Sebush 31.07.2005, 02:29 Uhr 13 3

Bolivien - da muss man hin, aber auch vorsichtig sein

Die nettesten Menschen, aber auch die Abweisendsten. Politische Instabilität. Durchfall. Und vor allem massig Diebe. Nichts wie hin!

Bolivien ist ein extrem krasses Land. Es ist das ärmste in Südamerika und wer es als sozialstaatsgewohnter Nordeuropäer das erste Mal betritt, wird leicht ein schlechtes Gewissen bekommen. Dass es einem selbst so gut geht und den anderen so schlecht.

Bolivien ist politisch extrem instabil, immer mal wieder blockieren Gewerkschaftler die Hauptstadt La Paz und andere Städte. Dann geht für ein/zwei Wochen gar nichts mehr, es gibt kaum noch Lebensmittel und Fortbewegung gibt's nur zu Fuss. Dann tritt der Präsident zurück, ein anderer kommt und alles ist für die nächsten Monate wieder halbwegs in Butter. So geschehen zuletzt Mai/Juni 2005.

Besonders die Hauptstadt sollte man in einer solchen Zeit nicht unbedingt besuchen, aber hey - wozu gibt es die Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes? Bolivien ist ein wahnsinniges Land und wenn man kein Ordnungsfanatiker ist, sollte man dieses Land auf einer Südamerikareise keinesfalls verpassen.

Einige Erlebnisse aus Bolivien thematisch geordnet:

Bolivianische Freundlichkeit: Herzerwärmend sind viele Menschen in diesem Land, auch wenn sie meist nichts haben. Es gibt so viele unglaublich gastfreundliche und offene Menschen, dass einem das Herz übergeht. Man muss sich nur zwei Minuten auf einen Platz setzen und schon ist man mitten in einem interessanten Gespräch. Ich habe einen Dänen (Tomas) kennen gelernt, der zwei Monate bei einer bolivianischen Familie gelebt hat, die er zuvor am Flughafen kennen gelent hatte. Einfach so. Der Familienvater war zuvor in Spanien gewesen und fand die Leute dort so abweisend, dass er - zurück in Bolivien - einem Ausländer mal die dortige Gastfreundschaft demonstrieren wollte. Tomas sagte mir, dass der Vater am Ende meinte, er sei für ihn wie ein Sohn. Auch ich habe unheimlich viele nette Kurzbekanntschaften gemacht, es war wirklich wunderbar.

Bolivianische Unfreundlichkeit: Gibt es auch und zwar vor allem in kleineren traditionelleren Dörfern. Ist aber nicht so schlimm.

Bolianische Mädels und Denkweise: Ich hatte mich in eine Bar gesetzt, um etwas zu trinken und zwei Bolivianerinnen sprachen mich direkt an. Es handelte sich um zwei Studentinnen, die schon halb betrunken waren und mich in eine typisch bolivianische Bar schleppten, wo wir ein stranges alkoholisches Maisgetränk tranken und über alles Mögliche diskutierten. Man muss dabei vor dem Trinken etwas von dem Getränk auf den Boden schütten, um "Pacha Mama", einer Art Erdgöttin, etwas abzugeben. Sehr interessant, ich habe durch den Abend zumindest sporadische Einblicke in die Meinungen vieler Bolivianer bekommen. Ich habe den Eindruck, dass sie sich von den westlichen Einflüssen teilweise erdrückt fühlen und einfach ihre eigene Kultur leben wollen, wie es ihnen gefällt. Eine der beiden hat dabei die Entwicklungshilfe an sich total verdammt, da dadurch nur der Kapitalismus nach Chile gebracht werde. Das allerdings kann ich so nicht nachvollziehen.

