init-admin 12.11.2009, 10:20 Uhr 0 0

»Der ultimative Kick«

»Der ultimative Kick« Der Stempel im Pass als Trophäe: Manche Backpacker machen auf ihrer Suche nach dem perfekten Individualurlaub selbst vor Kriegsgebieten nicht Halt. Ein Reisebericht aus dem IRAK.

Mehmet Montana verdiente gut am Krieg, doch dann herrschte plötzlich Frieden im Irak. Der Kurde hatte vier Jahre als Übersetzer für die US-Armee in Bagdad gearbeitet. »Plötzlich hieß es: Wir brauchen dich nicht mehr.« Montana, 40, ging zurück nach Diyarbakir, in den Südosten der Türkei, und beschloss, Unternehmer zu werden. Er wollte jetzt am Frieden verdienen. Seit einem halben Jahr bietet er Touren in den Nord irak an. Seine Kunden: Backpacker aus Deutschland, Frankreich, den USA. Sie bleiben nur zwei Tage im Irak. Sie suchen den Kick -und bezahlen dafür bis zu 1500 Euro. Das Geschäft laufe so gut, sagt Montana, dass er im Sommer ausgebucht sei. »Auf geht's! Wir starten!«, ruft Montana.

Sie sind zu fünft auf dieser Reise: Die Pariser Politikstudentin Camille, 24, der 25-jährige Mathematiker Marco und seine Freundin Elenora, 23, Linguistikstudentin, beide aus Neapel, Mario, 24, Kulturwissenschaftsstudent aus Berlin -und Mehmet, der sich Montana nennt, nach Tony Montana, dem Mafiaboss aus dem Film »Scarface«. Im ersten Wagen, einem silbernen Ford, ist die Windschutzscheibe zersprungen; im zweiten, einem weißen Fiat, die Klimaanlage defekt, Innentemperatur 38 Grad. Es stinkt nach Zigarettenrauch. Die Fahrer kauen Kaugummi und versuchen so cool auszusehen wie die amerikanischen Soldaten. Die Backpacker unterhalten sich über Flughäfen: »Addis ist sehr geil«, über Jugendherbergen: »Plumpsklo geht gar nicht«, über das Essen auf Zypern: »wie bei den Briten«. Mehmet Montana hat einen breiten Gang, breite Schultern und eine sehr unmissverständliche Art zu reden: »Wir sind die nächsten zwei Tage ein Team, verstanden!« Er riecht nach Rasierwasser und Tabak. Am Straßenrand zupfen abgemagerte Ziegen an den Grashalmen. Ein Esel zerrt einen Pflug über den steinigen Acker.

Montana zeichnet mit einem Bleistift die Route nach: Diyarbakir -Midyat -Silopi -Habur. Drei Stunden dauert die Fahrt in eines der gefährlichsten Länder der Welt. »Man muss schon ein wenig verrückt sein, um eine solche Reise zu machen«, sagt Mario. Der m Deutsche ist im Winter nach Teheran gereist, jetzt zieht es ihn in den Irak. »Mich reizt die Achse des Bösen.« Die Backpacker tragen Flipflops und Sonnenbrillen. Marco hat seine langen schwarzen Haare zu einem Zopf gebunden, Mario trägt einen Dreitagebart, Elenora eine Gucci-Handtasche. Camille schmiert Sonnencreme auf ihre helle Haut. Mario und Camille haben von Freunden von der Tour erfahren, Marco und Elenora sind durch die Türkei gereist und haben Montana in dessen Teppichladen in Diyarbakir getroffen. Die Studenten kennen sich nicht, aber sie verbindet ein Ziel: Sie wollen den Stempel des Iraks in ihrem Pass.

Stempeltourismus ist ein relativ junges Phänomen. Stempeltouristen bleiben selten lange in dem Land, in das sie reisen. Sie interessieren sich für das Abzeichen in ihrem Pass. Birma, Pakistan, Nordkorea: Je gefährlicher, desto besser. Im Staub der Straße spielen Kinder Fußball. Autowracks stehen vor grauen Mauern. Der jahrzehntelange Bürgerkrieg zwischen der kurdischen Terrororganisation PKK und dem türkischen Staat hat die Region ausgeblutet. Mehr als die Hälfte der Menschen in Diyarbakir ist ohne Arbeit und lebt von weniger als zwei Euro am Tag. Hier rekrutiert die PKK ihren Nachwuchs. In Midyat, einer Stadt an der Grenze zu Syrien, haben türkische Soldaten eine Straßensperre errichtet. Sie sitzen auf Sandsäcken, rauchen und laden ihre Gewehre. Ihre Gesichter sind grau und mürrisch. Marco richtet seine Kamera auf die Soldaten. »Bist du verrückt?«, brüllt Montana. »Nimm die Kamera weg! Willst du uns umbringen?« Montana wischt sich mit beiden Händen übers Gesicht. »Ihr fotografiert keine Soldaten, ist das klar?« Der Südosten der Türkei gilt als »operational zone«, als Unruhegebiet. Kurden und Türken bekämpfen sich hier seit drei Jahrzehnten.

