swimmingwithsharks 21.04.2012, 09:32 Uhr 5 2

Obsidianspiegel

über Marie, die sich nicht mag

"She was illusive. She was today. She was tomorrow. She was the faintest scent of a cactus flower, the flitting shadow of an elf owl. We did not know what to make of her. In our minds we tried to pin her to a cork-board like a butterfly, but the pin merely went through and away she flew."



Marie stand an Gleis 8.
Sie war groß und dünn. Vielleicht sogar dürr.
Marie aber gefielen die knochigen Finger, die hervorstehenden Schlüsselbeine und ihre Hüftknochen, die wie längliche Gebirge bis ins Tal ihrer Unterhose verliefen.
Manchmal ging sie mit Zeige-und Mittelfinger darauf auf und ab. Ihr gefielen all die Stellen und Hohlräume an ihrem Körper, in denen sich der Sand sammelte, wenn sie am Strand war.
Und Marie machte sich einen Spaß daraus die feinen Sandkörner fort zu pusten. Es war dann wie ein Windsturm in der Sahara, den sie sich erschuf.
Ansonsten mochte Marie sich nicht.
Ihre schmalen Lippen und Augen, die eckige Nase, ihr dünnes Haar und die blasse Haut.
Sie stand oft nackt vorm Spiegel, der ihr nur bis zum Hals reichte, und betrachtete sich.
Von Vorne und von der Seite. Das war in Ordnung und deshalb blieb der Spiegel so hängen.

