Kubareise
Unterwegs in einem sozialistischen Land.
Als sich die Glastüre des Flughafengebäudes aufschiebt, stehe ich im ersten Moment einer Hitzewand gegenüber, durch die sich meine Blicke ihren Weg bahnen. Lange hat die Passkontrolle gedauert und nun entdecke ich David, der sich entschuldigt, mir nicht entgegengelaufen zu sein, aber als Kubaner dürfe er öffentliche Gebäude und Hotels nicht betreten. Unterwegs nach Trinidad halten wir an einer Raststätte am Wegrand und trinken Ananassaft für 2 Cent. Die Zigaretten, die in blauen, roten und dunkelgrünen Schachteln fein säuberlich hinter der Theke verstaut werden, heißen "Hollywood", aber das ist auch das Einzige, was in diesem, von Neonröhren durchfluteten Imbiss mit seinen Plastikstühlen an Hollywood erinnert.
Als wir weiterfahren, ist die Nacht bereits sternenklar, und so meiden wir die Straße am Meer, weil der Taxifahrer befürchtet, die Straße überquerende Krebse könnten ihm die Reifen zerstechen. Am Tag erkunden wir Trinidad, eine malerische Ex-Kolonialstadt, die ein gutes Postkartenmotiv abgeben würde, mit ihren bunten Häusern und dem karibischen Strand. Durch die von Schlaglöchern gebeutelten Straßen ziehen meist abwechselnd Pferde, Fahrradtaxen oder Cadillacs. Schöne alte Welt. Da Lebensmittel nur in unregelmäßigen Abständen erhältlich sind, bekommen wir die ersten Kartoffeln seit Monaten zum Essen serviert, nur Milch für den Kaffée gäbe es keine, meint Angelica, die Besitzerin unserer Pension entschuldigend. Die einzige Kuh des Milchlieferanten sei gestohlen worden, erzählt sie während sie den Kaffée mit Milchpulver mischt.
Wir besuchen ein kubanisches Einkaufszentrum, in dem ganze Kühltruhen und Regale leerstehen. In anderen stapeln sich Kinderfahrräder neben Ventilatoren, Waschmittel oder Unterwäsche. Isabel, eine Freundin der Familie, erzählt, dass die angebotene Ware meist Überschussware aus dem "kommunistischen Bruderstaat" China und dementsprechend von schlechter Qualität sei. Kuba tue sich schwer sich gegen den US-Handelsboykott zu stemmen, auch wenn man mit etwa 100 weiteren Staaten, die meisten davon aus Südamerika, Handel betreibe. Vielleicht ist es europäische Überheblichkeit, dass mir nichts einfällt, was ich mir kaufen wollte.
Isabel erwähnt, dass sich dieser unfreiwillige Verzicht auch auf die Mode auswirke, jeder ziehe das an, "was er kriegen" könne, und ein Blick auf die Straße bestätigt dies: ein vielfältig-bunter Mix fällt ins Auge, kombiniert mit allerlei Accessoires. Offen und tolerant seien die Kubaner dadurch geworden, jeder versuche sein Leben so gut es geht zu meistern. Dies bestätigt uns auch Javier, der sich offen zu seiner Homosexualität bekennt, "Pacharro" (=Vogel) wird er hier genannt und doch allseits akzeptiert. Seine einzige Sorge, erzählt er lachend, sei ein Beschluss der Stadtverwaltung von Trinidad über die Einführung von Straßenlaternen, denn dies vermiese ihm das "nächtliche Vögeln" auf der Straße.
Überhaupt ist Sex ein offenes Gesprächsthema und Isabel erzählt, dass sie einmal eine Kiste mit 1000 Kondomen von einer Freundin aus New York geschenkt bekommen habe. Und da die kubanischen Kondome qualitativ eher schlecht seien, habe sie die Kiste an ihr Viertel verschenkt. Innerhalb kürzester Zeit seien alle weg gewesen.
Als ich mir doch etwas kaufe, erhalte ich einen Beleg und werde energisch darauf hingewiesen, diesen zu behalten. Beim Verlassen des Ladens merke ich warum: 3 Sicherheitsangestellte kontrollieren meinen Bon, haben aber sonst nicht viel zu tun - Arbeitslosigkeit mache sich nicht gut in einem kommunistischen System, erklärt uns Isabel. Aber die Kontrolle hat noch einen anderen Grund: für den Fall eines Inspektorbesuches, ein Mitarbeiter der Regierung, der circa 1 mal pro Monat unangemeldet die Haushalte kontrolliert. In diesem Fall dient der Bon als Beweis dafür, die Ware nicht auf dem blühenden Schwarzmarkt erworben zu haben und somit einer Strafe zu entgehen.