Im vorletzten Winter eskalierte der Konflikt. PKK-Kämpfer töteten bei Anschlägen Dutzende türkische Soldaten. Ministerpräsident Erdogan ließ daraufhin seine Armee in den Nordirak einmarschieren. Die Lage hat sich gebessert, doch der Frieden ist brüchig. Die Straßen werden schlechter, die Schlaglöcher tiefer. Bodenwellen erschüttern den Wagen. Das Radio spielt 50 Cent und kurdische Schlager. Camille blättert in ihrem Pass. Sie ist in den vergangenen Jahren bereits nach Mali gereist, auch nach Nordzypern und Laos. Sie stört sich nicht daran, dass sie in zwei Tagen kaum etwas von dem Land sehen wird. »Genügt es nicht, einfach behaupten zu können: Ich war dort?« Die Gruppe hält für einige Minuten am Marktplatz in Silopi, der letzten Stadt vor der Grenze zum Irak. Kinder rennen herbei. Kinder mit nassen Hosen, Dreck in den Ohren, Speichel am Kinn. Sie wiederholen mechanisch den einzigen englischen Satz, den sie beherrschen: »Hello Mister, money!« Ein Bettler schläft eingehüllt in ein Werbeplakat. Die Häuser ringsum sind zerfallen, die Fenster mit Brettern vernagelt.

Mehr als 100 000 Menschen sind bei Anschlägen im Irak seit 2003 ums Leben gekommen. Irak, das ist in allen Köpfen nur noch eine Kette von Attentaten, ein Bilderbogen aus Bomben und Opfern. Zwei Tage bevor Mario, Camille, Marco und Elenora die Grenze überqueren, explodiert im Nordirak, dreißig Kilometer südlich von Kirkuk, ein mit Sprengstoff beladener Lastwagen. 72 Menschen sterben, 200 werden verletzt. Es ist der schwerste Anschlag in dem Land seit eineinhalb Jahren. Am Grenzübergang in Habur ist es seltsam still. Soldaten spucken Schlieren von Kautabak in leere Plastikflaschen. »Where from?«, fragt der Grenzbeamte. »Almanya«, antwortet Mario. »Problem! Problem!«, ruft ein Kollege. Er deutet auf Marios Pass. »Not valid.« Mario hebt die Brauen. Er zeigt dem Beamten seinen Studentenausweis. »Student?« Mario nickt. »Okay, go!« Die Backpacker warten in einem Raum ohne Fenster. Es dauert fünfzehn Minuten, dreißig Minuten, 45 Minuten. Über den Kugelaschenbechern neben dem Eingang steht der Rauch wie eine Säule in der Luft. Aus einem Fernseher plärrt MTV-Turkey. Gläubige knien am Boden und beten. Dann kommt ein Beamter und führt die Gruppe in den »Examination Room«. Hinter einer Glaswand sitzt ein Arzt in einem weißen Kittel. Er untersucht die Touristen auf Schweinegrippe.

Elenora starrt vor sich hin. Ihre Stirn ist feucht. Die Haare fallen ihr ins Gesicht. Sie sieht nachdenklich aus und müde. Nächster Kontrollpunkt: Wieder wollen die Soldaten die Pässe sehen. Montana unterschreibt Formulare. Die Hitze zermürbt, macht apathisch, bewusstlos. Mario läuft der Schweiß über den Rücken, Marco flucht auf Italienisch, Camille schaut ins Leere -oder den Ringen aus Rauch hinterher, die sie ins Gegenlicht haucht. »Das ist doch alles scheiße«, sagt Elenora. »Niemand hat dich gezwungen mitzukommen «, sagt Marco. Montana versucht zu lächeln. Er könnte auch Animateur in Lloret de Mar sein. »Pistazien! Wer will Pistazien?« Sind 24 Stunden Irak die Mühe wert? Marco zieht die Schultern hoch, Mario schweigt, Camille schreibt SMS. Der Soldat am letzten Checkpoint mustert die Backpacker. Er lehnt sich zurück und lässt die Fingergelenke knacken. Dann greift er nach dem Stempel. »Welcome to Iraq!« Sind wir da? Elenora lächelt ungläubig. »Wir sind drin!«, ruft Marco. »Wir sind im Irak!« Camille fährt mit der Hand über den Stempel. Sie deutet auf die arabischen Schriftzeichen in ihrem Pass. »Republic of Iraq -wie geil ist das denn!«

