ck-africa 17.11.2007, 11:58 Uhr 0 0

Kafkaeskes Kairo

Reisen ohne Internet: Wie ich vor der digitalen Revolution einmal versuchte, Reisedokumente in Ägypten zu besorgen und dabei fast verzweifelte.

Du wirst vielleicht jetzt lachen. Reisevorbereitung ohne Internet – wieso dass denn? Die NEON-Frage des Monats "Wann hast Du Dich zum 1. Mal alt gefühlt?" hat in mir das Denken an vergangene Reisezeiten angeregt – Zeiten, in denen man nicht mit ein paar Klicks alle Details zu Wanderwegen in der Walachei oder notwendige Dokumente zur Einreise nach Eritrea erhalten konnte.

So kam ich im Juli 1995 in Ägyptens Hauptstadt Kairo an und wollte doch eigentlich gar nicht direkt nach Eritrea. Allerdings hatten die Nachfahren der Pharaonen gerade mächtig Stress mit ihren südlichen Nachbarn, den Sudanesen, wie ich mit Hilfe meines kleinen Radios, das die Deutsche Welle empfangen konnte, zufällig mitbekommen hatte. Bei meiner Abfahrt in Deutschland ein paar Wochen zuvor herrschte da noch Friede, Freude, Eierkuchen und so musste ich jetzt notgedrungen umdisponieren. Schließlich wurde die Grenze zum Sudan einfach mal so mir nichts dir nichts geschlossen. Da half dann auch kein mühsam in Bonn ergattertes Touristenvisum für den Sudan, denn ägyptische Reisebüros verweigerten mir sogar die Ausstellung eines Flugtickets in die sudanesische Hauptstadt Khartoum.

Was also tun? Nun gut, mein nächstes Reiseziel Eritrea war ja auch mit dem Flieger von Kairo aus zu erreichen. Also musste ich mir nur einfach ein Ticket kaufen und das Visum besorgen und schon wären alle Probleme beseitigt. Aber Eritrea hielt damals noch nichts von einem simplen Visa-Procedere. Wer als Tourist einreisen wollte, musste schon beweisen, dass er zäh und wirklich willig war, dieses fremde Land tatsächlich zu betreten. Visa-Agenturen, wie wir sie aus Bangkok kennen, gab es in Kairo natürlich auch nicht – das hieß im Klartext, man musste als Backpacker mal so richtig hart arbeiten, um sich das neue Reiseland wirklich zu verdienen.

Donnerstag

Irgendwie war ich bei meiner Suche in der Kairener Innenstadt auf das Reisbüro mit dem bezeichnenden Namen „Wondertravel" gestoßen. Denn diese Agentur hatte es wirklich in sich: Für mich war es neu, dass hier im Orient sogar Preise für Flugscheine ausgehandelt werden konnten. Der Preis von ursprünglich 450 DM fiel auf 390 DM durch das sagenhafte Missverständnis zwischen mir und dem Angestellten im Reisebüro, da ich den Preis noch einmal auf Englisch wiederholte – mit einer fragenden Betonung auf dem Betrag, eigentlich nur um sicherzugehen, dass ich ihn richtig verstanden hatte. Der Angestellte dachte anscheinend, dass der geforderte – jedoch offizielle – Preis zu hoch sei. Deshalb ging er mit dem Preis sofort hinunter auf 390 DM, was das Loch, das dieses Ticket in meiner Reisekasse riss, etwas verringerte und das Sprichwort andere Länder andere Sitten einmal mehr bestätigte. Nachdem ich den Deal zu 390 DM abgeschlossen hatten, sagte man mir, ich bekäme das Ticket, sobald ich das Visum vorweisen könne. Dies war leider eine folgenreiche Feststellung.

Da ich von Asmara, Eritrea ein Ticket nach Addis Abeba, Äthiopien, ausgestellt auf Ethiopian Airlines besaß, fragte ich in deren Büro nach, wie die Visa-Bestimmungen für Eritrea lauteten. Denn jedes Land stellt andere Forderungen, die zu erfüllen sind, um den verdammten Visum-Stempel in den Pass gedrückt zu bekommen. So musste ich zu meinem großen Erstaunen feststellen, dass ich ein Empfehlungsschreiben der deutschen Botschaft in Kairo vorzulgen habe, um ein Visum zu erhalten. Der Sinn dieses Schreibens ist mir bis heute, ehrlich gesagt, schleierhaft. Angeblich bekommen dieses Empfehlungsschreiben lediglich Bürger, denen keine Straftaten im Heimatland zur Last gelegt werden. Ob nun wirklich jemand von Kairo aus gecheckt hat, ob ich nicht vorbestraft sei, wage ich zu bezweifeln – es gab damals ja noch keine Online-Datenbanken. Da es mittlerweile später Nachmittag war, und Botschaften nie besonders kundenfreundlichen Öffnungszeiten haben, musste ich am nächsten Tag zuerst zur Deutschen Botschaft, mir dieses so sinnvolle Empfehlungsschreiben besorgen.

