G E H E N
Wenn es in der Wohnung zu eng wird, muss man einfach mal raus. Zu Fuß von Berlin in die brandenburgische Provinz. Ein Tatsachenbericht.
Die Stadt
Zweieinhalb Stunden geradeaus. Vom Alexanderplatz bis zur S-Bahnstation Heerstraße. Man muss raus aus dieser Stadt. Am Brandenburger Tor viel Auflauf. Ein neuer Bundespräsident wird gewählt. Horst Köhler oder Gesine Schwan. Köhler ist Favorit. Das Ergebnis interessiert hier niemanden. Berlin pumpt auch ohne Herz weiter. Ich gehe über geschichtsschwangere Straßen, die auch nicht mehr als Asphalt sind. Und ich esse Eier. Zwei Stück. Scheiß Regen. Mann, was für ein Scheiß Regen. Jetzt sind die Häuser hier schon so hoch, und sie halten den Regen trotzdem nicht auf. Auffallend sind eher Plakate von Sex-Messen und Monty Roberts, dem Pferdeflüsterer. "Psst, Du bist hier in der Hauptstadt.“ Locker bleiben und raus hier. Eine Regenhose leistet gute Dienste. Scheiß Regen. Vorher lief das Wasser über die Hose direkt in die Schuhe, jetzt perlt es auf die Straße. Wenn die Füße anfangen zu brennen, setze ich mich einfach mal hin. Schauen und warten. Mal richtig innehalten, mal die Seele baumeln lassen, mal auf die inneren Stimmen hören, den inneren Jemand, mal das Leben Revue passieren lassen. Irgendwann hat alles Geradeaus ein Ende und es geht um die Ecke. Die Sonne bricht durch dunkelblaugrauschwarze Wolken. Um den Wolken näher zu sein, gehe ich einfach mal auf den Teufelsberg. Die Luft ist diesig, ich kann das Blinklicht des Fernsehturmes sehen. Gott, ist Berlin groß. Wer auf dem Lande aufgewachsen ist, dem kommt das hier wirklich wie eine Großstadt vor. Woltwiesche etwa. Woltwiesche ist ein Dorf in der Mitte Niedersachsens mit 2000 Einwohnern und einer 850jährigen Geschichte. Es gibt einen Bahnhof, eine Volksbank, zwei Bäcker, zwei kleine Einkaufsläden, eine Grundschule und die Gemeinschaft "Unser Dorf soll schöner werden“. Und vor vielen Jahren geschah einmal ein Mord.
Ute K.
An der Avus (die ehemalige Rennstrecke zwischen Grunewald und Nikolassee, 9,8 Kilomter lang, 1921 fertig gestellt, Prototyp der Autobahnen): Eine Frau zeigt mir den Weg. Sie fährt mit ihrem Fahrrad weg. Etwas zu schnell. Kurz vorher hatte es gehagelt. Die Frau trägt schwarze Pumps. Rock oder Hose sind unter der Regenjacke verdeckt. Wahrscheinlich Rock. Ihr blaues Make-up ist ein bisschen verwischt und auf ihrem Gepäckträger quellen einige Plastiktüten aus einer braunen Ledertasche. Man könnte denken, sie haut ab. Man könnte denken, sie hat Angst vor Menschen, die sie nach dem Weg fragen. Ich denke über das Leben dieser Frau nach, als hätte ich kein eigenes. Ute K. wohnt in der Schopenhauerstraße 15 und hat vor vier Wochen ihren Sohn Klaus K. auf dem Waldfriedhof Zehlendorf beerdigt. Was für ein Tod. Als die Nacht am Tiefsten war und der Vollmond gerade hinter einer Wolke verschwand, kletterte Klaus K. über den Maschendrahtzaun am Rand der Avus, näherte sich langsam der Fahrbahn und warf sich vor einen BMW 520i, der mit Tempo 150 sowieso gerade viel zu schnell fuhr. Einen Kilometer später hätte man ihn geblitzt. Klaus K. hingegen war sofort tot, der Mond kam hinter den Wolken zum Vorschein und seine Mutter sagte im gleichen Moment zu seinem Vater, ihrem Mann, dass sie jetzt nicht mit ihm schlafen wolle. Der Fahrer des BMW 520i, Hans D., war in dieser Nacht auch auf der Flucht. In der Berliner Wohnung seiner Geliebten Karen Z. war er von deren Ehemann Markus Z. erwischt worden. Als Klaus K. auf die Straße sprang, vor den Wagen von Hans D., wechselte dieser gerade das Taschentuch, mit dem er immer wieder das Blut von seiner Nase abwischte. Markus Z. hatte für Ordnung in seiner Wohnung gesorgt.
