AnnieKa 06.05.2009, 20:27 Uhr 0 0

('Ometz lew) heißt Mut

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('Ometz lew) heißt Mut

Er ist ein wahrer Denker, dieser Jonah Avraham. Lebt da, in seiner gerade mal 45m² großen, zugegebenermaßen doch recht heruntergekommenen Wohnung, ja geradezu Behausung, im Herzen Tel Avivs. Genauer gesagt in Neve Tzedek, dem mit Abstand ältesten Viertel der Stadt. Der Vater Rabbi in Haifa, die Mutter Besitzerin eines Obststandes auf dem berühmtesten Wochenmarkt in Jaffa. Kurzum: eine typisch jüdische Familie. Möchte man denken. Aber dem ist keinesfalls so. Jonah Avraham schlägt aus dem Rahmen, das war früher, als er noch bei den Eltern wohnte, schon so und da fiel es fast noch mehr auf als jetzt in Neve Tzedek. Er besitzt die wohl strahlendsten und wachsten grünen Augen, die man überhaupt besitzen kann, sein Gesicht ist schmal und hell und kantig, aber nicht unfreundlich, nein, die Wangenknochen scheinen ein bisschen zu markant zu sein, aber nur manchmal, wenn die Sonne aus einem besonderen Winkel zu scheinen vermag und wenn ihm keine Ideen aus dem Kopf wachsen, dann sind es Haare, undzwar schwarze, schwarze, ungeordnete, borstige, nicht zu kurze Haare. Und mit den Augen und den Wangenknochen und den Borsten auf dem Kopf und einer Statur von einem Meter zweiundachtzig, da fällt er unter kleinen unscheinbaren Israelis doch sehr auf. Und man beginnt sich zu fragen, wer dieser siebenundzwanzigjährige Mann im dunkelroten T - Shirt, der beigen Hose und dem tiefschwarzen ('Ometz lew), was Mut bedeutet, auf der Innenseite des Unterarms, ganz in der Nähe der Handfläche, dort, wo die Pulsadern entlangfließen, tätowiert, wohl sein mag. Es ist mein Bekannter, jawohl, ein Weggefährte, einer, dem man ein Mal in Hatikva in irgendeinem Studentencafé begegnet und ihn trotzdem nicht mehr vergisst. Einer, der die (Meretz Jachad) wählt, einer, der an der Gershon H. Gordon Fakultät der Universität in Ramat Aviv das Sozialanthropologiestudium mit Bestnoten absolviert hat, einer, der wenn er über die Legitimität von Macht debattiert erstaunlich befremdlich wirken kann und im nächsten Moment hitzig über Frieden und Palästina und Bürgerkriege in Südamerika, Recht und Unrecht, Tag und Nacht redet und redet, dass er einem erstaunlich vorkommen kann, dieser Elan, die Gestik, die Passion, das Gerechtigkeitsempfinden, was seine größte Stärke, aber vielleicht auch die größte Schwäche ist. Er erträgt es nicht, wenn etwas nicht so läuft, wie es laufen soll, wenn das Regelwerk aus den Fugen gerät, wenn Du und ich nicht mehr wissen, was zu tun ist, dann weiß es Jonah Avraham mit Sicherheit. Am liebsten würde er die ganze Welt retten. Jetzt. Sofort. Dass das nicht geht, versteht er nicht und das will er auch gar nicht. Irgendwann ist man derselben Überzeugung wie er, irgendwann will man auch nicht mehr verstehen, dass eine perfekte Welt illusionär und utopisch ist, irgendwann, nach der einhundertfünfundachzigsten ''Wir sind so groß und machen uns selbst so seltsam klein!'' Parole und irgendwann, nachdem man stundenlang auf seiner Dachterrasse mit Blick auf den Sternenhimmel saß, dann tritt es ein, das ('Ometz lew) Tattoogefühl. Die Dachterrasse. So schäbig seine Wohnung auch sein mag, so wenig Scheine in seinem Portemonnaie auch vergeblich darauf warten, ausgegeben zu werden, so großartig ist diese Dachterrasse. Mit wahnsinnig dunklem, matten Kirschholz ausgelegt, mit einer liebevoll drapierten schneeweißen Lilie in der Ecke rechts hinten und einem unvernünftig großem Stapel Zigarttenschachteln neben einem mindestens genauso unvernünftig großen seines Lieblingsarchitekturmagazins in der anderen Ecke links hinten. Er ist kein Raucher, verstehen Sie mich nicht falsch, er raucht, wenn es einer Zigarette bedarf. Nur dann. Wenn er aufgeregt ist oder traurig. Wenn der Himmel noch grauer und die Verzweiflung dieses Landes noch größter ist als sonst. Leider greift er in letzter Zeit immer häufiger zu dem rauen Tabakröllchen im samtenen Papier. Aber leider ist der Himmel in letzter Zeit auch immer öfter anthrazitfarben und leider ist die Verzweiflung in letzter Zeit auch immer unerträglicher. Er fragt sich, warum die Menschen nicht einfach mal aufhören können, bloß zu hoffen. Warum sie's nicht handhaben können wie er. Jonah Avraham akzeptiert nichts, was ihm nicht passt, er guckt nicht bloß zu, er jammert nicht, er handelt. Nicht körperlich skrupellos, aber seelisch. Kompromisslosigkeit? Falsch ist falsch, gut ist gut. Schwarz ist schwarz. Und weiß bleibt weiß. Das Weiß der Wolken im Himmel und das Weiß der von ihm so verehrten Fassade der sich in Hamburg befindenden Synagoge Wilhelm Zeév Hallers. Sein Held? Erstaunlicherweise hat er einen. David Avidan heißt er. Dichter, Maler, Filmemacher, Publizist, Dramatiker in einem. ''Hähne ohne Lippen''? Trotz schlechter Kritiken sein Lieblingsbuch. Und wenn er sich eben diese aus dem Jahre 1954 wieder und wieder zu Gemüte führt, dann kommt es erneut durch, das Temperament. Fluchten in eine fremde Realität, in eine Scheinwelt, durch die diese, in der wir Leben, etwas besser aussehen mag, aber in der er auch nicht stecken bleiben sollte. Denn wir brauchen ihn doch noch, ihn, seine Intelligenz, seine analytischen Fähigkeiten, mit denen der schon ein paar Mal Menschenleben zu retten wusste, und auch wenn es nur ihre Geister gewesen sind, die er mit seiner angestrengten Gewissenhaftigkeit zu beruhigen wusste, ist er trotzdem unerlässlich. Unser Freund, unser Retter in der Not, unser Jonah Avraham.

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