ValSal 22.02.2013, 18:55 Uhr 9 1

Leipzig

Eine der schönsten und interessantesten Städte Deustchlands!

Zwischen heruntergekommenen Häuserfassaden blitzen blankpolierte Altbauten und Glaskästen. In der Mitte zwei großer Straßen ist ein Park mit Bänken, Bäumen und überirdisch verlegten Rohren. Der Stefani-Park liegt in Reudnitz, Leipzig-Ost, einem Stadtviertel der Gegensätze. HartzIV-Empfänger und Studenten, junge Familien, Migranten und Männer in Bomberjacken prägen das Bild des Stadtteils. Neben einer Studentenkneipe liegt eine Grundschule, neben der Grundschule eine Bar, in der ein Wirt, sein Hund und seine Freundin die Stammgäste begrüßen und bedienen. Gemütlich ist es hier, die Sofas sind durchgesessen und der ältere Herr braucht nicht mehr nach dem nächsten Bier fragen, es wird gleich eingeschenkt. In der Schule gibt es einen „Jugendtreff“, dort brennt auch abends noch Licht und macht den Anschein einer Auffangstation für Kinder die zu Hause nicht erwünscht sind. Es gibt ein Kaffee für Veganer, einen alternativen Laden, in dem Lesungen statt finden und man Rotwein trinken kann und ein Kino aus DDR-Zeiten.

Hier werden jetzt die ersten Einfamilienhäuser gebaut. 137 qm Wohnfläche für 150.000 Euro plus Garten. Es wirkt, als hoffe man, dass die Studenten bleiben, bauen, renovieren, investieren. Es gibt einen Gemüsehandel, einen Kaufland, einen Rewe. Einen Alnatura gibt es noch nicht.

In Connewitz ist ein Buchladen für linke Literatur. Auf einer Häuserwand steht „Stoppt Thor Steinar!“. Spätis sind hier an jeder Ecke und wenn man es wirklich mal übertreiben will, schaut man morgens im Werk 3 vorbei. Das Zorro in der Bornaischen, die Liwi und viele andere Kneipen verleihen diesem Stadtteil eine ganz eigene Note. Ein Hoodie, farbbefleckte Jeans, ein Hund, ein Kind. Der BioMare ist ein Muss. Connewitz-Style.

In Leipzig-West liegt eine Punk-Bar neben einer Nazi-Kneipe, neben einem Vegan-Kaffee. Ab 23.00 Uhr ist das Licht im rechten Lager aus, aus dem Hinterzimmer dringen Lanzer-Lieder die lauthals mitgegrölt werden. Geschlossene Gesellschaft.

In der Punk-Kneipe hängt Che Guevara an der Wand und Bücher stapeln sich auf selbst-geschraubten Regalen. Die Tische sind aus Holzkisten und die Toiletten voller Filmplakate und Fotos. 1,50 Euro für einen halben Liter Bier.

Hinter dem Hauptbahnhof drängen sich Plattenbauten. In langgezogenen Fluren reihen sich die Türen aneinander. Gescheiterte Existenzen leben hier in Ein-Zimmer-Wohnungen, aber auch Rentner und Alleinerziehende. Der soziale Abstieg ist an den Häuserwänden festgehalten, über den bröckelnden Putz sind meist einfache Graffitis gemalt.


3 Straßen weiter liegen die Nobel-Hotels der Stadt, platziert um das hochmoderne Kunstmuseum, einem riesigen Würfel aus Glas. Auf dem alten Rathausplatz ist der Wochenmarkt, im Barfußgässchen liegen die teureren Kneipen und Restaurants. Im „Spizz“ finden die Mediziner-Partys statt, im „Cafe Madrid“ kriegt man sehr gute Tapas, im „arabischen Coffeebaum“ gibt es sächsische Spezialitäten. Die Preise sind hier wesentlich höher als anderswo in Leipzig, aber man gönnt sich ja sonst nichts. Hier treffen sich junge Industrielle und Intellektuelle, Ärzte und Professoren.Hier reihen sich die Edel-Boutiquen aneinander,  die Wirtschaft scheint zu florieren, hier trifft sich die Bourgoisie. Für einen großen Kaffee 2,50 Euro, dass ist viel für Leipzig.Hier ist das Kabarett-Zentral, die bronzene Statue Goethes, Museen, die Nikolai-Kirche ist nur 2 Gehminuten entfernt, ebenso die Thomaskirche mit dem berühmten Thomaner-Chor. Bach hat hier gespielt und gelehrt.

Es macht Spaß, durch die alten Gässchen zu flanieren, nach kleinen Bücherläden und Antiquitäten Ausschau zu halten. In Leipzig scheinen die Häuser selbst schon eine Geschichte zu erzählen, von Goethe bis in die Gründerzeit, von der wilhelminischen Ära bis zum Krieg, von der DDR und dem Aufbau Ost.