Schokoriegel
Schenkelstrecker, Schienbeinmuskel, Schneidermuskel, Zwillingswadenmuskel, Schollenmuskel, zweiköpfiger Oberschenkelmuskel. Gewebe in den Beinen, das irgendwann nicht mehr arbeiten will. Ich gehe einfach weiter und denke an nichts anderes mehr außer Schokoriegel. Ein Gedanke, volle Konzentration. Zucker, Zucker, Zucker. Aber ein Gedanke zählt eigentlich nicht. Wer nur an eine Sache denkt, denkt nicht. Neben der Straße auf der einen Seite Wald und auf der anderen die Avus. Ab in den Wald. Ein rutschiger Ast bringt den Sturz. Unabgestützt knalle ich auf die Seite und es ist egal. Trance. Einfach weiter gehen. Die Zeit hat am Standrand aufgehört. Wenn man jetzt die Schuhe ausziehen würde, wären da noch Füße? Ich setze einen Fuß vor den anderen, immer weiter, immer wieder. Ich müsste eigentlich mal jemanden fragen (ständig kommen auf diesem Weg irgendwelche Menschen an mir vorbei), ob denn einer mal was zu essen hat. Zucker pur würde auch gehen. Aber man ist so für sich. Ich kann nicht mehr reden und will es auch nicht mehr. Mache ich doch mal den Mund auf und da kommen dann Worte raus, drehe ich mich ängstlich um und hin und her, und niemand ist da. Auf der Avus fährt ein Lastwagen mit Nestle-Aufschrift vorbei. Jetzt eine Explosion und Schokoregen. Oder ein Wurmloch mitten auf der Straße. Der Wagen fällt hinein, ich klettere über den Maschendrahtzaun, breche die Türen auf und esse. Aber es explodiert hier nichts. Ein Wagen in Form eines Snickers fährt vorbei. Die Reifen sind aus Schokokeksen und der Fahrer ist ein Schokoladenosterhase.
Zwei Frauen in einer Jolle
Auf einem Steg am Wannsee. Zwei Frauen machen gerade eine Jolle klar. Das Wasser spült an den Strand. Wind kommt auf. Das Segel flattert. Auch wenn die beiden noch Tage bräuchten, bevor sie in See stechen, würde ich mich nicht trauen, sie zu fragen, ob ich mit dürfte. Eine geht vorbei und lächelt. Ich bin verliebt und kann noch weniger fragen. Jetzt auf den See hinausfahren und lieben. Den ganzen Tag. Vielleicht kennen die beiden "Funny Games“. Das letzte Opfer stirbt auf einem See. Mit zusammengebundenen Füßen und Händen wird eine Frau von einer kleinen Jolle in einen See geworfen. Einfach so. Nebenan liegen in einem kleinen Hafen weitere Segelboote. Ihre kahlen Masten schlagen aneinander. Ein Horrorfilm im letzten Moment vor der Eskalation. Ich stehe auf und gehe. Ich muss ja weiter. Weiter gehen. Darum geht es doch, oder? Nur noch über die Brücke und Potsdam beginnt.
Am Wasser. Einige Schwalben attackieren eine Nebelkrähe ohne erkennbaren Grund. Die Krähe sitzt auf einem Poller, einer Anlegemöglichkeit etwas ab vom Steg. Die Schwalben kommen immer wieder im Sturzflug auf sie zu. Die Krähe duckt sich wie ein Boxer und tänzelt hin und her. Irgendwann wird es ihr zu viel und sie fliegt weg. Im Westen sind die Krähen ausschließlich schwarz und heißen Rabenkrähen. Im Osten haben sie einen weißen Schal und man nennt sie Nebelkrähen. Gleich wird es regnen.
Angriff der Killermücken
In Gedanken stolpere ich aus dem Schlosspark von Sanssouci hinaus und ab in den Wildpark im Südwesten Potsdams. Gut, da werde ich doch mal zu mir kommen. Mal richtig innehalten, mal die Seele baumeln lassen, mal auf dieinneren Stimmen hören, den inneren Jemand, mal das Leben Revue passieren lassen. Am Waldrand ein Tierheim. Die Hunde kläffen. Ganz laut. Im Wald versteht man die Welt nicht mehr; vor lauter Stille. Und dann auch noch Science Fiction: Ich pinkele an den Wegrand und eine Mücke kommt. Schnell packe ich alles ein und gehe weiter. Und immer, wenn ich stehen bleiben will, sind sie wieder da. Die Beine voller Mücken. Sie sind überall. Wegscheuchen bringt hier gar nichts. Es sind zu viele. Ich gehe weiter, es muss ja weitergehen. Obwohl ich eigentlich mal stehen will. Stehen, ruhen, warten, nichts tun. Für einen Lidschlag. Ich gehe etwas schneller als vorher, denn Mücken sind ja langsam. Die muss man doch abschütteln können. Irgendwann ein neuer Versuch. Ich bleibe stehen und sie sind noch da. Auf einer kleinen Lichtung töte ich alle.
