stereoG 21.04.2009, 04:21 Uhr 2 1

Hommage auf "randomshufflewhatever"

Ich danke für tausend Stunden musikalische Unterstützung und innovative Playlisten.

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Ich steige in die S1 von Plochingen Richtung Stuttgart Hauptbahnhof an einem sonnigen Samstagnachmittag. Die Batterie meines Walkmans ist voll und ein kurzer Trip ins nahe Karlsruhe steht an. Der Walkman ist eigentlich ein schäbiger mp3-Player mit USB-Stick, aber Walkman klingt halt cooler vor den Girls, damit die glauben es mit einem total szenigen Typen zu tun zu haben: „Retro fand ich schon immer super.“

Ich bin gut straff und begebe mich in die Obhut von Mrs. Shuffle. Das erste Lied knallt gleich rein – I wanna be your dog. Ich schweife zu „Lock, Stock & two smoking barrels“ ab, als sich Eddy, von Hackebeil Harry gelinkt, Richtung seiner Kumpels aufmacht. Geile Kamerafahrt von Guy Ritchie und ich überlege, wie ich wohl in der Außenperspektive aussehe, doch wechsel ich wieder in die Innenperspektive, als ich durch Stuttgarts Industrieyard fahre. Es folgt eine Passage aus Pulp Fiction, die wiederum als Intro für „Ghettokacke“ vom Adrenalin Mixtape dient. Ziemlich harter Wechsel, aber es passt, denn ich betrachte die Stuttgarter Streetart, die, obwohl aus Stuttgart kommend, gar nicht mal so schlecht anzusehen ist. Gleich kommt mein Lieblingspart von Dan: „Hier kommt der Meister der Geisteskrankheit, der darauf scheißt, wie bekannt ihr seid, weil er weiß, dass die einzig ernstzunehmende Rapcrew Adrenalin heißt. Niemand reicht an uns heran! Niemand von Euch Opfern. Ihr habt eine ganze Zeit lang nix von uns gehört, jetzt wird neu angefangen. Wir haben aussortiert und was ist geblieben? Das exklusivste Team, das Berlin jemals gesehen hat – Adrenalin. Vier vollkommen hängen gebliebene Freaks, seit langer Zeit im Untergrund etabliert, sind auf dem Weg an die Spitze, das ganze Business wird kastriert. Obwohl, hier hat ja sowieso niemand Eier. Alle feiern miteinander, doch in Wirklichkeit kann sich fast keiner leiden. Ich sag es ganz offen: Ich hasse alle deutschen Rapper. Berliner ganz besonders, niemand hier ist was Besonderes. Jeden Tag ne neue CD aufm Tisch. Jeden Tag ein neues Cover zum Arsch abwischen [usw.]“.

Ich rappe lautlos mit, was mir nicht nur pikierte Blicke der weiteren Fahrgäste einbringt, sondern auch meine Laune weiter ankurbelt. Nach Bad Cannstatt fährt die S-Bahn (der Stuttgarter Nahverkehr ist ziemlich provinziell, Fahrzeiten alle 30 Minuten und ähnliche Scherze erlauben die sich) in den Untergrund, klingt härter als Stuttgart Hbf. tief, und die Umgebung sieht ziemlich gay aus in der Dämmerung. Hui, schon wieder Rap, diesmal Isar – Schmerz, aber das passt wie die berühmte Faust, denn Schmerz fühle ich auch, als ich das Partypack am Bahnsteig erblicke und meine Augen Krebs von den ganzen neonemofarbenden Teens bekommen. Wenigstens die Rolltreppe in die Freiheit, sprich Gleis 1-1x, funktioniert. Aber auch nur die, denn von „rechts stehen, links gehen“ haben die Kunden vor und hinter mir gar nicht mal so viel Ahnung, so dass ich feststecke mit meinem von Musik angetriebenen Körper.

