Berlin, Berlin am Meer.
Eindrücke von einer Reise in die große Stadt.
Der Tag an dem wir ankamen war voller Pfützen. Der Schnee taute ab und die Temperaturen lagen unter Null. Es war rutschig, der Stadt fehlte das Geld für Streusalz. Wir streiften unsere nassen, dreckigen Schuhe am Teppichvorleger ab, doch es half nichts. Unsere Socken waren trotzdem nass.
Wir waren durchgefroren, doch die Stadt hielt uns warm. Es waren so viele Menschen wie zwei Kleinstädte in der Stadt unterwegs und wir fühlen uns als wären wir ein Teil dieser Stadt. Wir traten von einer Pfütze in die nächste und das Wasser, das durch die Fasern unserer Strümpfe sickerte, fühlte sich an wie ein Teil der Stadt, den wir in uns aufsogen. Die Stadt leitete ihre Wärme durch das Schneewasser zu unseren Herzen.
Die erste Wohnung, die wir betraten, war dunkel, das Bad hatte grünes Licht, die Garderobe bestand aus Schranktüren, die jemand noch nicht angebracht hat. Der Gang war bestuhlt, drei Stühle machten diesen Gang nicht durchgehbar. Das Zimmer das wir betraten hatte einen Blick auf eine Hinterhofwand, im Sommer sollte Efeu wachsen, jetzt waren es nur nackte Äste, deren Verzweigungen wie kleine Ärmchen und Fingerchen aussahen. Es war ein dunkles,ungemütliches Zimmer, wenig bemöbelt und der Typ, bei dem wir hätten übernachten sollten, war uns unsympathisch.
Ortswechsel. Prenzlauer Berg. Es hat sich nicht viel getan seit meinem letzten Besuch. Die Kastanienallee war immer noch mit den alten Geschäften und Lokalen versehen, das Publikum war international, Franzosen, Engländer, Amerikaner, all diese Leute bevölkerten den Prenzlauer Berg. Die einzigen echten Berliner waren die Straßenfeger-Verkäufer, der Obdachlosen Zeitschrift Berlins. Es sind viele. Sehr viele Straßenfeger -Verkäufer, deren Bitte man mind. einmal am Tag nachgeht, weil man sonst ein schlechtes Gewissen bekommt. Meist bekommen sie nur eine Zigarette, aber was nützt es ihnen schon, eine Zigarette als Essensersatz - wenn es nicht der Alkohol ist, ist es eben das Nikotin. Wir sitzen in einem Café, nicht weit weg von der Haltestelle Eberswalderstraße. Auch der Photoautomat, der typisch ist für Berlin, den es inzwischen aber auch in Köln gibt, steht immer noch dort.
Das Ding macht mehr Umsatz als ein Straßenfeger-Verkäufer. Das klingt schon ein wenig bitter.
Wir kommen an im Hotel, es liegt am Moritzplatz. Das Waschbecken entspricht dem neuesten Innendesign und der Duschkopf ist größer als der Kopf eines Duschenden. Typisch modernes Hotel,denke ich. Doch das Bett ist gemütlich, wir haben sogar einen Fernseher. Unsere Aussicht auf den Moritzplatz ist nicht so toll. Zwei Hochhäuser, und ein Kreisverkehr. Die Parallelstraße ist die Oranienstraße. Sie gilt als die Meile Kreuzbergs.
Das ist also Kreuzberg. Oranienstraße, Wiener Straße, Kottbusser Tor, Skalitzerstraße., hier wohnen sie also alle. Die Yuppies - noch ohne Kinder. Sie können sich schöne Altbauten leisten, doch ich bin enttäuscht. Ich habe meine Hoffnung aufgegeben, jemals einen echten Berliner kennenzulernen. Ein echter Berliner, der ist höchstens das Gebäck, der woanders Krapfen heißt.
Wir laufen durch die Pfützen, wir finden kein Lokal. Es ist kalt und meine Füße nass. Ich fange an zu jammern, das Budweiser führt zu Blasenschwäche und ich möchte an einen Ort, wo es warm ist, wo es nach Schweiß duftet und wo Menschen dem Beat erliegen. Das ist Berlin.
Berlin ist Techno.
Wir gehen ins Maria, auch dort ist es kalt. Kalt an Atmosphäre. Das ist also das Maria am Ostbahnhof. Die Türsteher fragen uns nach dem Ausweis. Wir kommen durch, aber leider nicht so viele mit uns. Ich habe einen vollen Klub erwartet,es ist Freitagabend, wo sind alle die Menschen hin?
