In 100 Stunden in eine andere Welt
Wenn wir ankommen, gehen wir in eine Sauna. Meine Tante hat zum Glück eine. Dafür gibts kein Badezimmer. Auch keine Toilette. Nur ein Scheißhäusle.
Tag 1
Fahrtdauer: 4 Stunden
Wir sind um die 100 km von Berlin entfernt, alles ist in Ordnung: das Auto ist OK, Mama und Papa streiten nicht und ich hab das ganze Proviant hier hinten und irgendwo ist sogar nicht Bier! Vorhin hab ich noch geschlafen, bis ich gemerkt habe, dass es unerträglich heiß wurde - die Sonne prallte durchs Fenster auf mein Gesicht. Ich muss viel trinken. Will in dieser Hitze und von diesem ständigen Hin und Her auf der Autobahn nicht in Ohnmacht kippen. Habe beschlossen ein paar Eindrücke auf Papier festzuhalten.
Was einem sofort ins Auge sticht sind die Windräder, die in einer unüberschaubaren Zahl in der Ferne stehen, wie Pilze nach einem regenreichen Tag. Grad kommt Gwen Stefanis Sweet Escape. Meine Eltern und ich haben uns auf eine freundschaftliche Zusammenarbeit geeinigt und so kommt zwischen russischer Volksmusik und Modern Talking doch noch auch gute Musik. Sind vorhin an einem Fluss vorbei, der hieß Mulde. Wenn man alles beim Namen nennt, so sollte man sein Kind auf den Namen Rentenversicherung taufen. Ich führe meine Beobachtungen weiter. Mir kommt es so vor, als wären wir ewig langsam, dabei schafft unser altes Mädle 160 km/h. Oh, ein kleiner Fluss mit dem Namen Nuthe. Überlege gerade, was die nächste Tankfüllung kosten wird. Allein der Sprit wird uns teuer kommen: bei 10 Litern Verbrauch und knapp 7000 km, die wir mit dem Auto zurücklegen müssen. Nine inch nails sind der Hammer! Dahme - eine Brücke. Die dehnen hier so gut wie alles.
Tag 1
Fahrtdauer: 6 Stunden
Wir sind gerade über die Grenze nach Polen. Die Straßen sind schnurgerade. Verdammt, Laubbäume zu meiner Linken. Ein riesiger, dichter Birkenwald. Noch nie so viele Birken auf einem Haufen gesehen. Ansonsten halbdurchsichtige Wälder und kleine Büsche am Strassenrand, komische Verkehrszeichen und Strassenschilder, die ich nicht lesen kann. Der Tank ist fast leer. Suchen jetzt eine Tankstelle. Muss mir mal die Beine vertreten.
Vielleicht finden wir keine Tankstelle, weil wir auf einer Strasse weit abseits von der Zivilisation sind! Polen scheint nicht so dicht besiedelt zu sein. Ah doch, eine Tanke. Wir haben gegessen, getankt, ich hab mich umgezogen und lege mich auf der Rückbank schlafen. Hoffentlich kann ich bis Morgen früh durchpennen.
Tag 2
Fahrtdauer: 18 Stunden
Ich dachte ich kann durchschlafen. Wenigstens bis es wieder hell ist. Bin schon um 2e in der Nacht aufgewacht und musste mit Mama Plätze tauschen. Selten so viel gelacht mit meinen Eltern. Da ist in beinahe jedem Dorf in Polen das Mädchen mit dem Kugelblitz in den Händen, von dem alle anderen Kinder wegrennen. Sind in der Nacht an einem Ort vorbeigefahren, der hieß Baby.
Sind jetzt in Lithauen und haben vorhin einen Picknick mitten auf einer Wiese mit Kühen gemacht. Denn soweit ich sehen kann, sehe ich nur Wiesen. Jetzt gehts erst einmal weiter nach Lettland. Papa hat vor Wut seinen Gaskocher weit ins Feld geworfen, weil er undicht war. Jetzt hoffen wir, dass kein Traktor drauffährt.
Tag 2
Fahrtdauer: 30 Stunden
Wir sind gerade über die russische Grenze, sind aber geschlagene 6 Stunden am Zoll gestanden! Ich langweile mich bald dermaßen, dass ich anfange meine Eltern zu nerven. Es ist auf jeden Fall nocht ziemlich weit zu fahren. Wir sind von den 7000 noch nicht einmall 2000 km gefahren. Ich errege hier ziemlich viel Mitleid von den Menschen, die diese Reise beruflich machen oder einfach nur viel strapazierfähiger sind. Ich will ganz bald was zu essen, etwas, das meine Geschmacksnerven richtig anregt. Den ganzen Tag stopfe ich nur Wurstbrote in mich hinein.