Kein Auto, keine Ameise
Der Wald ist zu Ende, ich selber auch. Nach den Mücken kommen zwei Bänker. Sie fragen, wo es zur Sparkassentagung gehe. Verdammt, sind die total irre? Wie sehe ich denn aus? Ich habe gerade mit Mücken gekämpft, trage einen elf Kilo schweren Rucksack, sammele Blasen an den Füßen und Dreck auf der Kleidung. Und das alles nur, um zur Sparkassentagung zu kommen? Verrückte Menschen. Wie auch immer. Ich erkläre ihnen, ich hätte keine Ahnung und gehe weiter. Ja, weiter, weiter, weiter. Die beiden bleiben stehen und fangen an zu diskutieren. Der weißhaarige und ältere von beiden will umdrehen. Er glaubt, sie würden in die falsche Richtung gehen. Der junge Brillenträger will in dieser Richtung weiter. Dann höre ich sie nicht mehr. Die Havel. Ich würde gerne reinspringen. Aber wie komme ich rüber? Außer einer Eisenbahnbrücke ist nichts zu sehen. Umwege sind ausgeschlossen. Ich will da rüber. Ich frage mich durch und finde den Weg über die Eisenbahnbrücke. Auf der anderen Seite geht es einen schmalen Weg entlang. Und dann ist da dieses "Vivil“-Papier. "Sans sucre“ steht drauf, und ich denke kurz an eine Verschwörung. Sanssouci, sans sucre, Sanssouci, sans sucre. Souci sucre? Eine Geheimbotschaft? Jetzt locker bleiben. Ich bleibe mit dem Gedanken irgendwo hängen und stehe plötzlich auf einer Straße. Und nichts ist da. Kein Gefahre, kein Geräusch, kein Getier. Ich stehe da, abgekämpft, und schaue von einer Seite zur anderen. Immer wieder. Nichts passiert. Kein Auto, keine Ameise. Der Wind bewegt die Äste und ich atme noch. Ich gehe weiter, weil es sein muss und sein soll.
Falsche Richtung
Flaches Land. Die B 2. Bis auf die Beine spüre ich nichts. Bis auf die Straße ist nichts zu sehen. Das muss sich ändern. Ich kann nicht mehr auf diesem verdammten Asphalt laufen. Ich schlage mich in den angrenzenden Wald. Weicherer Boden, weniger Autos. Nach einigen hundert Metern ist klar, dass ich mich verirrt habe. Eine ältere Dame und ein kleiner Hund zeigen den Weg. Durch Nadelhölzer, weicher Nadelboden, sandig, ach. Und dann stehe vor einem Maschendrahtzaun. Egal, rüber! Es gibt kein Zurück mehr. Umwege sind nicht möglich. Ich stehe auf einem Schuttabladehof. Gerade ist niemand hier. Ein Fahrrad steht angelehnt an einer Wand, nicht abgeschlossen, aus einem kleinen Schornstein steigt dünner Rauch, es ist nicht kalt. Wieder auf dem Gehweg an der B 2. Gegen alle Vernunft schlage ich mich ein zweites Mal auf der anderen Seite in den Wald. Auf einem Reiterpfad entlang. Sofort wieder verirrt. Dann steht plötzlich ein Mann vor mir. Schwarze Stofftasche und ein Vogelkundebuch in der Jacke. Er sagt: "Falsche Richtung!“ Umdrehen? Ausgeschlossen! Dann eben querfeldein. Einen Abhang runter, über Schienen, einen Abhang hoch. Über Wege mit riesigen Reifenspuren. Oder Ketten? Krieg? Wieder Maschendrahtzaun und kein Weg. Weiter, weiter, weiter... Geräusche, dann endlich die Straße.
