dannybanany 30.11.-0001, 00:00 Uhr 73 0

Metroschwul- die schwere Geburt einer Assimilation

Es ist ein Dilemma: Heteros entdecken ihre weibliche Seite und es steht ihnen total. Warum sieht das gleiche in schwul so viel beschissener aus?

Ich kann es nicht mehr hören: Metrosexuell. Ich hasste dieses Wort von Anfang an, denn ich wusste es würde nur Unheil bringen. Welches Unheil? Nun, wo soll ich anfangen?

Es begann eines schönen Tages, es muss letztes Jahr gewesen sein. Wir saßen in einer furchtbar trendigen Homo-Bar, da begann mein Freund Martin über sich schminckende und modebewusste Heteros zu reden. Da Martin etwas exzentrisch sein kann, würde ich nicht ausschliessen, daß ich ihm nicht wirklich interessiert zugehört habe, aber als dann das M-Wort fiel, verschluckte ich mich an meinen Bier und zog die Aufmerksamkeit aller genüsslich hochgezogenen Augenbrauen um uns herum auf mich. "Ich denk, das heißt Hetero-Tunte" entgegne ich. "Neeeeein", belehrt mich Martin, "das heißt jetzt metrosexuell".

Dann irgendwann habe ich sowohl das Wort, als auch das Phänomen vollständig in mein Glossar eingespeichert. Wohl oder übel. Man muss es ja nicht verwenden. Man sollte es nur wissen. Es passierte mir auch zwischendurch zu denken: Wo liegt denn das Problem? Die hübschen Männer, die sich auf den Titelseiten von Men's Health präsentieren sind doch auch nett anzuschauen. Niemand sollte das verurteilen. Die Kosmetikbranche verdient sich eine goldene Nase, und die Heteromänner haben endlich das Mischhaut-Problem überwunden.

Aber dann kam's: Die schwule Welt drehte ab. Stolz, daß die Jungs sie endlich beachten, sie um Rat fragen, mit ihnen abhängen, schlagen schwule Herzen höher. Er sagt nicht mehr kurz "hallo" und verschwindet vor dem Fernseher um Fußball zu gucken, während man mit seiner (damals noch) besseren Hälfte in der Küche im neuesten IKEA-Katalog blättert. Nein, jetzt ist er der beste Freund, denn er ist gewillt von deinem Wissen zu profitieren, um wie David Beckham zu sein und, obwohl er schon glücklich mit deiner (ehemals) besten Freundin zusammen ist, von der Brünetten aus dem Nebenbüro vergöttert zu werden. Das Wissen, daß Frauen auf gewisse Sachen bei Schwulen stehen eröffnete unseren heterosexuellen Artverwandten erst die Augen, dann das Portemonaie und schliesslich die Tür zum provisorischen Erfolg. Provisorisch wohl, weil nur solange das Budget stimmt.

Und wie das so in einer guten Freundschaft ist, geht alles über geben und nehmen: Sag mir dein Geheimnis, ich sag dir meins. Was kann ein schwuler Mann von einem Hetero als Gegenleistung schon wollen ausser Sex? Ich meine jetzt mal realistisch gesehen. Nun, es könnte diesmal sein, daß sich die Freundschaft tatsächlich durch sich selbst belohnt und es sich um nichts weiter als einige Ratschläge handelt. Denn das einzige, was dem typischen Szeneschwulen ein ewiges Dorn im Auge ist, ist seine Attitüde, die er so verinnerlicht hat, die wie angeboren sich immer dann zeigt, wenn sie es am aller wenigsten soll. Das möchte er sich am liebsten sofort herausoperieren lassen, koste es was es wolle- nie wieder soll einer sagen: "Bei dir merkt man das aber, daß du schwul bist". Bei Frauen kommt ein wenig Weichheit an- die freuen sich wenn man nicht nur Macho ist. Schwule Männer wollen Männer und keine anderen Schwulen. Grosses Dilemma. Jetzt ist der "richtige" Mann gefragt sein Erfolgsrezept vorzulegen: Wie wird man "straight-acting"? Oder besser: Wie tarnt man jetzt am besten seine Homosexualität?