Jetzt kommen mir die Kinder von der russischen Grenze in den Sinn. Aus einem nahegelegenen lettischen Dorf kamen sie, Bub und Mädle, beide kaum 10 Jahre alt, beide kahlrasiert, dreckig, die Kleidung in Fetzen. Die Schlange der LKW war gut 5 km lang und die Kinder gingen zu jedem hin und bettelten. Ich glaube die 2 hätten sich auch über ein Wurstbrot gefreut.
Was für eine Toilette! Schlimmer als in allen Bahnhöfen Deutschlands. Da will man auch keinen Blick in die Dusche riskieren. Ich werde da nicht duschen, nicht für 2 Euro, aber auch nicht für 10.
Mütterchen Russland ist wunderschön. Aber ihre Straßen sind so fürn Arsch! Mom und ich hatten heute Nachtdienst und solange Papa geschlafen hat sind wir mit 15 km/h vorangekommen. Vorangekrochen. Schneller war keinesfalls möglich. Ein Schlagloch auf dem anderen. Ein LKW, den wir vor gut einer halben Stunde überholt haben, der hat uns lichthupend wieder eingeholt. Frustrierend. Und dieser Nebel, der auf der Straße zwischen den dichten Wäldern Russlands liegt, ist so schwer und milchig. Wir können uns höchsten vorsichtig vortasten. Da ist der Punkt erreicht, wo die Nerven zum Zerreißen gespannt sind, während du mit der Nacht, dem Nebel und der Müdigkeit kämpfst. Vier Stunden hat Papa geschlafen. Und Mama und ich sind nur 50 Kilometer weit gekommen. Ich hatte mich Anfangs beschwert, dass ich nicht fahren darf. Jetzt bin ich sehr froh darüber.
Tag 3
Fahrtdauer: 50 Stunden
Ich sitze gemütlich auf der Rückbank oder auf dem Beifahrersitz, wenn einer von den beiden Fahrern schläft, und habe in beiden Fällen meine Füße hochgelegt, ein Buch auf dem Bauch, einen Notizblock und Stifte neben mir. Und so schaue ich dem kunterbunten Treiben auf den Straßen zu.
In der Stadt, wenn wir gerade durch eine durchfahren, geht es zugegebenermaßen richtig ordentlich zu. Außer, dass die Menschen in den Autos kein Verständis für rote Ampeln haben, aber auch kein Verständnis für Menschen ohne Autos, die unter Einsatz ihres Lebens versuchen über die Straße zu kommen ohne überfahren zu werden. Die Autos halten nämlich nicht, auch nicht bei Zebrastreifen. So kommt es, dass eine alte Frau uns entsetzt anschaut, als wir anhalten, damit sie rübergehen kann. Ich glaube aber auch, dass die Funktion eines Zebrastreifens den meisten Fußgängern ebenso verborgen geblieben ist.
Außerhalb von den Städten regiert das Chaos. In der Stadt Moskau gab es 3 Spuren in jede Richtung. Also 6-spurig. Außerhalb sind es 3 Spuren für beide Richtungen, jedoch ohne jegliche Markierung. Die Autos fahren wild durcheinander. Die mittlere ist zum Überholen da, dachte ich, aber was wenn 2 überholende Autos sich auf dieser Spur entgegenkommen? Es ist ein Graus. Aber selten sind nicht nur Straßenmarkierungen, sondern auch Schilder, die anzeigen in welche Richtung du fahren musst. Wenn da einer keine Karte hat und sich auch ansonsten nicht sonderlich auskennt, der verliert sich im ewigen, markierungslosen Getümmel.
Bin so froh nicht fahren zu müssen. Diese furchtbaren Straßen und dann auch noch diese Hitze. Im Mai?! Zum Glück ist mein Platz wieder hinten auf der Rückbank. Mensch, im Kofferraum ist noch ein Kasten Oettinger! Zwei Falschen sind aber schon weg. Nein, ich wars nicht. Die Polizisten sich bestechlich.