Menschenrechte, mit Füssen getreten: In Potosí (Bolivien) habe ich die dortigen Minen besucht. Das war durchaus spannend, denn ich bin mir sicher,
dass ein deutscher IG-Bergbau-Funktionär ob der dortigen Sicherheitszustände seine Hände über dem Kopf zusammen geschlagen hätte. Es war aber keiner in der Nähe. Viel mehr als die Spannung, durch enge staubige Gänge zu kriechen, haben mich die Schilderungen der Arbeitsbedingungen mitgenommen. Wir waren an einem Sonntag da, so dass wir keine Bergleute trafen, die Erzählungen reichten aber. Von den zehntausend Arbeitern seien im letzten Jahr "nur" 54 ums Leben gekommen, was unser Führer recht sicher fand. Ich nicht. Wirklich beschäftigt hat mich aber, dass in der Mine auch Kinder arbeiten, die jüngsten fangen mit acht Jahren an. Und wenn sie so alt sind wie ich (24), sterben von dem vielen Staub, den sie eingeatmet haben. Die Bergleute tragen nämlich alle keine Atemmasken. Es ist kein Trost, dass auch erwachsene Bergleute nach ungefähr zehn bis fünfzehn Jahren Minenarbeit sterben, im Gegenteil.

Death Road: Ich bin mit einem Mountainbike von La Paz aus die angeblich gefährlichste Strasse der Welt heruntergefahren! 3000 Meter Downhill! Von
4700 auf 1700 m! Krass war das! Allerdings muss man dazu sagen, dass es zwar gefährlich war, allerdings bei weitem nicht so schlimm, wie suggeriert. Die Strasse ist steinig und staubig und neben einem tut sich ein mehrere hundert Meter tiefer Abgrund auf, aber es gibt nicht viel Verkehr, deshalb kann man recht gut in der Mitte der Strasse fahren. Aber es ist auch nicht ungefährlich: Letztes Jahr soll bei der Tour eine Französin tödlich verunglückt sein. Ich bin aber froh, es gemacht zu haben, es hat wirklich wahnsinnigen Spass gemacht. Ausserdem haben mir da glaube ich meine Chromosome geholfen: Ich habe mich beim Fahren nur auf die Strasse konzentriert und gar nicht an die Gefahr gedacht. Es ist manchmal auch gut, nicht an mehrere Sachen gleichzeitig denken zu können.

Kidnappende Taxifahrer: Ich war in Cochabamba und wanderte durch die Stadt, als ich auf drei bolivianische Jugendliche traf, die mir anboten, mit ihnen etwas Dope zu rauchen. Ich willigte ein, nur um mir kurz danach innerlich an den Kopf zu fassen - was, wenn da irgendwelcher Mist drin ist und die mich ausrauben wollen? Ich verabschiedete mich lecht bekifft und begab mich zum nächsten Taxi. Das wäre das sicherste, dachte ich (das Dope war übrigens voll okay). Ich sass hinter dem Taxifahrer und er verschloss die Tür, so dass ich sie nicht mehr öffnen konnte. Ich fragte ihn mehrmals, warum die Türen verschlossen seien, beim
vierten mal antwortete er, dass es schon spät sei. Es war 17:30 und noch hell! Ich bat ihn dann, die Türen wieder zu öffnen, worauf er zunächst gar nicht reagierte und dann so tat, als ob ich die Fenster geöffnet haben wollte. Mein Spanisch ist recht okay, daran lag es nicht. Nachdem ich ihn erfolglos etwa zwanzig mal gebeten hatte, die Tür zu öffnen, wurde ich recht aggressiv (gepaart mit einer gehörigen Portion Angst) und sagte, dass ich sofort aussteigen wolle. Auch dies musste ich mehrmals wiederholen, bis er mich liess. Mein Glück war denke ich, dass wir noch immer in der Innenstadt waren und im Stau steckten, so dass ich um Hilfe hätte rufen können. Und natürlich, dass ich den richtigen Riecher hatte. Das bestätigten mir am nächsten Tag die beiden Bolivianerinnen, die ich in einer Bar kennen gelernt habe. Er wollte mich vermutlich nicht kidnappen, sondern nur bis aufs letzte ausrauben, aber schlimm genug. Ich habe mich nach der Episode erst einmal in meinem Hostal (zu dem ich dann gelaufen bin) verkrochen und bin bis zum Morgen nicht mehr hervorgekommen.

Bolivianische Busse: Argh! Es gibt hier kaum Strassen in unserem Sinne. Positiv könnte man die Busfahrten hier "interessant" nennen.

Durchfall: Da muss ich wohl nicht viel zu sagen - westliche Mägen sind das Essen dort einfach nicht so ganz gewöhnt.