Alles Quatsch? Von wegen: Mein Kumpel Philippe ist Fitnesstrainer und schwul. Er erlebte den Fitness-Hype an eigenem Körper. Im wahrsten Sinne: als ich ihn kennenlernte wog er das doppelte von seinem heutigen Gewicht. Dann wurde er sportsüchtig, aß weniger und redete nur über die Übungen die er heute gemacht hat. Dann fing er sich, machte eine Ausbildung zum Trainer und verdient mit der Ausbeutung metro- und homosexueller Eitelkeit gutes Geld. Seinen Berichten zufolge sind Hamburgs Fitnessstudios voll mit Schwulen. Sie machen auch tatsächlich Sport! Sie stämmen Gewichte, sie machen Body Pump und bauen Muckis auf an den Geräten. Sie flirten (was sonst), sie gehen saunieren, sie sind ein Stück männlicher mit 1cm mehr Bizepsumfang. Sie tragen keine engen Hosen mehr, sondern Baggy. Der Sport-Look wird gehegt und gepflegt. Sogar in die Disco kommt man inzwischen in Jogginganzug rein. Muß aber der gute von Nike sein und auf Halbmast den Arsch runterhängen. Jeder neu antrainierte Muskel muss sichtbar sein und gegebenfalls mit einem Tatoo versehen werden. Und alles muss so aussehen als sei es nur zufällig dahingekommen: "Das Tatoo? Ach, das, ja, habe ich schon lange..." Philippe sagt heute zu mir: "Die wollen eigentlich keinen Sport machen, die wollen nur da sein, beweisen, daß sie im Fitnessstudio Mitglied sind. Sie interessieren sich nicht für die Atemtechnik oder wie die Übungen richtig gemacht werden, so daß sie keinen Schaden verursachen. Sie wollen immer härteres Training ohne Rücksicht auf Verluste. Immer weiter, stumpf gegen die eigene Schwäche."
Philippe ist ein guter Trainer und weiß wovon er redet. Er hat Ambitionen, die ihm in seinem Beruf eher hinderlich sind. Neulich verlor er eine Trainingsstunde in einem Studio, weil er zu wenig gelächelt hat. Oder weil er manchmal immer noch Glitzer-T-Shirts trägt. Er ist kein David Beckham. Und er will keiner sein. Gott sei Dank.

Ich frage mich wozu man die sexuelle Revolution immer wieder neu ankündigt, wenn doch so viele Menschen ihre eigene Sexualität nicht zu schätzen wissen. Sex ist die ultimative Befreiung, aber nur dann, wenn man seine Wünsche akzeptiert und frei äußert. In der Metroschwulen Szene geht es wieder einen Schritt zurück- oder doch vorwärts? Man möchte sich assimilieren, mit der Heterogesellschaft verschmelzen, schön und männlich sein. Man hat die Schnautze voll vom Kuschelfreund-Image und wehrt sich gegen Etiketten und Rollenverteilungen. Soweit alles ok, alles nichts Neues. Aber man verfängt sich schon wieder in neuen Illusionen. Die ewige Suche nach dem inneren Mann findet immer noch im Außen statt. Der Glaube an den Prinzen, der irgendwann vorbeikommt und den Retter spielt, ist wieder im kommen. Die gleiche alte Eitelkeit. Und die elende Einsamkeit. Die kennen wir.

Metrosexualität war nichts anderes als die Entdeckung der Eitelkeit für Heteromänner. Mit weiblchen Attributen hat Eitelkeit nichts zu tun. Es ist ein gewöhnliches Laster wie alle anderen.
Wir Homos haben allerdings etwas verinnerlicht, was uns schon immer besonders gemacht hat. Wir brauchen nicht zu schauspielern, um es zu vertuschen. Wir werden es auch niemals los, denn ich glaube es ist unser Glück und unser Potential: der intensive Blick ins Innere unserer Selbst. Das haben wir zumindest David Beckham voraus.

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Kommentare

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    We're men, we're men in tights.
    We roam around the forest looking for fights.
    We're men, we're men in tights.
    We rob from the rich and give to the poor, that's right!
    We may look like sissies, but watch what you say or else we'll put out your lights!
    We're men, we're men in tights,
    Always on guard defending the people's rights.

    We're men, MANLY men, we're men in tights. Yeah!
    We roam around the forest looking for fights.
    We're men, we're men in tights.
    We rob from the rich and give to the poor, that's right!
    We may look like pansies, but don't get us wrong or else we'll put out your lights.
    We're men, we're men in tights (TIGHT tights),
    Always on guard defending the people's rights.
    When you're in a fix just call for the men in tights!

    14.11.2005, 21:34 von Corto_Maltese
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      @[Benutzer gelöscht] Danke fuer diesen geistreichen Beitrag. Sehr interessant und hilfreich. Zumindest, wenn man sich fragt, wo eigentlich die Wurzeln der Homophobie liegen.

      08.12.2005, 13:42 von Bullog1977
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    Aha, auch ein sehr interessantes Thema angeschnitten. Mich persönlich nervt es bereits sogar teilweise. Ein Freund von mir nörgelt mir bereits die Ohren zu, dass er nicht mehr auf den ersten Blick weiß, er zu seinem Verein gehört und wer nicht.
    Aber -zugegeben- die Gesellschaft entwickelt sich immer weiter dorthin, dass die "legendäre" Rollenverteilung zu Hause auch nicht mehr gegeben sind und deshalb auch teilweise die Mutter in der Familie der Sagen hat. So, dass die Vorgabe des Vaters, wie sein Sohn zu werden hat, nicht mehr gegeben ist. Der Sohn muss sich nun notgezwungen an der Mutter orientieren.
    In der "Metrosexualität" (wie ich das Wort hasse) tritt nun die zwarte, emotionale Seite des Mannes hervor, die er bereits seit Generationen in sich trägt. Und trotzdem, mein Geschmack Mann habn sie nicht erwischt.... naja, vielleicht bin ich da ja auch voreingenommen.