Road To Nowhere
Die Grenze ist überschritten. Von den Füßen aufwärts schmerzt alles. Darunter auch. Ohne Pause singen die Talking Heads "Road To Nowhere“. Die B 2 fräst sich durch Brandenburg wie eine Säge, die den Brustkorb auftrennt. Am Straßenrand liegt ein zermatschter Greifvogel. Eine Kralle verheißungsvoll in die Luft gereckt. Vielleicht hat er in den letzten Sekunden noch Gebete Richtung Himmel geschickt. Dann eine Katze. Auch tot aber nicht zermatscht. Ein Reh rennt am Rand durch den Wald. Will zur Straße, will sich zermatschen lassen. In einem der vorbeifahrenden Autos sitzen Markus und Karen Z. Nirgendwo Fußgänger. Ich versuche einen Punkt zu finden, bei dem die Bewegung nicht schmerzt. Hinsetzen, aufstehen, hinsetzen, nicht aufstehen können. Es zieht, zerrt, zuckelt und ruckelt im Körper. Da will was nicht mehr. Aber ich muss weitergehen, weil ich es will. Dann lege mich doch in ein Bushaltestellenhäuschen und bleibe. Das Reh läuft weg.
In der Falle
Ich will weiter und liege einfach nur da. Ich schließe die Augen und höre zu. Mal richtig innehalten, mal die Seele baumeln lassen, mal auf die inneren Stimmen hören, den inneren Jemand, mal das Leben Revue passieren lassen. Über mir ein feingesponnenes Netz. Darin eine zuckende Fliege. Noch sind ihre Flügel nicht zusammengebunden. Sie surrt. In einer Ecke hat die Spinne ihr Nest. Ganz langsam kommt sie herausgelaufen und nähert sich der Fliege. Dann geht es schnell, nichts surrt mehr und die Spinne geht zurück. Noch ist nicht die Zeit, um zu essen. Ich drehe den Kopf zur Seite und schaue auf die Straße. Die Autos fallen von oben nach unten. Im Liegen sind die Schmerzen nicht mehr ganz real. Sie sind da, aber in Watte eingepackt. Für den Versand verstaut. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie im Westen dunkle Wolken aufziehen. Stetig wandern sie auf mich zu. Dunkelheit kommt näher. Die Autos haben die Scheinwerfer angestellt und flügen sich durch den Regen. Das Bushaltestellenhäuschen ist gerade soweit von der Straße entfernt, dass der aufspritzende Regen mich nicht erreicht. Der Regen fällt lange. So lange bis er aufhört. Als er aufhört, stehe ich auf, gehe zur Straße, ein Auto hält an und ich steige ein.
Horizonte
Eine Autofahrt. 10 Stundenkilometer. Langsam fährt der Wagen los, ich selber lasse los, lasse mich sanft in den Sitz drücken und schaue aus dem Fenster. 20 Stundenkilometer. Die Wolken brechen auf und die Sonne scheint. Überall Spargelfelder. Beelitzer Spargel. Am Straßenrand die grauen Busse der Gastarbeiter, leere Plastikkisten und Europaletten. 30 Stundenkilometer. Ein Vogel segelt im Tiefflug über die mit Planen abgedeckten Reihen. Niemand ist zu sehen. Ein paar Dixiklos stehen herum. 40 Stundenkilometer. Durch Dörfer mit grau verputzten Fassaden, von denen einiges abbröckelt. Darunter rote Steine. 50 Stundenkilometer. Schienen. Etwas abseits ein Silo und daneben eine Halle. Kein Zug. 60 Stundenkilometer. Strommasten aus Holz. Das Kabel hängt etwas zu stark durch. Ganz am Rand, in der Nähe eines Mastes sitzt eine Taube. Als der Wagen an ihr vorbeifährt, fliegt sie weg und kackt. 70 Stundenkilometer. Abseits ein Radweg. Ein älterer Mann auf einem Fahrrad. Vorne ein Korb, hinten ein Korb. Beide sind mit roten Penny-Plastiktüten vollgepackt. Er schnauft. 80 Stundenkilometer. Die Landstraße dehnt sich immer weiter Richtung Horizont. An den Seiten laufen die Felder bis zu einem anderen Horizont. Umgeben von Horizonten. 90 Stundenkilometer. Schaut man raus und sieht wie sich die Landschaft bewegt, spürt man nicht mehr, dass man sich selber gar nicht bewegt. Alles ist in Bewegung. Es geht immer weiter. 100 Stundenkilometer. Ungebremst fährt der Wagen mitten hinein."Wichtige Links zu diesem Text"
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Kommentare
Schön, da kommt man irgendwie ins Träumen... kann mich in deinem Text richtig verlieren, schön.
10.12.2004, 16:55 von LucyLunein,wirklich nicht langweilig!sogar richtig toll!!:)
21.09.2004, 19:01 von oranginalg,nicole
@[Benutzer gelöscht] Das freut mich, danke.
20.09.2004, 15:07 von Tim