stereoG 02.02.2012, 04:47 Uhr 51 32

Die kälteste Zigarette der Welt

In vier Minuten kommt der Nachtbus

Ich laufe von der einen zur anderen Nachtbushaltestelle. Noch bevor ich am Forum-Hotel abbiege, habe ich so ein mieses Gefühl. Das Bisschen, was ich an Wärme auf der Fahrt vorher aufgenommen hatte, ist nach knapp hundert Metern komplett von mir gewichen. Ich biege ab und mich erwischt ein todesübler Ostwind mit voller Breitseite. Glückwunsch, du hast den kältesten Ort Berlins gefunden. Ich denke darüber nach, ob lange Männer doch nicht so unmännlich sind, wie fälschlicherweise angenommen. Knapp zweihundertfünfzig Meter muss ich dem Wind entgegen und ich erspähe viel zu früh, dass die Haltestelle relativ gut bevölkert ist. Mist, alle guten windgeschützten Plätze sind belegt. Also benutze ich den trostlosen Haufen von drei internationalen Gästen als Windfang. Ich weiß, dass mein Bus gleich kommt und zünde mir zur Überbrückung der Wartezeit ein Kippchen an.

Kaum habe ich den ersten Zug getätigt, bemerke ich, dass meine Jeans gefroren ist. Ich blase den Rauch in die kalte Luft und schaue ihm nach, wie er zur den frierenden Mädels in die Haltestelle zieht. Seit dem ich stehe, ist mir noch kälter geworden. Ich versuche mich von der Kälte abzulenken und lasse meinen Blick schweifen. Die Wartenden sehen zwar mit ihren kältegekrümmten Körpern aus wie Pinguine, verhalten sich aber nicht so und stehen ziemlich weit auseinander. Oh Gott, ich glaube meine Fingerspitzen sind erfroren. Ich überlege krampfhaft, wohin ich daheim meine Handschuhe gelegt habe. Erstmal bleibt die Kippe zwischen den Lippen und die Hand verschwindet in der Tasche. Doch so lässt es sich nicht all zu lange aushalten und ich opfere Mittel- und Zeigefinger der anderen Hand für die nächsten zwei, drei Züge. Bis dahin sollte die andere Hand halbwegs funktionstüchtig sein.

Es ist so kalt, dass man das Gefühl hat, die Zeit friert ein. Mir spukt in solch ewigen und meist unangenehmen Momenten der Warterei unweigerlich John Maynard im Kopf herum: "Er schaut nach vorn und schaut in die Rund, noch dreißig Minuten, halbe Stund." Um die Kälte, so gut es geht, weiter zu ignorieren, schaue ich hinüber zum Döblin-Zitat aus "Berlin-Alexanderplatz", das pfiffige Köpfe an die Fassade geklebt hatten, aber das gibt es nicht mehr. Obwohl ich es zig Mal gelesen habe, fällt mir aber auch absolut nicht ein, um was es ging. Ein Handwechsel für die nächsten Züge steht an, denn das Taubheitsgefühl in den Fingerspitzen verheißt nix gutes. Mein Blick bleibt auf einem Typen haften, der ohne Handschuhe ein Flaschenbier trinkt und nach mir als Einziger raucht. Wenn Beck's nach Einführung von Gold und Green Lemon Marktanteile bei den Männern zurückerobern wollte, wäre das deren Mann. Doch wahrscheinlich hat der Penner nur lange Männer an und lacht sich deswegen ins Fäustchen, im Angesicht der paar Hipster, die zu dünn angezogen vor sich hinschlottern. Der Wind pfeift so ekelhaft durch die Alexanderstraße, dass ich fast erwarte, ein paar verspätete Ostfrontrückkehrer um die Ecke kommen zu sehen.

Als ich einen erneuten Zug von der Kippe nehmen will, stelle ich fest, dass sie mir wohl aus den steif gefrorenen Fingerspitzen geglitten sein muss. Scheiße, meine Lunge könnte noch ein paar Züge vertragen und in so einer kalten und klaren Nacht bildet man sich ein, wie der Rauch sich im Innern ausbreitet. Beide Hände verschwinden in den Hosentaschen und ich schaue hinüber zum Weekend, denke dabei an den Sommer und wie viel schöner es ist, hier in einer warmen Sommernacht auf den Bus zu warten. Ich bewege meine Zehen und wackele leicht mit den Beinen zum Beat aus meinen Kopfhörern, um nicht ganz auszukühlen. Sehnsüchtig starre ich die Straße hinunter, in der Hoffnung, dass der Bus deswegen schneller kommt, wie mittlerweile alle anderen Wartenden auch. Die Kälte übermannt mich und kriecht mir gefühlter Maßen die Wirbelsäule hoch bis in den Kopf. Ich sehe eine eingefrorene Turmuhr vor mir, deren Sekundenzeiger zehnmal länger als gewöhnlich für seine Runde benötigt. Doch da kommt auch schon mein geliebter, Wärme ausstrahlender Nachtbus. Ich spüre wie die Kälte verfliegt, als ich als Erster einsteige. Hallo, Nachtbus, alter Freund. Guten Abend, du Menschenfreund von Busfahrer, der sehr flink die Türen schließt. Das einzig Blöde ist jetzt nur noch die gefrorene Jeans gleich beim Hinsetzen. Das wird unschön.

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51 Antworten

Kommentare

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    Lange Männer sind unheimlich sexy.

    09.02.2012, 23:08 von DIE.MIEZE
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    Gut!

    09.02.2012, 20:08 von RAZim
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    schön zu lesen...geht mir im moment oft so...phasen eben-dann kommt schon wie du so schön sagst; der gute alte nachtbus der die wärme bringt wie ein freund.ach es geht uns schon gut!

    09.02.2012, 10:48 von pur_pur
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    Weichei.

    05.02.2012, 02:17 von TheFray
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Der Text ist nicht schlecht, ich glaub, ich muss schnell nach Berlin kommen, hier hat es -20 Grad.

    04.02.2012, 19:19 von NiemalsNieNicht
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    Bei der Kälte würde ich meine Hände nicht mal zum rauchen aus der Jackentasche nehmen , zu kalt.

    Der Text ist witzig und sehr gut :) 

    04.02.2012, 17:19 von SeHeR_
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    Krrtscht.

    04.02.2012, 15:43 von schnutopard
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    ich finde rauchen ja eher infantil, aber der text gefällt!

    03.02.2012, 21:41 von Surecamp
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    großartig witzig!

    03.02.2012, 14:22 von love_lost
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