Tag 4
Fahrtdauer: 65 Stunden
Wir fahren gerade durchs Uralgebirge. Die Berge sind schön und die Dörfer sind ein einziger Basar, wo Edelsteine und aus Holz geschnitztes Krimskrams verkauft werden. Die Straßen sind immernoch ein einziges Schlagloch, letztens mussten wir ein Stück auf der Gegenspur fahren, weil unsere Seite nicht wie eine Straße ausgesehen hat. Vom Regen verwaschen sehen die Kieswege nicht mehr befahrbar aus. Asphaltierte Straßen sind hier Fehlanzeige. Immerhin haben wir gut ein Drittel des Weges hinter uns .
Tag 4
Fahrtdauer: 73 Stunden
Da wir von Anfang an gen Osten gefahren sind, also dem Sonnenaufgang entgegen, ist die Zeit, die ich angebe, nicht so ganz richtig. Zumindest ist es die Zeit, die auf meinem Handy angezeigt wird, also die Uhrzeit in Deutschland, aber nicht die jeweilige hier am Ort. Das so anzugeben wäre ein bisschen verwirrend. Wir haben bereits 4 Stunden eingeholt, das heißt, bei uns geht die Sonne 4 Stunden früher auf. In Deutschland ist also gerade erst 11 Uhr in der Früh. Ich schau noch ob ich irgendwo Postkarten auftreiben kann. Ganz wichtig!
Tag 5
Fahrtdauer: 92 Stunden
Wir sind bald da, noch ungefähr 200 km. Das haben wir der asphaltierten Straße zu verdanken, die uns nach dem Uralgebirge erwartete. Inzwischen sind wir wieder auf eine Straße mit getrocknetem-Schlamm-Kies-Gemisch runter. Unser Opel erträgt alles vorbildlich. Es ist sehr schön hier, wo wir gerade sind (keine Ahnung wo wir sind). Die Dörfer sind grausig. Sehen verlassen aus. Sind sicher nur von Zombies bewohnt. Ich freue mich schon! Wenn wir ankommen, gehen wir in eine Sauna. Meine Tante hat zum Glück eine. Dafür hat sie kein Badezimmer. Und auch keine Toilette. Im ländlichen Russland sind alle sanitären Einrichtungen etwas dubios. Es sind Scheißhäusle. Richtige Toiletten sind sogar an Tankstellen nicht zu sehen. Dafür gleicht keine Bushaltestelle der anderen: die sind alle schön bemalt, kunterbunt und in Häusschenform. Stehen aber meistens auch mitten im Nirgendwo. Frage mich, wie oft da überhaupt ein Bus vorbeifährt. Das absolut Beste sind die Ortsschilder. Keine gelben Schildchen. Wuchtige, riesige, in Stein gehauene Denkmäler von Ortsschildern.
Tag 6
Sind gestern so gegen 17 Uhr angekommen. Umarmen. Reden. Sauna. Essen. Schlafen. Ich bin immer noch müde und würde gerne schlafen, aber die Wellensittiche meiner Cousine zwitschern seit 6 Uhr in der Früh. Wir machen heute aber eh nicht mehr viel, für mich gibts auch nichts zu tun, außer essen und TV. Will endlich wieder Heim. Wenn ich wieder Urlaub mache, dann nur noch mit Freunden.
Tag 9
Wir stehen wieder einmal an einer Grenze, diesmal an der zu Kasachstan. Müssen sicher stundenlang warten, bis die Kasachen uns durchlassen. Bye-Bye Mütterchen Russland.
Am 7. Tag unserer Reise sind wir zu meinen Cousinen und meiner Tante nach Barnaul. Das ist eine große Stadt. Dort vermutete ich als kleines Kind immer das Ende der Welt. Meine Tante hat einen Kleingarten, da steht ein Haus, mit 2 Stockwerken. Und eine Sauna gibts da auch. Und natürlich ein Scheißhäusle. Da sind wir hin. Alle sind nacheinander in die Sauna, danach gabs Schaschlik und natürlich Unmengen von Wodka. Meine Cousine, die ein paar Tage jünger ist als ich, hat nicht locker gelassen und so haben wir mit ihrem Schwager einen Saufmarathon veranstaltet. Als ich dachte ich krieg nichts mehr runter sind wir schlafen gegangen. Zu zweit in ein Einzelbett, das so alt ist, dass sich der aus Metall geknüpfte Bettenrost in der Mitten nach unten durchgebogen hat und wir 2 immer einander entgegen gekullert sind und die ganze Nacht in diesem Loch lagen. Das Haus weckt dennoch viele schöne Erinnerungen. Die Treppe nach oben, wo man jedes Mal stürzt, weil sie so steil ist. Der Kamin im unteren Zimmer, die Betten, der Geruch. Und das Scheißhäusle, das keine Tür hat, nur einen Vorhang, der gerade so lang ist, dass er die Knie bedeckt wenn man sitzt. Das Häusle ist nämlich eine Spezialanfertigung von meinem verstorbenen Onkel: es hat eine Sitzfläche, die ist erhöht und da ist auch noch eine Klobrille drauf montiert. Der Fortschritt lässt sich eben nicht aufhalten.
