Honey & Bastard
Es sind die Chancen, die erst das Leben würzen.
Ich habe eine vorzügliche Ausbildung genossen, altsprachliches Gymnasium, Rudern als Leistungssport, Zivildienst für den Lebenslauf und dann das Kapitel Karriere richtig aufgeschlagen. Bachelor in Maastricht, Economics. Master an der LSE, Economics & Philosophy.
Kein klassischer Lebenslauf, um schnellstens Karriere zu machen. Aber für die ganzen Kids aus der Businessschool reicht es allemal. Ich hab schließlich studiert und nicht bloß BWL gelernt.
Um die klassischen Attribute einer Wirtschaftskarriere kam ich trotzdem nur schwer herum. Auslandssemester in Singapur, geschenkt. Praktika in den Semesterferien, obligatorisch. Ich habe über das Bankenwesen in 3 Monaten Paris mehr gelernt, als ein Sparkassendirektor in seinem gesamten Leben.
Aber dann: der Scheideweg. Den Master im Gepäck, boten sich mir mannigfaltige Alternativen. Angebote gab es genug. Gut dotiert und wirklich interessant, nicht nur für das Curriculum Vitae.Bank oder EU, es war wie Topfschlagen bei WMF.Promovieren stand auch zur Debatte. Zürich oder Dublin, aber das war mir zu unsicher.
Ich entspannte einige Tage bei meinen Eltern in der Provinz, down to earth. Meine Eltern sind bodenständig, studiert und angestellt. Leitend, versteht sich. In der ländlich angehauchten Idylle reifte dann auch der Entschluss, es zu versuchen.Gut, streng genommen war es eine fixe Idee, ich hatte Kommilitonen, die sich mit ähnlichen Gedanken trugen und durchaus glücklich zurück kamen. Zurück aus dem Gap-Year.
Ein Jahr mal raus, bevor das ernste Leben startete. Etwas Gutes tun und nebenbei ein neues Alleinstellungsmerkmal für meinen weiteren Werdegang. Ob als Lehrer in Nairobi, Entwicklungshelfer in Indien, ausgetretene Pfade gab es auch hier. Ich wollte etwas vollkommen Anderes.
Eine Aufgabe, die sowohl den Menschen als auch der eigenen charakterlichen Schulung diente. Mein Gap-Year, mein Sabbatjahr, ich würde es als Klofrau verleben. Zugegeben, es mag auf den ersten Blick etwas abschrecken, Ekel hervorrufen und Unverständnis in gewissen Kreisen ernten. Aber darum ging es mir vornehmlich nicht.
Die Ernte war, monetär gesehen, nicht eben üppig, das war mir klar. Aber das waren die anderen Jobs auch nicht.
Ob ich als christlicher Entwicklungshelfer in Kaschmir gesellschaftlich angesehener wäre, als in hiesigen Gefilden als Klofrau, lasse ich mal dahingestellt. (Btw. ich verwende den Begriff Klofrau für mich, obgleich ich eigentlich ein Klomann bin. Aber ich habe einiges über Berufsehre und Ethos gelernt. Eine Klofrau wird übersehen, ein Klomann belächelt. Das ist ein wenig wie mit Kindergärtnerinnen. In diesem Metier sind ja männliche Erzieherinnen eher rar gesät und nur allzu schnell mit einem perversen Stigma behaftet. Das möchte ich einfach umgehen).
Eine Anstellung zu finden war zunächst schwieriger, als ich dachte.Toiletten gibt es zwar an jedem Ort, aber die Gebiete sind aufgeteilt, jeder hat seinen Claim abgesteckt und bewacht ihn mit Argusaugen. Einer glücklichen Fügung hatte ich es zu verdanken, dass eine Springerkraft just in dem Moment gebraucht wurde, als ich mich bewarb.
Ich griff sofort zu. Meine Qualifikationen interessierten eigentlich Niemanden, aber das war auch gut. So hatte ich es mir erträumt. Ein Leben, vollkommen losgelöst von meinem vorherigen.Adieu Lacrosse und Lagrange, Kittel und Münzgeld im Aschenbecher, here I come.Sicherlich, die ersten Tage waren hart, obwohl ich das stundenlange Sitzen aus ungezählten Stunden in diversen Bibliotheken durchaus gewohnt war. Aber die Ungewissheit, was mich bei meiner nächsten Reinigungstour am Ende des Abends erwartete, quälte mich doch erheblich.
Neben die Toilette gesetzte Pfützen sind da nur ein zu vernachlässigendes Ärgernis. Schleifspuren gar nicht der Rede wert und auch bestuhlte Klobrillen jagen mir nur kleine Schauer über den Rücken.Wirklich schlimm ist im Grunde nur die Einsamkeit. Mit jedem Verkäufer von Obdachlosenzeitschriften wird mehr kommuniziert als mit mir. Tendenziell eigentlich nichts Verkehrtes, münden Unterhaltungen über Höhe meiner Entlohnung, respektive Trinkgeld, schnell in aggressiven Debatten über die Anmaßung, ein paar Kupfermünzen in einem Aschenbecher zu deponieren, um ungestört wieder auf das Trottoir, die Tanzfläche oder den Amtsschimmel treten zu können.Dieses Dasein im Kokon der Unachtsamkeit meiner Mitmenschen macht mir schon sehr zu schaffen. Anerkennung? Pustekuchen. Mitgefühl von Kollegen? Keinerlei Gefühlsregung. Und auch meine Vorgesetzten sind eher der Auffassung: Reden ist Silber, Schrubben ist Gold. Und so habe ich mehr Latrinen gereinigt und beaufsichtigt, als jeder gute Mensch in einem Slum jenseits von Europa.
Die Zeit ist trotzdem wie im Flug vergangen. Nicht eben Business-Class, eher hat sie sich verflüchtigt wie Klosteine, die man wirklich jeden Tag neu aufhängen muss. (Gerade Volksfeste sind da ein Graus.) Aber eben auch besser, als als Steinmetz des Urinsteins die Arbeitszeit zu verbringen.Es waren lehrreiche Tage und keineswegs ein verschenktes Jahr. Was nehme ich mit in mein Büro in Brüssel mit Sekretärin und Mitarbeitern, die mir zu Diensten sind?
Nun, vielleicht Folgendes:
In manchen Brunnen versenken Menschen Münzen, um sich Wünsche zu erfüllen, ohne jegliche Aussicht auf Erfolg. Toiletten sind im Grunde auch nur Brunnen, die ohne Geldeinwurf vielen Menschen und auch Ihnen das Leben kurzweilig sehr erleichtern.
Tags: Ene, mene, micken, eene Fru, de kunn nich kacken, nimmt 'n Stock, bohrt 'n Loch, schit 'n halben Heringskopp.







Kommentare
Ich gebe Klofrauen/-männern seltenst etwas. Dieser Beruf soll sich in seiner jetzigen Form nicht mehr lohnen. Die meisten kriegen nicht einen Cent von dem Laden, in dem sie sich jeden Tag den Arsch wund sitzen. Richtige Klosteinmafiosi sitzen da am Hebel.
12.03.2013, 21:57 von .Elendstouristin.an der spülung meinste^^
12.03.2013, 22:00 von MaasJanSehr kurzweilig, gute Idee, tolle Umsetzung bis zum Ende hin, aber ich hab die ganze Zeit auf eine Pointe gewartet. Die Weisheit am Ende ist mir fast schon etwas zu... weise. Ich weis doch auch nicht :(
12.03.2013, 21:16 von misspringleIch bin überrascht. Angenehem sogar - kann das Jantje nicht nur schräg. Etwa erwachsen geworden? ^^
30.10.2012, 18:34 von derHalbstarkeDass ausgerechnet dieser Text bei all deinem derzeitigen Ruhm nicht auf der Startseite erscheint, ist... erstaunlich. An anderer Stelle ist er jetzt ausreichend gewürdigt, möchte ich meinen ;-)
23.09.2012, 11:54 von Trebor-Fausti loverd it....
19.09.2012, 21:00 von rapunzel77loved -.-
19.09.2012, 21:01 von rapunzel77Ich würde das noch viel mehr mögen, wenn es autobiographisch wäre. Und wenn es ein knackiges Ende hätte.
18.09.2012, 18:36 von T-ADie Testidee ist gut, der Stil auch, gefällt mir!
18.09.2012, 09:02 von SonglineGeiler Titel, klasse! Toller Text.
17.09.2012, 18:31 von topfbluemchenWie war der Toilettensex nu so?
17.09.2012, 11:33 von quatzattät ich auch gern wissen. schuhuuuu
19.09.2012, 21:15 von FaradunaAlte Oile.
19.09.2012, 21:16 von quatzatquatz, ich hab gedacht, das wär was besonderes mit uns?
19.09.2012, 21:17 von MaasJanbäh ey!
19.09.2012, 21:19 von FaradunaDas war doch nur Analsex!
19.09.2012, 21:27 von quatzatnochmal bäh!
20.09.2012, 06:43 von Faraduna