Stumpjumper 03.03.2008, 11:36 Uhr 1 0

Korea ist anders

Ja, Korea ist nichts für Weicheier. Dafür für Warmduscher.

Kimchi. Kaum ein anderer Begriff ist so untrennbar mit der koreanischen Kultur verbunden wie dieser. Eingelegtes, fermentiertes und vor allem scharfes – sehr scharfes – Gemüse. Zumeist Chinakohl. Ein koreanischer Esstisch ohne Kimchi ist unvollständig. Es gibt hunderte Varianten, Kimchi zuzubereiten, und sogar Kimchi-Museen. Es ist kein Gericht für sich, doch unverzichtbarer Bestandteil der koreanischen Esskultur. Isst ihr Gegenüber kein Kimchi, so können Sie getrost davon ausgehen, dass es sich mit Sicherheit um keinen Koreaner handelt. So hat der Autor persönlich miterlebt, wie ein koreanischer Tourist inmitten des thailändischen Dschungels ein Päckchen Kimchi aus der Tasche zog, um sein vom einheimischen Führer fachkundig zubereitetes Abendessen zu verfeinern.

Mit 99.392 km2 ist Südkorea nur wenig größer als Österreich. 70 Prozent der Landesfläche sind dicht bewaldetes Hügel- und Bergland. Auf den restlichen 30 Prozent tummeln sich jedoch mit mehr als 40 Millionen Einwohnern ungefähr achtmal soviele wie in der Alpenrepublik. Das Klima ist dem Österreichs nicht unähnlich: es gibt vier klar voneinander abgegrenzte Jahreszeiten. Ein milder und sonniger Früh-ling und Herbst; ein kalter, schneereicher Winter; und ein Sommer, der sich tempera-turmäßig vom hiesigen nicht wesentlich unterscheidet, bis auf die Regenzeit, einer merklich höheren Luftfeuchtigkeit (die sich allerdings nicht mit jener subtropischer Länder vergleichen lässt), und gelegentlichen Taifunstürmen. Klimamäßig gibt es ein deutliches Nord/Süd-Gefälle. So liegen die Temperaturen im Norden des Landes im Jahresmittel unter denen des Südens.

Die zahlreichen Berge werden ausgiebig zum Wandern genützt, über das Land verteilt gibt es eine Vielzahl von National- und Naturparks, die zumeist ein gut ausgeschildertes und gepflegtes Wegenetz beinhalten. Kein Wunder, denn die Koreaner sind wahrlich ein Volk von Wanderern. An schönen Wochenenden tummeln sich unzählige Naturbegeisterte in den Parks, meist in Gruppen und nach dem neuesten Schrei der (Berg)mode ausgerüstet. Selbstversorgung ist angesagt, denn ein Hüttenwesen wie in der heimischen Bergwelt gibt es nicht. Nicht einmal Kimchi-Automaten.

Mit ca. 12 Mio. Einwohnern ist die Hauptstadt Seoul die unbestrittene Metropole im Land, allein im Großraum Seoul lebt ungefähr die Hälfte der Bevölkerung. Dennoch ist die Fortbewegung in dieser Riesenstadt effizient und preiswert – wenn Sie öffentlich unterwegs sind, wohlgemerkt. Das weitläufige U-Bahn – System reicht weit bis über die Stadtgrenzen hinaus, und in weniger als einer Stunde Fahrzeit stehen Sie vor den Toren eines Nationalparks oder einer der anderen Sehenswürdigkeiten in der Umgebung Seouls. Außerdem sind die Stationsnamen in Englisch angegeben, was dem Hangeul (so nennt sich das koreanische Alphabet) unkundigen Ausländer das Vorankommen wesentlich erleichtert. Sie bekommen vom Ticketverkäufer in der Station sogar einen englischsprachigen Plan ausgehändigt – ein reiner Selbstschutz des Angestellten, um sich Ihr unverständliches Gestammel zu ersparen. Nehmen Sie all diese Annehmlichkeiten dankbar an und würdigen Sie sie angemessen. Sie sind spärlich gesät, vor allem, wenn Sie sich außerhalb der Hauptstadt bewegen und auf sich alleine gestellt sind.

