Luxxx 30.11.-0001, 00:00 Uhr 2 0

Lustiges Versteckspielen in der Lagune

Was haben Venezianer mit einem lang verschollen gegoltenen Pygmäenstamm im Kongo gemeinsam? Keiner weiß, wo sie sind. Von einem, der auszog zu finden.

Venezia, eine Inselgruppe inmitten einer Lagune, zirka 6 mal 3 Kilometer groß, 6 Bezirke, vierhundertirgendwas Brücken, einhundertundsoundsoviele Kirchen, eine Piazza, Taubenkacke sowie Touristen in rauen Mengen und angeblich 80.000 Venezianern. Aber bitte Frage, wo sind die? Sind die alle in Stealth-Mode? Sind es in Wahrheit Aquatiker, die nur im trüben Wasser der Kanäle hausen? Oder tarnen sie sich einfach als Touristen, um nicht aufzufallen?

Gut, es gibt meiner Erfahrung nach drei Arten, um die Stadt und ihre Bewohner kennen zu lernen: Die erste (Sommer 2001) war die altbewährte Touri-Brachialvariante, sprich in einem Rudel von mit Fotoapparaten und Videokameras bewaffneten Individualtouristen (Achtung! Das rote "Ironie"-Licht leuchtet links über meiner Schulter) vom Bahnhof über die Rialtobrücke zum Markusplatz und wieder zurück. Der Vorteil dieser Herangehensweise, man kann innerhalb eines halben Tages alle wichtigen Sehenswürdigkeiten von Venedig sehen und dann getrost mit 50 Bilder für die obligate Diashow vor den wehrlosen Daheimgebliebenen in den Bus steigen, auf dem Weg zu einer ach so authentischen Weinverkostung in der Toskana oder einem weiteren Frontalangriff auf Siena, Perugia, Firenze, Roma oder Napoli - pick your favourite!

Die zweite Methode (Jänner 2002) ist die Romantisch-Verklärte: Man nehme eine Herzensdame seiner Wahl (für die Leserinnen: Benutzt eure Phantasie und findet selbst raus, welche Alternativen es dazu gibt!), suche sich ein kleines Hotel in der Nähe des Canale Grande, unternehme sodann ausgiebige Spaziergänge entlang der halb zugefrorenen Kanäle, Hand in Hand, ein bisschen Sülz hier, ein bisschen Süßholzraspel da, als Highlight eine Fahrt in einer Gondola, der Gondoliere ist aber leider verkühlt und röchelt daher mitleiderregend beim Refrain von O sole mio, weshalb wir ihn mit einem Ricola aufzuheitern versuchen. Großer Pluspunkt von Kandidat Nummer zwei: Nach den langen Märschen durch die engen Gassen bei Temperaturen um den Gefrierpunkt braucht man nachher zum Auwärmen viel Zeit im Bett, und das ist doch der Sinn und Zweck von romantisch-verklärten Wochenenden.

Nun aber zur dritten Möglichkeit, die, wie ich zugeben muss, wohl nichts ist für Pauschalurlauber und Wochenendfrischler: Ein Semester an der Universität Ca' Foscari inskribieren, in einem Studentenheim mit 90% Italienern hausen (leider keine Venezianer), mit diesen um die Häuser ziehen, was den großen Vorteil hat, dass die Italiener beinahe problemlos mit den Venezianern kommunizieren können, was die scheue Rasse der Eingeborenen dazu veranlasst, näher zu kommen, sodass man sie letztendlich sogar füttern kann, zum Beispiel mit der besten Pizza von ganz Italien, nämlich bei der Pizzeria d'asporto auf dem Campo Santa Margherita, der sich gerade nächtens als natürliches Habitat der jungen Venezianer darstellt. Legendär ist das Cafè Noir, das vom Campo Santa Margherita nur einen Katzensprung entfernt ist (und ganz einfach zu erreichen, an der Kirche vorbei, über die Brücke und dann immer gerade aus, wobei "gerade aus" auf Venezianisch übersetzt so viel heißt wie: Zuerst rechts, dann der Kurve der Gasse folgend, dann bei einer Kreuzung stehen, die niemals erwähnt wurde, aufs Geratewohl eine Gasse nehmen und dann nach 15 Minuten wie durch ein Wunder an seinem Ausgangspunkt zu stehen, aber ich schweife ab...), jedenfalls, um die Geschichte wieder aufzugreifen, in dem legendären Cafè Noir gibt's den besten Sprizz Aperol. Nie gehört? Das ist das Stadtgetränk in Venedig, Weißwein mit Wasser gespritzt, dazu einem Schuss Aperol und als Krönung eine glückliche Olive - iami! Und wenn euch im Gegensatz dazu ein Tourismusführer erklären will, dass Bellini der Drink der Venezianer ist, so entreißt ihm den Regenschirm, mit dem er euch durch die Stadt gelotst hat, zieht ihm ordentlich eins über die Rübe und beschimpft ihn mit "Non raccontarmi delle storielle, bugiardo!" Aber echt!

Sperrstunde ist wie überall in Venedig auch im Cafè Noir mit 2 Uhr schon relativ bald, doch dank meiner italienischen Begleiter und ihrem Verhandlungsgeschick finden wir Aufnahme bei diversen Einheimischen, mit nächtlichen Saufgelagen bis zum Morgengrauen. Aber das ist eine andere Geschichte.

2 Antworten

Kommentare

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    Kurzes PS: Bin im April wieder dort. Alte Zeiten aufleben lassen. Wiedersehen mit Vecchioni und Principesse. Und Sprizz Aperol.

    06.03.2005, 17:25 von Luxxx
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    Sehr netter Text und zumindest der 3. Abschnitt klingt (mit kleinen Abänderungen) ein bißchen wie meine erste Zeit in Florenz!
    Ich hoffe, du hattest viel Spaß?!
    Liebe Grüße, Flo.

    04.03.2005, 21:06 von Florence
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