Wie im Film, denke ich, als die Rolltreppe oben ankommt und sich kleckerweise die Sicht nach vorne lüftet. Aber im Film, würde jetzt entweder ein Killer, ein Cop oder deine absolute Traumfrau überraschend vor dir stehen. Meine Traumfrau, die mich überrascht, ist die Bassline, die gerade von Oliver Koletzki abgefeuert, in meinen Ohren hallt und sich in konzentrischen Kreisen (Alliteration!) die Wirbelsäule runterkrallt. So ein starker Sound. Ich swinge Richtung Zug, schaue ein paar Perlen hinterher und könnte auch auf puren MDMA sein. Beim Stieren auf die wohlgeformten Frauenhintern durchzuckt mich ein Reflash auf „Hotte im Paradies“, den ich gestern mal wieder auf arte sehen konnte. Zitate springen ungefragt hervor: „Wir sind die Jungs, die jeden Tag Geburtstag haben.“, „Wo ich bin, ist immer oben und wenn ich einmal unten bin, ist unten oben.“. Außerdem fällt mir mein Sieg gegenüber meiner Mitbewohnerin im Armdrücken wieder ein. Besser kann man nicht in den Samstag starten.

Mit bereits brennender Kippe entere ich den Raucherbereich auf dem Gleis und stehe absichtlich abseits des Gelben Quadrates, in dem sich etwa 37 Raucher stapeln. Überraschend wird ein Gleiswechsel angesagt, was zu einem Gewissenskonflikt der anderen führt: weiterrauchen und vielleicht den Zug verpassen oder ausmachen und loslaufen. Ich scheiße drauf und ziehe rauchend vor den Feiglingen zum neuen Abfahrtsgleis.

Koletzki wird von „Freiburg v2.0“ abgelöst und mein Herz geht auf, denn ich liebe diesen einen Tune und natürlich den Text: „ I dont know, why I hate you so much…“. Die wartenden Larven werden nur eines flüchtigen Blickes gewürdigt und ich ergattere einen guten Platz zum Schwarzfahren in dem Doppeldecker. Ich hab selten erlebt, dass in S mal ein Zug pünktlich losfährt und so startet auch mein Zug mit Verspätung, was mich aber nicht bockt, denn ich bin schon wieder am lachen, weil sich das Rentnerpack nebenan auf dem Vierer an der Gepäckaufbewahrung die Rübe einschlägt und einen stilechten Knockout performt.

Ich verlasse Stuttgart nun im Dunkeln und kann gar nicht glauben, dass sich da eine so große Siedlung in der Dunkelheit verbirgt. Sieht am Tag imposanter aus als nachts. Halt, nur nicht übertreiben, denn wie heißt es so schön: „Trau keiner Stadt, in der die Bäume höher als die Häuser sind.“ Kopfschmerzen stören mein Wohlbefinden, da ich noch nichts gegessen habe, aber ich habe vorher noch Dolormin aus dem Medizinschrank geklaut. Ich bin eigentlich nur wegen einer kleinen Feierei mit ein paar Kumpels auf dem Weg nach Karlsruhe, also möchte ich sanft, von Musik untermalt, einschlummern, doch das geht nicht, weil ein paar Emos hinter mir Beatleslieder singen müssen. Mein Daumen erhöht die Lautstärke.

Jawoll, „Still Dre“ fängt an und ich schweife zu „Training Day“ ab – „Wir sind im Büro“. Ich hab voll Lust zu cruisen und der Zug wackelt gediegen zum Beat. Ich werde wieder schläfrig, da aus dem Fenster schauen nicht drin ist, weil es spiegelt und ich schaue mich schon oft genug an, so dass ich darauf im Moment nicht scharf bin. Wieder ein Koletzki-Remix „You’ll never change the world“. Die Augen geschlossen, wippe ich mit meinem Fuß. Ich bin so schön träge, dass mein Unterarm einschläft und ich im Zwiespalt bin, ob ich mich jetzt bewege oder mich an dem steigenden Taubheitsgefühl berausche, was dann nachher bei Auflösung noch hässlicher werden würde.

Schneller als gewollt, falle ich nach links, um noch einen Blick auf eine Dorfschönheit zu ergattern, denn der Zug hält in jedem Scheißkaff. Das sind ja auch noch englischsprachige Emos – Ekelhafte Austauschschüler, deren Gastfreunde auch noch in gequollenem Schulenglisch mitreden – „In my opinion, i think that music is able to be a global communication, do you know?“. Ich konzentriere mich wieder auf meine Musik und versuche das nächste Lied zu entschlüsseln. Hm, ziemlich treibender Beat, doch mir will partout nicht einfallen von wem das ist, also skippe ich ein paar Tracks weiter.