Es war unangenehm schwül an diesem Tag und Marie beschloss sich ein Mineralwasser an der Imbissbude auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig zu kaufen.
Sie stellte ihren Koffer ab und kramte ihr Kleingeld zusammen.
„Ein Mineralwasser, bitte“, sagte sie und hielt der Verkäuferin das Geld hin.
Sie nahm es mit ihrer klebrigen Hand entgegen und schaute Marie an.
„Wie wär's noch mit einem Brötchen auf die Hand, Sie sehen aus, als könnten Sie das vertragen.“
Marie griff mit der einen Hand nach dem Wasser und mit der anderen nach ihrem Koffer. Sie ging und war wütend. Wütend auf die Verkäuferin und auf sich selbst.
Marie war so oft wütend, dass es viel zu anstrengend gewesen wäre, jedes Mal ihr Gesicht zu verziehen oder Worte zu sagen. Sie stand einfach da und schluckte das sprudelnde, tosende Wasser hinunter. Und während sie auf den Zug wartete, musste sie gelegentlich aufstoßen. Sie ärgerte sich schon wieder, weil etwas aus ihr heraus wollte, dass nicht heraus sollte.
Der Zug fuhr ein, Marie zog ihren Koffer mit den weißen, dünnen Armen die Stufen hoch und ging mit schnellem Schritt durch einige Zugabteile, bis sie ihres betrat. Es gab ein Hochbett darin und einen Tisch, der an der Wand neben einem blauen Sessel befestigt war. Marie setzte sich und atmete schwer. Sie war froh, das Abteil schon einige Wochen zuvor reserviert zu haben und schlug die Beine übereinander. Der Zug fuhr los und Marie schaute aus dem Fenster. Die Landschaft flog an ihr vorbei und sie hatte das Gefühl, die Zeit würde mit ihr schneller werden. Die Bäume waren nicht mehr als Bäume zu erkennen. Es waren grüne Schlieren, die sich auf und ab bewegten. Marie fand Gefallen daran, dass alles um sie herum verschwamm und nichts mehr wirklich war. Ein Baum hätte ebenso ein großer, grüner Papagei sein können. Dann sah sie sich in der Fensterscheibe. Ihr Mund stand offen. Marie schloss die Augen und drehte ihren Kopf weg.
Es war früh am Morgen, als die Schiebetür zu ihrem Abteil sich öffnete und ein Kontrolleur ihre Fahrkarte in der Mitte einriss. Marie hatte die ganze Nacht über nicht schlafen können und sämtliche Papiere zurecht gelegt, um bei der Kontrolle später Zeit sparen zu können.Sie sparte gerne. Beim Einkauf oder beim Wasserverbrauch, aber am liebsten sparte sie Zeit. Marie fand, dass es ihre Zeit war. Sie nutzte sie, um nachzudenken und die Augen zu schließen, wann immer sie wollte und um zu lesen. Marie verbrachte lieber Zeit mit ihren Büchern, als mit den Menschen um sie herum, weil sie diese zum Einen als viel spannender empfand und zum Anderen die Möglichkeit hatte sie zu zu schlagen, wenn sie ihr nicht gefielen oder eine Enttäuschung waren. Mit zwischenmenschlichen Beziehungen hingegen hatte sie andere Erfahrungen gemacht und Marie setzte sie gleich mit Enttäuschungen, die manchmal so plötzlich und unvorhersehbar eintrafen, dass tiefe Erschütterungen nicht zu verhindern waren.
Dann ging Marie immer und war wütend.
Die Zugtüren öffneten sich einige Stunden später und sie ging die Stufen hinunter auf den Bahnsteig. Ihre Schwester stand dort mit Ésteban, der lächelnd auf sie zu stürmte und ihr den schweren Koffer entriss. Er drückte ihr drei sehr offenherzige Küsse auf die Wangen und Marie wusste nicht recht wohin mit sich, wenn nicht ihre Schwester gewesen wäre, um sie aus der unbehaglichen Situation zu befreien. Sie schloss Marie in die Arme, hakte sich bei ihr ein und zog sie mit in Richtung Rolltreppe.
Marie fühlte sich wie ein kleines Kind. Sie wusste nicht woher der Lärm in ihren Ohren kam.War es der tosende Zug oder ihre aufgebrachte Schwester und deren Latino-lover ? Die beiden redeten auf sie ein und Marie war froh, als sie nach einer Taxifahrt durch die halbe Stadt endlich die Finka erreicht hatten. Es war ein Haus, wie aus einem Urlaubskatalog, aber Marie beeindruckte weder der Pool, noch die verglaste Front des Hauses. Marie gefiel der Garten und sie konnte das Meer riechen, das man von der Terrasse aus sah. Sie erkundigte sich, ob der Strand mit dem Fahrrad zu erreichen war und ihre Schwester lachte laut auf.
„Marie, du willst doch nicht allen Ernstes mit dem Fahrrad fahren. Wenn ich dich schon nicht von der Idee abbringen konnte, mit dem Zug herzukommen, dann doch wenigstens davon.“
