Tim123 04.03.2010, 17:46 Uhr 19 19

Müllkind

Ich als Elendstourist. „Mal schauen, wie schlimm es in der dritten Welt ist.“ Jetzt habe ich genug gesehen. Ich will hier weg. In meine Welt zurück.

Was zum Teufel mache ich hier? Erbärmlicher Gestank. Feuchte, fiebrige Hitze. Um mich herum türmt sich der triefende, in Fetzen zerrissene Müll meterhoch bis zum Horizont.

Tief brüllend treiben Bulldozer rücksichtslos die Heerscharen von Schweinen, Hunden, Ratten und – kleinen Kindern auseinander, die versuchen, in dem Müll etwas für sie wertvolles zu finden. Etwas zu Essen. Oder eine Plastikflasche. Die Kinder überragen die Schweine und Hunde kaum, man erkennt sie aus der Ferne nur an den großen Plastiksäcken, die sie hinter sich her ziehen. Vielleicht sind sie um die 5 oder 6 Jahre alt, keines jedoch über 10. Also in etwa so alt wie meine Tochter.

Nicht in Lillifee-Rosa. Sondern bis zur Unkenntlichkeit verkrustet mit Dreck.

Ich als Elendstourist. „Mal schauen, wie schlimm es in der dritten Welt ist.“ Jetzt habe ich genug gesehen. Ich will hier weg. In meine Welt zurück.

Und ich schäme mich. Dafür, dass ich weg will und diesen Ort nicht einmal wenige Minuten ertrage. Dass ich nicht hinschauen mag. Dass ich überhaupt gekommen bin. Dass ich auch schon vorher gewusst habe, dass es solche Orte gibt. Soweit weg. Möglichst weit weg.

Jetzt bin ich hier. Als Elendstourist.

Keiner von uns sagt ein Wort. Alle Starren. Der freundliche deutsche Arzt mit der weichen Stimme, der uns hier her geführt hat, lässt nicht locker und zieht uns tiefer in die Müllberge. Ich weiß nicht, ob ich ihn dafür bewundern soll, mit welcher sanften Gewalt er uns diesen Ort der Hölle vorführt, als sei er selbstverständlich. Damit wir noch mehr spüren, wie wenig selbstverständlich dieser Ort sein darf, aber es ist. Er ihn uns in allen Details zeigt, damit wir helfen. Und er macht seine Sache gut.

Oder?

Ich suche nach einer Entschuldigung, diesen Ort verlassen zu können. Eine Entschuldigung dafür, dass mich das nichts anginge. Noch mehr suche ich nach einer Entschuldigung dafür, dass ich jetzt schon weiß, dass mein Leben zuhause weitergehen wird. Vielleicht etwas beruhigt durch eine kleine Spende. Aber wahrscheinlich nicht mehr.

Ich verspüre nicht den Drang, meinen Wohlstand aufzugeben, um diesen Kindern zu helfen. Ich schäme mich dafür. Ich suche weiter nach Rechtfertigungen. Dass ich das Elend dieser Welt nicht alleine beheben kann. Dass ich nur ein kleiner Tropfen auf den heißen Stein sein kann, der vermutlich einfach wirkungslos verpufft. Dabei bin ich der, der sonst immer davon spricht, dass es immer einen Versuch wert ist und auch kleine Wirkungen zählen.

Und der Arzt sagt in diesem Moment, dass man nicht allen Kindern hier helfen kann. Dass sie deshalb immer nur maximal ein Kind aus jeder Familie unterstützen. Dass sie in erster Linie keine medizinische Hilfe mehr leisten, weil die meisten Kinder dann nur später an der nächsten Krankheit sterben oder ihre eigenen Medikamente verkaufen. Und dass man nur die Kräftigsten nehmen darf und ihnen vielmehr eine Schuldbildung gibt, damit deren Kinder hier dann nicht leben und arbeiten müssen. Weil diese Generation ohnehin bereits verloren wäre und man nur an die nächste Generation denken dürfte.

Ich bin erschrocken über den Zynismus. Oder ist es Pragmatismus? Realismus? Und bin ich nicht viel zynischer hier mit meinem Ralph Lauren Polohemd im Müll stehend?

Und ist es nicht noch viel zynischer sich selbst den Zynismus zu verbieten? Als wenn dieser Verzicht hier irgendjemanden helfen würde. Genauso wenig, wie betroffen fühlen irgendjemandem hilft. Und bin ich schon wieder in der Rechtfertigung für etwas, was ich nicht rechtfertigen kann?

Zurück im Geländewagen gibt der Fahrer schnell Gas und dreht das Radio auf. Shakira brüllt uns „Ready For The Good Times“ entgegen. Keiner sagt ein Wort. Der Fahrer lacht lauter als sein Radio und er meint im typisch abgehacktem, indischen Englisch „This was tough, right? Don’t tell anybody. You can’t handle it. You know?“

Das stimmt. Den Rat kann ich trotzdem nicht annehmen. Auch wenn es nicht einmal mir hilft, ihn nicht zu befolgen."Wichtige Links zu diesem Text"
HELGO e.V.

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19 Antworten

Kommentare

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    alle noch so klugen Worte, mit denen ich deinen Text kritisieren wollen würde finde ich fehl am Platz. Ich kann nur schweigen und deinen Mut bewundern!