Salar de Uyuni: Eine 12.000 Quadratkilometer grosser Salzsee in Bolivien. Unglaublich. Man sieht den Horizont kaum vor lauter Salz. Alles um einen herum ist weiss und flach. In alle Richtungen. Erhaben.

Oh, da wäre noch viel mehr zu schreiben! Bolivien ist wirklich ein wahnsinnig interessantes und spannendes Land. Kommt nach Bolivien! Und lasst euch auf die Leute ein! Es lohnt sich unheimlich!

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13 Antworten

Kommentare

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    Hmm, ich hab in Peru zwar auch ähnlicher Erfahrungen gemacht, aber ich finde auch, dass man nicht so einfach die ganzen Vorurteile über Lateinamerika unterstützen sollte. Wie in vielen anderen Gebieten der Erde muss man sich halt auch dort anschauen, wie das Leben aussieht und mit den Menschen reden, dann kann man auch viele Touristenfallen vermeiden Wenn man allerdings zu vorsichtig ist die ganze Zeit, sollte man leiber zuhause einen Bildband lesen, denn dann erfährt man nichts über das Land in dem man reist.

    12.09.2008, 00:53 von crossroads08
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    Ein interessanter Artikel.
    Bolivien würde mich auch reizen. Ein FSJ wäre sicher eine tolle Sache.

    17.04.2007, 14:31 von EiskaltesHaendchen
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    interessanter artikel! lässt mich in erinnerungen schwelgen, wenn auch nicht nur positive wie die most dangerous road of the world- die ich mit einem klapprigen riesen bus runtergefahren bin und zweimal fast runtergefallen wäre wenn der fahrer nicht ein typischer bolivianischer busfahrer gewesen wäre! und mir im nachhinein erzählt wurde, dass eine woche zuvor ein bus abgestürzt ist und auf der rückreise (die ich natürlich mit einem super tollen flugzeug antrat) auch ein neuer bus in den bäumen hing... leider ist die stadt ja nicht anders als über diese strasse erreichbar aber das flugzeug wenn auch nur für 19 leute und eine rollbahn mit grasboden kam mir sicherer vor!
    aber es lohn sich!!!

    29.12.2006, 19:08 von fiddle-dee-dee
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    nur ne kleine frage am rande: wodurch kamen dir die menschen in den "kleinerenn traditionelleren doerfern" denn unfreundlich vor?

    19.03.2006, 21:53 von chorizo
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    Klasse Artikel, der einen guten kurzen Überblick über Bolivien gibt. Aber mein geliebter Karneval fehlt ;-)
    Trotzdem - in ein paar Wochen kann man in Bolivien ne Menge erleben.

    14.03.2006, 19:19 von wara
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    Netter Artikel. Hab vor 3 Jahren fuer 4 Monate dort gelebt. Aber du hast leider nicht erwaehnt, dass man auf ueber 4.000m Hoehe als durchschnittlicher Deutscher mit Atemproblmene rechnen muss...

    18.02.2006, 16:58 von dodo3
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      @dodo3 Danke fürs Lob! Man kann auch etwas vergessen, aber du hast Recht - die kurze Puste, die man ab einer gewissen Höhe hat, ist bemerkenswert. Aber solange man nicht rennt, geht es , finde ich!

      27.02.2006, 03:44 von Sebush
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    ¡Hola Sebush!
    Der Artikel gefällt mir ganz gut auch wenn ich das mit den Dieben nicht bestätigen kann. Das könnte aber ggf. daran liegen das ich nicht gleich als Ausländer indetifiziert werde und daher vielleicht leichte Vorteile habe. :-) Bolivien ist ein wunderbares Land und ich freue mich jetzt schon auf meine nächste Reise nach Santa Cruz!

    Saludos
    Daniel

    16.02.2006, 21:51 von DonDaniel
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      @DonDaniel Ja, ich will auch gerne zurück. Auch wenn ich sofort als Ausländer identifiziert werde... Danke fürs Lob übrigens!

      27.02.2006, 03:44 von Sebush
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    ¡ Hola Sebush !

