stereoG 12.06.2012, 14:57 Uhr 17 5

Push The Button

Ich glaube, dass ich im Grunde nur Gutes tun wollte für die Welt um mich herum. Das war aus zweierlei Gründen nicht möglich...

Er saß in einer Höhle, die von einem kleinen Feuer zu seinen Füssen flackernd erleuchtet wurde, während draußen Donner und Unwetter tosend durch die Nacht tobten, denn außerhalb des mäßigen Lichtkegel des Feuers lauerte nur Dunkelheit. Aber er verspürte keine Angst, denn er war ein Mann auf Mission. Und Männer auf Mission sind unaufhaltbar. Ihn umgab die düstere Aura des Einzelgängers, der schon zu lange nicht mehr in Kontakt mit der Zivilisation gekommen war; sein Gesicht war von Wind und Wetter gegerbt worden und Falten zogen tiefe Furchen auf seiner Stirn, als er mit prüfendem Blick eine Karte betrachtete.

Er hatte sie schon eine Ewigkeit nicht mehr angesehen und stellte resigniert fest, dass er kurz vor dem Ende seiner Mission stand, denn er hatte die vorletzte Etappe erledigt und nun blieb nur noch ein Ziel übrig, von dem er schon von vornherein geahnt hatte, dass es als Einziges in Frage kommen würde. Fast die gesamte Erde hatte er bereist, die Routen ausgewählt nach einer einfachen Frage, welcher Kulturstufe der Menschheit könnte es möglich gewesen sein, eine weltvernichtende Waffe zu entwickeln. Viele waren es nicht und so war er quer durch die Kordilleren gewandert. Ein hoffnungsvoller Tor, der an die Omnipotenz der Mayas, Inkas oder Azteken glaubte, aber außer eindrucksvollen Ruinen und brüchigen Gebirgspfaden nicht fündig wurde.

Danach suchte er vergebens in Nordamerika nach dem Roten Knopf, denn er hatte die Amerikaner für so größenwahnsinnig und waffentechnisch weit entwickelt gehalten, dass er fest darauf spekulierte, irgendwo in der Abgeschiedenheit der kanadischen Wälder und Tundren, das Versteck mit dem Roten Knopf zu finden, der die Welt mit einem Klick in der Evolution auf Anfang beförderte. Aber auch hier fand er - bis auf Einöde und Nichts – kaum etwas, das ihm irgendwie weiter helfen konnte. Er durchquerte den Orient, die Wüste Gobi und die begehbaren Regionen Asiens, schiffte sich durch die Inseln des Indischen und Pazifischen Ozeans, hatte sich durch große Teile Sibiriens gekämpft und geschlichen, doch war zwar vielerorts massig menschenfreie Wildnis, aber keine Waffe, um die Wildnis endgültig menschenfrei zu machen.

Von Beginn an hatte er geahnt, dass er sich nur auf die Russen verlassen konnte; die mussten in ihrem Kampf gegen die andere Welt irgendwo in ihrem weiten Land einen I-Win-Button platziert haben. Alle denkbaren Optionen und Regionen hatte er inspiziert, jetzt war er im Kaukasus gelandet. Der Ort, an dem Prometheus seine Qualen erlitt, weil er die Menschen befreien und zur Selbstbestimmung führen wollte, was den Göttern nicht passte. Er spürte, dass er ganz nah war. Auch er wollte befreien, war aber ein kein Menschenfreund wie Prometheus.

Die Menschheit hatte schließlich bewiesen, dass sie nicht frei leben wollte, also würde er ohne Gewissensbisse den Knopf drücken. In unzähligen Nächten oder Momenten, als er seine Mission und deren Umsetzungswahrscheinlichkeit hinterfragte, gab ihm die Vorstellungskraft nach dem Wie (würde die Welt untergehen) neue Motivation. Niemals aufgeben, immer wieder weitermachen, den inneren Schweinehund überwinden, Willensstärke zeigen; diese ganzen Floskeln der Leistungswelt erschienen ihm dann doch nicht mehr so gehaltlos wie früher. Und spätestens dann spukte die Vorstellung von der axe-Werbung in seinem Kopf hervor, die mit der Weltuntergangsvorhersage kokettierte. Auf Kosten der Mayas verdienten sich dahergelaufene Marketingstrategen eine goldene Nase und lachten dieser einstigen Hochkultur öffentlich ins Gesicht. Verdammte Welt, gar nichts ist den Menschen mehr heilig, alles wird ausgeschlachtet und der Anstand bleibt auf der Strecke.