3,5 Mio. Einwohner und ein fast menschenleerer Klub. Shitkatapult scheinen unbeliebt zu sein, alle sind wohl im Horst, wo Oliver Kolletzki auflegt, aber mein Begleiter will nicht hin. "zu kommerziell", sagt er.
Wir holen uns etwas zu essen, Ostbahnhof, ein Döner, der nicht schmeckt. Weggeschmissenes Geld,denke ich, aber hauptsache, ich werde satt.
Wir fahren zur Warschauer Brücke, zum Suicide Club. Der Eingang ist ein Container, der Club selbst ist ein großer Container, das Klo ist in einem Container, das war ein Containerclub, aber wenigstens war die Musik ok. Monoton, aber ok. Ekstatisch. Die wenigen Menschen ,die 8 Euro gezahlt haben, haben Spaß. Ich werde beobachtet, ich merke es, doch der Typ verabschiedet sich bei seinen Freunden. Kein Fang heute für ihn, der Funke ist nicht übergesprungen.
Ich tanze weiter.
Solange weiter bis ein Inder, ich habe seinen Namen vergessen mich fragt, ob er mir einen Drink kaufen kann. Er sprach Englisch. Er war aus London, was er machte, habe ich nicht wirklich erfahren, wir haben über Migrationsprobleme und Ehe geredet, wie unsere Eltern das so sehen. Ich habe gesagt, ich habe schon ein Bier, er müsste mich nicht mehr einladen, aber als mein Bier leer war, kaufte er mir eins.
Wir hatten eine nette Unterredung, irgendwann kamen wir auf Homossexuelle und ich sagte, ich sei weder schwul noch lesbisch, und er fragte, ob wir nicht knutschen wollen. Seltsame Frage. Willst du mich küssen, das war schon so ein Frosch. Aber leider kein König, wobei er schon gut geküsst hat. War nett, aber auf die Frage, "where do we go from here" wusste ich nicht zu antworten. "I'm staying here", sagte ich. Er wohnte in einem Hotelzimmer nicht weit vom Klub. Er war mit zwei anderen Menschen aus London, sie waren hier wegen Techno. Er wollte mal einen Technoklub in Berlin besuchen und hatte vorgehabt ins Berghain zu gehen. Morgen. Ich habe ihm meine Nunmer gegeben, beim Abschied hat er gesagt, er ruft mich an, aber die Engländer meinen mit Defintely wohl auch was anderes. Wir waren beide fremd in dieser Stadt, und ich hatte kein sexuelles Bedürfniss. Im Moment habe ich eh kein Bedürfnis nach irgendwas.
P.s Aufregung, mein Begleiter nach Berlin, hat mich ein wenig an meine Anfangszeit in Köln erinnert, ich fand alles toll, nett, und viel besser als in München. Doch das verblasst irgendwann, irgendwann nervt dich, dass alles dreckig ist, dass dich alles erschlägt, dass die vielen Menschen dir irgendwann auf die Nerven gehen, weil es immer so viele Menschen auf einmal sind. Irgendwann verblasst das. Ich fühle mich nicht berlinerisch. Nicht wirklich. Es war alles ernüchternd.
8 Uhr früh. Wir fuhren nach Hause, nein, ich fuhr nach Hause, P. ging noch weiter aus. Bis irgendwann nachmittags, was hatte er sich davon erwartet?
Aber auch er ist voller Ernüchterung am nächsten Tag im Bett gelegen, er war ein wenig enttäuscht.
5 Uhr nachmittags. Ich treffe mich mit Freunden am Moritzplatz, wir wollten in den Bierhimmel, aber den gibt es offenbar nicht mehr. Wir kommen an einem Laden vorbei, der Kreuzburger heißt und wo es selbstgemachte Burger gibt. Wie einfallsreich. Ein Kreuzburger in Kreuzberg. Fast schon so gut wie Die Stadt mit Hartz oder ein Hartz für Berlin. Die Thekenfrau sah aus wie Amy Winehouse, aber diese Dame hatte mehr Sonne als Amy Winehouse gesehen, vielleicht auch schon zu viel Sonne. Offenbar war es ein Familienbetrieb, der von Yuppies lebt, die natürlich zwischen zwei Varianten auswählen durften, Bio und Normal.
