HisHiasness 20.08.2009, 15:53 Uhr 30 13

Eine Weltreise ist auch nur ein Urlaub

Sieben Monate auf Reisen, einmal um die Welt. Es sollte eine Suche werden nach mir selbst und meinem Platz in der Welt. Geworden ist es ein Urlaub.

Die meisten Backpacker, denke ich, erwarten sich eine Art Selbstfindung von einer langen, sprich zumindest mehrmonatigen Reise. Sei es einmal um den Globus, quer durch einen Kontinent oder wohin auch immer. Je exotischer das Ziel (nach heimatlichen Maßstäben), desto höher die spirituellen Erwartungen: Eine Tour durch die USA oder Australien - Viel Spaß, wenig Erleuchtung; Südamerika - viel billiger Spaß, einiges an Lebenserfahrung; Einmal durch Indien - Erleuchtung und Lebenserfahrung Ende nie.

Irgendwo tief drin war sowas in der Art wohl auch mein Gedanke: Jung, mies bezahlt und joblich frustriert in der PR-Branche sollte endlich einmal ein radikaler Schnitt her: Einmal rund um die Welt, durch Südostasien, Australien, Neuseeland und Nordamerika, ein Konglomerat aus lange gehegten Reisewünschen und der Hoffnung, am Ende etwas schlauer zu sein, was die eigene Persönlichkeit angeht und deren Platz und Sinn in der Welt.

Im Rückblick gesehen, wundere ich mich, wann und wo diese große Erleuchtung hätte stattfinden sollen: Vor oder nach dem Shoppingwahnsinn in Bangkok, während des Tauchens auf Fidji oder vielleicht doch im Looping der Achterbahnen im Magic Mountain Park in Los Angeles? Wie findet man sich überhaupt selbst? Noch dazu, wenn man, wie in meinem Fall, nicht allein unterwegs ist. Da bringen viele (oder zumindest ich) nur sehr selten bis gar nicht die nötige Portion Egozentrik und vielleicht auch Arschlochigkeit auf, die nötig wären, nach dem Motto "ICH will das jetzt machen und zwar so lange wie ich will, und was du dazu zu sagen hast, is mir komplett wurscht!" Im Endeffekt will aber netterweise keiner den anderen zu etwas zwingen, und so wird die Reise zu einem einzigen großen Kompromiss: Keiner kann das tun, was er wirklich tun will, in dem Ausmaß, in dem er es wirklich tun will, was vielleicht diesen Selbstfindungsprozess zumindest einmal anleiern würde.

Stattdessen einigt man sich auf eine Tour der lokalen touristischen Highlights, wie sie der Lonely Planet anpreist. Dies natürlich auf eigene Faust, ohne geführte Tour, als Backpacker hat man schließlich einen gewissen Stolz - wobei man letzten Endes dieselben Fotos schießt wie die Pauschaltouristen, in den selben Läden einkauft und am selben Strand liegt. Nur mit dem Unterschied, dass man selbst zu Fuß kam, während die Pauschalis im klimatisierten Minibus unterwegs sind. Wäre man wirklich auf sein wahres Ich aus, hätte man die Reise alleine gemacht, einen wortwörtlichen Egotrip zu exakt DEN Zielen, die einem aus den verrücktesten Gründen wichtig sind, sofern man überhaupt welche braucht, mit jeweils dem nötigen Zeitaufwand. Das steckt ja schon im Wort "SELBSTfindung": Du findest dich nicht selbst, wenn dir jemand suchen hilft.

Überhaupt, woher kommt die Hoffnung, dass eine mehrmonatige Weltreise (die genauen Stationen seien einmal dahingestellt) einen zum Sinn des eigenen Lebens führt? Nur, weil man sich dabei, inspiriert vom schwindenden Kontostand, weit unter den Lebensstandards seines üblichen realen Lebens bewegt? In quietschenden Stockbetten mit acht weiteren Backpackern im Schlafsaal liegend statt allein mit der Freundin auf der kuscheligen Ikea-Ausziehcouch? Eine Auswahl von vier ausgewaschenen T-Shirts und zwei Hosen im Rucksack hat statt eines hunderte Euro schweren Kleiderschranks? Unterwegs in unbequemen Nachtzügen und -bussen ist statt im eigenen Auto? Inwieweit formen ein stinkendes T-Shirt oder vergebliche Schlafversuche im Nachtbus meinen Charakter? Letztere formen dank orthopädisch bedenklicher Haltungen wohl maximal meine Wirbelsäule und das nicht unbedingt zum Besten.

