verstören mich solche Texte.




    22.07.2010, 11:08 von Jackie_Grey
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    Blöd.

    »Setz dich gerade hin, sonst bekommst du Streifen auf dem Bauch.«

    Ich mag ja diese besonders dämlichen Pärchensätze, die man anscheinend in der Illusion völliger "Normalheit" von sich gibt und denkt, das darf so.

    21.07.2010, 13:23 von frl_smilla
    • 0

      @frl_smilla das ist doch einfach nur eine demonstration der menschlichkeit. dass zwei personen nicht perfekt miteinander umgehen, weil es perfekt nicht gibt.

      oder kannst du für alle menschen auf dieser welt entscheiden, was sie dürfen und was nicht?

      21.07.2010, 13:30 von MisterGambit
    • 0

      @MisterGambit Nee, kann man nicht.

      Aber träumen darf man doch, odr?

      21.07.2010, 14:15 von sailor
    • 0

      @sailor Uhhh... nein, lieber nicht.
      Es gab (und gibt) schon genug Verrückte, die meinen sie sollten/dürfen/könnten allen Menschen vorschreiben was zu tun und zu lassen ist.

      21.07.2010, 14:22 von BrokenPige
    • 0

      @BrokenPige »Nee, kann man nicht.« ist eine ziemlich eindeutige Aussage, wie ich finde, odr?

      21.07.2010, 16:05 von sailor
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    Gänsehaut-Feeling...

    21.07.2010, 00:08 von entenbraten
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    »Schwimmen?«, frage ich dich.
    »Nö.«
    Als ich beginne umher zu laufen, stehst du auf und gehst langsam dem Wasser entgegen. Ich lege das Buch auf die Decke und folge dir.

    oder

    weil ich dir diesen Tag geschenkt habe.....der eine Tag, den du mir geschenkt hast.

    Sie ist allein dort, ständig wechselt die Ich-Perspektive. Es geht immer nur um eine Person.
    Schön geschrieben, haut mich aber nicht unbedingt vom hocker.

    20.07.2010, 23:17 von cityandcolour
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    vielleicht war sie flüchtig

    vielleicht war sie eine sehnsucht

    vielleicht gehörte sie einfach zu den frauen, die nicht greifbar sind

    20.07.2010, 18:05 von Sumaikas_Erben
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