Wir lauschen der Geschichte eines Mannes, der 2 Jahre im Gefängnis saß, weil er einige Kilogramm Rindfleisch besaß. Dies ist für Kubaner aus Gründen der Lebensmittelknappheit verboten. Oder die eines Nachbarns, der eine unerlaubte Menge an Salz besessen hatte, und der eines Tages bei Isabel vor der Tür stand um sich dafür zu bedanken, dass sie ihn vor einer Inspektorkontrolle gewarnt hatte. Den ganzen Nachmittag soll er geblieben sein, schluchzend Isabels Hand haltend.
Ich spreche mit Luisa, deren Ehemann die Repressionen des Staates irgendwann nicht mehr ausgehalten hat und der seiner Frau sagte, er müsse für ein paar Tage beruflich nach Varadero, an die Nordküste des Landes. Von dort aus machte er sich mit dem Ruderboot auf den Weg in die USA, 144 km über das karibische Meer in Richtung Freiheit. In Miami angekommen rief er zu Hause an und versuchte zu erklären, warum er nichts hatte erzählen können, das Risiko, dass der Plan platze sei zu groß gewesen. Erschöpft wäre er nun, sagte er noch, bevor er den Hörer auflegte, und dass er Geld schicken werde.
Oder mit Laura, die ein wenig aussieht wie Penelopé Cruz, nur dass sie keine Designerklamotten trägt, sondern ein pinkes Polyesteroberteil mit Strasssteinen. Ein ganz normales Mädchen also, eines, das Scarlett Johansson bewundert und gerne einmal nach London fliegen würde. Für einen Moment denke ich, dass Träume sich wohl überall gleichen.
Der Film "Babel" habe sie begeistert, erzählt sie, den habe sie von einem Freund, der in einer Videothek arbeite, unter der Kasse zugesteckt bekommen. Ein Film, indem es zu Missverständnissen und Gewalt kommt, weil Menschen unfähig sind, einander zuzuhören. "Ich denke wir sollten alle von diesem Film lernen", sagt sie noch, während sie ihre langen braunen Haare zu einem Zopf knotet.
Auf den Kommunismus angesprochen, meint sie fast rechtfertigend: "Mein Vater ist Architekt in Havanna, unserer Familie gehts es zum Glück vergleichsweise gut, nur die Unfreiheit, die ist das Allerschlimmste". Ihr Vater ziehe in zwei Monaten nach Spanien um dort zu arbeiten und werde versuchen, die Familie nachzuholen, doch dann würden immernoch die Bürokratie und die Erniedrigung durch die Behörden bevorstehen. "Es kann Jahre dauern, bis der Antrag genehmigt wird!". Auch von ihrer Mutter berichtet sie, die eigentlich Kunstprofessorin sei, und sich nichts sehnlicher wünsche als wieder unterrichten zu können. Zur Zeit putze sie noch in einem Hotel, weil sie dort mehr verdiene. Kurios erscheint es dann, dass es im kubanischen Fernsehen eine Lotteriegewinnshow gibt, bei der der erste Preis die freie Ausreise ist.
Doch Lauras Mutter steht nicht alleine da: eine ganze akademische Elite bricht weg, weil die Universitäten zwar gut sind, der Verdienst jedoch schlecht ist. Etwa 3 Euro umgerechnet verdient ein Busfahrer im Monat, eine Krankenschwester 12, selbst ein Arzt nur unwesentlich mehr, ein Grund dafür, dass sich viele im Tourismus, der größten Einnahmequelle Kubas, umsehen. Auch wenn für eine tägliche Essensration der Staat aufkommt, ist das Geld oft so knapp, dass viele ohne illegale Nebenverdienste niemals über die Runden kommen würden. Von Arbeiterinnen einer Zigarettenfabrik wird uns berichtet, die breite Stoffhosen zur Arbeit anziehen, um die geklauten Zigaretten für den Nachhauseweg dort zu verstauen. Oder von einem Krankenhaus, indem eine lebenswichtige Operation abgesagt werden musste, weil der zuständige Arzt Medikamente und Medizinhandschuhe hatte mitgehen lassen, um diese zu verkaufen.