    Viele liebe Grüße
    und
    Soli Deo Gloria

    Shoran

    08.11.2005, 16:27 von Shoran
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    Schön geschrieben.. das Kommentar, meine Meinung zum Artikel kennst du bereits. :)

    06.11.2005, 17:39 von MatzLE
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    :-)

    05.11.2005, 17:48 von leb_los
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    Hey, ihr alle!

    Es ist über ein Jahr her, dass dieser Artikel veröffentlicht wurde, und wow! es ist so unglaublich es zu verfolgen, was dazu geschrieben wird. Danke für diese Diskussion! (ich kann wirklich nichts dafür, dass der link seit einem Jahr unter "highlights" steht, und habe keine Ahnung ob das von neon wirklich so gemeint ist, aber es hat wohl seinen Effekt gehabt!)
    Das Thema war weder neu, noch war der Artikel perfekt geschrieben, aber er hat euch reden lassen. Danke für das Lob, danke noch viel mehr für die Kritik. Die letztere hat mich Dinge überdenken lassen. Auch wenn ich Klischees bedient habe, habe ich dennoch vielen Menschen von der Seele gesprochen. Das zeigt wo wir- (unverschämt arrogant gesagt)- uns befinden. Damit meine ich nicht Schwule, sondern die Gesellschaft. Ich rede hier über ein beliebiges Phänomen, ein zugegeben nicht neues, aber immer noch aktuelles, das polarisiert. Ich spreche vor allem von Identität, dem Basisbereich unseres Lebens. Ich rede von realen Dingen- von Kategorien! Sie sind genauso real wie alle Erfindungen dieser Welt, wie das Rad, die Uhr, das Telefon und der Wasserkocher. Wir haben uns diese Dinge herbeigewünscht, weil sie uns das Leben einfacher machen. Weil wir es uns immer einfach machen wollen. Wir sind Menschen. Wir würden es uns vielleicht schwer machen, wenn wir wüssten wie und wofür. Und vielleicht ist auch das Lebenszeit dafür zu schade.
    Eine dieser Schubladen ist: schwul. Und sie hat wiederrum viele Einzelfächer. Noch gibt es im Kollektivbewusstsein unserer Gesellschaft die Schublade, in der jede Einzelperson sein Fach hat. Noch gibt es ja keine endgültige Kommode die diese Schubladenvielfalt fassen könnte. Vielleicht gibt es sie auch nicht. Noch klemmen Leute zwischen den Etagen, gucken hier und da mal rein. Andere scheren sich nicht um die Schubladen, fliegen in der Luft um die Schubladen herum und lachen die Bewohner aus und geniessen ihre Freiheit. Andere wiegen sich zufrieden und sicher in ihren vier ideologischen Wänden.
    Aber egal was wir tun, egal was wir für unser Leben brauchen, nur wir alleine wissen, was gut für uns ist. Es ist die wichtigste Verantwortung, der wichtigste Respekt - uns selbst gegenüber. Erst dann sich wir frei vom Urteil, gleichwertig und gesund.
    Ich wusste nicht was ich wirklich damit sagen wollte als ich diesen Artikel schrieb, aber heute weiss ich, dass der echte Wille des Herzens uns Dinge souffliert, die nicht unbedingt perfekt formuliert sind, aber bedingungslos richtig ankommen werden. Und irgendwann überrascht man sich selbst, mit den eigenen Worten.
    Alles Liebe
    danny

    04.11.2005, 22:37 von dannybanany
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    erschreckend mit welcher unverschämter arroganz du von "wir" als schwule sprichst. dieser text ist, wenn auch schöner verpackt, nur ein weiterer leidiger beitrag zum verhältnis der schwulen-szene und dem hetero-mainstream - oder das individuelle selbstverständnis in einem kollektiv, das es so ja nicht gibt...

    04.11.2005, 15:36 von leb_los
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    bingo! bin froh das ich mir diese attitüde nie wirklichan und grösstenteils wieder abgewöhnt hab macht was schwule männer angeht ausser ficken etwas einsam aber sonnz ists super.... und ausserdem will ich auch gar niemand der mich nich will weil ich nich in sein szeneschwules bild passe, oder?

    04.11.2005, 11:15 von freaxxout22
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    (Ich meinte den Begriff "metrosexuell" wenn er z.B. definiert wird als hetero-Mann, der sich kleider wie ein homo-Mann etc.)

    03.11.2005, 09:35 von Zoltan
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    Was mich an dem Begriff am meisten stört ist die Verbreitung alter Klischees über schwule Männer. Genau wie bei diesem Artikel. (Auch in die Richtung "schwule sind ja so besonders und anders" bla bla bla).

    03.11.2005, 09:34 von Zoltan
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