Der deutsche Sprachpapst Wolf Schneider hat sich einem seiner Bücher einmal über ein ganzes Bündel der so genannten Modewörter lustig gemacht, darunter auch die "Selbstfindung". Es sei letztlich ein sinnloses Wort und ein seltsames Konzept, meinte er. Denn was wäre, wenn dir nicht gefällt, was du findest? Was, wenn du in dich reinhörst, auf der Suche nach deinem wahren Ich, aber was du findest, ist nicht der erwartete Alltags-Superheld, ausgeglichen, selbstbewusst, charakterstark und natürlich sexy, sondern nur wieder das unsichere Häufchen Elend, das sich ursprünglich auf die Suche gemacht hat?

Entlang dieses Gedankengangs habe ich, glaube ich, realisiert, dass ich nicht auf der Suche nach mir selbst war, sondern nach jemandem oder etwas in mir, das schlicht und einfach nicht da ist. Einem Kerl, einem Konglomerat aus Charaktereigenschaften, die ich bei anderen bewundere oder die andere bewundern, die ich wiederum als Vorbilder ansehe. Aber dieser Schatz liegt auf einer anderen Insel, kein X markiert die Stelle auf der Selbstfindungskarte, auf der ich dieses vermeintliche Ziel finden könnte.

Also, was hat es letztlich gebracht außer vielen Fotos in der Kamera und wenig Geld am Konto? Vielleicht hatte der Herr Schneider ja recht: Ich hab mich vielleicht selbst gefunden, nur war das Ergebnis ein anderes als erwartet. Und wahrscheinlich werde ich auch nach der Rückkehr noch so einiges in mir finden, dass die Reise aufgedeckt hat. Wenn sich der Staub dann einmal gelegt hat und die vielen Bilder, Erlebnisse und Erfahrungen ins Großhirn durchgesickert sind. Dann geht es wohl nur noch drum, mit dem zufrieden zu sein, was man gefunden hat, und daraus das Beste zu machen. Denn der Urlaub ist jetzt vorbei."Wichtige Links zu diesem Text"
Der Reise-Blog
Der Blog in Englisch

13

Diesen Text mochten auch

30 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    "Du findest dich nicht selbst, wenn dir jemand dabei suchen hilft!" - Soooo wahr! Am Allerallerbesten: Alleine losfahren, tolle Menschen kennen lernen, mit denen eine zeitlang reisen und dabei immer frei sein, sich ohne schlechtes Gewissen jederzeit verabschieden können!
    Und ja, Lebenserfahrung ohne Ende ist in Indien garantiert!

    27.10.2009, 16:45 von linassun
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Man reist nicht um anzukommen, sondern um zu reisen. (Goethe) ;-)

    05.09.2009, 12:17 von zitronenfalter84
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Was fuer ein passender Text!
    Vor zwei Jahren bin ich alleine nach Australien, im Gepaeck ein lonely planet, den ich in der ersten Woche verkauft habe, weil das Ding in meinem Rucksack zu schwer war.
    Mittlerweile bin ich schon fast ein Jahr in Taiwan und arbeite als illegaler Englischlehrer, lerne Chinesisch und werde wohl noch ein bisschen bleiben...
    Ich habe es keine Sekunde bereut, und die letzten Jahre wahren wohl die interessantesten meines Lebens.
    Vielleicht habe ich (wegen mangelnder Organisation) nicht sehr viel Sehenswuerdigkeiten gesehen, aber die Menschen, die ich traf, waren in jeder Hinsicht das Wichtigste. Sich selbst wird man wohl nicht finden, aber die Lebenserfahrung von einem Jahr Backpacken ist wohl so gross wie die von drei Jahre daheim (solange man alleine unterwegs ist und den Gruppen seiner Landsleute entgeht).

    05.09.2009, 07:48 von Jippiejahei
    • 0

      @Jippiejahei ja, ich glaube das war die richtung in die ich argumentieren wollte

      03.10.2009, 14:58 von paranoiderandroide
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Der Sinn des Reisens besteht darin, die Vorstellungen mit der Wirklichkeit auszugleichen, und anstatt zu denken, wie die Dinge sein könnten, sie so zu sehen, wie sie sind.

