frl_smilla 22.09.2009, 08:11 Uhr 18 19

Montag bis Sonntag

Achtung. Das ist ein langer Text

Montag

Ich umarme Mel zum Abschied, während der Fahrer ihren Rucksack in den kleinen Shuttle-Bus packt, der sie zum umgebuchten Flug an den Flughafen bringt.
"Machs gut. Komm gut heim. In 30 Stunden bist du Zuhause." Sie grinst mich an. "Ja, in Frankfurt. In diesem hässlichen Baustellenterminal. Glaube nicht, dass die da irgendwas geschafft haben. Hau rein. Mach dir eine schöne letzte Woche hier. Wir sehen uns in Deutschland."
Mel wollte nicht mehr. Keine Lust mehr, keine Kohle, einmal zu viel in Flipflops geduscht, ich will weg hier, ich buche meinen Flug um, fliege früher heim, machst du mit?
Nein.

Zweieinhalb Stunden später eine letzte Sms von ihr auf das australische Handy: "Bin am Gate. Hoffentlich seh ich die Oper noch ein letztes Mal. Aus der Luft. Pass auf dich auf!"
Ich stehe vor dem hosteleigenen Büchherregal und tausche meinen ausgelesenen Simmel gegen einen Hornby. Neben dem Regal und links vom Fernseher das riesige schwarze Brett. Auto zu verkaufen, Mitfahrgelegenheit, private Touren, Arbeit gesucht, Arbeit geboten, Backpacker-Stammtisch.
Ein Typ hängt gerade einen Zettel hin. Surf-Mitfahrgelegenheit nach Byron Bay, Weiterfahrt nach Brisbane möglich. Bretter vorhanden. Blabla.
Ich reiße den Zettel direkt wieder runter und gehe dem Typ hinterher.
"Hey!" Er dreht sich um. Typischer deutscher Surferboy. Das Outfit aus dem Surfshop. Die Haare wachsen lassen, braungebrannt aber nicht wettergegerbt. Adiletten.
"Ich will da mit!" Ich wische mit dem Zettel durch die Luft. Er grinst. "Cool. Das ging ja schneller als ich dachte. Hast du einen internationalen Führerschein?"
Der Typ ist Anfang Zwanzig, höchstens 24. Ja, habe ich. Den Führerschein. Wetsuit? Nein, den kaufe ich mir jetzt.
Gut. Treffen morgen Früh, Abfahrt um sechs Uhr morgens.



Dienstag

Die erste Etappe ist ziemlich lang. Mehr als einen halben Tag Fahrerei auf dem Highway. Er fährt, ich lese Karte. Das kann er nicht. Er ist Dreiundzwanzig. Es geht langsam voran. Der Bus ist nicht schnell, aber mehr darf man auch nicht. Hundert Kilometer in der Stunde. Und nachts sollte man gar nicht ...
Hinten sind die Bretter provisorisch festgeschnallt. Seine Gitarre hat er auch dabei. Er ist Travelworker. Pause vom Studium. Er redet ein bisschen viel, merkt aber schnell, wenn ich ihm nicht zuhöre. Ob wir im Bus schlafen wollen oder ob ich immer in ein Hostel will. Wie wir das mit den Kosten für Essen und Getränke machen. Ich frage ihn, wie diese Mitfahrgelegenheit zustande kommt.
"Ach, ein Freund von mir lebt in Byron Bay. Er bietet den Bus mit Brettern als Paket an. Irgendwelche Touristen gondeln damit runter nach Sydney und dort wird gewechselt und andere Touristen bringen den Bus mit den Brettern wieder zurück. Klappt ganz gut."
"Und du besuchst jetzt deinen Freund in Byron Bay?"
"Ja. Kurz nach meiner Ankunft war ich dort, um bei ihm surfen zu lernen. Dann bin ich getourt und jetzt mache ich Pause und – na ja."
Er lächelt mich an.
Ich packe meinen Player aus und bevor ich mir die Stöpsel in die Ohren stecke, mache ich eine Ansage. Ich bin Siebenundzwanzig, zu alt für dich. Ich will nur surfen und mich unterhalten, es wird nichts laufen. "Verstanden?"
Er schaut ein wenig erschrocken, nickt aber und fragt etwas, das ich schon nicht mehr höre.