Marie stand mit dem Rücken zu ihr und hörte nicht hin. Ihre Schwester war schon immer laut gewesen und Marie hatte es gerne leise. Ihr Blick verlor sich irgendwo und sie wollte nicht aufschauen, als ihr jemand auf die Schulter tippte. Es war Ésteban, der mit einem Sektglas in der Hand neben ihr stand. Marie nahm es entgegen und hielt es gegen das Sonnenlicht. Inmitten der kleinen Bläschen schwamm eine rote Hibiskusblüte. Von hinten rief ihre Schwester:“ Die ist aus dem Garten! Du musst einen Moment warten, dann öffnet sie sich.“ Marie starrte die Blüte an. Sie blieb verschlossen und öffnete sich auch den Rest des Abends nicht. Marie wünschte eine gute Nacht und ging auf ihr Zimmer. Sie war nicht hier, um Sekt mit Hibiskusblüten zu trinken oder auf einer Liege am Pool ihre Zeit zu verschwenden. Marie war hier, weil sie das Meer vermisst hatte und gerne reiste. Sie mochte fremde Gewürze und machte Bilder mit ihrer Kamera, die sie später über ihr Bett hängte. Sie beobachtete die Menschen, die im Süden so anders waren. Marie fand das nicht schlimm, weil alle anders waren, als sie. Sie fuhr gerne mit dem Fahrrad und verlief sich gelegentlich an fremden Orten. Auch wenn es sich ergab, fragte sie dann nicht nach dem richtigen Weg. Marie wollte alleine sein und ihren Weg finden.
So lag sie noch eine Weile in ihrem Bett und dachte nach, während aus dem angelehnten Fenster Gitarrenmusik von draußen erklang. Es war Ésteban, der für ihre Schwester spielte. Sie dachte darüber nach, dass noch nie jemand für sie gespielt hatte und verwarf den Gedanken genau so schnell wieder, wie er aufgekommen war. Dann schloss sie das Fenster und schlief ein.
Marie war schon wach, als ihre Schwester am nächsten Tag herein trat. Sie saß angezogen auf dem Bett, die Haare hatte sie zu einem Knoten hochgebunden. Es war kein gemütlicher Morgen, weil die Unterhaltungen einzig und allein um die Einweihungsparty kreisten, die Ésteban und ihre Schwester für das neue Haus geplant hatten. Marie mochte Partys nicht. Und vor allem keine Einweihungspartys. Es war sinnlos Smalltalk zu betreiben und Bowle zu trinken, fand sie. Die vielen blonden Frauen, die das alkoholgetränkte Obst aßen, als wäre es süßer Türkischer Honig. Dann waren sie betrunken und sagten  die Wahrheit. Sie fingen an gegenseitig ihre langen Kleider zu bewundern und erzählten, dass es um die Geschäfte ihrer Männer doch nicht so gut stand. Marie hingegen war ständig echt, aber nicht mal tropische Früchte hätten sie dazu gebracht ihre Wahrheit auszusprechen.  
Den ganzen Tag verbrachten sie alle damit, den Garten mit kleinen Öllampen und Fackeln zu dekorieren. Ésteban war losgefahren, um die bestellten Blumengestecke abzuholen. Es waren weiße Orchideen und Marie war überrascht darüber, dass ihre Schwester ein Gespür für Schönheit hatte. Sie hatte außerdem zwei thailändische Köche für diesen Tag angestellt, die kleine Häppchen auf Palmenblättern, Obst und Getränke anrichteten. Marie stand auf der Terrasse und beobachtete das Schauspiel unter ihr. Sie überlegte sich, wie sie ihre Einweihungsparty feiern würde und war nicht verwundert, als sie feststellte, dass sie am liebsten im Bett gesessen und Kirschsaft aus Weingläsern getrunken hätte. Der Wind wehte vom Meer herüber und die kleinen Haare auf ihren Armen stellten sich auf. Ihr war kalt und sie schlang ihre Strickjacke fester um sich. Marie wollte nicht gehen und war auch nicht wütend. Heute nicht.  Sie schaute zu Ésteban und ihrer Schwester runter, die unten standen und  auf die Gäste warteten. Dann ging sie in ihr Zimmer, nahm eine warme Dusche und zog sich um. Ihre Schwester hatte sie darum gebeten, sich heute etwas schicker zu kleiden, als sonst und ihr ein Kleid aufs Bett gelegt. Marie tat ihr den Gefallen. Sie zog es an und betrachtete sich im Spiegel. Die Farbe gefiel ihr. Marie streifte die dunkelblauen Träger über ihre Schultern und steckte sie in ihren Bh. Dann strich sie mit den Handflächen über ihre Schlüssebeine, drehte sich um und ging hinunter.
Es waren viele Gäste eingetroffen, die sich in Grüppchen um die Tische und Stühle verteilt hatten oder am Pool standen und Weinschorle tranken. Marie ging barfuß über den Rasen und das Kleid schlug bei jedem Schritt Falten um ihre Hüften. Sie fühlte sich etwas verloren und griff nach einem Glas, das ihr von einem Kellner in weißem Frack angeboten wurde. Er lächelte. Sie trank  und steckte ihr Gesicht dabei so weit in das Glas hinein, dass  sie sich in dem roten Saft sehen konnte. Marie verschluckte sich. Der Kellner lachte sie an und sagte etwas, das Marie nicht verstand.
