Fernbedient
"Ich fahre ungern wohin, ich bin lieber schon da gewesen." (Klaus Maria Brandauer)
Schwalben durchpflügen den blauen Himmel, und schwülwarme Sommerluft wabert durch das gekippte Fenster und lässt die heruntergelassene Jalousie leise metallisch klappern. Im Fernsehen läuft Arte. Eine japanische Touristin steht mit einem Fotoapparat und Hello Kitty Regenschirm vor dem Eiffelturm. Mein Kopf liegt weich auf einem Kissenberg und die Fernbedienung, ein langer Bambusstock, macht ihrem Namen alle Ehre.
Paris. Da komme ich gerade her, und es war so heiß wie heute. Ich schließe die Augen und lausche dem sirrenden Gezwitscher der Schwalben und den vertrauten Großstadtgeräuschen meiner Straße. "Anneee!", höre ich ein Kind nach seiner Mutter rufen. Meine Gedanken wandern zu dem Park, der sich rund um den Eiffelturm erstreckt …
Hier liege
ich mit Max zum Sterben unter einem Baum. "Begrabt
mein Herz an der Biegung des Flusses", stöhne ich leise. Ich bin zu
erschöpft,
um zu erklären, dass ich auf den Titel eines von mir nie gelesenen
Buches
anspiele, das seit ich denken kann im Bücherregal meiner Eltern steht.
Max nickt
nur zustimmend. Wir dösen neben unseren Rucksäcken im Gras und haben
eben noch eine scharfe, spanische Knoblauchwurst mit französischem
Baguette gegessen. Gestern
Barcelona, heute Paris, jetzt Siesta. Ich fühle mich wie ein Sitzsack
und habe das
dringende Bedürfnis zu duschen, oder mir zumindest die Hände zu waschen.
Einige
Meter weiter dreht sich ruckelnd ein Rasensprenger. Was liegen wir hier
eigentlich
untätig in der Hitze herum, frage ich mich. Im nächsten Bild meiner
Erinnerung springen wir nackt und lachend durch
einen Regenbogen und bespritzen uns gegenseitig mit Wasser. Eine
japanische Touristengruppe bleibt stehen und macht Fotos
von uns. Hier kennt uns keiner, und wir lassen es einfach geschehen.
Ich öffne die Augen und sehe auf Arte wieder die Japanerin
mit dem rosa Regenschirm. Jemand fragt sie, wie ihr das Essen
in Europa schmecke. Bis auf "salzig", fällt
ihre Antwort sehr höflich aus. Dann kommt Max aus der Dusche ins Zimmer.
Er wirft
sich zu mir aufs Bett und bringt meinen Kissenberg und mich zum
Schwanken. Ich rutsche zur Seite und lasse ihn mit unter mein
pistazienfarbenes Laken schlüpfen. Seine
Haut fühlt sich so sauber und angenehm kühl an, und sein Haar ist noch
feucht, und er
duftet so frisch - dass mir augenblicklich nicht mehr nach fernsehen ist
...
Ich greife nach der Fernbedienung, rotiere mit dem langen Bambusstock um den Aus-Knopf herum und treffe ihn schließlich. Kurz bevor das Bild verschwindet, hält die Japanerin kichernd ein Foto in die Kamera. Max und ich sehen es beide: Wir, nackt unterm Rasensprenger, im Hintergrund der Eiffelturm.
Dann ist der Fernseher aus.





Kommentare
Gerne gelesen, schöne Wortakrobatiken, wie
21.06.2012, 12:35 von Tanea
fein:)
15.06.2012, 19:23 von zehnmomente