    03.09.2009, 08:46 von sabrina1980
    • Kommentar schreiben
  • 0

    man muss ja nicht umbedingt eine selbstfindungs-reise machen.
    geht es nicht einfach um das "was neues sehen und entdecken. neue länder, kulturen und vorallem neue menschen kennen lernen"??

    02.09.2009, 17:44 von grashalm_indeed
    • Kommentar schreiben
  • 0

    nja, also zu zweit oder in gruppen reisen ist nunmal weit weit weg vom selbstfindungstrip und das is wohl auch besser so... beim allein reisen mag ich das wort selbstfindung zwar immer noch nicht, aber es geht auf jeden Fall eher in die Richtung...

    01.09.2009, 22:55 von paranoiderandroide
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich finde, dass in diesem Text sehr viel Unzufriedenheit steckt. Sicherlich findest du auf einer Reise nicht die finale Weisheit, aber jeden Euro den du in (d)eine Reise investierst hast, war es wert ausgegeben zu werden. Was erwartest du denn von deinem Leben, eine IKEA Ausziehcouch? Auf Reisen, gerade zu zweit, lernt man viel über sich kennen - z.B. wie teamfähig, oder wie begeisterungsfähig du wirklich bist. Ich denke du hast deine Erfahrung gemacht - und bist vielleicht etwas näher zu dir selbst gekommen, auch wenn es, wie du sagst, vielleicht nur ein Häufchen elend ist. Der Unterschied zwischen Bagpacking und Allinkl-Tourismus liegt doch (unter Anderem natürlich) darin, dass man beim Bagpacking raus aus seiner Comfortzone kommt und neue Erfahrung macht und machen muss, was auch anstrengend ist, während der Allinkl-Tourist nicht viel Neues erlebt, sondern für ein paar Wochen einfach ein Meer und ein wenig Hitze neben gewohntem Umfeld hat - Urlaub.

    31.08.2009, 13:42 von weeh
    • Kommentar schreiben
  • 0

    ich finde deinen Artikel wirklich großartig. Du bestätigst mir damit sozusagen meine Gründe, warum ich mich damals vor zwei Jahren alleine auf den Weg gemacht habe. Ich bin jetzt genau ein Jahr zurück und habe mich natürlich schon wieder verändert, aber wenn ich zurückblicke, war das alleine reisen das Beste was ich tun konnte. Vielleicht ist es nicht ganz so "spassig"... und vielleicht gehört ein klein wenig mehr Mut dazu. Aber wenigstens ist der "große Urlaub" dann keine Kompromisslösung. Denn eins wollte ich in meinem Auslandsjahr nicht eingehen und zwar Kompromisse oder gar meinen "Willen" unterdrücken, ich wollte nur pur das tun, was ich wollte... so bin ich alleine mit meinem Rucksack durch die Welt und konnte doch tiefere Einblicke in meine Sehnsüchte und Persönlichkeit gewinnen, auch wenn ich mich vielleicht trotzdem nicht ganz gefunden habe... zum Glück bin ich wenigstens nicht enttäuscht davon was ich gefunden habe.
    Vielen Dank für deinen Artikel :)

    24.08.2009, 12:36 von BrittaSonne
    • 0

      @BrittaSonne Du hast echt recht! Ich war auch 7 Monate unterwegs, allerdings nur in Lateinamerika und habe somit einen tieferen Eindruck bekommen. Aber was hat es mir gebracht? Ich bin heute noch verwirrter als zuvor und weiss noch weniger was ich machen soll. Jetzt sitze ich in Johannesburg, mal wieder auf der Flucht vor Deutschland und denke daran wie zufrieden alte Klassenkameraden mit 2 Wochen Mallorca sind und warum ich das nicht sein kann. Ich weiss zwar was ich nicht will, aber was genau ich moechte, das habe ich noch immer nicht herausgefunden. Allerdings moechte ich die Menschen und Erfahrungen niemals missen, die ich durch das Reisen gemacht habe!

      24.08.2009, 17:17 von JasonH
    • Kommentar schreiben
  • 0

    sehr toller text!
    kann dir nur zustimmen!

    24.08.2009, 11:13 von rainboweleven
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare