Pinkcat 30.11.-0001, 00:00 Uhr 10 1

Bergerstrasse - Globales Dorf in Frankfurt am Main

Früher Viehweide, heute herrscht hier multikulturelles Treiben - eine Reportage

Frankfurt Berger Straße. Es ist drei Uhr an einem Samstag Nachmittag. Trotz des leichten Nieselregens herrscht hier reger Betrieb.
Vor der bereits geschlossenen Malteser Apotheke spielen zwei Straßenmusikanten „She´s got it“ und wippen fröhlich im Takt, während Passanten mit zahlreichen Einkaufstüten bepackt an ihnen vorbeischlendern. „ Hvala lijepa“ bedankt sich der kroatische Gitarrist, als ein kleiner türkischer Junge eine Münze in die dazu gedachte Gitarrenhülle wirft. Die benachbarten Stadtstreicher gleich daneben schauen auf, und ihre laute Diskussion gerät kurz ins Stocken. Mit Zigarren und Bierflaschen haben sie es sich hier gemütlich gemacht, dennoch bleibt die bereitgestellte grüne Schale leer. Scheinbar versiegt die Hoffnung, auch ein paar Cents in Anbetracht der unterhaltenden Konkurrenz zu ergattern, nicht.

Nicht immer war die Berger Straße so belebt. Wo heute zahlreiche Geschäfte die an sich schmale Straße zieren, waren früher Wälder, Wiesen und Äcker. Die Berger Straße ist keine alte Landstraße, sondern hat sich im Laufe der Geschichte zu ihrer jetzigen Länge von 3 km aus verschiedenen Teilstrecken entwickelt, die heute zum Einkaufen und Bummeln einladen.

Wasser ist zum Waschen da

„Kann hier mal jemand helfen?“ ruft ein junger Mann mit Rastas und roter Kappe. Er räumt die bunten Schirme nebst Ständer zusammen, während sein Kollege leere Holzkisten aufeinander stapelt. Eifrig werden die Überreste des Wochenmarktes beseitigt und Obst- und Gemüseabfälle auf einen Haufen gefegt. Der kleine Brunnen vor dem Cafe Wacker, der den gepflasterten und dörflich wirkenden Platz „in Erinnerung an das alte Reichsdorf Bornheim“ ziert, ist Mittelpunkt des Geschehens. In dem sprudelnden Brunnenwasser wäscht ein Mann mit blauem Trainingsanzug seine last-minute gekauften Trauben ab und eine Marktfrau mit grüner Schürze leert hier ihr trübes Spülwasser aus. Station Marktplatz. Samstags von 8 bis14 Uhr und mittwochs von 8 bis18 Uhr wird auf dem Marktplatz frisches Obst und Gemüse feilgeboten.

Während heute auf der Berger Straße geschäftiges treiben herrscht, sah es vor einigen Jahren noch etwas ländlicher aus. Die Umgebung rund um die heutige Merianstraße und Bornheimer Landstraße wurde als Viehweide genutzt und war einst Schauplatz bedeutender Staatsaktionen, die sogar Erwähnung in Goethes „Dichtung und Wahrheit“ finden. 1862 erschien zum ersten Mal der Name Berger Straße für das Straßenstück bis zur Bornheimer Heide. 1877 erfolgte anlässlich der Eingemeindung des Dorfes Bornheim in die Stadt Frankfurt die Umbenennung einiger Straßen - der Straßenzug von der Friedberger Anlage bis hin zur Seckbacher Gemarkungsgrenze trug von nun an den Namen Berger Straße.

Zwei Seiten, zwei Welten

Wer die Bornheimer Straße langgeht, kommt nicht darum herum, an den von vielen Querstraßen halt zu machen. Eine Gruppe junger Italienerinnen nutz die gute Gelegenheit für ein bisschen Konversation an der gerade rot gewordenen Ampel. Auf der anderen Straßenseite eine andere Szene - hinter einem grünen Gemüse-Laster, der am Straßenrand parkt, hat ein alter Mann mit Hut seine Taschen und Tüten abgelegt. Mit zitterigen Händen wühlt er in einer Mülltonne, holt sich einen Apfel heraus, reibt ihn kurz an seiner Jacke und beißt hinein. Die Ampel schaltet auf grün, die Menschentraube löst sich auf und eilt über die Fahrbahn. Ein junges Pärchen dreht sich kurz im Vorbeigehen um. „Der arme Mann. Ernährt sich von den Resten vom Wochenmarkt“.

Man kann die Berger Straße nach den drei U-Bahnstationen in drei Teile unterteilen. Von Bornheim Mitte aufwärts findet man das alte Bornheim, früher das „lustige Dorf“ genannt – hier ist die Berger eng und verwinkelt. Der mittlere Teil geht bis Höhenstraße, wo die meisten Geschäfte zu finden sind und auch der Markt am Samstag sowie das Berger Kino und die St. Josefs-Kirche. Im südlichen Teil um den Merianplatz herrscht mediterrane Atmosphäre.

