Kathrin_Hartmann 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 17

Das Backpacker-Pack

RUCKSACKTOURISTEN reisen für lau, um das zu sehen, was auch all die Neckermänner sehen. Eine Polemik gegen die dümmste Form des Massentourismus.

Der Backpacker ist ein junger Mensch, der mit sehr wenig Geld eine lange Reise in ferne Weltgegenden plant. Wie mehrere tausend andere Backpacker möchte er es so unvergleichlich haben wie möglich, denn der Rucksacktourist ist ein Abenteurer und Weltentdecker. Mehrere Monate flieht er aus seiner materialistisch geprägten Welt, in die er hineingeboren ist, denn meistens gehört er der westlichen Bildungselite an. Er möchte sich befreien aus seinem Alltag, eins werden mit der Fremde, an existenzielle Grenzen stoßen, sich selber spüren.

Deshalb erhebt er sich arrogant über die anderen Touristen, die er zur stumpfsinnigen Masse homogenisiert, zu Baller- oder Neckermännern, zu schafsblöden Pauschal- und All-inclusive- Touristen, die auch in der Ferne die Unfreiheit wählen. Der Rucksacktourist sagt, sie täten ihm leid, diese Leute, sie würden die Welt nie verstehen, weil sie nur Souvenirs von Einheimischen kaufen und sich dabei übers Ohr hauen lassen oder Sehenswürdigkeiten fotografieren, zu denen sie ein Bus karrt.

In Wahrheit hasst der Backpacker den Massentouristen dafür, dass er nicht am Ballermann brutzelt, sondern dem Backpacker die Geheimnisse der Welt weggucken will. Die findet der Weltentdecker im Reiseführer Lonely Planet und bewegt sich auf ausgelatschten Pfaden. Der Backpacker sucht sich für seinen Selbsterfahrungstrip Länder aus, die arm sind. Er fährt nach Asien, Lateinamerika, Indien. Er ist zivilisationskritisch und immer auf der Suche nach dem Paradies, für das er die Pittoreske mit zerfallenen Dschungelhütten und nackt herumrennenden Kindern oft hält. Weil er nicht viel Geld ausgeben will – sonst muss er wieder nach Hause – trägt er seinen Rucksack, in den nur wenige Habseligkeiten passen, als Zeichen seiner Enthaltsamkeit durch die Dritte Welt und solidarisiert sich mit den Armen. Von ihnen lässt sich der Backpacker dann zum Essen einladen und freut sich, dass die Menschen umso offener und gastfreundlicher sind, je weniger sie besitzen. Dann schenkt er einem der Kinder noch ein leeres glitzerndes Plastikfeuerzeug und schlendert zu seiner Bambushütte am Strand. Die hat er mit Händen und Füßen auf 3,50 Euro pro Nacht heruntergehandelt, und dass er dafür eine verschimmelte Matratze mit Ratten und Spinnen teilen muss, das empfindet er als Grenzerfahrung. Am nächsten Tag bucht er einen Tauchkurs, den er mit seiner Kreditkarte bezahlt.

Der Backpacker hält sich vor allem in ländlichen Gebieten auf, wo er ein Dorf findet, das vom Massentourismus unberührt ist. Auf den Schneisen, die er in die Welt geschlagen hat, siedelt sich dann der Massentourismus an, der dem Abenteurer dicht auf den Fersen ist.

Der Backpacker merkt nicht, dass seine Form des unkontrollierten Massentourismus Dritte- Welt-Gesellschaften mehr verändert, als es der organisierte, örtlich beschränkte Pauschaltourismus vermag. In seiner egozentrischen Überzeugung, nur seine Art zu reisen sei richtig, nimmt er alle Vorteile der boomenden Noch-billiger- Tourismusindustrie hin, an der jeder Localteilnimmt, der etwas Authentisches bieten kann, und sei es eine Nacht in der Hängematte. Der Backpacker, dem die Einheimischen nur als Staffage seines neu gewonnenen Welt- und Selbstbildes dienen, möchte nicht wahr haben, dass dieser gar nicht scharf ist auf Begegnungen mit Touristen, die seinen Urwald zertrampeln, seine Vorräte auffressen und wieder kein Geld dalassen.

