TanteKnete 10.04.2018, 15:58 Uhr 4 1

Erster Tag in Kolumbien

Die Präsentation öliger Frittierfettmuskeln im Duft einer ranzigen Freibadpommesbude würde jeden Wrestlingfan mit fastfood-Ketten-Fetisch erfreuen.

In meinem Mehrbettzimmer liegt eine Person, die telefoniert und weint. Sie redet darüber wieviel sie weint und wieviel sie heute schon geweint hat und noch weinen wird. Ich möchte ihr eine Vase reichen. Nur leider ist Fremde trösten nicht so mein Ding. Gleichzeitig plagt mich jedoch ein schlechtes Gewissen. Ein zwischenmenschlicher Zwiespalt.
Weinende zu ignorieren gehört sich einfach nicht. Wenn ich aber jemals anfangen würde sie zu trösten, könnte ich selber nicht mehr aufhören mit dem Weinen... weil, wie bestimmt schon Trump behauptete: Ich bin der emphatischste Mensch der Welt. Also hol ich meine Ellenbogen raus, denke an Turbokapitalismus und übe die eleganteste Form der Überspielung meiner Unsicherheit aus: ich geh weg. 
Im Gemeinschaftsraum, in den auch irgendwie die Küche so halb hineinragt, frittieren zwei Muskelmänner Fleischberge. Sie frittierten schon vor zwei Stunden. Dann gab es eine kurze Frittierpause und die Shirts wurden ausgezogen. Die Präsentation öliger Frittierfettmuskeln im Duft einer ranzigen Freibadpommesbude würde jeden Wrestlingfan mit fastfood-Ketten-Fetisch erfreuen. Verunsichert ob glänzender Beulen, die diese Körper verunstalteten, versuchte ich mich in der hohen Kunst der Ignoranz. Hätte ich länger als eine halbe Sekunde hingeschaut, hätte ich sehr sehr laut und lange lachen müssen und wäre jetzt wahrscheinlich tot. In Kolumbien muss man da aufpassen. Passte einmal nicht auf, biste entführt, tot oder im Knast. Ist ja so. Weiß ja jeder. Wissen zumindest alle Mütter.
Vor allem wenn winzig kleine Männer riesige Muskelberge sowohl mit sich herumtragen, als auch frittieren. Mit dem Testosteron der beiden könnte man Weltkriege führen. Mehrere gleichzeitig und auch interstellar. Deswegen halte ich mich zurück, setze meine durchschnittliche, oft als unfreundlich bezeichnete, in jedem Fall abschreckende norddeutsche Mine auf und harre der Dinge, die da kommen werden, bei schlechtem Dosenbier und Nudeln mit Tomatensoße.


Tags: Kolumbien, Backpacker
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4 Antworten

Kommentare

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  • 0

    "abschreckende norddeutsche Miene"?
    Oha, da musst Du ja grimmig unterwegs sein. Norddeutsche grinsen doch bloß nicht unnötigerweise bei jedem Pieps. Hab ich mal gehört ;)

    23.04.2018, 08:02 von smillalotte
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Schlechtes Dosenbier gibt es übrigens auch in Deutschland - womit der Kreis zum Alkohol im Synthol im Muskelzwerg aber sowas von mies geschlossen wäre.

    10.04.2018, 23:06 von eszett
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    Wozu geht man nach Kolumbien?

    10.04.2018, 16:33 von green_tea
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