Das mit dem Englischen ist nämlich so eine Sache. Südkorea hat seit dem Ende des Koreakrieges einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung genommen, und stellt heute eine internationale Wirtschaftsmacht dar. Wenn Sie deswegen glauben, aus diesem Grund mit der englischen Sprache problemlos voranzukommen, so werden Sie ziemlich rasch eines Besseren belehrt. Nach kurzer Zeit schlägt Verwunderung in Verzweiflung um, und damit sind nicht Ihre koreanischen Gesprächspartner gemeint. Diese lässt es ziemlich kalt, wie sie an Ihr Ziel kommen, schließlich hat man Sie nicht hergebeten. Dennoch beruht diese vordergründige kalte Schulter, die Sie des öfteren gezeigt bekommen, nicht auf einer generellen Unfreundlichkeit der koreanischen Bevölkerung. Im Gegenteil, die Koreaner sind freundliche Leute, wenn man sie näher kennenlernt. Doch stellen die zumeist nicht oder nur spärlich vorhandenen Englischkenntnisse eine oft unüberwindliche Barriere dar. Das Eingeständnis, etwas nicht zu können oder zu wissen, bedeutet in vielen asiatischen Kulturen einen Gesichtsverlust, den man sich lieber ersparen möchte.

Stellen Sie sich beispielsweise folgende Situation vor: Sie reisen außerhalb Seouls ohne koreanische Reisebegleitung, und Sie möchten wissen, zu welchen Zeiten ein Bus an eine beliebige Destination fährt. Der Fahrplan ist ausnahmslos in Koreanisch angeschlagen, bedeutet daher also keine wirkliche Hilfestellung. Kein Problem denken Sie, gehen zum Ticketschalter, um danach zu fragen. In welcher Sprache denn? Die freundlichen Angestellten sind der englischen Sprache nur unwesentlich mächtiger als Sie der koreanischen. Um dennoch an die gewünschte Auskunft zu kommen, sei folgende Vorgehensweise empfohlen: sie setzen einen verzweifelt wirkenden Gesichtsausdruck auf und bemühen sich, möglichst planlos und desorientiert zu wirken (was in besagtem Fall selbst dem hoffnungslosesten Laienschauspieler problemlos gelingt). In der Regel taucht dann von irgendwoher ein rettender Engel auf, mit gut verständlichem Englisch, und hilft ihnen aus der Klemme. Dann zeichen sich Ihre koreanische Mitmenschen allerdings durch ausgesprochene Hilfsbereitschaft aus, die nichts unversucht lassen, Sie aus Ihrer kniffligen Situation zu befreien. Sie suchen mit Ihnen den richtigen Ticketschalter auf, machen den richtigen Ausgang ausfindig und setzen Sie quasi in den richtigen Bus. Solcherart mit dem Land versöhnt, bitten Sie den Bus-Chaffeur, Sie an der richtigen Haltestelle abzusetzen…

Als westlicher Tourist hat man es also nicht leicht in diesem Land. Wobei man es der koreanischen Tourismusbehörde zu Gute halten muss, dass Informationstafeln oft dreisprachig gestaltet sind: chinesisch, japanisch, und eben koreanisch. Darin einen Grund für Ärger zu sehen hieße, alles aus einer engstirnigen westlichen Sichtweise heraus zu betrachten. Wie weit sind denn der europäische und der amerikanische Kontinent von der koreanischen Halbinsel entfernt und wie weit China und Japan? Eben. Diese verschobene Perspektive beim Reisen ist immer wieder eine heilsame Erfahrung und eine gute Gelegenheit, über die Bedeutung der eigenen Heimat in der Welt nachzudenken. Für gewöhnlich wird sie maßlos überschätzt.

Sollte an dieser Stelle der Eindruck entstanden sein, ich hätte mich in Korea nicht wohlgefühlt, so möchte ich dem entschieden widersprechen. Ich mag dieses Land. Es ist bloß ein wenig gewöhnungsbedürftig. Diese Tatsache verdeutlicht auch der Besuch eines Restaurants. Die Speisekarte ist natürlich ausschließlich auf Koreanisch verfasst. Zumindest in den unzähligen Restaurants und Straßenküchen, denen man an jeder Straßenecke begegnet. Für die Koreaner kein Problem. Für den westlichen Touristen schon. Daran ändert auch nichts, dass sie häufig in großen Lettern außen oder innen im Lokal angebracht sind. Dass die Wörter dabei aus Platzgründen oft von oben nach unten, anstatt von links nach rechts angeschrieben sind, ist da auch schon egal. Glücklicherweise finden sich aber mitunter Abbildungen der angebotenen Speisen (oder zumindest der Klassiker) gut sichtbar an den Wänden oder in der Auslage angebracht, sogar mit Preis! Mancherorts gibt es sogar Nachbildungen aus Plastik in der Auslage!