Hinter der Grenze verlieren sich Geschäftshäuser, Wohnblöcke, Villen in der Steppe. Der Norden ist reicher als der Rest des Landes. Die irakische Armee hat hier nichts zu suchen. Die kurdische Peschmerga sorgt für Sicherheit. Montana klickt sich durch die Fotos in seinem Handy: Mehmet Montana in Camouflage, mit Kalaschnikow, mit GIs. »Und falls die Soldaten fragen: Ihr seid meine Freunde. Klar?« In Habur wechseln Fahrer und Wagen. Die neuen Fahrer überholen in engen Kurven, hängen an Stoßstangen, hetzen durch Serpentinen. Der Motor des Toyotas scheppert wie Schrauben in einer Waschtrommel. Keine Straße ohne Schikanen, ohne Draht und Barrieren. Soldaten stehen an den Checkpoints und halten die Fahrzeuge an. Überall werden die Pässe verlangt. Bis nach Mosul sind es noch zwanzig Kilometer. Mosul ist die drittgrößte Stadt des Iraks -und eine der gefährlichsten. Al Kaida ist hier stark wie nirgends sonst im Land. Marco sagt, Mosul wäre der »ultimative Kick«. Montana sagt, für den Aufpreis von tausend Euro würde er auch nach Mosul fahren. »Niemals!«, ruft Elenora. Bevor die Sonne versinkt, dringt sie noch einmal als rote Scheibe durch die Wolken. Seit zwölf Stunden sind die Backpacker unterwegs. In Zakho, einer Stadt im Norden, bedeutet Montana den Fahrern zu halten. »Das war?s für heute«, sagt er. In der Stadt flackern verlorene Lichter wie verirrte Leuchtkäfer.

Rings um dehnt sich die weite, in fliederblauem Dämmerlicht liegende Steppe. »Mehmet! Mein Bruder!« Der Besitzer des Hotels Arya küsst Montana die Wangen. Immerhin: Der Gast aus Diyarbakir lotst Touristen nach Zakho. Die Backpacker schleppen ihre Rucksäcke aus dem Auto. Ringe haben sich unter ihre Augen gegraben. Das Linoleum in den Fluren schimmert speckig im kalten Neon licht. Der Ventilator ist defekt. Im Fernsehen läuft ein japanischer Kampffilm mit kurdischem Untertitel. Dann fällt der Strom aus, und im Hotel ist es so schwarz wie im ganzen Land. Am nächsten Morgen um acht steht Montana in der Lobby und klatscht in die Hände. »Genug geschlafen!« Camille rollt genervt die Augen.
Marco schlägt vor, in die Berge zu fahren. »Keine Zeit«, sagt Montana. Die Wagen warten. Montana hat ein Programm und von diesem weicht er nicht ab. Er fährt die Touristen über die Grenze, führt sie durch Zakho und fährt sie wieder zurück. Wer mehr will, zahlt mehr. Der Preis ist Verhandlungssache. Mario, Camille, Marco und Elenora bezahlen 1800 Euro. Montana begleicht davon die Hotelrechnung, schmiert Soldaten und entlohnt die Fahrer -der Rest gehört ihm.

Mehrere hundert Euro verdient er an einer Reise. In einer Region wie Diyarbakir ist das unermesslich viel Geld. Montana macht ein gutes Geschäft mit der Abenteuerlust gelangweilter Westler, denen auf der Suche nach Neuem Indien nicht mehr genügt. Und der Kurde ist nicht der Ein- zige.Der britische Reiseveranstalter »Hinterland Travel« wirbt mit »True Adventure«: siebzehn Tage Birma, zwei Wochen Afghanistan -und natürlich: Irak. Der Irak ist das perfekte Ziel für Stempeltouristen: Kein Name klingt spektakulärer. Und doch ist die Gefahr gerade im Norden begrenzt. »Kurdistan ist Irak für Anfänger«, sagt Montana. Zakho schläft am Morgen wie am Abend. Die Hitze steht in den Straßen und beglüht die Gesichter wie ein Föhn. Die Backpacker schlurfen zwei Stunden durch leere Straßen. Ein Muezzin ruft zum Gebet. Von der Brücke springen Kinder in den braunen Fluss. Montana deutet auf die Uhr. »Wir müssen los«, sagt er. Elenora nickt zustimmend und sagt: »Wir haben ja auch genug gesehen vom Irak.«

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