Wir gehen an diesem Tag nicht mehr auf die Bretter. Wir kaufen Vorräte, fahren die Strände in der Region ab, kaufen eine detailliertere Karte und gönnen uns jeder eine halbe Stunde Internet. Wir einigen uns auf Campingplatz, essen Kürbis-Sandwiches und setzen uns ans den nahegelegensten Strand.
Er spielt ein bisschen auf der Gitarre und singt dazu. "Das habe ich für meine Freundin geschrieben." Ah ja. Er singt von Türen und Love und Missing und ich frage ihn, wo seine Freundin jetzt ist. "In Melbourne. Sie arbeitet dort." Travelworkerliebe. Mal sehen, was wird. Vielleicht hält es ja, wenn wir zurück in Deutschland sind.
Travelworkersätze.
Und du? Hast du jemanden in Deutschland? Ich packe mein Zeug zusammen und stehe auf.
"Ich will morgen früh aufs Brett. Ich gehe jetzt schlafen. Gute Nacht."


Mittwoch

Der Morgenwind ist mäßig, weht aber ins Landesinnere und macht unsaubere Wellen. Ich habe ungefähr eine Stunde am Strand für mich alleine, dann kommt der Surfer aus dem Bus und an den Strand geschlurft. Die Wellen sind aber nicht schön, sollen wir an einen anderen Strand fahren? "Kannst du gerne machen, ich bleibe hier."
Er bleibt auch. Wir verbringen den Vormittag in einem wortkargen Kampf mit den Wellen. Mittags plumpsen wir völlig unterzuckert auf die Bretter und geben auf.
"Scheiß Wind."
"Sag nichts gegen den Wind."
"Scheiß Wellen."
Er ist höflich und umgänglich. Wir essen wieder Sandwiches, er spielt ein bisschen Gitarre, ich döse auf dem Sand ein und er versucht sich nochmal mit den Wellen. Als er Feierabend macht, sehen wir am anderen Ende der Bucht eine größere Gruppe Surfer. Ab und an hört man kreischendes Lachen. Bestimmt ein Surfkurs.
"Mit notgeilen kleinen Engländerinnen." sage ich abfällig. Er sieht mich an. "Nun sei doch nicht so."
"Doch! Nur Engländerinnen sind so laut und sie sind hier doch überall und sie sind IMMER notgeil, oder nicht?!"
Er muss lachen. Ja, du hast recht.

Er fragt mich abends, ob ich eventuell nach einem kurzen Aufenthalt in Byron Bay mit ihm nach Brisbane weiterfahren würde. Das wäre doch spaßiger und gemütlicher als allein im Greyhound. Ich checke das Rückflugdatum. Ich sage zu. Er nervt nicht und lässt mich in Ruhe. Ab und an versucht er, nett zu sein. Redet zu viel, aber ist alles im Maß des Erträglichen.
Ja, ich komme mit.
"Schön" sagt er und strahlt mich an.


Donnerstag

Mein Körper fühlt sich an wie Blei. Die Arme und Beine viel zu schwer für jede Bewegung. Nackenschmerzen. Wir fahren weiter nordwärts. Er fragt mich nochmal. Ob jemand in Deutschland auf mich wartet. Ich sage ihm, dass meine Freundin aus verschiedenen Gründen früher zurückgeflogen ist. Er fragt mich, welche Musik ich auf dem Player habe. Ich frage ihn, welche Musik er Zuhause gelassen hat.

Ich komme kaum in meinen Wetsuit. Beim Reißverschluss muss er mir helfen. Ich versuche es mit Warmlaufen, Dehnen, Strecken.
Ich paddle hinter die Wellenkämme und sitze auf dem Brett und beobachte die Delfinschwärme. Das mache ich fast den ganzen Tag. Er ruft ab und an. Ob alles in Ordnung wäre. Ja.
Er ist besser trainiert als ich. Der Surfer hat keine Schmerzen in den Armen, aber er kämpft dafür mit dem Gleichgewicht. Das ist so schwer, das Brett zu dünn, du kannst das viel besser, bist du eine Tänzerin oder so?
Nein.

