Berlinette 15.04.2009, 11:45 Uhr 3 5

Eiswürfel

Wie Ansgar die Welt untergehen sah und es niemanden kümmerte. Obwohl es so schön war.

Ansgar sah den Eiswürfeln in seinem Whiskyglas beim Schmelzen zu.
Glaubst du....glaubst du daran, dass die Welt einmal zu Grunde geht?
Sicher.
Susanne hatte braune Augen.
Stell dir vor, alles würde seinen Sinn verlieren.
Alles was Bestand hat, sich auflösen.
Nix wird übrig bleiben.
Nicht einmal eine Idee davon.
Sowieso alle Ideen und alles Wissen.
Ihre Brüste hoben sich sacht beim Einatmen.
Von Neoprenanzügen bis hin zu Vanilleeis.
Alles wird verschwinden.
Verschluckt sein.
Was weiß ich..
Sie lachte.
Er warf einen verärgerten Blick ins Irgendwo und nahm einen weiteren Schluck.
Sobald er versuchte seine Gedanken in Worte zu fassen lösten sie sich, verloren Anfang und Ende.
Ausgesprochen hörte sich alles zerfasert und ungeschickt an.
Unabwendbar.
Murmelte er.
Unabwendbar würde alles enden und nicht mehr sein.
In Vergessenheit geraten, da es kein Gedächtnis mehr gäbe.
Seine schmalen Finger umschlangen das Glas, als könnte er sich an ihm festhalten.
Sie stützte den Kopf in ihre Hand.
Du. bist. betrunken.
Sagte sie langsam, als müsste sie jedes Wort einzeln pflücken und zusammen sammeln.
Du doch auch.
Gab er zurück.
Womöglich..
Susanne stand auf.
Im Hintergrund spielte gleichgültige Musik, die immer wieder von selbst im Bewusstsein verblasste, sodass man sie nicht mehr hörte.
Komm schon. Na los, sagte sie.
Er lies sein Glas auf der Treppe stehen und folgte ihr durch ein paar schmale, dunkle Gänge zur Musik.
Immer wieder drehte sie sich zu ihm um, versicherte sich, dass er noch hinter ihr war. Lächelte.
Sie hätte ohne Lippenstift besser ausgesehen, dachte er.
Sie schleuste ihn durch die Menschenmassen über den bierverklebten Flur.
Die Luft war stickig, er streifte fremde Körper, die sich zum dem Beat formten.
Frauen webten sich in den Rhythmus, Männer tanzten lichtdurchzuckt.
Ihm war schlecht.
Susanne war ihm jetzt so nah, dass er ihre unzählig viele Leberflecke hätte zählen können.
Und wie Sternbilder zeichneten sie abstrakte Zeichen auf ihrer Haut, die von einen dünnen Schweißfilm überzogen wurde.
Trapeze. Dreiecke. Ein L.
Wie lachhaft alles Dasein sein müsste, wenn es so schlicht ausgelöscht werden würde.
Er umfasste mit der Hand ihre Taille, zog sie zu sich heran.
Die Elektrobeats schienen so fern und unberührt von jenem täglichen, als kannten sie Ansgars Vorstellung vom Nichts und wären dem entsprungen.
Er schmeckte ihre Lippen, die sich nicht entscheiden konnten, ob sie küssten, oder grinsten.
Sie machte sich los, wogte sich weiter in den Klängen, ohne die Augen zu öffnen.
Vielleicht war das alles nicht wichtig.
Bestimmt sogar.
Er wusste nicht mehr was er dachte.
Seine Gedankengänge waren labyrinthisch, tunnelartig.
Die Musik wurde dumpfer.
Susannes Kopf nickte der Nacht zu oder dem Morgen.
Aber vielleicht mussten wir einfach einigen Dingen Wichtigkeit einflößen, vielleicht war das der Trick.
Er verlor der Faden.
Den Gedanken hatte er schon mal, er konnte sich nicht mehr erinnern.
Susannes und seine Finger berührten und kreuzten sich.
Er hatte das Gefühl so nah an vor einer Sache zu stehen, dass man sie nicht mehr erkennen konnte.
Schließlich drückte er Susanne wieder an sich und küsste sie.
Die Umrisse der Menschen um sie verschwammen.
Immer langsamer bewegten sie sich.
Und langsamer.
Und langsamer.
Es kostete Mühe, zu sehen, ob sie sich überhaupt noch bewegten.
Und hinter ihnen zerfielen lautlos die schwarzen Wände.
Stücke von Beton bröckelten zu immer kleinen Stücken dahin, bis hin zu pulverartigem Sand.
Vor ihnen lag nun die stillgelegte Stadt.
Zarte Risse, die eifrig vorwärts zogen, schlichen sich durch den Asphalt der Straßen.
Und wo sie die Straße spalteten zerfiel auch alles andere.
Jedes Haus und jede Wohnung.
Er meinte zu taumeln.
Hielt sie.
Die Fastfootläden, die Schwimmbäder, die U Bahnen.
Susanne schien von alledem nichts zu merken.
Baustellen. Fundbüros. Reisecenter. Schuhläden. Frisöre. Büchereien. Gerichte.
Und Werkstätten.
Was blieb war das grobkörnige Pulver, das von einem kühlen Wind sacht davon getragen wurde.

Und darüber legte sich unbekümmert, wie weicher Flaum, der Beat.

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Kommentare

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    schön :) wirklich

    24.05.2009, 21:19 von Twinny1
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    ließ.
    fast food.
    i.n.t.e.r.p.u.n.k.t.i.o.n.

    und jetzt zum lob.

    wirklich sehr schöne bilder, die gefühle toll beschrieben. mir gefällt das mit den lippen und besonders die stelle: den gedanken hatte er schon mal...

    leicht und doch tief. irgendwie. schön. empfehlenswert.

    15.04.2009, 12:02 von misspringle
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