Sein favorisiertes Szenario beinhaltete: Knopfdruck, Aktivierung einer enormen Hitzequelle an Nord- und Südpol, beide Pole schmelzen umgehend und zwei riesige Flutwellen brechen sich ihren Weg bis zum Äquator, an dem sie sich vereinigen und alles Bestehende von ihnen verschlungen würde. Das ginge so schnell, dass diesmal keine Arche da wäre und den Weg für eine letzte Chance mit Neuanfang ebnen würde. Andere Szenarien waren rudimentär durchdacht, wie ein akustischer Sirenenangriff, der die Köpfe platzen ließ oder die Menschen durchdrehen, oder ein paar Bomben im äußeren Erdkern, die die Plattentektoniken außer Kontrolle brächten, bis alle Menschen von der Erde geschüttelt sind. An ein zeitgleiches Detonieren aller Atomwaffen dachte er nicht, das war zu unkreativ und die Erde würde dabei nur nachhaltig beschädigt werden. Die Polkappentheorie würde es sein, hoffte er.

Er dachte an sein vorheriges Leben zurück, aber an vieles erinnerte er sich nicht mehr, denn während die Gesellschaft nur schnelllebig durch die Zeit hetzte, wurde ihm auf seinen Wanderungen bewusst, dass die Natur und damit das wahre Leben ewig hält, während die Kultur nur so lang existiert, wie der Mensch da ist und ihren Wert bemisst. Das hatte er seiner Mutter in seinem Abschiedsbrief geschrieben, mit der Bitte, dass wenn das Jahr 2013 erreicht wird, sie ihn für tot erklären und beerdigen lassen sollte, mit einem Grabstein ohne Namen, darauf nur ein Zitat, das er aufgeschnappt hatte und für passend empfand: Ich glaube, dass ich im Grunde nur Gutes tun wollte für die Welt um mich herum. Das war aus zweierlei Gründen nicht möglich: zum Einen, weil man mich nicht gelassen hat, zum Anderen, weil ich aufgab.

Dazu wird es nicht kommen, dachte er bittersüß, während er in dem nur noch leicht glimmenden Feuer stocherte und außerhalb der Höhle die tobenden Naturgewalten hörte. Seine Weltuntergangsphantasien hielten ihn wach und mit Anbruch des Tages verschwand er aus der Höhle, um sich weiter in die Berge zu begeben. Nach einiger Zeit der Wanderung erreichte er kleines Plateau, dass von Geröll und Knochen bedeckt war. Auf einem Felsbrocken am Abgrund sah er einen Adler, der ein Tier vertilgte und immer wieder in dessen Kadaver mit dem Schnabel hieb, dass Sehnen und Fleischfetzen daraus hinaushingen. Ein Adler, das musste ein Zeichen sein. Ohne seinen Blick von dem edlen Tier zu lösen, stakste er durch durch das unebene Gelände in dessen Richtung und übersah das Loch, in das er hineinstürzte.

Nachdem er wieder zu sich gekommen war, registrierte er die Schmerzen, die sich von seinem linken Bein im ganzen Körper ausbreiteten, und die Öffnung, welche unerreichbar über ihm zu sehen war. Voller Schmerzen rangierte er seinen zerschundenen Körper in eine bequemere Position und bemerkte einen Stollen, der tiefer in den Berg führte. Da ihm nur dieser eine Weg möglich war, robbte er schwerfällig den Stollen hinunter, wobei er mehrere Pausen einlegen musste, weil ihm der herauslugende Oberschenkelknochen tierische Schmerzen zufügte und er spürte, wie ihn diese nahe an eine erneute Ohnmacht drängten.

Das kann nicht das Ende sein, niemals aufgeben, redete er sich ein und bekämpfte die aufkommende Mattheit und Resignation, einfach nur liegen zu bleiben und hier zu sterben. Er kroch stöhnend weiter, bis der Stollen sich gabelte - nach oben und nach unten. Einem Bauchgefühl folgend wählte er den Weg nach unten. Es dauerte ewig, bis er eine Grotte erreichte, die von Stalagmiten überwachsen war, die gehend keine Herausforderung gewesen wäre, aber nun bei ihrer Durchquerung zu einer einzigen Tortur wurden, bei der er sich zu guter Letzt seine Hände aufriss. Als er sich an den letzten Stalagmiten vorbeigequält hatte, entfuhr ihm ein martialischer Schrei an Gottes Adresse, der noch einige Momente in den Stollen nachhallte, dass ihn nichts aufhalten könne.

Er kroch weiter, denn er wusste, wenn er liegen bliebe, wäre seine Mission beendet und nach weiteren, viel zu langen Metern in die Tiefe erreichte eine weitere Grotte, in deren Mitte auf einem - ein paar Fuß hohen - Podest, ein durchsichtiger Kasten zu erkennen war, aus dem es matt, aber rotfarbend leuchtete. Flutwellen, Sirenen, detonierende Bomben, all die möglichen Szenarien kreisten vor seinem inneren Auge immer schneller umher und es war ihm, als beginne er durchzudrehen. Ihn durchfloss neue Energie, die seine Schmerzen milderte, so dass er sich schneller als bisher auf dem Boden entlang zum Podest robbte.

Auf dem Bauch liegend erkannte er, dass es ihm unmöglich erschien, die Kante zu erreichen, um den Kasten genauer betrachten zu können; sein gebrochenes Bein und die aufgerissenen Hände beeinträchtigten ihn zu sehr und es gab auch keinen erreichbaren Vorsprung, um sich hoch zu ziehen. Er war doch seinem Ziel so nah. Wieder begann es in seinem Kopf zu kreisen, als er versuchte über eine Lösung nachzudenken. Es hilft nichts, sterben werde ich hier so oder so, dachte er und sammelte seine letzten Kraftreserven, um mit dem Oberkörper so hoch wie möglich zu schnellen und sich an etwas festzuhalten.

Er benötigte ein paar Versuche, bis er sich so lange halten konnte, dass er mit dem Kinn Halt fand und mit seinen zerschundenen Händen nachfassen konnte. Er stütze sich dann auf seinem gesunden Bein ab und erkannte, dass der Kasten aus schwerem Glas war, den er hochstemmen musste, um an den Knopf zu gelangen, aber das war leichter gedacht als getan mit seiner körperlichen Beeinträchtigung. Mit einem Unterarm hielt er sich aufrecht und versuchte mit dem anderen Arm, den Kasten zu bewegen, aber es passierte nichts. Er hatte mit tödlichen Fallen und kniffligen Rätseln gerechnet, aber nicht mit so einem Sonntagsspaziergang, wenn er denn nicht blindlings in den Stollen gestürzt wäre. Es kullerten einige Tränen aus seinen Augen, als er den Kopf auf dem Kasten ablegte und langsam damit begann, ihn schneller werdend gegen den Kasten zu schlagen. Der Knopf war doch zum drücken nahe.

Mit allerletzter Kraft und einem wilden Schrei stieß er endlich Kasten vom Sockel und hämmerte mehrmals mit einem Arm auf den roten Knopf, um auf Nummer sicher zu gehen. Danach genoss er die Stille, die ihn umgab und er fühlte sich frei und Gott ebenbürtig zugleich. Ob die Apokalyptischen Reiter schon unterwegs waren? Liebevoll betrachte er das Podest und entdeckte eine verstaubte Metallplatte vor dem Knopf, auf der etwas in Kyrillisch geschrieben stand. Mit seinen durchwachsenen Kenntnissen des Russischen entschlüsselte er: Genosse, ein Drücken des Knopfes macht das, was getan werden muss. Jedes weitere Drücken zögert das Ende um fünfzig Jahre hinaus.

Er brauchte einige Augenblicke, bis er vergegenwärtigte, was er in seinem Siegesrausch angerichtet hatte. Ganz genau wusste er nicht, ob er zehn oder zwanzig Mal auf den Knopf gehämmert hatte, denn letztendlich war es egal. Er, der die Menschheit vernichten wollte, hatte ihr einige Jahrhunderte weiteres Dasein verschafft. Nachdem er zusammenbrach, vegetierte er noch einige Stunden im Wahnsinn dahin, bis er alleine in der Vergessenheit verreckte, denn Wahnsinn bedeutet nicht verrückt zu sein, sondern nur das Scheitern einer oder an einer Idee.

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17 Antworten

Kommentare

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    nun ist endlich geklärt, warum unser reset so ewiglich lange andauert.

    15.01.2013, 14:41 von impact
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    Wann war das? Reicht also für mich noch. Von wegen, 21.12.2012 und so.

    03.12.2012, 09:57 von zeitvergeudet
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  • 1

    hö, cool!!!

    Genosse, ein Drücken des Knopfes macht das, was getan werden muss.
    Jedes weitere Drücken zögert das Ende um fünfzig Jahre hinaus.

    13.07.2012, 19:27 von zehnmomente
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  • 0

    Finds sprachlich auch nich so den Knaller,
    aber der letzte Satz ist echt super!
    "denn Wahnsinn bedeutet nicht verrückt zu sein, sondern nur das Scheitern einer oder an einer Idee."

    15.06.2012, 10:17 von halbkindmf
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    Sprachlich bin ich besseres von dir gewohnt, die Geschichte an sich finde ich jedoch gelungen.

    15.06.2012, 10:00 von Daner
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    Mein Dank an alle Leser, ob begeistert oder nicht.

    14.06.2012, 01:20 von stereoG
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  • 1

    schon wieder ein knöpfchen text?

    kommt nächste woche dann eine flut von texten über fernbedienungen?

    13.06.2012, 14:04 von IceIceFriedhelm
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  • 0

    Ich muss ihn mir zu Hause in Ruhe durchlesen, hab nur den ersten und letzten Abschnitt geschafft grad, ich mag Indiana Jones, ist mal was anderes, mein Herz kriegste.

    13.06.2012, 13:31 von LeyluraLegbreaker
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Ich hatte auch Schwierigkeiten es am Stück zu lesen, finde es aber nicht schlecht. Die Geschichte erinnert mich an diese Playmobil-Comics, alles ziemlich spektakulär, aber im Grunde harmlos und der Protagonist kam mir nicht näher.

    13.06.2012, 13:18 von EliasRafael
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