Es sind noch mehr Surfer und Gitarrenspieler da. Wir setzen uns am Abend zusammen und trinken Bier und grillen. Zwei Frauen, vier Männer und wir. Es wird geredet. Travelworkerliebeszeug. Travelworkerreisezeug. Was anders ist als in Europa. Man prostet sich zu. Und die in ihrem Herbst in Deutschland jetzt. Haha. Ja. Ich hab neulich mit Zuhause telefoniert. Alles regnerisch und trüb.
"Ich gehe schlafen, ich bin müde, ich kann kaum noch sitzen."
Mein Handy hatte Netz. Eine Sms von Mel. "Deutschland ist scheiße. Happy Birthday. Ich hoffe, es geht dir gut."
Der Surfer poltert in den Bus. "Die sagen, du sollst wiederkommen. Wenigstens auf ein halbes Bier."
Ich schüttle den Kopf. Nein, ich bin müde. Ich möchte nicht mehr.


Freitag

Und dann passiert es. Ich hatte es von Anfang an geahnt, und als wir uns danach gegenüber stehen bin ich nicht mal geschockt.
Wir kollidieren.
Sein Brett knallt an meinen Kopf und ich muss sehr böse mitgenommen aussehen, mit der Platzwunde über der Augenbraue.
"Ach du scheiße!"

Die Bretter werden diesmal nicht im Bus festgezurrt. Er fährt mich zu einem Arzt, dessen Adresse er im kleinen Supermarkt erfragt hatte. Die Besitzer sind so nett, uns dem Arzt anzukündigen. Als wir klingeln, wissen in der Praxis schon alle bescheid.
Der Surfer macht sich Vorwürfe. Der Strand war breit genug. Wie konnte das passieren? Mir ist das egal. Ich sage, das macht nichts, sowas passiert. Manche Bretter schneiden mit ihrer Finne Kopfhäute auf, da ist so eine Platzwunde nicht die Welt.

Ich setze mich an den Strand und schaue ihm den Rest des Tages zu. Er hat mir seine Gitarre gegeben. Falls du mal probieren möchtest. Ich probiere. Ich lege sie zur Seite, als ich merke, dass ich das Lied nachspielen will, das er seiner Freundin geschrieben hat.

Abends frage ich ihn, was er in Brisbane machen möchte. Arbeiten, sagt er. Seine Freundin wollte dann nachkommen.
"Und du? Wieviel Zeit hast du noch bis zu deinem Rückflug?"
Wenn alles klappt, ungefähr zwei Tage. Ich werde mir ein Hotel nehmen. Das erste Mal seit langer Zeit wieder barfuß duschen. Nackt durchs Zimmer gehen und nicht die Klamotten über den vom Wasserdampf noch feuchten Körper ziehen. Stupide Fernsehen schauen. All das, was man vor einer 30-stündigen Reise noch alles an Annehmlichkeiten machen kann.
Er nickt. Ja. Das fehle ihm manchmal auch. Annehmlichkeiten.


Samstag

Wir fahren ein Stück weiter. Kaufen mehr Detailkarten und Essen, ich kaufe mir eine große Taucherbrille. So kann ich nachmittags trotz der Wunde noch mal ins Wasser. Er lacht, als ich sie ihm zeige. Ja. Schade, das mit dem Unfall. Aber besser als verzichten.
Wir landen auf einem Campingplatz fast direkt am Strand. Es sind viele Surfer da. Deutsche, Engländer. Ein Kiosk. Viele Busse. Zwei-Personen-Zelte.

Abends räumen wir den Bus auf, wir wollen am nächsten Tag früh los nach Byron. Der Surfer entschuldigt sich nochmal wegen dem Unfall. Meine Beteuerungen, dass sowas einfach passiere und nicht weiter tragisch sei, will er nicht gelten lassen.

Und dann vibriert spätabends mein deutsches Handy.
Es ist eine MMS von einer unbekannten Nummer. Aber als das Bild geladen ist, weiß ich sofort, von wem es ist.
Es ist komisch. Dass er meine Nummer noch hat. Nach all der Zeit. Ich erkenne beide auf dem Foto. Es ist eine Nahaufnahme von ihm und ihr. Nebeneinander. Strahlend.