Nur die Kunst- und Musikszene scheint von der beinahen Einkommensgleichheit zu profitieren: In fast jeder Straße Trinidads befindet sich eine kleine Kunstgalerie, zwei Zimmer oft nur und doch geben die Ölgemälde, Fotografien oder Skulpturen einen Einblick in jene Parallelwelten, die sich viele Menschen erschaffen. In jeder noch so kleinen Bar wird zu Salsarhythmen einer Liveband getanzt, und selbst die Putzfrau eines Restaurants stellt für kurze Zeit den Eimer zur Seite, um sich für die Länge eines Liedes unter die Tanzenden zu mischen.
Nachts hört man aus lichtdurchfluteten Wohnzimmern lauten Reggaeton, zu erkennen am immergleichen Wummern, am monotonen Beat. Und dann tanzen Menschen auf der Straße dazu, die selbst keine Anlage haben.
Vielleicht findet die Rebellion auf den Tanzflächen statt, zwischen meterhohen Boxen und in Form von Reggaetontexten, die beispielsweise von Oralsex handeln und Frauen als "Mami" bezeichnen. Schweißgebadete Körper bewegen sich hierzu und junge Frauen reiben ihren Hintern zu Songs, die davon handeln, dass man seine Frau besser respektieren sollte, an die Unterkörper der Männer. Doch auch ein beliebtes Klischee bestätigt sich ab und an auf Plätzen des Nachtlebens: etwa 80-jährige weiße Männer, die mit farbigen einheimischen Frauen Mitte 20 anbandeln.
Da Alkohol woanders billiger ist, bekommt man den in einer Nebenstraße des Clubs, verkauft von Kindern, die vielleicht 9 sind oder 10. Drogen sind hingegen offiziell verboten, der Besitz und Konsum unter harte Strafen gestellt.
Während Trinidad also feiert, sitzt Miguel, Isabels Sohn, in einer Militärkaserne unweit der Stadt und leistet seine Wehrpflicht. Freigang hat er nur ganz selten und meist nur für ein paar Stunden. Als wir ihn abholen, treffen wir auf einen schüchternen 17- Jährigen, muskulös zwar, doch mit Bubengesicht. Isabel "schenkt" dem Aufseher am Kasernentor einige Dosen Bier um noch eine Stunde herauszuschlagen und beginnt dann ununterbrochen zu weinen. Um ihren Sohn, der gerade viel durchmachen muss und weil das Militär ihre Familie auseinanderreißt. Miguel erzählt von sinnlosen Übungen zur "Stärkung der Gehorsam" und dass sich erst kürzlich ein Soldat mit Schlaftabletten das Leben genommen habe, weil er trotz des Attestes eines Psychologen seinen Wehrdienst hatte zuende bringen müssen.
Überhaupt ist Familie das Wichtigste für Isabel, denn "das sei in Kuba so". Nie würde ein Familienmitglied verstoßen werden und es werde zusammengehalten, auch wenn es hart auf hart komme: so wie im Juli 2005, als Hurricane "Dennis" die halbe Insel verwüstete, Häuser abdeckte und Ernten vernichtete. 16 Menschen starben damals auf Kuba, erzählt wird noch heute davon.
Doch auch andere Stimmen sind zu vernehmen: ich unterhalte mich mit José, einem älteren Herren Ende 70, der schon die kubanische Revolution 1959 miterlebt hat, heute noch von Ché Guevara als "El commandante" spricht und es bewundert, wie Kuba dem "amerikanischen Imperialismus" trotze. Stimmen, die der kubanischen Regierung gefallen dürften, unentwegt stoßen wir am Straßenrand auf riesige Propagandatafeln, die die Porträits Fidel Castros und Slogans wie "Patria o muerte" (=Vaterland oder Tod) enthalten. Doch auch auf Hauswänden, im Sekretariat einer Schule oder in einer Fabrik finden wir Guevara-Portraits oder Castro-Zitate zur "Verteidigung des Sozialismus".
Unabhängige Zeitungen oder Fernsehsender gibt es keine, in den meisten Bibliotheken erhält man, neben den Werken von Castro oder Matí, nur Kapitalismus-kritische Bücher und Romane von unpolitischen Autoren. Das Internet ist für Kubaner nur in Ausnahmefällen erlaubt und selbst dann stehen nur das zensierte "Intranet" und "google.Kuba" zur Verfügung.
