Eva_Novna 06.08.2012, 20:55 Uhr 1 1

Blaue Reise

Was passiert, wenn man für 160 € pro Person eine Pauschalreise an die Türkische Riviera bucht? (Ausschnitt aus "Juli")

Ich hole meinen verstaubten Koffer aus dem Keller, um ihn mit Bikinis, Strandtuch und Flippers zu füllen: Sechs Tage türkische Südküste, endlose Sandstrände, herrlich blaues Wasser, Bade-, Kultur- und Erlebnisurlaub mit meinem Freund. Das darf man keinem erzählen: Halbpension in einem Drei-Sterne-Hotel für schlappe 160 Euro pro Person.

Ich nehme (naiv!) an, es handelt sich hierbei um ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Ein Hochschulabsolvent der Geisteswissenschaften würde nie zugeben, dass er nur zum Urlaubmachen in ein fremdes Land reist. Er würde es Sprachreise, interkulturelle Weiterbildung, Feldforschung oder zumindest Backpacking nennen! Türkisch lernen, unter Einheimischen leben, bestenfalls noch auf der Plantage arbeiten und Bananen pflücken oder ein Kinderdorf errichten. Wir sind dann mal so spießig und buchen ein typisch touristisches Komplettpaket: Flug, Transfer, Hotel und Verpflegung.

Der Flug geht nachts um 23 Uhr. Vor uns sitzt ein Mann, den wir fortan Mario Barth nennen. Er fällt sofort auf: witzelt mit der Sitznachbarin, bestellt das letzte Dosenbier, saut sich (antürlich!) ungeschickt damit voll und ordert als erster eine Stange Zigaretten.

Mit Zeitverschiebung und mehrstündiger Busfahrt kommen wir frühmorgens um sechs total erschöpft am Urlaubsort an. Von Mario verabschieden wir uns an seinem fünf Sterne Hotel. Wir haben mit dem Shuttle-Bus noch einwenig zu fahren. Die Sonne geht bereits auf als wir unser Hotel erreichen. Dort wird uns sofort das Zimmer zugeteilt, doch wir sind noch zu müde um „geschockt“ zu sein und gehen sofort an den Strand. Erst später entdecken wir die vielen Glasscherben, benutzten Kondome und Babywindeln. Dann ruft auch schon der deutsch sprechende Reiseveranstalter nach uns. Die müde Gruppe versammelt sich im Untergeschoss des Hauses, es wird ein zuckriges trübes Getränk (der so genannte Willkommenscocktail, damit machen wir noch mehrere Male die Bekanntschaft) verteilt und uns werden verheißungsvolle Ausflüge nahegelegt. Wir entscheiden uns im Halbschlaf für die "Blaue Reise"! Diese treten wir beriets zwei Tage später an:

Im vollklimatisierten Reisebus klappern wir stundenlang irgendwelche Hotels ab, um die exkursionsfreudigen Leute aufzugabeln. Am Hafen schließlich besteigen wir das großartige Piratenschiff, das mehr ausschaut wie ein abgenutztes und umfunktioniertes Anglerboot. Der türkische „Pirat“ und seine dreiköpfige Crew legen die Segel an und Technomusik auf. Einer der Bootsmänner quasselt stundenlang irgendwas unverständliches ins Mikrofon, zeigt auf Felsbrocken und erzählt schaurige Märchen, der andere verkricht sich in die Bordküche neben der Toilette, einer schenkt Bier aus und der letzte knipst Fotos, die er danach für viel Geld an die Leute verscherbelt.

Wir entzogen uns jeglicher Aktivität und suchten uns ein stilles Plätzen am Sonnendeck. Nachdem ich dann später an der Theke ein Wasser bestellte, forderte mich der Piratenclown auf, lieber etwas Alkoholisches zu trinken. Ich lehnte dankend ab (obwohl mir sehr danach war! Hielt es heute jedoch für sinnvoll, nüchtern zu bleiben). Dann aber sollte ich meine Sonnenbrille abnehmen („er will meine Augen sehen“), sonst bekomme ich nichts von ihm. So ein Vollidiot! Aber mit wem willst Du es hier an Bord aufnehmen?! Stillschweigend wartete ich besser die Zeit ab. Da die übel riechende Bordtoilette sowieso verstopft war, erledigte es sich sowieso mit jeglicher Flüssigkeitszunahme. Stattdessen amüsierten wir uns über die besoffenen und freizügigen Russinnen oder die übergewichtigen gefräßigen deutschen Rentner. Sie ließen sich massieren und überall betatschen. Im Ausflugspaket hieß es „Barbecue, Eis am Stil und in Lagunen baden. Abgelegene Strände, Cocktails und Besichtigung der antiken 3500 Jahre alten Stadt Side“. Sagen wir es mal so, der Eismann kam tatsächlich mit einem Boot herbeigefahren, öffnete seine Kühlbox und verkaufte zwei Sorten Eis für je fünf Euro. Das Lagunenbaden war eher ein Halten irgendwo mitten im Meer, die Cocktails erübrigten sich, bei so tollem Bier vom (Piraten-) Fass und das Barbecue bestand aus vorgegrilltem und in der Mikrowelle erhitzem Fleisch aus der provisorischen Küche. Am Hafen in Side angekommen riss dann auch noch mein Flipflop. Während der einstündigen Besichtigungszeit, in der wir die griechischen Ruinen des Apollotempels, das antike Theater, das Nymphaeum, die große Therme, die Säulenstraße und das Ruinenfeld am Stadttor bewundern hätten können, verbrachten wir stattdessen am vereinbarten Treffpunkt und warteten auf unsere freizügigen Russinnen und hungrigen Rentner.

Die restlichen Tage an der Türkischen Riviera verbrachten wir, nachdem ich in Alanya beklaut worden war, sicherheitshalber von unserem Balkon aus, mit einer Dose „Effe“ und Blick auf die „Lädda-Show“. Wir waren froh, als es endlich wieder zurück nach Hause ging. Und wer sitzt im selben Flieger und ordert Tomatensaft? Unser Freund Mario Barth. Er ist kaum wiederzuerkennen: Knackig braun im Adidas-Tanktop und schicker Lederweste, mit einem neuen Haarschnitt und frischem Oberarm-Tattoo.

(Fortsetzung folgt...)


Tags: Reiseimpressionen, Reisetagebuch, Türkei, Kulturschock, Last Minute, pauschal
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Kommentare

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    Herrlich. Gibt halt einfach Sachen, die macht man als gebildeter Bürger wenn überhaupt nur einmal im Leben. Aus Fehlern lernt man :)

    12.08.2012, 21:06 von excitable.Boy
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