Yes, das Intro von MOR-Album: „Wir nehmen Faker in die Mangel und verbreiten Angst und Bange, lassen Euch im Glauben, das es nicht wahr sein kann! Aber kommt ruhig näher, seid nicht scheu. Ich weiß solche Töne sind Euch neu. Melodien, bei denen Ihr sagt: Ich glaub, ich denk, oh nein, ich spinn. Lasst es sein, man! Gestehts Euch ein, man, dass wir die Bombe sind. Ihr sagt, ihr habt was drauf oder schmeichelt mir. Ihr sagt, Ihr seid so echt, aber blufft nur. Alles was ihr sagt, hat es längst gegeben, geht doch bitte heim und lasst HipHop weiterleben. Lehnt Euch zurück, bereitet Euch vor …“. 45 Hammersekunden, ich könnte es auf Endlosschleife laufen lassen, denn Valezka hat einfach eine geile Stimme und der Beat dazu ist grandios.

Danach feiert Metric „Dead Disco“ und zündet ein Feuerwerk der guten Laune in mir. Ich verzichte auf Medizin, zapple auf dem Sitz rum und begebe mich auf gedankliche Abendplanung. Es folgt von Savas „Haus & Boot“. Wieder Valezka auf einem tollen Beat und ich hab „vom Feeling her ein gutes Gefühl“. Sogar Savas Stimme nervt mich heute gar nicht. Die besten HipHop-Lieder sind auch immer die, in denen zum Schluss noch der Beat schön im Instrumental austrudelt wie hier.

Der HipHop-Soundgarden geht ab Mühlacker weiter mit „What’s happening“ von Zahnpasta Rhymes und dem Methodenmann, wie wir früher flachsten, hatten wir auch nur von Viva Zwei. Früher, als coole Frauen noch Rap hörten und man mit ihnen stundenlang über Lieblingspunchlines und gute Battles philosophierte. Ich sage für mich das nächste Lied vorher, Wu-Tang mit „Triumph“, denn Mrs. Shuffle gibt jedem einmal das Gefühl, dem Zufall zu entkommen. „I sing a song from the sing-sing.“, ich habe richtig getippt, ertappe mich beim Kopfnicken und finde Frauengesang im Instrumental auch groß.

Dann poltert ein Ausschnitt aus einem Koletzkiset herbei: erst „Babylon“ und dann „Best Revenge“. Hammer, Tanz der Moleküle? Vergiss es, das sind schon Protonen, die da am Raven sind. Auf Highlevel erreiche ich Pforzheim, wo ein Kumpel zusteigt. Ich packe schweren Herzens den Walkman weg.

Nach einer langen und spaßigen Nacht und einem geschmeidig angegangen Sonntag sitze ich nun endlich wieder alleine mit Mr. Walkman und Mrs. Shuffle im Zug retour. Flitzpiepe, die ich nun mal bin, hab ich den Player gestern nicht richtig ausgemacht, so dass die Batterie einen auf Abturn macht, dabei hatte ich doch extra Duracell aus dem Hasen genommen. Ein Wunder, es regt sich noch was für 20 Minuten, also Stöpsel rein und einpennen. Mrs. Shuffle verabschiedet sich weltbest von mir: „Natural Born Chillas“ von den Beginnern und dann beginnt der Crazy Flex- Mix von Olli aus dem Jahre 2005, den ich bis zu meinem Lieblingspart ab 94:00 vorspule. Ich schwebe im siebten Musikhimmel, schlafe bei vorbeiziehenden Lichtern ein und hoffe auf eine Eingebung, die mir endlich verrät, wie die zwei oder drei Tracks in der Stelle heißen.

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2 Antworten

Kommentare

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    Nach 8 Jahren endlich den einen Track herausgefunden.


    dann beginnt der Crazy Flex- Mix von Olli aus dem Jahre 2005, den ich bis zu
    meinem Lieblingspart ab 94:00 vorspule. Ich schwebe im siebten Musikhimmel,
    schlafe bei vorbeiziehenden Lichtern ein und hoffe auf eine Eingebung, die mir
    endlich verrät, wie die zwei oder drei Tracks in der Stelle heißen.

    11.03.2014, 15:07 von stereoG
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      den "kannte" ich auch schon. danke für den link! hab den vorhin auf der a2 heimwärts gen b gehört, von der grenze marienborn runter nach magdeburg, wenn das auto fliegt! schönes stück!

      15.03.2014, 21:29 von libido
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