Gerade ist Winterschlussverkauf, so nannte man es früher zumindest bei Galeria Kaufhof. Parfüm, Dior, 30 Euro. Da muss man zuschlagen.

Am Augustusplatz ist die Oper, ein beeindruckendes Gebäude aus weißem Stein, daneben das Gewandhaus. In der Sparkasse sitzen drei Obdachlose.Aber in welcher Stadt tun sie das nicht?

Vom Völkerschlachtdenkmal hat man bei gutem Wetter eine fantastische Aussicht über die Stadt. Neben der russisch-orthodoxen Gedenkkirche ragt die goldene Spitze des zerfallenen sowjetischen Pavillons. Ein Mahnmal für sich. Daneben liegt der Hit-Markt in einer alten Fabrikhalle. Konsumgüter en masse gibt es hier auf dem alten Messegelände des Kommunismus.

In der deutschen Nationalbibliothek stapeln sich Generationen deutscher Dichter und Denker, innen strahlt die Bibliothek Würde und Ehrfurcht aus. Man will ruhig sein. Nicht weit von hier liegt das Universitätsklinikum, unübersichtlich verteilen sich die verschiedenen Stationen auf zahlreichen Straßen. Die Uniklinik, die Max-Planck-Institute, die Universität mit ihren zahlreichen Forschungseinrichtungen, das scheint die Zukunft Leipzigs zu sein. Wissenschaftler aus aller Welt kommen hierher um zu arbeiten und bringen eine selbsterfüllende Prophezeihung mit sich. Leipzig, eine Stadt der Kultur, Zentrum der Forschung, der Internationalität. Man kann es schon sehen, fühlen. Leipzig verändert sich. Und welche Stadt hätte besseres Potenzial?

Die Mieten sind bezahlbar, viele Häuser stehen noch leer. Lukrativ für Studenten und Azubis, für junge Familien und deshalb auch für Investoren.

Leipzig schafft den Spagat zwischen Bodenständigkeit und kulturellem Erbe, zwischen Proletariat und Individualisten, die sich hier eine gemeinsame Zukunft zu bauen scheinen. Hier hat man noch den Raum sich selbst zu verwirklichen, aber auch sich zusammen was zu erschaffen. Sicherlich muss noch viel gemacht, viel überwunden werden.

Doch geschichtsträchtig und trotzdem noch am Anfang stehend, könnte diese Stadt sich zu einer der wichtigsten Bildungsstätten der Nation entwickeln. Eine der geschichtlich und kulturell interessantesten Städte ist sie heute schon.





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9 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Mir fehlt die Westkultur im Text. Sie ist es ja, was die "Karli" nur versucht zu sein.
    Komm einfach mal nach Plagwitz : )
    Ansonsten nett be umschrieben.
    LG

    16.02.2014, 19:23 von Aldrig_Ensam
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  • 0

    für mich als Leipzigerin klingt das alles ein bisschen oberflächlich. wie ich in den kommentaren gelesen hab, wohnst du ja jetzt schon ne weile hier. hat sich dein bild mittlerweile geändert? :)

    30.01.2014, 22:46 von MrsFelinchen
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  • 0

    ich mag deine Stadtführung oder soll es sogar eine -Verführung sein?

    24.02.2013, 00:54 von SteveStitches
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    ich lebe schon eine ganze weile hier. und auch verdammt gerne. aber ich hab einen ganz anderen blick auf die stadt als du hier beschreibst... 


    und: http://www.conne-island.de/nf/201/23.html (ich könnt immer noch weinen...)

    23.02.2013, 01:37 von purply
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      Was?! Unglaublich, ich wohne eine Straße weg, aber es ist Prüfungszeit :). Ich habe lange überlegt, den Artikel hier zu posten, weil ich auch schon länger hier lebe, den Artikel aber geschrieben habe, als ich 1 Monat für ein Praktikum hier war und in Reudnitz gewohnt habe. Ich wohne in Connewitz und studiere hier und habe damit jetzt auch einen ganz anderen Blick, aber als ganz frisch gebackene Leipzigerin hatte ich diesen Blick und ich fands ganz interessant :)

      23.02.2013, 12:24 von ValSal
    • 0

      Ich glaube. es ist mehr der Blick von außen auf die Stadt, nicht aus ihr heraus. Weißt du, wie ich meine?


      23.02.2013, 12:27 von ValSal
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      Ja, ich versteh das. Das schreit dann wohl nach einem neuen Text! (Wenn die Prüfungszeit rum ist...) 


      Ich wohn übrigens in Reudnitz und ich fang langsam an, diesen Stadtteil zu lieben! (:

      24.02.2013, 17:43 von purply
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  • 2

    Ist das nicht in der DDR?

    22.02.2013, 20:05 von RAZim
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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