Tante_Lotte 02.08.2012, 17:46 Uhr 0 0

Mein Zauberland

Ein melancholischer Rückblick



"Du bist schon viel zu lang da drauf, ich bin jetzt dran!" Wütend stemmt das kleine Mädchen die Hände in die Hüften und stampft mit dem Fuß auf. Energisch greift sie nach den Zügeln und führt mein Pferd Richtung Stall. Wie ein Soldat marschiert sie voran, die Knie aufgescheuert, das Haar wild zerzaust und die Wangen gerötet von der Sommersonne. Die pinken Gummistiefel sind viel zu groß und schlappen bei jedem Schritt. Ich muss grinsen.
Langsam steige ich ab und überlasse ihr Max, einen betagten Norweger-Wallach mit hängender Unterlippe. Es riecht nach Sommer. Und Pferd. Irgendwo bellt Heidi, der Hund des Hofes, und aus einer Ferienwohnung kommen die Geräusche eines Fusballspiels.
Erschöpft vom Ausritt setze ich mich auf die große Tischtennisplatte vor dem Haus und schaue Annika nach, die, von ihrem Vater geführt, vom Platz reitet.
Mir ist, als wäre es gestern gewesen. Damals war ich 12 Jahre alt. Nach nunmehr 20 Jahren löst diese Erinnerung in mir eine ungeahnte Wehmut aus. Dieser Ort war das Zauberland meiner Kindheit. Ein kleiner Bauernhof im Bodenseer Hinterland, irgendwo zwischen Meersburg und Immenstaad, romantisch gelegen am Ende eines kleinen Tals, mitten in der Einöde. Umgeben von dichten Wäldern, saftigen Wiesen und alten, knorrigen Obstbäumen. Es war wohl das, was man als Erwachsener 'Heile Welt' nennt. Ein Ort, wo ich Kind sein durfte. Ohne Druck, ohne Hänseleien, ohne Angst. Littistobel - die Liebe meines Lebens.

Nie werde ich die langen Ausritte vergessen. Reiten konnte ich nie. Max aber wusste oder interessierte es nicht. Ich gab ihm mein Vertrauen und er mir seines. Wir waren ein Team, verstanden uns auch ohne Worte. Wenn ich heute das Stück Mähne sehe, welches bei mir am Spiegel hängt, weiß ich noch genau, wie sich sein Fell anfühlte. Warm und weich. Oft saß ich nach Einbruch der Dunkelheit bei Max im Stall und lauschte den Geräuschen der Tiere. Ein Gefühl der unbeschreiblichen Geborgenheit, welches man als Erwachsener oft vergebens zu finden versucht.

Natürlich benutzt die Erinnerung immer eine große Portion Weichzeichner, sie verwischt die Details und lässt alles in einem geheimnisvoll-zauberhaften Glanz erscheinen. Die ungeliebten Momente verblassen, wie z.B. der Sprung in's kalte Wasser, nachdem ich vorher eine Stunde in der Sonne gespielt hatte. Oder der Tag, an dem der Friseur in Markdorf aus meiner wallenden Mähne auf Wunsch meiner Mutter einen Pagenschnitt machte.

Die schönen Momente bleiben: Die Nacht, als wir Kinder den Pfadfindern, die auf einem Feld in der Nähe ihr Lager errichtet hatten, die Fahne klauten. Ich frage mich noch heute, wer eigentlich auf diese Idee gekommen ist. Wir rannten um unser Leben, voller Panik, erwischt zu werden und doch mit jeder Menge Spaß dabei. Oder der morgendliche Ritt zum 'Brotkäschtle mit dem Handhebedle', in welches der fahrende Bäcker immer die Brötchen für den Hof verstaute.

Diese Episoden meiner Kindheit sind heute mein Schatz. Wie ein Bilderbuch, welches ich aufschlage und mich in eine Welt entführt, die so anders ist, als die meine. Dieses Buch verhilft mir zur Flucht, wenn hier mal wieder alles zu versinken droht.

Ich war seit 10 Jahren nicht mehr dort. Max lebt nicht mehr. Aber man kann nach wie vor dort Ferien machen. Und dies werde ich tun. Eines Tages werde ich mit meiner Familie an den Ort zurückkehren, an dem ich so glücklich sein durfte. Und ihnen zeigen, wie man gefahrlos ein Gänsegehege durchquert.


Tags: Bodensee, Bauernhof, Meersburg, Baden-Würtemberg
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