Freitag

Glücklicherweise hatte heute die Deutsche Botschaft überhaupt auf. Schließlich ist in moslemischen Ländern freitags der Ruhetag, nicht sonntags und es war natürlich Freitag. Allerdings stellte sich heraus, dass das Verfassen eines Empfehlungsschreibens keine lapidare Sache von fünf Minuten war, sondern ein langwieriger höchstbürokratischer Akt. Ich könne das Schreiben am nächsten Werktag abholen, sagte man mir großzügigerweise in der Botschaft. Da Samstag nicht gearbeitet wird, sonntags Ruhetag ist, solle ich also Montag wiederkommen.

Das Empfehlungsschreiben kostete 20 DM. Folglich dachte ich in meinem jugendlichen Leichtsinn, ich könnte diese Gebühr auf dem Hoheitsgebiet der Bundesrepublik Deutschland in der Botschaft mit deutscher Währung bezahlen – schließlich wurde die Gebühr ja auch in DM erhoben. Weit gefehlt, denn die Deutsche Botschaft akzeptierte nur ägyptische Pfund! Da ich aber davon nicht genügend bei mir hatte, musste ich zunächst einmal Geld tauschen, um dann wieder anzurücken, um das Empfehlungsschreiben zu bezahlen.

Vielleicht fragst Du Dich an dieser Stelle, warum ich mir das Visum für Eritrea nicht einfach wie für den Sudan bereits in Deutschland besorgt habe. Ganz einfach: Alle anderen Länder meiner Reise, die ein Visum von mir verlangten, drückten mit den Visum-Stempel mit einem bestimmten, fiktiven Datum in den Pass. Danach war dieses Visum 3 Monate zur Einreise gültig. Eritrea gestattete aber nur einen Monat Gültigkeit ab dem korrekten Ausstellungsdatum. Da ich jetzt schon ein paar Wochen unterwegs war, und ich ein Visum ja zumindest einige Tage vor Reiseantritt hätte besorgen müssen, wäre das Visum vor Ankunft in Eritrea schon verfallen gewesen.

Montag
Pünktlich morgens um acht stand ich vor der Deutschen Botschaft, um mein heiß begehrtes Empfehlungsschreiben für das eritreische Visum abzuholen. Auf die deutsche Bürokratie war mal wieder Verlass: Wenige Minuten später hielt ich das begehrte Papier in meinen Händen. Leider ist Kairo nicht gerade so überschaubar wie eine Großstadt in Deutschland. Deshalb musste ich ständig, um zu den Botschaften zu gelangen, ein Taxi nehmen. Bei deutschen Taxipreisen wäre meine Reise wahrscheinlich aus finanziellen Gründen bereits in Kairo beendet gewesen. So aber lernte ich die Stadt aus dem Taxi wirklich gut kennen. Da ich natürlich den Preis für jede Strecke mit dem Fahrer im Voraus aushandeln musste, lernte ich mit der Zeit auch richtig zu handeln. Dies ist für einen Aufenthalt, wie z. B. Ägypten, Grundvoraussetzung für das finanzielle Überleben. Daher war wenigstens der unfreiwillige Bildungsurlaub in Sachen Fahrpreisaushandeln für jegliche finanzielle Transaktion in Ägypten äußerst hilfreich.

So ging es nun endlich, nachdem ich schon fünf Tage in Kairo war, zur eritreischen Botschaft. Doch nun fing das bürokratische Drama, das mich fast in den Wahnsinn trieb, erst so richtig an. Ein Empfehlungsschreiben der deutschen Botschaft, eine gültige Gelbfieber- und Choleraimpfung, 135 ägyptische Pfund, zwei Passbilder, ein Hin- und Weiterflugticket und eine so genannte „Tourist Residence“ musste ich vorweisen, damit ich überhaupt Antragsformulare ausgehändigt bekam. Unter den erstgenannten Voraussetzungen konnte ich mir noch ein Bild machen, aber was in aller Welt war eine „Tourist Residence“? Diese Frage konnte mir die liebe Empfangsdame in der eritreischen Botschaft auch nicht beantworten. Wo ich diese besorgen könnte? „Keine Ahnung“ war ihre Antwort. Jetzt war ich zum ersten Mal auf dieser Reise so richtig am Ende. Woher sollte ich diese verdammte „Tourist Residence“ bekommen?