Ein Kreuzberger braucht das , wie ein Muslim sich zwischen Huhn und Lamm entscheiden darf oder nur Halal- Fleisch essen darf, so darf ein Kreuzberger nur Bio essen. Meine Begleitung, einer meiner besten Freunde und sein Freund bestellen Bio, das macht man so, sagt der Freund. Ich bestelle normal. Mein Budget ist nicht groß. Wir ziehen weiter, ins Möbel Olfe, ein Laden am Kottbusser Tor, das mich eher an das Unicenter in Köln erinnert, es ist schmutzig, die Junkies an ihrem Ort, das Hochhaus am Kottbuser Tor, eine Stadt in der Stadt, bestimmt auch eines dieser Selbstmordtürme.
Das Möbel Olfe- an der Theke prangt an einer Säule ein Button mit Gay against Guido, zwei Euro kostet so ein Anstecker, der eine Freund ist schwul, er kauft sich zwei Stück. Die Toiletten sind ein Anbau, über ihnen eine schiefe Dachlage, an den Stühle waren, die mich an unsere Sperrmüllküche erinnert haben.
Meine Freundin stösst dazu, sie wohnt nicht weit weg, sie wohnt in Neukölln, oder doch in Kreuzberg? Das ist schlimm, wenn man das nicht unterscheiden kann, ich schäme mich so, dass ich die Grenze zwischen Neukölln und Kreuzberg nicht erkenne. Wir gehen zu ihr, eine Weile später sitzen wir mit ihr und ihrem Mitbewohner und dessen Freunde in der Küche. Dessen Freunde sind aus London, aus Canada, aus vielen Städten Deutschlands. Die Wohnung ist sehr hübsch. Berlinerisch irgendwie. Sie schläft auf Bananenboxen, und hat eine coole Einrichtung, nicht viele Sachen. Heutzutage ist das Minimalismus. Sie hat vor heute noch eine Abrissparty in Lichtenberg zu bestaunen. Das macht man Samstagabend. Auf eine Abrissparty gehen mit Freunden aus derselben Stadt, wo man selbst herkommt.
Und wieder keine echten Berliner dabei.
Das Haus, das wir betreten, ist geheizt, zwei Wochen später sollte es abgerissen werden, es stehen Menschen im Garten, sie stehen um ein Lagerfeuer, in dem 30 Tannenbäume endgültig zu Asche werden und den Tod finden, angeblich feiern sie das Knutfest. Der Ascheregen bedeckt die Menschen, die Funken springen über, Menschen kloppen sich gegenseitig, damit sie keine Brandlöcher davontragen, denn die Kleidung ist aus Nylon. Das Haus hat ein oberes Stockwerk, man tobt sich künstlerisch aus, unten verkaufen sie Bier und kochen Würstchen. Ein DJ legt auf in einem Raum, an den Flugzeuge und Züge gemalt sind, man glaubt, dass man in einem Kinderzimmer mit schlechten Zeichnungen steht, aber es hat was Wohliges, wenn man die Menschen TicTacToe auf der Wand spielen sieht. Ich möchte nicht zeichnen, unter Zwang kann ich das nicht, ich habe kein Bedürfnis und eine Blockade. Mein Zeichnen aus dem Stegreif, das zeugt an Unkreativität, aber ich überlasse es denen, die aus einer weißen Wand ein Kunstwerk schaffen, es scheint mich nicht zu stören.
Wir begeben uns ans Lagerfeuer, dort lernen wir Menschen aus dem Odenwald kennen. Ich erfahre von Menschen, die auch zu Besuch sind, dass sie nur zu Besuch sind, und wir klären erst einmal unsere Herkunft. Ich habe gesagt, dass ich bis vor kurzem noch in Köln gewohnt habe, und jetzt in Bonn und als ob das so interessant gewesen wäre, aber ich bin auch noch Exilmünchnerin ecetera. Ich lerne einen Rene kennen, einen Daniel und noch irgendjemanden, und mit Daniel rede ich viel politische Sachen, wen wunderts er ist Student der Politik und Französischen Sprache in Mannheim. Netter Junge, der bei jedem Tannenbaum anfing zu klatschen, weil er fansziniert war von der großen Flammenwut.
Ich gehe ins Haus rein, ich habe es satt, den ganzen Ascheregen abzukriegen, außerdem war es kalt und es gab keine Tannenbäume mehr zum Einwerfen. Ich habe Daniel aus den Augen verloren, meine Freundin und ich fielen nur übers Buffet her, wenn man das so behaupten daf. Es gab salziges und süßes Popcorn, vielmehr hat mir der Nusskuchen geschmeckt, aber vielleicht sollte ich aufhören zu essen, mir wird allmählich schlecht und so sehr betrunken war ich auch noch nicht, dass ich nichts mehr vom Geschmack gemerkt hätte.
