syrius 30.11.-0001, 00:00 Uhr 3 0

Elisabethstadt - das Szeneviertel Budapests

Das traditionelle jüdische Viertel Elisabethstadt entwickelte sich in den letzten Jahren zum Bermuda-Dreieck der alternativen Kneipenkultur.

Fangen wir mit der Umgebung an. Der VII. Bezirk Budapests, die so genannte Elisabethstadt ("Erzsébetváros"), erstreckt sich zwischen den beiden großen Boulevards "Andrássy út" und "Rákóczi út" sowie zwischen dem Kleinen und dem Großen Ring. Traditionell das jüdische Viertel der ungarischen Hauptstadt, befand sich hier im Zweiten Weltkrieg auch das Budapester Ghetto. Die Bausubstanz ist inzwischen vielenorts hoffnungslos veraltet, einige einst prachtvolle Gebäude sind akut einsturzgefährdet. Aber es ist auch ein Viertel im Umbruch. Nicht nur, weil die jüdische Kultur nach dem Ende der Diktatur zu neuem Leben erwacht ist und in diesen Straßen Präsenz zeigt. Abseits der inzwischen herausgeputzten großen Straßen entwickelte sich hier in den letzten Jahren auch eine lebhafte Kneipenszene.

Ein guter Einstieg ist das Café "Szóda", gleich hinter der bombastischen Synagoge (eine der größten Europas). Hier kann man aus alten Sodamaschinen an der Bar sich selbst Sprudelwasser pumpen, und auf Wunsch bekommt man Popcorn (!) zu seinen Drinks ausgehändigt. Die Tafel hinter der Bar weist auch auf eine beträchtliche Auswahl an Cocktails hin, doch die meisten bleiben bei Bier und dem gelegentlichen Schnaps zwischendurch. Empfehlenswert ist zum Beispiel der koschere Pflaumenschnaps, wenn man seinen eigenen Niedergang unbedingt beschleunigen will. Das Publikum ist relativ jung, auffällig ist auch die Anzahl der Notebookbenutzer an den Tischen. Im Keller finden regelmäßig Partys statt.

Eine weitere wichtige Adresse ist das 2001 gegründete "Szimpla". Auf den ersten Blick handelt es sich hier um eine kleine, unscheinbare Kneipe mit drei Tischen, doch der Eindruck täuscht. Geht man in den Keller runter (wenn man erst mal die Treppe gefunden hat!) ist man immer wieder überrascht, wie groß die Räume sind, und wie voll es trotzdem immer ist. Und Vorsicht: hier unten ist es gnadenlos verraucht. Doch das Szimpla ist weit mehr als nur eine Kneipe es ist eine Institution. Neben dem Stammlokal betreiben die Macher noch weitere Ableger: ein günstiges Restaurant namens "Dupla" sowie einen Biergarten mit dem Namen "Szimpla Kert". Letzterer ist deswegen sehr typisch für dieses Viertel, weil in den letzten Jahren zahlreiche recht improvisiert anmutende Kneipen aufmachten in Innenhöfen verfallender Häuser, die auf die Erlösung durch einen Investor warten. An solchen Orten sollte man absolut keinen Luxus erwarten, eher Hausbesetzerszenerie á la Tacheles Anfang der 90er Jahre in Berlin. Zu dieser Kategorie gehört auch der letzte Schrei unter Budapests Szenekneipen, "Kuplung".

Eine Kneipe fehlt noch, das "Sark" am Klauzál-Platz, dem Herzen des Viertels. Hier habe ich auch gestern wieder einmal 6 Stunden verbracht, ohne oft auf die Uhr zu schauen. Wie mit so vielen Kneipen, ist es mir auch hier ein Rätsel, warum gerade dieses Etablissement dermaßen beliebt ist unter den Budapester Pendants des NEON-Zielpublikums. Sicher, die Einrichtung ist ganz nett, aber doch nichts Besonderes. Außerdem ist es viel zu eng, trotz eines auch hier vorhandenen Partykellers. Abends ist es im "Sark" immer extrem voll. Mit ein wenig Übertreibung kann man sagen, dass man sich mit seinen Bekannten nicht einmal zu verabreden braucht, an Wochenenden schauen diese fast schon automatisch irgendwann im Laufe des Abends vorbei.

Die Preise sind für westeuropäische Verhältnisse in allen oben genannten Kneipen relativ moderat, so kostet ein großes Bier aus einheimischer Produktion etwa 360 Forint, was 1,50 Euro entspricht. Aber am wichtigsten ist vielleicht doch die Tatsache, wie unprätentiös diese Kneipen daherkommen. Sie entsprechen so gar nicht den Klischees, die man von Neureichenbars in den Großstädten des ehemaligen Ostblocks im Kopf haben mag - keine Gesichtskontrolleure, die nicht nur wie Schlägertypen aussehen, sondern es auch sind, keine fünfzigjährigen "Geschäftsleute" mit der obligatorischen minderjährigen Blondine, keine Fernsehbildschirme, auf denen pausenlos Fashion TV läuft. Nein, die Lokale der Elisabethstadt sind einfach nur entspannt.


Adressen:

Szóda: Wesselényi u. 18
Szimpla - das Café: Kertész u. 48
Dupla - das Restaurant: Kertész u. 48
Szimpla Kert - der Biergarten: Kazinczy u. 14
Kuplung: Király u. 46, im Hof
Sark: Klauzál Tér 14

3 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] Keine Ahnung :)

      Nein, die Antwort steht direkt dahinter: weil einfach zu viele bekannte aufgetaucht sind, um einen abgang machen zu können. Außerdem ist eine kneipe noch nicht schlecht, nur deshalb, weil man nicht weiß, warum sie gut ist...

      29.12.2005, 16:42 von syrius
  • 0

    für mich kommt er leider ein Jahr zu spät. aber fürs nächste mal werde ich es mir merken...

    30.03.2005, 02:54 von buzz
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  • 0

    Schade - der Artikel kommt für mich ein paar Tage zu spät: ich war über Ostern in Budapest. Aber gute Tipps fürs nächte Mal, denn das wird es definitiv geben!!

    30.03.2005, 02:43 von rainbow73
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