Nuganora 27.07.2012, 15:11 Uhr 0 0

Georgien - ein Reiseland?

Seit zehn Monaten lebe ich in Georgien, einem Land, das bisher noch sehr unterschätzt wird.

Weiße Strände, türkises Meer, hohe Berge, tiefe Schluchten, antike Sehenswürdigkeiten, ein prickelndes Nachtleben – was muss das perfekte Reiseland bieten? Für einen Sommerurlaub fährt man ans Mittelmeer, ruhige Idylle bietet Nordeuropa, Abenteurer gehen nach Australien, auch exotische Länder in Südostasien und Südamerika sind beliebt. Reisen ist heute so billig und unkompliziert wie nie zuvor. Bleibt die Entscheidung – Entspannung, Abenteuer, Party, Kultur oder Natur? Die Liste der möglichen Ziele ist lang, und doch gibt es Länder, die einfach nicht in Frage kommen: Länder, die gefährlich sind und Länder, die langweilig sind. „Gefährliche Länder“ definiert das Auswärtige Amt durch eine Reisewarnung, „langweilige Länder“ definiert die Mehrheit der Bevölkerung, meist ohne jemals dort gewesen zu sein.
Ich lebe seit neun Monaten in Georgien und kann mit Sicherheit sagen, dass dieser kleine Staat im Kaukasus weder langweilig noch gefährlich ist. Wer einmal hier war, schwärmt von Georgien. Wer nie hier war, schweigt über Georgien, denn er weiß nichts darüber. Wer nie hier war, stellt Fragen wie „Ist da nicht Krieg? Ist das nicht in Russland?“

Oder er fragt: „Was willst du denn da?“. Ja, gute Frage. Was will ich in Georgien? Wie hat es mich und all die anderen ausgerechnet nach Georgien verschlagen? Was für Leute sind es, die hierher kommen? In meiner Zeit hier habe ich ganz unterschiedliche Typen getroffen: Die hängengebliebenen Weltreisenden, die Praktikanten, die Besucher der Praktikanten und die, die den Rest der Welt einfach schon gesehen haben. Sie alle haben unterschiedliche Motive und Eigenschaften, die erklären, warum Georgien ein gutes Reiseland für sie ist.

Der hängengebliebene Weltreisende ist auf der Durchreise, auf dem Weg von Ost nach West oder andersherum, hat ein Routenmotto wie „Von Thailand bis nach Deutschland per Anhalter“ oder „In achtzig Monaten um die Welt“ und passiert auf seinem Weg früher oder später Georgien. Warum? Georgien bietet sich als Zwischenstation wegen seiner Nachbarländer an: Im Norden Russland – ein riesiges Land, Weltstädte wie St. Petersburg und Moskau, sibirische Kälte, Wodka und deftige Küche. Im Südosten Aserbaidschan –neue Glasbauten in der Hauptstadt Baku, Flamingos und Antilopen in den Steppen, ein Hauch von Orient. Im Süden Armenien – bergig und meist mit wolkenlosem Himmel, das Land der Aprikosen, des Granatapfels und des Kognaks. Im Südwesten die Türkei – ein weitläufiges, vielfältiges Land, das auch abseits der Touristenorte viel zu bieten hat. Allesamt interessante Länder, mit einer Gemeinsamkeit: Visapflicht. Was also bietet Georgien? Ein Aufatmen von der Bürokratie. Als Deutscher darf man in Georgien 360 Tage ohne Visum bleiben. So kommt der Weltreisende hierher, um auf sein Visum für sein nächstes Zielland zu warten, dabei merkt er, wie gut es sich hier leben lässt, gerade in der Hauptstadt. Reisende, die zuvor in Baku oder Jerewan waren, schwärmen von der Lebendigkeit, den europäischen Standards, den gemütlichen Cafés, und der charmant bröckeligen, historischen Altstadt Tiflis‘. Der Weltreisende nistet sich ein, packt den Rucksack aus, lässt sich durch die Stadt treiben und merkt plötzlich, dass er demnächst mal für ein paar Tage ausreisen müsste, um ein weiteres Jahr visafrei hier bleiben zu können. Ja wie, schon ein Jahr rum? Wollte er nicht weiter, in die exotischen Länder? Och, ist doch bequem, um das nächste Visum kann man sich auch morgen kümmern, oder übermorgen, oder. So klingt die typische Geschichte eines hängengebliebenen Weltreisenden. Seine Merkmale? Ausgepackter Rucksack, Sätze wie „Morgen kümmere ich mich um meine Weiterreise, vielleicht“, chaotische WGs mit anderen Weltreisenden, eine unglaubliche Entspanntheit und jeden Abend Zeit und Lust, durchs Tifliser Nachtleben zu tingeln.