Nun stehen wir also an der Grenze zu Kasachstan. Schon seit 2 Stunden. Ich habe Hunger.
Wir sind durch. Ich weiß nicht wie viele Flaschen Oettinger wir noch im Kofferraum haben. Ich glaube die Hälfte ist weg, allein durch Bestechungen. Es ist gut, dass mein Vater sich nicht einschüchtern lässt, ich glaube wenn man Angst hat, dann haben die Polizisten gewonnen. Wir wurden einmal in russland angehalten. Papa erzählte es mir, weil ich geschlafen hab. Wir hielten an und mein Papa ging raus. Was los sei, fragte er, ob wir zu schnell gefahren sind. Der Polizist verneinte, meinte aber, mein Vater soll ihm 50 Euro geben, dann sei die Sache gegessen. Papa weigerte sich. Der Polizist fragte dann, warum sich mein Vater so anstelle, 50 Euro müssten doch kein Problem für uns sein. Mein Vater meinte, er müsse schuften wie ein Tier für diese 50 Euro. Er gab ihm 2 Flaschen Bier und wir durften weiterfahren. Generell würden nur Autos mit ausländischen Kennzeichen angehalten, sagt mein Papa.
Wir haben an der Grenze einen jungen Polizisten kennengelernt. Kasache. Verdammt sympathisch und nett. Aber diese Asiaten sind alle so klein! Seit 14 Stunden sind wir schon unterwegs und haben immer noch gute 250 km vor uns. In Deutschland wäre das in zwei bis drei Stunden zu bewältigen. Nicht hier. Hier können wir höchstens 50 km/h fahren und immer schön den Schlaglöchern ausweichen.
Aber wir sind in Kasachstan und ein Gefühl von Vertrautheit kommt auf. Steppen, Berge, Täler, knöchelhohes, wahnsinnig gut duftendes Gras und Strommäste aus Holz folgen in regelmäßigen Abständen der geraden Straße. So viele Eindrücke! Und das schwierigste ist es das Gefühl zu beschreiben, wenn man all das wieder sieht, wenn man das Gras anfasst und die Blumen wieder riecht. Wenn man fährt und hinter jeder Kurve hofft endlich das wohlbekannte, vertraute Dorf seiner Kindheit wieder zu sehen.
Achja, Kasachstan stellt seit 2005 nicht mehr auf Sommerzeit um. Hier ist es also im Sommer immer eine Stunde früher als in Russland und in anderen Ländern in der gleichen Zeitzone.
Mein Vater fährt im 5. Gang! Zum ersten Mal seit Stunden!
Nach unserem Besuch in Barnaul sind wir zum Friedhof gefahren um das Grab meines verstorbenen Onkels und Cousins zu besuchen. Die Friedhöfe befinden sich hier außerhalb der Städte und sind schon aus der Ferne leicht auszumachen. Mit vielen bunten Plastikblumen geschmückt stechen diese gigantischen, russischen Stätte des Todes aus der Landschaft heraus. Die Plastikblumen gibt es am Eingang zu kaufen. Warum da keine echten Blumen hingestellt werden, das habe ich nicht gefragt, aber ich konnte mir die möglichen Antworten selber erdenken.
Nun sind wir aber in Kasachstan und die kasachischen Friedhöfe sind viel spektakulärer. Sie sind ebenso außerhalb, wie eine Stadt aus einem Märchen - 1001 Nacht - ein Gebäude in der Mitte der Anlage ist viel größer als die anderen, trägt eine runde Kuppel und oben auf dem Dach steht meistens ein Halbmond aus Eisen. Alle Gräber sehen aus wie kleinere Nachbauten des Taj Mahal, kleine Mausoleen und um den Friedhof herum steht eine hohe Mauer, die dem ganzen endgültig etwas Heiliges verleiht. Was mir noch aufgefallen ist, alle Gräber in einem Friedhof sehen gleich aus. Da gibts einen mit ganz bunten Ziegelsteinen und ich sah auch einen der vollkommen weiß war. Das wäre einer der Orte, die ich ehrfurchtsvoll betreten würde, falls ich mich überhaupt trauen würde solch einen Ort um seine Ruhe zu bringen.