Und trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass sich was bewegt in Kuba, der Kommunismus seine letzten Atemzüge nimmt.
Als ich vor dem Rückflug im Flughafen in der Warteschlange stehe und aus Boxen leise Salsa-Musik ertönt, beginnt sich hinter mir ein Mann unrhythmisch zu bewegen. Seine Frau läuft vor Scham rot an und bittet ihn aufzuhören, als er ihr mit sächsischem Dialekt anwortet: "Och nöö, Schnucki, wir sin' doch in Küba, da muss ma' döch a wenich danzen!". Ja, Kuba. Tanz. Mir fällt ein Graffiti an einer Hauswand in Havanna wieder ein. "El futuro est nuestro." stand dort - die Zukunft gehört uns.
Als ich im Flugzeug sitze, lese ich in der Zeitung, dass der neue Staatschef Raúl Castro dazu aufgefordert hat über die Zukunft des Landes zu diskutieren. Auch den Erwerb von Handys, Autos und Fernsehern für Kubaner hat er nun offiziell legalisiert. Ich muss an David denken, der von einer Freundin ein altes Handy aus Deutschland bekommen hat. Obwohl er weder Speicherkarte noch Vertrag besitzt, tut er manchmal so als würde er telefonieren. Auch hat er mich gefragt, ob er meine Handynummer haben könne, für den Fall dass sein Handy mal funktioniere.
Bald werde ich also Post bekommen. Von David.






Kommentare
Guter Artikel, wer weiß, ob es in fünf Jahren auf Kuba noch genau so aussieht?
25.08.2008, 14:30 von crossroads08sehr toller text!!
14.08.2008, 18:31 von nostalgicoach ja, reggaeton..
Danke für den Beitrag und die Erinnerungen, die Du damit geweckt hast! I
16.04.2008, 15:10 von bananadie beste Zeit in Kuba hatte ich im Sommer 2006 auf der Isla de la Juventud. Wir lebten bei Jorge y Roy, einem schwulen Pärchen, die eine Casa Particular haben, incl. kitschig dekorierter Dachterrasse. Nach einer Woche schien und das ganze Dorf zu kennen, wir waren jeden Tag auf reggaeton-Parties und hingen mit den Einheimischen im Dorf ab. Es gab während der acht Tage kein Wasser zu kaufen, dafür aber Mojito ohne Ende... Cuba eben.
der text lässt sich echt wunderbar lesen! feine sache:) klingt manchmal zwar etwas sentimental aber daran merkt man nur wie sehr dir der aufenthalt am herz lag vermute ich mal ;)
16.04.2008, 13:27 von AnschowiEine absolut unvergessliche Zeit hatte ich 2006 auf der Isla de la Juventud. Cubanischer geht es nicht! Es gab die sieben Tage lang, an denen wir dort waren, kein Trinkwasser, jeden Abend Reggaeton-Parties unter freiem Himmel. Wir lebten bei Jorge y Roy, einem schwulen Paar, die eine casa particular mit kitschig dekorierter Dachterrasse haben. Nach kurzer Zeit lernten wir das ganze Dorf kennen.
14.04.2008, 15:57 von bananagenau im richtigen moment!
14.04.2008, 13:23 von no_excuseflieg nächste woche für vier wochen in den sozialismus oder ins paradies. wohl beides. sehr schöner artikel... vielleicht kann ich in einigen wochen auch was gutes schreiben!
hallo, ich plane im herbst nach kuba zu reisen. ich verspreche mir, ähmliche erfahrungen zu machen, wie du. bin sehr gespannt, wie es mir in einem solch befremdlichen staat ergehen wird...
13.04.2008, 21:33 von Loanaviele grüße!
Sehr schön,würde zu gern mal das Leben in Kuba kennenlernen!
13.04.2008, 21:04 von StrummerboyMal sehen ob sich demnächst mal was ändert, lange hat der Kommunismus in anderen Ländern ja auch nicht gehalten...
ich habe kuba als sehr speziell empfunden, gerade aufgrund der gewissheit, dass sich das land im aufbruch befindet - und der so schoene marode charme und zauber kubas den kapitalismus wohl nicht ueberstehen wird.
13.04.2008, 17:38 von blauauge