Die zweite Gruppe bilden die Praktikanten. Der Praktikant arbeitet bei georgischen Filialen deutscher Unternehmen, bei der Deutschen Botschaft, als Deutschlehrer an georgischen Schulen oder in sozialen Projekten, die mit deutschen Mitteln finanziert werden.
Wenn nun der hängengebliebene Weltreisende und der Praktikant aufeinander treffen, geht das nicht immer gut, gibt es doch einen entscheidenden Unterschied zwischen den beiden: Letzterer kam nach Georgien, um zu arbeiten und tut das im Normalfall auch. Er kommt nicht in Gefahr, sich zu überarbeiten, aber er sieht sich doch als Teil der arbeitenden Bevölkerung und hat seinem Aufenthalt in Georgien schon damit einen Sinn und eine Rechtfertigung verliehen. Da sich jedoch einige Interessengebiete (durchs Land reisen, feiern gehen, am See liegen) überschneiden, ist durchaus auch eine Freundschaft zwischen den beiden möglich.
Den Praktikanten hat es meist zufällig in dieses Land verschlagen. Normalerweise wählt er zunächst seinen Arbeitgeber oder sein Projekt (zum Beispiel eben ganz allgemein die Deutsche Botschaft) und erfährt dann recht kurzfristig, in welchem Land er dieser Arbeit nachgehen wird.
Er zeichnet sich in der Anfangsphase durch besonderen Fleiß aus: Die neuen Deutschlehrer sind übermotiviert wie sonst nur als Referendar, die Praktikanten in Unternehmen pünktlicher als der Chef und die Freiwilligen gierig nach Projekten und Aufgaben. Dieses irritierende Verhalten – ist doch die Mehrheit der georgischen Bevölkerung ungleich entspannter – verläuft sich glücklicherweise recht schnell und alles normalisiert sich.
Was nun ist der natürlicher Lebensraum des Praktikanten? Unter der Woche trifft er sich gerne mit Freunden auf den Balkonen der unterschiedlichen WGs oder aber in den Bars und Kneipen der Hauptstadt. Am Wochenende jedoch, sobald das Wetter einigermaßen in Ordnung ist, schwärmt er aus in alle Ecken Georgiens, um in seiner begrenzten Zeit vor Ort jeden Winkel zu besichtigen. Man findet ihn auch bei diversen Veranstaltungen des „Goethe Instituts“, seien es Konzerte, Ausstellungen, Workshops oder Open Air Kino.
Der Praktikant geht ins Ausland, weil er „etwas Neues entdecken, den Horizont erweitern und interkulturelle Erfahrungen machen“ will, außerdem ist es „gut für den Lebenslauf“. Allgemein ist dem Praktikanten, der nach Georgien geht, jedoch Geselligkeit und Rumreisen wichtiger als seine Karriere. Man erkennt den Praktikanten an seinem etwas kleineren Rucksack, der sich perfekt für Wochenendtrips eignet und diesem Glitzern in dem Augen, das den Eifer, etwas Neues zu erleben oder gar zu kreieren ausdrückt.

Der Praktikant will sein altes Leben nicht hinter sich lassen, er will sich nur eine kurze Auszeit nehmen. Aus diesem Grunde hat der Praktikant einen viel genutzten Skype-Account und berichtet Freunden und Familie in Deutschland fleißig. Er will in Kontakt bleiben, will erzählen von seinen Abenteuern im Osten und Werbung machen für sein neues Zuhause auf Zeit. Das führt uns zu der dritten Art der Georgienreisenden: Dem  Besucher. Der Praktikant kommt meist im September nach Georgien, von da an bekommt der Daheimgebliebene also immer wieder mal schwärmerische Emails, die letztendlich dazu führen, dass er sich einen Flug bucht. Der Herbst ist vorbei, der Winter ungemütlich, es bietet sich als Reisezeit der Frühling geradezu an. So rollt um Ostern herum die erste große Besucherwelle über Georgien.
Der Besucher weiß einerseits schon recht viel über Georgien, verlässt sich aber bei Reiseplanung und Ähnlichem jederzeit auf seinen Freund dort. Dieser ist damit einverstanden, will er doch sein Expertentum ausleben und beweisen, wie gut er sich schon in der neuen Kultur und Sprache zurecht findet.
Für den Besucher ist Georgien meist ein vollkommen neues Reisegebiet, darum ist es einfach, ihn für das Land zu begeistern. Er lässt ausflugstechnisch fast alles mit sich machen – auch die ruckeligste Marschrutka-Fahrt ist schließlich ein kulturelles Erlebnis und wird klaglos ertragen.
Im Gepäck hat der Besucher vor allem Geschenke, auch „Westpakete“ genannt. Die georgische Küche ist ein Gaumenschmaus, doch als Deutscher vermisst man früher oder später guten Kaffee, Schwarzbrot, Knuspermüsli, Milka und Co. So leert sich der Koffer des Besuchers bei seiner Ankunft sofort um die Hälfte, der so entstandene Platz wird bei seiner Abreise jedoch wieder gefüllt sein: In einem Jahr sammelt sich beim Praktikanten viel an, was irgendwie wieder nach Deutschland gelangen muss, die 23kg-Grenze der Fluggesellschaften ist ein Fluch und deshalb könnte der Besucher doch, so eventuell ein bisschen was mit zurück nehmen. Vielleicht die drei Wintermäntel?
Der Besucher schlägt durch seine Reise zwei Fliegen mit einer Klappe: Er trifft seinen vermissten Freund wieder und nutzt die Chance, mit einem nun erfahrenen Reiseführer durch ein Land zu reisen, über das niemand etwas zu wissen scheint. Man erkennt den Besucher an dem wissenden Blick, mit dem er durch das Land wandelt: „Ach stimmt, davon hast du mal erzählt. Ach so, diesen Ort meintest du damals in deinem Blogeintrag.“ Er ist für alles gerüstet und außergewöhnlich abenteuerlustig, hat er doch von Wanderrucksack über Sonnencreme und Mückenspray alles dabei, um im wilden Kaukasus zu überleben.