Ich muss wohl sehr lange auf das Display gestarrt haben. Vielleicht hat er mich gefragt, ob alles in Ordnung sei und ich habe nicht geantwortet. Ich weiß es nicht mehr. Der Surfer kommt neugierig näher und wirft einen Blick über meine Schulter.
"Oh, du bist verheiratet? Das ist aber ein hübsches Bild von dir! Warum hast du das nicht erzählt?"
Ich lasse das Handy langsam sinken. "Das bin nicht ich auf dem Bild."
Ich sage es mehr in meine Richtung als in seine. Er glaubt mir nicht.
"Lass noch mal sehen. Das glaube ich nicht. Das warst doch du auf dem Bild!"
Ich starre in Richtung Meer. Er nimmt mir das Handy aus der Hand, ich reagiere nicht.
Ich warte.
Auf irgendwas. Ein Zeichen. Eine Lösung. Ein schwarzes Loch.
Er starrt lange aufs Display. Dann gibt er mir das Telefon zurück.
"Tatsächlich. Ist ja witzig. Die sieht genau so aus wie du. Wer ist das? Deine Schwester?"

Ich antworte nicht. Irgendwann gibt er es auf. Fragen zu stellen.
Was macht man in solchen Momenten? Nichts. Man wartet weiter. Man holt das restliche Zeug in den Bus und zieht sich einen Pulli über, weil es kalt wird.


Sonntag

Byron Bay, morgens. Der Surfer setzt mich an einem Hostel ab. Er kann bei seinem Freund schlafen, von dem er den Bus geliehen hat. Ich gebe ihm Geld für das Brett und den Bus. Ich sage ihm, er solle die Vorräte mitnehmen, die wir nicht verbraucht haben. Ich ringe mir ein "Hat Spaß gemacht mit dir" ab. Er sieht mich verwundert an. Das klingt nicht danach, als ob wir zusammen nach Brisbane fahren würden in ein paar Tagen.
Nein. Tut mir leid. Ich will nicht mehr nach Brisbane.
"Und was ist mit deinem Rückflug?"
Er steht mit dem Rücken zum Hügel. Hinter ihm, oben, der weiße Leuchtturm.
"Ich fliege nicht zurück. Ich buche um. Ich fliege irgendwann später und dann über den Pazifik. Ich glaube, ich will nach New York.""Wichtige Links zu diesem Text"
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Kommentare

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    diese kommentare: pseudo-intellektuelles gequatsche. aber ein paar nette tagebucheinträge, die du da hast. lässt sich lesen.

    12.11.2009, 03:19 von rs4
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    Der Text ist ein Ärgernis. Mit der Länge konnte ich umgehen, weil der Stil gewohnt gefällt. Aber nach all der Mühe, die mir das Lesen auf dem Bildschirm abverlangt hat, hätte ich mir ein Ende mit drei !!! und nicht vier ????, die meines Erachtens nur beantwortet werden, wenn man Dich bzw. Deine anderen Texten (besser) kennt, gewünscht.

    Definitiv einer Deiner schwächsten Neon-Werke.

    27.10.2009, 11:46 von DarenBRens
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    das mit dem Andeutungen und Fäden, die nicht ausgeführt werden, geht schon klar...
    Eine KG braucht nicht Alles haarklein auszuführen.
    Schön geschrieben, der Stil ist griffig und spontan.

    12.10.2009, 00:32 von Fleckleibbaer
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    wunderbar. an keiner stelle langweilig oder zu lang. top

    09.10.2009, 00:24 von Suselwusel
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    Das ist ganz gut geschrieben, aber die Story verliert den Zug. Das ist die Crux mit den (pseudo)authentischen Sachen - man verliert leicht den Fokus.

    Es ist mir zu real - zu (ich wills nich sagen, ich muss aber) sehr Tagebucheintrag.

    Ich will wieder so Texte wie der Wassertext oder der mit den Tattoos. Da bringst du dein Schreibtalent zur Geltung. Bei sowas da eher nicht.

    26.09.2009, 10:52 von quatzat
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    Ich find den Text auch nach dem 3. Lesen noch herrlich!
    So schön. Und nein, nur weil ich diesmal nicht krass oder hart sage, ist das "schön" nicht abfällig gemeint!
    4Ever Fan!
    ;-)

    24.09.2009, 12:44 von Surecamp
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    also ich hätte den surfer ja spätestens am mittwoch vernascht. und sei es nur zu zwecken der geisteraustreibung gewesen. schön lakonisch geschrieben. gefällt.

    24.09.2009, 11:55 von misspringle
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    Wie schon gesagt: Meines Erachtens nach Dein bisher bester!

    23.09.2009, 20:40 von Dunnagh
    • 0

      @Dunnagh und mein erster Kommentar nach der Sperrung! Fühle sie sich geehrt!

      23.09.2009, 20:40 von Dunnagh
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