Wortschatztruhe 15.06.2012, 09:19 Uhr 2 3

Fernbedient

"Ich fahre ungern wohin, ich bin lieber schon da gewesen." (Klaus Maria Brandauer)

Schwalben durchpflügen den blauen Himmel, und schwülwarme Sommerluft wabert durch das gekippte Fenster und lässt die heruntergelassene Jalousie leise metallisch klappern. Im Fernsehen läuft Arte. Eine japanische Touristin steht mit einem Fotoapparat und Hello Kitty Regenschirm vor dem Eiffelturm. Mein Kopf liegt weich auf einem Kissenberg und die Fernbedienung, ein langer Bambusstock, macht ihrem Namen alle Ehre.

Paris. Da komme ich gerade her, und es war so heiß wie heute. Ich schließe die Augen und lausche dem sirrenden Gezwitscher der Schwalben und den vertrauten Großstadtgeräuschen meiner Straße. "Anneee!", höre ich ein Kind nach seiner Mutter rufen. Meine Gedanken wandern zu dem Park, der sich rund um den Eiffelturm erstreckt …

Hier liege ich mit Max zum Sterben unter einem Baum. "Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses", stöhne ich leise. Ich bin zu erschöpft, um zu erklären, dass ich auf den Titel eines von mir nie gelesenen Buches anspiele, das seit ich denken kann im Bücherregal meiner Eltern steht. Max nickt nur zustimmend. Wir dösen neben unseren Rucksäcken im Gras und haben eben noch eine scharfe, spanische Knoblauchwurst mit französischem Baguette gegessen. Gestern Barcelona, heute Paris, jetzt Siesta. Ich fühle mich wie ein Sitzsack und habe das dringende Bedürfnis zu duschen, oder mir zumindest die Hände zu waschen. Einige Meter weiter dreht sich ruckelnd ein Rasensprenger. Was liegen wir hier eigentlich untätig in der Hitze herum, frage ich mich. Im nächsten Bild meiner Erinnerung springen wir nackt und lachend durch einen Regenbogen und bespritzen uns gegenseitig mit Wasser. Eine japanische Touristengruppe bleibt stehen und macht Fotos von uns. Hier kennt uns keiner, und wir lassen es einfach geschehen.

Ich öffne die Augen und sehe auf Arte wieder die Japanerin mit dem rosa Regenschirm. Jemand fragt sie, wie ihr das Essen in Europa schmecke. Bis auf "salzig", fällt ihre Antwort sehr höflich aus. Dann kommt Max aus der Dusche ins Zimmer. Er wirft sich zu mir aufs Bett und bringt meinen Kissenberg und mich zum Schwanken. Ich rutsche zur Seite und lasse ihn mit unter mein pistazienfarbenes Laken schlüpfen. Seine Haut fühlt sich so sauber und angenehm kühl an, und sein Haar ist noch feucht, und er duftet so frisch - dass mir augenblicklich nicht mehr nach fernsehen ist ...

Ich greife nach der Fernbedienung, rotiere mit dem langen Bambusstock um den Aus-Knopf herum und treffe ihn schließlich. Kurz bevor das Bild verschwindet, hält die Japanerin kichernd ein Foto in die Kamera. Max und ich sehen es beide: Wir, nackt unterm Rasensprenger, im Hintergrund der Eiffelturm.

Dann ist der Fernseher aus.

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2 Antworten

Kommentare

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    Gerne gelesen, schöne Wortakrobatiken, wie

    pistazienfarbenes Laken



    21.06.2012, 12:35 von Tanea
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    fein:)

    15.06.2012, 19:23 von zehnmomente
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