Von Plätzen und Plätzchen

In einem Schreibwarenladen in der Nähe des Merianplatzes versucht eine junge Inderin mit Sari vergeblich eine grüne Diddel-Tasse herunter zu handlen, „Die Schöneren kosten ja auch nur fünf Euro“. „Tut mir leid, solange sie nicht beschädigt ist, kann ich da mit dem Preis nichts machen“. Auch der mit Wäsche und bunten Stoffstücken behängte Fünf-Fingerplatz ist zu dieser Tageszeit gut besucht. Eine Japanerin probiert mühsam ihre schweren Einkäufe aus dem angrenzenden Discounter über den Platz zu transportieren, auf einer grünen Bank pausieren zwei Frauen und essen Pizza. Der ungewöhnliche Schmuck des Platzes ist auch ihnen ein Rätsel: „Vielleicht haben die Penner ja den Platz geschmückt, es ist ja schließlich Halloween“ stellt die ältere der beiden mit polnischem Akzent fest.

Die Berger Straße, auch Bornheimer Zeil genannt, ist Treffpunkt für die verschiedensten Kulturen, sozialen Schichten und Generationen. Das Publikum spiegelt sich in den vorhandenen Geschäften, Boutiquen, Bäckereien, Cafes oder Kneipen wider, die ebenso multikulturell angehaucht sind wie zum Beispiel eine vor kurzem eröffnete türkische Konditorei, die mit viele Plätzchen in ihrer Schaufensterauslage die Kunden von der Straße anlockt. Und auch die Kaufgewohnheiten scheinen sich anzupassen – es wird gehandelt und gefeilscht. Am oberen Abschnitt der Berger wimmelt es nur so von Cafes und Kneipen wie dem „Cafe Bohne“, der „Yours Sportsbar“, dem „Cafe Flipper“ und dem „Cafe Gingko“. Tische und Bänke laden auch bei herbstlichem Wetter Passanten zum Boxenstopp und Energie tanken beim Einkaufen ein. Und einmal im Jahr wird die Einkaufsmeile zur Partymeile – dem Berger Straßenfest zwischen Höhenstraße und Bethmann Park. An zwei Wochenendtagen Anfang August wird gefeiert, so multikulturell und „bunt“ wie die Berger eben ist.

Marsha Haus

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10 Antworten

Kommentare

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    ich wohne auch in direkter Nähe zum "kleinen Marktplatz", der übrigens von Bornheimern Uhrtürmchen genannt wird, da dort solch ein Turm steht.
    Ich liebe den Flair, wenn man im Frühlin, Sommer und Herbst nach Hause läuft und in den Cafés und Bars und den vereinzelten Bänken sieht man die Menschen das Leben genießen.. für mich fehlt in Deutschland sowie so das abendliche "auf die Straße gehen", aber hier nähern wir uns dem immerhin schon an!
    Das Bergerstraßen-Fest habt ihr dieses Jahr leider schon verpasst, es war letztes Wochenende, und das betrifft ja auch immer nur den "Unteren Teil", also vom Anlagenriing Richtung Höhenstraße.
    Besonders bemerkenswert finde ich es, dass sich erst relativ neu im unteren Teil ziemlich viel schnuckeligie Lädchen von Designern, kleine Boutiquen und Schuläden angesiedelt haben. Früher gabe es dort außer Buchläden und ein paar Supermärkten nciht besonders viel.. ;-) Für mich ist es schon längst die schöne Alternative zur Zeil geworden.
    Aber ich bin natürlich auch voreingenommen, da ich hier aufgewachsen bin und ich mich heimisch fühle, oft bekannte Gesichter treffe und mich zu einem Pläuschchen hinreißen lasse.. dennoch glaube ich, dass sie jeder Fremde hier besonders wohl fühlen kann!!

    09.06.2006, 10:39 von Ninjita
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    sehr treffend!
    einer der schönsten ecken in frankfurt. hier haben auch leute, die eigentlich der ansicht sind, ffm sei hässlich, nichts zu meckern!

    19.05.2006, 12:34 von Noodle
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    Ja, so ist sie die Bergerstrasse – Mein bester Freund wohnt dort und bei all den schlechten Sachen, die man über Frankfurt sagt (kalt & bonzig) ist die Strasse der ideale Gegenpol. Auch als Kölner fühl’ ich mich da sehr wohl.

    20.11.2005, 12:09 von madmachine
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    jipieh, ware Worte! Und BASIC saves my life =)

    31.10.2005, 10:44 von splendid
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    oh ja, wir habens schon schön hier :-)
    bunte leute, bunte gegend, bunte geschäfte und alles in einer so entspannten atmosphäre, dass man sich doch nur zuhause fühlen kann.. !!!

    02.08.2005, 19:36 von blumenmaedchen
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    Klasse Text, Samstage in der Berger sind genial(Käseladen - köstlich!) und jetzt hab ich Vorfreude auf Fest wie sonst was.

    19.04.2005, 14:00 von splendid
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    bin neu-frankfurterin und in die nähe der berger str. gezogen. großes glück und der beweis: frankfurt ist viiiieeeellll besser, als sein ruf!!!

    14.04.2005, 15:57 von Hausfreundin
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    Ich fühle mich in Bornheim wie zuhause.. und das ist Barcelona!
    Frühling auf der Berger ist Flair einatmen. Wenige Stadtteile sind so lebendig wie Bornheim... da mischen sich 68er, möchte- gerne-yuppies, studenten, junge mütter, ökofreaks, "in"geschäfte mit billigläden ( zu viele in der lezte Zeit) ... irgendwie heterogen und trotzdem eins.

    Es macht spass ..

    13.04.2005, 15:57 von mentxu
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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      @[Benutzer gelöscht] Danke schön :)

      06.04.2005, 17:46 von Pinkcat
  • 0

    schön beschrieben...genau deswegen mag ich die bergerstrasse so :-)

    24.02.2005, 13:11 von Lieschen
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