Sie verstand auch sonst nicht viel. Manchmal hörte sie einzelne Worte, die den Weg aus dem Stimmengewirr gefunden hatten oder Gelächter. Die Popmusik im Hintergrund war so monoton, dass Marie das Gefühl hatte, es würde seit einer halben Stunde das selbe Lied laufen. Ihr war kalt geworden und sie stellte sich neben eine der Fackeln. Ein Mann stellte sich neben sie. Er war groß. Größer, als Marie und hatte seine schwarzen Haare zu einem kleinen Zopf nach hinten gebunden. Marie konnte ihn aus dem Augenwinkel beobachten und er starrte sie beharrlich an, um einen Blick von ihr herauszufordern. Als sie sich wegdrehen wollte, streckte er die Hand aus und sagte:" ein wunderschöner Sommerabend, nicht wahr? Ich bin David." Marie erschrak, weil sie nicht damit gerechnet hatte, dass er mit ihr reden würde. Seine Haut glänzte im Licht der Fackel und Marie hätte ihn gerne berührt. Aber sie antowortete nur:"ja", und nippte an ihrem Saft. Er zwinkerte und Marie wurde warm. Er entfernte sich von der Fackel und deutete ihr an mitzukommen. Sie folgte ihm. Es war wirklich eine schöne Sommernacht. Marie fühlte sich gut und fast unsichtbar in ihrem dunklen Kleid, als sie die Lichter hinter sich ließen. Sie konnte all die kleinen Tierchen sehen, die umher schwirrten und in die Öllampen geflogen waren. Sie hörte sie alle und ihr Summen. David verließ den Garten und sie folgte ihm schweigend. Er warf lange Schatten auf den Gehweg und Marie wusste nicht, wie lange sie so gingen, bis irgendwann das Meer die Tierchen aus den Öllampen übertönte. "Das ist mein Lieblingsort", rief er und kletterte auf einen kaputten Steg. Er reichte Marie die Hand und zog sie zu sich hoch. Kurz bevor der Steg endete, setzte er sich im Schneidersitz auf die knartschenden Holzbretter und klopfte mit der Hand zwei mal auf den freien Platz neben sich. Marie setzte sich und war verwundert darüber, was sie hier tat. Sie hätte gerne etwas gesagt, aber fühlte sich viel zu nackt in dem Kleid ohne Träger. Sie löste ihre Haare und überließ sie dem Wind. David schaute sie an. "Ich mag dich, sagte er. Was ist dein Geheimnis?" Marie strich sich das Haar hinter die Ohren und legte die Hand an ihren Hals. Sie konnte ihren Herzschlag spüren und sagte:" Ich bin Marie, das ist mein Geheimnis."Ihre Stimme überschlug sich, wie die Wellen und peitschte ihr ins Gesicht. Sie schaute David nicht in die Augen, ihr Blick verlor sich in einer Kette, die er an einem Lederband um den Hals trug. Marie spiegelte sich in dem dunklen Stein. Es war, als würde sie sich selber durch ein Fernglas sehen. Sie beobachtete sich und ihre Haare, die in verknoteten Stränen um ihr Gesicht wehten, die zierliche Hand, die immernoch dort an ihrem Hals ruhte."Das ist ein Obsidian. Er entsteht beim Auskühlen von heißer Lava durch Wasser oder kalte Luft. Die Azteken benutzten ihn schon damals, als Spiegel und man sagt, dass er hilft Verdrängtes wiederzufinden und es zurück zum Ich zu führen." Marie kroch ein Stück zu David rüber und berührte den dunklen Anhänger. "Im Schatten ist er schwarz und im Licht hell golden", flüsterte David in ihr Ohr. Marie drehte ihren Kopf herum und ihre Lippen streiften Davids Wangen. Sie blickte ihm in die Augen und sah das Meer hinter sich. Zum ersten Mal an diesem Abend, sagte sie etwas, weil sie es sagen wollte. "Würdest du die Kette für mich abnehmen?" David griff sich in den Nacken, schob seinen Zopf beiseite und öffnete den Verschluss. Dann hielt er sie Marie hin. Sie sah sich noch einmal in dem schwarzen Stein und sah sonst nichts. Dann nahm sie das Lederband und hielt es hoch. Der Obsidian hing nach unten herab und Marie ließ los. Er fiel zwischen den Holzbrettern hindurch ins Wasser, das ihn erschaffen hatte und wieder verschluckte.

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5 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Hab während der Zugfahrt aufgehört zu lesen, wurde es noch interessant?!

    21.04.2012, 15:43 von Surecamp
    • 0

      wenn man mit etwas aufhört, das noch gar nicht richtig angefangen hat, stellt sich diese Frage wohl unweigerlich.

      21.04.2012, 21:08 von swimmingwithsharks
    • 0

      "unweigerlich"

      dumm

      22.04.2012, 17:48 von Surecamp
    • 0

      nächstes mal vielleicht konstruktive Kritik

      22.04.2012, 17:50 von swimmingwithsharks
    • 0

      wudd????
      Da kannste den Papst auch nach Schwulenpornos fragen...

      22.04.2012, 17:57 von Surecamp
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