Inzwischen sind es nur noch 200 km. Und je näher wir unserem Ziel kommen, desto angespannter werden wir.
Tag 10
Nach knapp 24 Stunden Fahrt haben wir Karagaily erreicht. Mein Geburtsort. Eigentlich möchte ich wieder nach Deutschland. Aber ich möchte mir noch alles genau ansehen, es hat sich so viel verändert. Stellt euch 5-stöckige Plattenbauten vor. Dann ein paar mehrere davon. Denkt euch nun alle Fenster und Türen weg, dann bleiben nur die dafür vorgesehenen Öffnungen. So sieht es hier aus. Im Erdgeschoss, wo früher Lebensmittelläden und Boutiquen mit riesigen Schaufenstern beheimatet waren, streifen jetzt ein paar Kühe umher. Die Straßen hier im Dorf sind teilweise asphaltiert, aber selbst das ist keine Garantie. Wieder überall Schlaglöcher. Ich frage mich, wie so tiefe Löcher entstehen können. Nach dem Regen sind die Löcher mit Wasser gefüllt und das Grau, das die Straßen bedeckt, führt einen in die Irre. Die Schlaglöcher sind jetzt nicht mehr zu sehen.
Mein Onkel ist reich. Er hat eine eigene Tankstelle. Und ein Haus mit einem Badezimmer. Das Problem ist, es gibt nicht immer Wasser. Nur alle 2-3 Stunden am Tag. Wenn wir duschen wollen, müssen wir alle nacheinander. Und wir müssen uns beeilen. Eine Toilette gibt es auch. Eine normale mit Spülung. Und ein Scheißhäusle auch, für die Zeiten, in denen es kein Wasser gibt.
Tag 11
Waren heute im Dorf, wo beide Großeltern von mir herkommen. Das Haus von Vaters Eltern steht nicht mehr, aber noch das Haus von der Großmutter meiner Mama. Meine Mutter ist dort herumgelaufen und hat mir erzählt, wo früher was gestanden ist, der Kindergarten, die öffentliche Sauna, die Nachbarhäuser. Das Einzige was unverändert geblieben ist sind die Berge. Wir sind nach ganz oben geklettert. Erinnerungen aus meiner Kindheit kommen wieder hoch. Der Duft der Blumen.
Danach waren wir Picknicken. Das war so eine Art Naturschutzgebiet. Wälder, Bächer, Berge - alles eingezäunt. Um dorthin zu kommen mussten wir über Feldwege fahren und einen Bach überqueren. Die Jeep von meinem Onkel und meinem Cousin hatten keine Probleme, außer dass mein Onkel in dem kniehohen Wasser sein Nummernschild verloren hat. In unseren Opel ist das Wasser vorne durch den Grill eingedrungen. Ich hab mir sagen lassen, das sei nicht schlimm. Gut, glaub ichs mal. Und drin war alles irgendwie anders, ruhiger, sauberer. Die Berge sahen aus wie aufeinandergestapelte, glatte, ovale, mannhohe Steine. Nicht von dieser Welt. Wie vom Wind geformt gab es in einigen Steinen richtige Einbuchtungen. Eine von denen war in einem haushohem Stein. Dort waren Namen eingeritzt oder aufgemalt, von Leuten, die dieses Wunder hier jemals besucht hatten. Mein Bruder, der mit meiner Oma und meinem Onkel mit dem Flugzeug nachgekommen sind, und ich sind dort mit dem Jeep meines Cousins über diese unmöglichen Straßen gefahren. Solche Straßen kann eigentlich nur ein Jeep bewältigen.
Tag 13
Wir fahren gerade in meine Heimatstadt. Dort bin ich zur Schule gegangen. Die Straßen sind super. Schön glatt. Aber es fährt sich auf denen wie auf einer Achterbahn. Erst hoch. Und dann steil wieder runter, sodass im Bauch alles zusammenrückt. Und so ein paar Mal. Was für ein Gelächter im Auto.