Doch ich gab noch nicht auf: Und ich stürzte mich nun voller Enthusiasmus in die ägyptische Bürokratie! Zuerst wollte ich das Flugticket nach Eritrea bei „Wonder Travel" einfordern. Das Weiterflugticket nach Addis Abeba, in Deutschland problemlos gekauft, hielt ich ja bereits in der Hand und das ebenfalls existierende Ticket Khartoum, Sudan - Asmara, Eritrea galt in diesem Spiel nicht als Joker, da angeblich keine Flüge mehr zwischen beiden Städten verkehrten. Schließlich zoffte sich der Sudan anscheinend nicht nur mit Ägypten sondern zeitgleich auch mit Eritrea. Somit hatte ich aus Sicht der eritreischen Botschaft noch kein Hinflugticket in den Händen. So rauschte ich dem fliegenden Teppich gleich mit dem baufälligen Taxi zurück zu „Wondertravel". Nach langen zähen Verhandlungen gelang es mir nach 3 Stunden endlich das Ticket zu bekommen. Denn diese kafkaeske Situation kein Visum ohne Flugticket und kein Flugticket ohne Visum konnte ich nur mit penetrantem Nerven der Angestellten beenden. Als Preis war übrigens der Ausgangspreis von umgerechnet 450 DM handschriftlich vermerkt. Wie dies buchhalterisch zu bewerten ist, dass der Kunde nur 390 DM zahlte, schien niemanden zu interessieren.

Danach stellte ich mich dem Kampf um die „Tourist Residence": Am nördlichen Ende des großen Tahir-Platzes im Zentrum von Kairo steht das monströse Mogamma-Gebäude, das Zentrum der ägyptischen Bürokratie. Ich sagte mir, wenn es diese „Tourist Residence" irgendwo in Ägypten gibt, dann hier. Die 2.000 Angestellten wuselten wie Ameisen um mich herum, doch niemand konnte mir sagen, wo ich dieses Papier erhalten könnte. Aufs Äußerste genervt, trat ich den geordneten Rückzug in Richtung Ethiopian Airlines Büro an, denn deren Angestellten, waren die Einzigen, die hier in diesem Verwirrspiel noch den Durchblick hatten. Von dieser „Tourist Residence" hatte dort auch noch niemand etwas gehört. Deshalb rief die nette Angestellte unverzüglich bei der eritreischen Botschaft an, um dort noch einmal nachzufragen. Als die Empfangsdame in der Botschaft erfuhr, dass ich mittlerweile das echte, gültige und real existierende Hinflugticket aufgetrieben hatte, meinte sie, die „Tourist Residence" sei egal. Ich sollte doch gleich mit meinen Unterlagen vorbeikommen. Wenn ich das Visum am heutigen Montag beantrage, könnte ich es am Dienstag schon abholen und sofort nach Oberägypten aufbrechen, um mir von diesem Land etwas mehr als Botschafts- und Airlinebüros anzuschauen.

Doch daraus wurde leider nichts, denn als ich bei der Botschaft eintraf, prüfte die Dame zwar noch meine Unterlagen, und teilte mir mit, alles sei nun o.k., aber die Botschaft wäre nun geschlossen, und ich solle doch am nächsten Tag wiederkommen. Jetzt flippte ich doch langsam aber sicher aus. Nur um mir mitzuteilen, dass die Unterlagen nun in Ordnung seien, musste ich mit dem Taxi durch die halbe Stadt kurven, um dann doch wieder zurück in die City ohne Visumantrag aufzubrechen. Es blieb mir nichts anderes übrig, als am folgenden Morgen wieder dort vorbeizuschauen.

Dienstag

Kaum hatte die eritreische Botschaft wieder geöffnet, stand ich auch schon auf der Matte. Die Empfangsdame vom Vortag prüfte wieder akribisch alle mitgebrachten Unterlagen auf ihre Vollständigkeit. Nach eingehender Prüfung fiel ihr auf, dass die berüchtigte „Tourist Residence" fehlte! Ohne „Tourist Residence" kein Visum war ihre lapidare Antwort darauf, dass ich ihr sagte, dass doch gestern auch ohne „Tourist Residence" ich ein Visum ausgestellt bekommen hätte. In diesem Moment habe ich fast einen Kollaps vor Wut bekommen, und ich flippte innerlich total aus. Ich bettelte danach solange, bis die Dame ihren Chef fragte, ob das Visum auch ohne „Tourist Residence" zu bekommen sei. Nach ca. 5 Minuten des Beratschlagens, die mir wie eine Ewigkeit vorkamen und ich mir dabei ein wenig wie bei meiner Führerscheinprüfung vorkam, gab's jetzt endlich das OK vom Chef! Ich gab den Pass ab und sollte ihn am nächsten Tag mit dem Visum wiederbekommen.

Mittwoch

Mit gemischten Gefühlen fuhr ich also zum X-ten Mal zur eritreischen Botschaft, um nun zu sehen, ob sich nicht über Nacht, die Meinung eines Botschaftsangestellten eventuell geändert hatte, und ich doch erst die ominöse „Tourist Residence" besorgen musste, um ein Visum zu beantragen. Aber meine schlimmsten Befürchtungen bestätigten sich zum Glück nicht. Ohne Probleme erhielt ich meinen Pass mit dem Visum zurück! Und nach sechs Tagen Bürokratie-Wahnsinn war diese Schreckensgeschichte nun endlich vorüber: Ich konnte meine Reise fortsetzen und tatsächlich schaffte ich es schließlich auch nach Eritrea einzureisen.

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