Der Umstand, dass sie dabei nicht aus allen verfügbaren Speisen auswählen können, sollte Sie nicht weiter stören. Erstens sind die meisten Gerichte für Sie ohnehin zu scharf, und zweitens sind - für den Fall, dass Sie alleine reisen – auch nicht alle als Einzelportionen erhältlich. Das schränkt die Bandbreite der Ihnen zur Verfügung stehenden Speisen doch beträchtlich ein, was wiederum den Vorteil hat, dass Sie sich nicht mit dem Lernen allzuvieler koreanischer Namen herumschlagen müssen. Für gewöhnlich sitzen nämlich mehre Personen um einen Tisch herum und teilen sich verschiedene Gerichte. Die Vorstellung, alleine etwas zu unternehmen, ist in der koreanischen Gesellschaft wenig verankert und eher unverständlich - im Gegensatz zum in der westlichen Welt weit verbreiteten Individualismus. Selbstverständlich wird die gesamte Rechnung auch nur von einer Person übernommen. Als Gast in Korea wird Sie dieses Schicksal wohl kaum treffen, es sei denn, Sie sind der Gastgeber. Natürlich können Sie auch versuchen, nach guter österreichischer Tradition die Rechnung zu teilen – man könnte es Ihnen aber als Knausrigkeit (oder Schlimmeres) auslegen.

Haben Sie die Hürden des Bestellvorganges erst einmal überwunden, ist es an der Zeit, sich mit der koreanischen Esskultur näher auseinanderzusetzen. Eine koreanische Mahlzeit besteht immer aus dem eigentlichen Hauptgericht und meh-reren kleinen Nebengerichten, häufig wird auch eine Schale Suppe dazu gereicht. Gegessen wird mit Stäbchen und Löffel, welche auf jedem Tisch in einer Besteckbox vorrätig sind. Wasserspender nebst sauberen Bechern sind in jedem Restaurant vorhanden und stehen zur freien Entnahme zur Verfügung. Kein Mensch schaut Sie daher angewidert an, wenn Sie einfach nur Wasser zu Ihrer Mahlzeit trinken möchten. Es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher Nebengerichte, die von Lokal zu Lokal variieren – Kimchi in mindestens einer Variante ist aber immer dabei. Wenn nicht, sitzen Sie garantiert nicht in einem koreanischen Restaurant. Wenn Sie mit diesen Nebengerichten nichts anfangen können, verwenden Sie sie doch zum Ablegen Ihrer Stäbchen.

Ein Umstand, der dabei immer wieder erstaunt, ist die Schnelligkeit, mit der man sich in Korea über die zum Teil kochend heißen Gerichte hermacht – ohne mit der Wimper zu zucken. Bevor das Essen vor Ihnen auf eine angenehme Esstemperatur abgekühlt ist, ist der Gast am Nebentisch schon wieder fertig. Das ist echte Härte. Sollten Sie es gar eilig haben, sei die Bestellung einer kalten Suppe empfohlen – die wird dann allerdings mit Eiswürfeln serviert.

Ja, Korea ist nichts für Weicheier. Dafür für Warmduscher. Besuchen Sie während Ihres Aufenthaltes doch ein Thermalbad (Hot Spa). Nachdem Sie das Bad betreten haben, entledigen Sie sich im Umkleideraum Ihrer Kleider (Männer und Frauen sind strikt getrennt) und betreten die Badehalle. Eine Badehose benötigen Sie nicht, sie würden nur auffallen. Wählen Sie eines der zur Verfügung stehenden Becken aus und machen Sie es sich bequem (doch nicht ohne sich vorher ausgiebigst gesäubert zu haben). Die Wassertemperatur reicht dabei von sehr warm bis brühheiß. In letzteren sitzen koreanische Badegäste in entspannter Atmosphäre und unterhalten sich. Ich komme mit einem Einheimischen ins Gespräch und er meint nur: „Koreaner lieben es offensichtlich, sich zu foltern“. Da ist was dran. Ich entscheide mich hingegen für eines der „kühleren“ Becken – nachdem mein großer Zeh gut durchgekocht ist.

Nach vier Wochen verlasse ich das Land, um viele Erfahrungen reicher. Wie vielseitig doch der asiatische Kontinent ist! Wer nur die Traumstrände Thailands kennt, wird hier eine völlig andere Welt entdecken. Korea öffnet sich dem Individualreisenden sicher nicht so leicht wie andere, touristisch offenere, asiatische Destinationen. Doch die Mühen lohnen sich allemal. Die beeindruckenden Königspaläste, die landschaftlich wunderschön gelegenen buddhistischen Tempel, die zahlreichen und gut erschlossenen Nationalparks, die gewaltigen Hügelgräber von Herrschern vergangener Epochen, die geschäftige Hauptstadt Seoul sowie die zahlreichen anderen Sehenswürdigkeiten sind mehr als nur eine Reise wert."Wichtige Links zu diesem Text"
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Kommentare

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    sehr interessant!
    mich stören nur die bindestriche zwischendurch an stellen, wo sie nicht hingehören. bei sowas bin ich ganz pingelig ^^

    03.03.2008, 15:03 von lotic.kruemel
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