Tag 14
Altes, vertrautes, schönes Haus meiner Oma. Genau so habe ich es in Erinnerung und jedes kleine Detail erweckt weitere. Der Plattenspieler, der uns jeden Abend "Der kleine Muck" und die "Bremer Stadtmusikanten" vorspielte, bis wir es auswendig kannten. Die wahnsinnig kitschigen, rosa Plüschkissen auf den Stühlen, die gelbe Tischdecke und das alte, gelbe Telefon. Die Stehlampe neben dem Sofa. Die Wandteppiche über den Betten. Der Ofen. Das Sommerhäusschen nebenan, die orangene Tür, die Gummiplatten auf dem Asphalt, der Garten, der Hühnerstall und die Apfelbäume. Alles noch fast genau so wie vor 10 Jahren, als wir von dort weggingen und das Haus dem Stiefvater meiner Oma überließen.
Tag 18
Ich beneide meinen Bruder. Er war in Kasachstans Hauptstadt mit Oma und Onkel. Astana - wörtlich auf Deutsch "die Hauptstadt". Früher hieß die Stadt Akmola, was so viel wie weißes Grab bedeutet. Mein Bruder ist außer sich, so eine schöne Stadt findest du nirgendwo in Deutschland, sagt er. Er Zeigt mir Fotos, die er aus dem Taxi gemacht hat. Wunderschön. Ich wäre gerne dabei gewesen. Wir waren heute in Karaganda, die viertgößte Stadt Kasachstans, knapp 100 km von Aktau - die Stadt, wo wir jetzt sind - entfernt. Da war ich als kleines Kind auch oft, hab den Laden erkannt, wo mir meine Ohren gestochen wurden und die einige Straßen kamen mir auch bekannt vor. Dort ist alles im Wandel. Kasachstan blüht endlich auf.
Morgen reparieren die Männer wieder einmal Opas alten Moskwitsch. Das ist übrigens ein Auto. Wenn ich Recht habe, hat er das Model 408, und das wurde irgendwann zwischen '64 und' 69 hergestellt. Oldtimer. Ich bin in diese Legende nicht eingestiegen. Meine Oma sagt, als Beifahrer sieht man im Fußraum die Straße durch ein Loch vorbeirauschen.
Tag 19
Haben in der Großstadt harten Ziegenkäse gekauft - Kurt. Der Käse ist sehr sauer, jedenfalls pietzelt es die ganze Zeit auf meiner Zunge. Die Form ist witzig. Hausgemachter Kurt wird mit der Hand zusammengedrückt und die Form behält er dann bei. Die kulinarischen Sonderheiten der russischen Küche: Borschtsch (ich kann das nicht einmal aussprechen, wenn es so geschrieben wird, also lieber Borsch), Pelmeni, Manti und dazu Haufenweise leckere Smetana (Schmand). Nicht aus dem Geschäft, direkt vom Milchbauer. Rassolnik - Suppe mit Salzgurken. Kwas, ein Erfrischungsgetränk aus Brot (kein Witz!), der auch kleinere Mengen an Alkohol enthalten kann. Von der kasachischen Küche ist mir bekannt: Kumys - Pferdemilch, die auch etwas alkoholhaltig ist und sehr prickelt, aber gut schmeckt, wie ich finde. Pferdefleisch mit Teigblättern und Zwiebelringen. Das gabs bei der kasachischen Freundin von meiner Mutter. Das Pferdefleisch konnte und wollte ich nicht essen. Teig schmeckt auch gut.
Unsere Zeit hier ist fast vorbei, übermorgen fliegen wir zurück. Das Auto haben wir verkauft, eigentlich schade, es hat uns kein einziges Mal auf dem Weg im Stich gelassen. Alle bekannten haben wir getroffen, die meisten haben geweint. Vor allem als sie mich oder meinen Bruder gesehen haben, immerhin waren wir nicht mehr hier, seit wir 1998 weggegangen sind. Jetzt will ich noch ein bisschen länger bleiben. Der Abschied fällt mir aber nicht schwer, meinen Eltern dagegen sehr. Ich fahre allerdings wieder hierher. Habs meinen Eltern versprochen.






Kommentare
Wenn einer eine Reise tut,
27.08.2009, 09:38 von smartanjadann kann er was erzählen.
Drum nähme ich den Stock und Hut und tät das Reisen wählen.
Matthias Claudius (1740 - 1815)
der hat alles schon so schön gesagt was man darüber einfach sagen muss