    Bin gerade mit meiner Freundin in Bolivien und muss dir zustimmen, dass Bolivien wirklich ein wahnsinnig interessantes und spannendes Land ist.
    Einige deiner Einschaetzungen kann ich aber nicht teilen!
    Bolivien zaehlt zwar laut irgendwelcher Statistiken als aermstes Land Suedamerikas, was aber daran liegt, dass einfach der groesste Teil der Bevoelkerung seinen Lebensunterhalt mit nicht versteuerter Arbeit verdient (in der BRD heist das Schwarzarbeit und wird nicht allzu gern gesehen) und deshalb offiziell als erwerbslos gilt.
    Ich habe trotzdem weder in Ecuador (den Menschen geht es nach der Einfuehrung des Dollars, unter natuerlich US-amerikanischer Federfuehrung, deutlich schlechter) noch in Peru, weniger Bettler und Arme gesehen als hier.
    Ein schlechtes Gewissen braucht man glaube ich auch als Nordeuropaeer nicht zu bekommen. Zwar gibt es natuerlich auch hier Leute, die Neidgefuehle gegen den angeblich so reichen nordamerikanischen und nordeuropaeischen Teil der Welt hegen, doch sind die meisten Menschen wesentlich freundlicher, aufgeschlossener und interessierter, als man dies in den meisten Gegenden bei uns erlebt.

    Dein Unverstaendnis gegen die Meinung der beiden Maedels in Form ihrer Ablehnung von Entwicklungshilfe kann ich nur als absolute politische Naivitaet auslegen.
    Wahrscheinlich einfach noch nie nachgedacht oder nachgelesen was dies fuer den Staat als Souveraen bedeutet und was wirklich bei den Leuten die es gebrauchen koennten ankommt. Solltest dich da in dieser Hinsicht wahrscheinlich einfach ein wenig besser informieren. Der Tipp in einem vorherigen Beitrag, mit Eduardo Galeanos " Die offenen Adern Lateinamerikas" zu lesen, ist nicht der schlechteste.
    Solltet ihr Interesse haben, ein wenig an unserer 10-monatigen Reise teilzuhaben, so schaut mal unter
    http://www.dirkrossberg.de/und-romy-in-suedamerika/index.htm
    nach.

    Gruesse nach Europa
    Dirk

    20.11.2005, 21:39 von dirk211
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      @dirk211 Hey, Entwicklungshilfe hat in der Vergangenheit auch großen Schaden angerichtet, das ist richtig. Allerdings kann ich deine Skepsis nicht teilen. Ich habe einige Projekte der Deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit gesehen und fand die alle sehr vernünftig. Ich denke, dass man da keinesfalls generalisieren darf!

      Ansonsten: Alles Gute weiterhin auf der Reise!

      27.02.2006, 03:51 von Sebush
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      @Sebush Hallo lieber Seebush!

      Hast Du bei den wirklich meistens sehr gut scheinenden Projekten der GTZ auch mal die lokale Bevoelkerung gefragt, was sie davon halten? Ich kenne Faelle in denen der Deutsche Entwicklungsdienst nicht mehr mit der GTZ zusammenarbeitet, weil sie sonst die Bevoelkerung gegen sich haetten und sofort wieder abreisen koennten. Ausserdem ist die GTZ ein privatwirtschaftliches Unternehmen, das als sogenannte Durchfuehrungsorganisation eben auch Auftraege von anderen Seiten als dem deutschen Staat annimmt.

      Soweit dies, um nur ein Argument gegen konventionelle Entwicklungshilfe zu nennen. Wesentlich sinnvoller finde ich es z.B. Fair Trade-Produkte etc. zu kaufen.

      Ansonsten teile ich Deine Bolivienerlebnisse (bis auf den Durchfall und das Mountainbiking, zum Glueck!), super Artikel!

      Liebe Gruesse von der Peninsula Valdés von deernaufreisen.de.vu!

      08.03.2006, 16:36 von deernaufreisen.de.vu
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    super drüber geschrieben.ich war ein halbes jahr dort.habe bei einer gastfamilie gelebt.bin aber auch sehr viel gereist.was war deine krasseste erfahrung?

    10.10.2005, 10:46 von starrysky
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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