Der Backpacker überhöht den Einheimischen moralisch, weil er glauben will, dass ein zivilisationsfernes Leben ohne Geld viel reiner ist. Er fotografiert den alten Khmer in Angkor Wat, der Selbstgemachtes durch die Gegend trägt, mit dem Teleobjektiv, weil es so schön authentisch ist. Wenn der Khmer ihm aber das Selbstgemachte verkaufen will, wendet er sich angeekelt ab. Er handelt eine Peruanerin, die auf dem Machu Picchu für 15 Dollar selbstgestrickte Pullis verkauft, auf acht Dollar runter, sollen sich doch die doofen Touristen verarschen lassen, die sich ja nicht entblöden, die Frau in Tracht auch noch zu fotografieren.

Den Backpacker stört es sehr, dass andere Touristen sich an den Sehenswürdigkeiten die Füße platttreten, die auch im Lonely Planet stehen: Angkor Wat, Taj Mahal, Grand Palace, Machu Picchu. Drum besucht er sie morgens um vier wegen der ganz besonderen Stimmung, die die Touristen, die da noch in ihren klimatisierten Hotels schlafen, so nie erleben werden.

Der Backpacker, der gern intensive Erfahrungen macht, latscht mit Flipflops gefährliche Berge hoch, weil er das bei den Einheimischen gesehen hat, die sich keine Bergschuhe leisten können. Sicherheitshinweise in Reiseführern haben für ihn keine Gültigkeit, drum trinkt er auch aus Bergbächen. Unbedingt muss der Backpacker nicht Identifizierbares auf Märkten oder am Straßenrand essen, er ist ja praktisch ein Local.

Er wird dann behaupten, dass er noch nie so etwas Leckeres gegessen hat, nicht vergleichbar mit dem, was man daheim kriegt beim Asiaten/ Inder/Mexikaner. Irgendwann bekommt er eine Woche Durchfall, was seine Sehnsucht nach Selbstempfindung stillt. Dann geht er zum Arzt und ist schockiert, in welch schlechtem Zustand die Praxis ist. Danach isst er lieber eine Weile bei McDonald’s.

Seine Anerkennung findet der Backpacker bei anderen Backpackern. Sein Körper dient ihm als Dialeinwand seiner Erfahrungen. Je ausgemergelter, schmutziger, vernarbter, braun gebrannter, desto höher sein Status. Er trifft die anderen in Backpacker-Hostels, die wie so viele andere Anlaufstellen entstanden sind, weil die Welt wenigstens ein bisschen verdienen will am Rucksacktourismus. Nach kurzer Zeit müssen sie sich wieder voneinander verabschieden. Das reicht, um den Spielstand abzugleichen (Wo willst du hin? Wo warst du schon? Was hast du dafür bezahlt?) und jeden Tag jemanden zu finden, dem man sein kleines Abenteuer erzählen kann. So lernt der Backpacker nur nette Menschen kennen, ganz anders als zu Hause, wo alle irgendwas von ihm erwarten. Sein neu gewonnenes Gratiswissen schreibt der Backpacker in ellenlange Rundmails. Dafür setzt er sich einmal die Woche in ein Internetcafé, das für ihn eingerichtet wurde, und jagt sie durch seinen Verteiler. Der wirklich abenteuerlustige Backpacker gibt einen Dreck auf Warnungen des Auswärtigen Amtes und reist in Gebiete, in die er nicht soll. Manchmal wird er leider entführt – wie einmal eine deutsche Krankenschwester in Kolumbien.

Dann endet abrupt das Verständnis für die Einheimischen, die ihm nichts Gescheites zu essen geben und wirklich nur aufs Geld aus sind. Dann soll das Auswärtige Amt ran, und die blöden Ballermänner sollen seine Befreiung bezahlen. Irgendwann muss der Backpacker wieder nach Hause. Vielleicht lässt er sich noch ein Tattoostechen oder sich für sein restliches Kleingeld einen Anzug schneidern. Im Flugzeug, das er mit Baller- und Neckermännern teilt, lauscht er ihren Erzählungen (tolles Essen/ sich nicht von Einheimischen übers Ohr hauen lassen/ gastfreundliche Menschen) und kichert sich in den Schlaf. Am Heimatflughafen steigt er aus und blinzelt benommen in die blendende alte Welt. Der Konsum! Die Sauberkeit! Krass! Noch zwei, drei Wochen lang erzählt er mit entrücktem Blick von seinen Abenteuern, dann verwandelt er seine Selbsterfahrung in ökonomisches Kapital und schreibt sie als Social Skills in seinen Lebenslauf. Dass er das kann, unterscheidet den Rucksackmassentouristen vom Pauschalmassentouristen. Denn der macht ja einfach nur Urlaub.

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