    17.03.2011, 11:20 von Naturkatastrophe
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    Ich linke mich jetzt einfach kurz ein, da ich nicht alle komentare gelesen habe.
    Ich wollte nur sagen, dass ich das echt sehr gut nachvollziehen kann. Man kommt sich wie ein Gaffer vor, und als ob man alle dort Wohnenden mit seiner puren Anwesenheit beleidigen würde.
    Aber man muss diese Dinge sehen, um es so richtig zu verstehen und zumindest versuchen zu helfen, auch wenn es aussichtslos scheint.
    Wenn man einem Menschen helfen kann ist das doch schon was.

    11.06.2010, 19:48 von SonnenTaenzer
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    hab in guatemala und nicaragua auch auf unglaublich erschuetternde lebenssituationen und dreckverkrustete gesichter gesehen.
    scham habe ich dabei nicht empfunden.
    ich war ziemlich geschockt und entsetzt, konnte nicht lange hinsehen und bin sehr gluecklich ueber die tatsache, dass ich "schwein hatte" und zurueck darf in mein dickes federbett und kaba trinken daheim in deutschland.
    ego?
    ich fuehl mich ohnmaechtig gegen den weltschmerz.

    16.03.2010, 04:10 von dieSonni
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    Ja, was machst Du denn da eigentlich...?

    09.03.2010, 10:20 von sailor
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      @sailor ich kann mir wohl vorstellen, dass man eine solche reise plant und dann wird man förmlich erschlagen von dem, was man da zu sehen bekommt. wobei man sich gewiss drauf vorbereiten kann. nicht auf die gerüche und das wahre antlitz der armut, aber zumindest auf das faktum, "so ist das da". anders verhält es sich, wenn man in ein sog. "dritte-welt"-land mit einer entsprechenden aufgabe reist, z.b. ärzte, pflege etc. meine kollegin war zweimal mit einer in medizinischen hilfsorganisation in indien - da kann man das alles eingrenzen, da kann man sagen, "wir machen hier heute acht op's und hoffen, dass der scheiß-generator nicht wieder ausfällt". da ist das gebiet eingegrenzt und man macht darin etwas, anstatt frei flottierend durch einen slum zu fahren, wonach man hinterher da steht und denkt, "ogott, scheiße, ich will nach hause!" man denkt das aber auch mit der aufgabe, sagte die kollegin - man kommt da an und hat zwei beatmungsgeräte mit im gepäck, die man anschließen und checken muss. es gibt aber nix zum anschließen und bis es etwas zum anschließen gibt, werden die patienten mit dem ambu-beutel beatmet. immerhin...
      dass einen das elend umtritt, ist normal. dass man da weg will auch. ich weiß aber nicht, wie hoch die gewichtung des schamgefühls tatsächlich ist. ist das nicht doch eher eine krude mixtur aus wut und hilflosigkeit?

      09.03.2010, 11:46 von lavish
    • 0

      @lavish Wenn man eine Aufgabe hat, ist man kein Tourist.

      09.03.2010, 14:23 von sailor
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    ..... wobei ich doch denke das indien in der hinsicht anders ist als andre entwicklungsländer. ne mischung aus bhutan die mit der relativen armut gut klar kommen und nem fetten großstadtmilieu.....
    manch kommen mit dem was sie sehen klar, andre nicht

    08.03.2010, 19:07 von abstrachy
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      @[Benutzer gelöscht] Das möchte ich auich wissen.

      08.03.2010, 12:54 von netter
  • 0

    Schöner Text .. mir ist mal was Ähnliches passiert, allerdings war ich da ein bisschen jünger. Die Worte, die du gewählt hast, fassen aber ziemlich genau das zusammen, was mir damals durch den Kopf ging.

    Eins hab ich nicht ganz verstanden (kommt mir so vor, als wären da die Wörter im letzten Satz durcheinander gegangen):

    Damit wir noch mehr spüren, wie wenig selbstverständlich dieser Ort sein darf, aber es ist. Er ihn uns in allen Details zeigt, damit wir helfen. Und er macht seine Sache gut.


    Schön, schön. Schrecklich schön. Danke.

    08.03.2010, 12:22 von bizarette
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    Schöner Text .. mir ist mal was Ähnliches passiert, allerdings war ich da ein bisschen jünger. Die Worte, die du gewählt hast, fassen aber ziemlich genau das zusammen, was mir damals durch den Kopf ging.

    Eins hab ich nicht ganz verstanden (kommt mir so vor, als wären da die Wörter im letzten Satz durcheinander gegangen):

    Damit wir noch mehr spüren, wie wenig selbstverständlich dieser Ort sein darf, aber es ist. Er ihn uns in allen Details zeigt, damit wir helfen. Und er macht seine Sache gut.


    Schön, schön. Schrecklich schön. Danke.

    08.03.2010, 12:21 von bizarette
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    Diesen Fehler hast du gleich zweimal gemacht:
    >>Jetzt habe (ich) genug gesehen. Ich will hier weg. In meine Welt zurück.<< würde mich nicht stören wenn es nicht ausgerechnet dein einleitender Satz wäre...
    Soviel zum sachlichen Part.
    Der Inhalt deines Textes ist okay, mir fehlt aber eine Konsequenz des Ganzen. Hat dieser Einblick nicht mehr in dir bewirkt als Mitleid und oder schlechtes Gewissen? Vielleicht ist es ja doch möglich auch den Kindern zu helfen die schon abgeschrieben wurden...
    Dass den Menschen dort die Möglichkeiten fehlen um etwas zu verändern bedeutet nicht dass es nicht trotzdem möglich ist.

    08.03.2010, 12:15 von Kayah
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