Wir stossen zu den anderen, die im ersten Stock beschäftigt sind, Monster und Statements an die Wand zu malen, es ist interessant, wie Menschen ihre Freude am Kritzeln empfinden. Es gibt einen Raum der ausgelegt ist mit Matratzen, ein paar Musiker haben es sich dort gemütlich gemacht, sie spielen irgendwas aus dem Balkan, so meine ich es. Andere Leute reichen einen Joint rüber, das ist also eine Abrissparty, dachte ich, das ist eine Abrissparty mit Berliner Studenten, die alle keine echten Berliner sind.
Ich bin glücklich, denke ich, was jetzt noch kommt, weiß niemand.
Der DJ beginnt gute Musik aufzulegen, aber genau dann, als er gute Remixe spielt, kommt die Polizei, und bittet die Musik leiser zu stellen, aber die Polizisten machen ja auch nur ihren Job, die Party nimmt Schwäche an, ich spüre die Musik nicht mehr in meinem Bauch.
Es ist spät, 3 oder 4, meine Freundin beschließt nach Hause zu fahren und in diesem Moment merkt man, dass man nette Leute kennengelernt hat, dass man Nummern und Emails ausgetauscht hat und dass alles doch nie in der Stadt passiert wäre, aus der man herkommt.
Das ist also Berlin, denke ich.
Der nächste Tag, wir sind auf dem Weg zum Café Rita in der Pannierstraße, das ist in Neukölln oder doch noch Kreuzberg? Ach was macht das schon, wenn ich nach Berlin ziehen würde, wäre es mir egal, wirklich, das ist sowas wie wenn man die alte Mauer nochmal hochziehen würde und definieren würde, dass man nun im Westen bzw. im Osten wäre.
Meine Freundin hofft darauf, dass das Café Rita nicht allzu voll ist, es ist Monatsende, eigentlich war es bis jetzt immer so, das selbst auch die Yuppies zum Monatsende irgendwann kein mehr Geld haben. Wir haben Glück, bekommen einen Tisch, es stossen ein wenig andere Freunde hinzu, und das Frühstück ist groß, mit vielen Beilagen, das Brot ist lecker, aber ich würde nicht behaupten, das man sowas nicht überall in jeder beliebigen Stadt bekommen hätte, das ist nicht typisch Berlin.
Typisch Berlin ist, wenn Leute mir erzählen, dass sie bis vor kurzem ein WG Zimmer in der Schönhauser Allee am Prenzlauer Berg angeboten haben und 180 Menschen sich gemeldet haben, und sie nach 3 Runden erst jemanden gefunden haben, das ist wohl Berlin, ich denke an den Sticker, den ich fotografiert habe, wo drauf stand : Scheiß Yuppies. Aber ich habe ja nichts gegen Yuppies, nur wir sitzen in diesem Café und alle bestellen dieses Frühstück, aber nur jeder dritte fast sein Essen an. Es geht hier ums gesehen werden und ums sehen, man schmeisst Geld aus dem Fenster, nur des Image wegen. Ich denke mir, ich habe nur noch zehn Euro für die nächsten 24 Stunden und ihr verdirbt mir wirklich den Appetit, wenn ihr eine Ecke von eurem Toastbrot abgebissen habt. Soviel zu Yuppies.
Wir verlassen das Café, und laufen ein bißchen in der Gegend herum und ich sage zu meinem Begleiter, der bald die Absicht hat, nach Berlin zu ziehen : "Hey, ihr ist es doch schön zu wohnen." Aber er sagt : "Nein, hier ist Neukölln, ich wolllte in Kreuzberg wohnen."
Ich seufze.






Kommentare
oh man das ist echt mal interessant den eindruck eines nichtberliners zu hören.
11.11.2010, 01:10 von marziich kann fast alles nur bestätigen. aber mit all der hässlichkeit und dem es-war-nicht-so-dolle sind die leute hier einverstanden. sagen wir : sie sind mit ihrer unzufriedenheit zufrieden. und genau das ist worauf jeder so abfährt. oh gott sind wir wasted.
ps: ich als gebürtige berlinerin ziehe jetzt weg. kein bock mehr. scheiß yuppies. ;)