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Meine Stadt: Belgrad

Cevapcici als Grundlage, dann zu Turbofolk auf dem Tisch tanzen und Glas zerschlagen - mehr BALKAN geht nicht. Doch Serbiens Hauptstadt kann auch anders: grün, altehrwürdig, futuristisch.

Ich weiß, unsere Stadt hat in den letzten Jahren nicht nur gute Presse gehabt. Aber lasst es mich so ausdrücken: Belgrad hat vieles gemeinsam mit Berlin. Nicht durchweg die klassische Schönheit, aber ein vibrierendes Flair. Wilde Partys. Und dank der bewegten Vergangenheit eine gelassene und offene Mentalität. Unsere Freunde sind deine Freunde, wir lassen dich keine Drinks selbst zahlen. Deshalb gleich zum Wichtigsten: dem Nachtleben. Das spielt sich vor allem auf den vielen Dutzend Clubbooten am Ufer des Flusses Save ab; elektronische Musik gibt es im Plastic Jam (1), Exile (2) oder Sound (3) - aber wer richtiges Balkanfeeling erleben will, muss dorthin gehen, wo traditioneller serbischer Turbofolk gespielt wird, etwa auf das Boot der Black Panthers (4). Da wird auf den Tischen getanzt und Glas zerschlagen, und man sieht ein paar Belgrader Unterweltler in ihren fetten Wagen vorfahren. Aber keine Angst, das hier ist eine sichere Stadt; auch als Frau kann man zu jeder Tageszeit überall hingehen. Gleich nebenan ankert das Hua Hua (5), das bei Prominenten und Sportlern der Stadt beliebt ist. Die Stimmung lässt sich am besten so beschreiben: stolz, vom Balkan zu sein. Gefeiert wird bis in den Vormittag.

Wenn ihr dann ein bisschen geschlafen habt, schlendern wir durch unsere Haupteinkaufsstraße Knez Mihajlova (6), eine Fußgängerzone voller altehrwürdiger Bürgerhäuser, und stärken uns mit einem Cappuccino im Coffee Dream (7). Anschließend machen wir einen Rundgang durch die zeitgenössische Kunstszene: Die spannendsten Galerien sind zur Zeit das Ozone (8) und das auf Fotografie spezia lisierte Artget (9) sowie New Moment (10) und Progres (11). Dann weiter in die Strahinjica Bane (12), unsere Flaniermeile. Wir Belgrader sagen: Wer diese Straße nicht mag, lebt nicht. Autos parken kreuz und quer, schöne Menschen flirten, hier geht es ums Sehen und Gesehenwerden, vor allem in Cafés wie Bistro Pastis (13) und Mama's Biscuit House (14), wo man großartige Kuchen und Strudel bekommt. Die Gegend heißt Stari-Grad und ist auch das beste Shoppingviertel, mit Modeboutiquen wie Distante (15) oder dem Laden der international bekannten Designerin Tamara Radivojevic (16).

Die serbische Küche basiert im Wesentlichen auf einer Zutat: Fleisch. Exzellentes Cevapcici und Pleskavica bekommt man im Loki (17) und im Vuk (18). Internationalere, leichtere Kost gibt es in meinem derzeitigen Lieblingsrestaurant, dem Zaplet (19), wo monatlich die Speisekarte wechselt und immer wieder auch die Inneneinrichtung. Oft empfohlen wird das Majik (20), gestaltet von dem weltbekannten Designer Karim Rashid; die Fenster sind aus pinkem Glas, über die Wände laufen Texte in LED-Schrift. Ich selbst würde dort eher auf einen Drink vorbeischauen - das Essen kann mit dem Ambiente nicht mithalten.

Schließlich noch ein bisschen Sightseeing: Die Burg Kalemegdan (21) wurde etliche Male zerstört und wiederaufgebaut, ein Symbol für den unerschütterlichen Lebenswillen der Belgrader. Von oben hat man eine tipptopp Aussicht über die Stadt. Schließlich gehen wir ins Museum für zeitgenössische Kunst (22) mit seinem Skulpturenpark. Damit habt ihr für den Anfang genug gesehen und ruht euch aus auf der Halbinsel Ada Ciganlija (23), wo die Belgrader am Ufer der Save in der Sonne liegen, picknicken und Fußball spielen. Allerspätestens hier werdet ihr zugeben: Vielleicht waren eure Vorurteile gegenüber unserer Stadt doch ein wenig einseitig.«
Protokoll: Stefan Adrian




Tipps

Hinkommen
Germanwings fliegt direkt ab Stuttgart und Köln nach Belgrad.

Rumkommen
Statt U-Bahn gibt es ein dichtes Netz von Trolleys, Oberleitungsbussen. Gut ausgebaute Radwege verlaufen zu beiden Seiten der Save und an einem Stück der Donau entlang. Besonders schön ist der acht Kilometer lange Radweg um die Halbinsel Ada Coganlija (23). Entlang dieser drei Wege findet man immer wieder Radverleihe.

Übernachten
Eine sehr charmante Backpackerherberge in einer alten Stadtvilla, auch mit Einzel- und Doppelzimmern, ist das »In Old Shoes« (24), inoldshoes.com, DZ 30 Euro. Altehrwürdig: das Hotel Moskva (25), hotelmoskva.co.yu mit Jugendstilmöbeln und Kaffeehaus im Erdgeschoss, DZ ab 125 Euro. Wer mehrere Wochen bleibt, findet günstige Apartments über beorent.com.

Mitbringen
»Prsuta« klingt nicht von ungefähr so ähnlich wie »prosciutto«. Es ist eine Art Schinken. Ursprünglich kommt es aus den Dörfern in den Bergen, mittlerweile ist es eine Spezialität der Stadt. Ein Stück Ziegenkäse gehört auch in jeden Touristenkoffer. Den findet man wirklich überall. Dazu eine Flasche Rakija (Obstbrand).

Unbedingt
Auf den Kosutnjak (26) steigen: ein großer, grüner Hügel und beliebter Ausflugsort für Liebespaare. Selbst wenn im Sommer in den Straßen die Hitze steht, ist es hier angenehm frisch. Wer es außen heiß und innen kühl mag, dem ist das Belgrader Bierfest zu empfehlen (12. bis 16. August, belgradebeerfest.com).

Bloß nicht
Überreden lassen, in den bekannten Club Akademija (27) zu gehen. Der war vor zwanzig Jahren angesagt, heute gleicht er eher einer Dorfdisko.




Tijana Bogosavljevic, 24, arbeitet als Moderatorin für »Pink Television«.

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