Viel erfahrener ist der, der den Rest der Welt schon gesehen hat. Man trifft ihn nicht in der Hauptstadt, sondern meist in kleineren Orten – sei es in der südöstlichen Wüste, in den wilden Bergen im Norden oder in den subtropischen Gegenden des Westens. In diesen kleinen Dörfern gibt es keine Hotels, sondern Gästehäuser, was in Georgien wörtlich zu nehmen ist. Man ist Gast, der Gast ist König und der Gastgeber freut sich über jeden einzelnen ganz persönlich – und das nicht aus finanziellen Gründen. Die Georgier sind stolz auf ihre Gastfreundschaft, zu Recht. In diesen Gästehäusern hat man zwar sein eigenes Zimmer, trifft sich jedoch zum Essen, selbstverständlich von der „Gastmama“ selbst gekocht, immer mit allen im Wohnzimmer. An der Wand hängen Postkarten aus aller Welt, die von all den Gästen erzählen, die hier schon die gemütliche und gesellige Atmosphäre genossen haben.
Diese Reisenden berichten von ihren jährlichen Touren in verschiedene Regionen „...und diesmal ist Armenien und Georgien dran!“ Es sind keine Weltreisenden, sie haben normale Berufe in ihren Heimatländern, haben teils nur zwei Wochen Urlaub pro Jahr, aber nutzen diese intensiv und werden danach in ihr normales Leben zurückkehren, um eine Reiseerfahrung reicher.
Dadurch, dass sie die meiste Zeit in Gästehäusern und folglich in Familien verbringen, erhalten sie in der kurzen Zeit vor Ort einen sehr intensiven Einblick in die georgische Kultur: Der „Gastpapa“ serviert schon zum Frühstück ein Trinkhorn voll Hauswein und trinkt ihn im Notfall auch selbst, die Gastmutter fragt nebenbei, ob man denn verheiratet sei, sie hätte da einen sehr, sehr guten Jungen in der Nachbarschaft, der sehr gut Englisch spreche.
Dadurch, dass sie schon fast alles gesehen haben, lassen diese Reisenden sich weniger von spektakulären Landschaften und mehr von den Menschen beeindrucken und verlieben sich nicht so leicht in neue Länder. Sie sind geprägt durch allgemeines Reisefieber und den Ehrgeiz, alle derzeit 194 Staaten der Welt auf ihrer Liste abzuhaken. Erkennbar sind sie am routinierten Reiseverhalten, dem zerfledderten Lonely-Planet-Reiseführer, ihrer Outdoorkleidung und ihrer abgenutzten Spiegelreflexkamera.

Ist Georgien also ein Reiseland? Es ist zumindest auf dem besten Wege dorthin, in den größeren Orten werden laufend neue Hostels und Gästehäuser eröffnet, die Toiletten- und Hygienestandards passen sich langsam aber sicher den westlichen an, Flüge werden günstiger und die Gruppe der Leute, die mit Georgien wenigstens irgendetwas verbinden, wächst kontinuierlich.
Ist Georgien eine Reise wert? Das auf alle Fälle. Auf einer Fläche, die etwa der von Bayern entspricht, gibt es in Georgien nämlich weiße Strände, türkises Meer, hohe Berge, tiefe Schluchten, antike Sehenswürdigkeiten, ein prickelndes Nachtleben und dazu sogar eine kleine Wüste. Flüge gibt es von Frankfurt aus schon ab 200 Euro, für eine Nacht im Gästehaus (Vollpension) zahlt man nicht mehr als 15 Euro, ein Zugticket einmal quer durchs Land kostet etwa 10 Euro. Langweilig? Nein. Teuer? Nein. Gefährlich? Nein. Nichts wie hin, bevor es sich zu schnell herumspricht und es vom Geheimtipp zum Touristen- Paradies wird. Denn das will doch eigentlich kein richtiger Reisender.




Tags: Freiwilligendienst, Reiseimpressionen
0 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  •  

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
10. Juni 2013

Neueste Artikel-Kommentare

NEON-Apps für iOS und Android