frau.von.ungefaehr 29.05.2017, 18:12 Uhr 10 28

Ammersee.

Es riecht nach warmer Zeltplane mit Sonnenmilch,

Sand, Gewitter und im Vorzelt hastig gebratenen Würstchen, die auf der einen Seite noch kalt und auf der anderen längst verbrannt sind.

Zerschlagene Mückenkadaver verzieren punktuell die Innenhaut unseres Stoffhauses. Auf deiner Außenhaut hat es nichts mehr gebracht sie totzuschlagen: Gestochen hatten sie da schon. „„Besser nicht immer dran kratzen und rumknibbeln“ ist aber auch leichter gesagt als getan,“ stöhnst du im Takt deines Kratzens.

Wir sitzen auf der Wiese, schreiben rückwärts Postkarten und freuen uns, dass sie nicht lesbar sind. Interessiert doch am Ende sowieso keine Sau, wie es hier aussieht und was wir hier erleben. Camping. Tausendmal gemacht, drei tausendmal verflucht. Ganz selten aber manchmal gerne gemocht. Zum Beispiel, wenn man den Geruch der Zeltplane förmlich spürt. Und für die bleierne Zeit dann später im Winter konservieren will. Ihn atemzugabrufbar machen.

Irgendein Dödel packt seine Klampfe aus. Wir rollen mit den Augen. Jugendfreizeit ist das eine. Stinknormaler Urlaub im Zelt das andere. „Halt die Fresse, du Knilch. Sonst setzt es was.“ Hilft alles nix. Wir setzen uns Kopfhörer auf. Du Fred Vargas. Ich Grindcore. Die Postkarte für Frank halte ich lange zurück. Und geb sie dir am Ende leer rüber. Ich zucke mit den Schultern und mache die Kopf-ab-Geste um dir zu signalisieren, dass mir nix einfällt und dass du ihn auch nicht von mir grüßen brauchst. Auch nicht rückwärts. Der kann mich mal, der Arsch.

Im Hintergrund sind stark leuchtende Berge. Alpenglühen nennt man das. Vielleicht. Hab nicht so genau zugehört, als die beiden beigen Nachbarn aus dem Wuppertaler Wohnmobil von nebenan ihren Vortrag darüber hielten. Ich schenk mir noch ein Glas ein. Am Ende vom Urlaub werd ich wieder denken, dass ich hammer-vernünftig war: kaum gesoffen, wenig gekifft, was anderes sowieso nicht, wir sind hier schließlich im Urlaub. Dass wir meistens mittags schon einen amtlichen Glimmer haben und alles dafür tun, dass der für immer bleibt, das werden wir frühestens dann mal andenken, wenn wir im Stau auf dem Nachhauseweg stehen.

Du reißt die Kopfhörer runter, regst dich darüber auf, dass du das „Scheißkapitel“ jetzt schon mindestens zum vierten Mal gehört hast und immer noch nicht weißt, worum es eigentlich geht und du nicht sagen kannst, ob es am Sprecher liegt oder am Schnitt, die Titel sind einfach zu lang, da kann man nicht mal kurz gedanklich Pause machen. Apropos gedanklich Pause machen: Ich steige aus. Mir doch egal. Später, wenn wir Richtung Balkan weiterfahren, werden wir dem Hörbuch sowieso noch eine Chance geben und es kurz vor Split, vermutlich bei voller Serpentinenfahrt aus dem offenen Fenster entsorgen. „Guck mal, wie schön es fliegt! AAAARGH, nein, guck auf die Straße!!!!“

Der Klampfendödel hat genug, ich fasse es nicht, dass er mit seinem Geknödel tatsächlich die sonnenverbrannte Ische aus Leipzig rumgekriegt hat. „Und alles nur, weil ich dich liebe und ich nicht weiß, wie ich‘s beweisen soll. Komm ich zeig Dir, wie groß meine Liebe ist und bringe uns beide um.“ Hat der doch tatsächlich in einem merkwürdigen Fußball-Ultra-Style über den Campingplatz geplärrt und sie damit rumgekriegt! Der Sonnenverbrannten hat es anscheinend nicht nur den Rücken verbrannt. Sie schmachtet erst und lässt sich dann abschlecken. Wir lachen uns schlapp und ploppen noch ne Flasche auf. Am Ende ist es natürlich sowieso nur der Neid: Als ich mit den Alten 16-jährig im Wohnmobil durch Norwegen fuhr, war das größte Spektakel, dass ich dafür über eine Woche von der Schule freigestellt wurde. An Lagerfeuerklampfenurlaubsflirts war keine Sekunde zu denken: Wir waren jeden Tag woanders und damals sehnte sich mein überromantisiertes jüngeres Ich nicht nach schnell wechselnden Bekanntschaften sondern nach ewig dauernder Liebe.

„Komm, wir gehen nochma schwimmen“ ächzt du, im Aufstehen Handtuch und Flasche greifend, Postkartenrieselnd und meine Antwort nicht abwartend. Wir watscheln die paar hundert Meter zum Steg. Keiner da, alle im Restaurant. Das Holz so schön warm unter den Schulterblättern. „Deine Arschbomben waren aber auch schon mal formvollendeter“ rufe ich dir zu. „Da war ich nicht besoffn und außerdem maximal jugendlich unbedarft“ gluckerst du wenig überzeugend. Ich zeig dir, was ich unter einer formvollendeten Arschbombe verstehe, denke ganz, ganz kurz, dass ich ertrinke, sehe dann herrliches blau und weiß nicht, ob ich über Wasser oder drunter bin.

Triefend ziehen wir uns auf den Steg. Das Herz puckert geradezu aberwitzig angsthasig. Deins auch. Das seh ich bis hier. Und dabei bin ich nicht mal weit weg. Du summst tatsächlich leise „Alles aus Liebe“ und ich habe dich überraschenderweise gerade jetzt so unheimlich gern, dass das besummte Szenario fast OK wär. Aber nur, wenn der Stadionchor das „OOHOOOOO“ an der richtigen Stelle mitgrölt!

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Kommentare

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    Klampfendödel und geknödel. Was ein Wort! Ich bin ein Fan, danke!

    13.11.2018, 12:52 von KaffeJunge
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    Campen am Ammersee??? 

    War Frau schon mal ungefähr dem Ammersee so nah wie die Honigfrauen dem Plattensee?
    Am Ammersee macht man alles andere nur nicht campen.
    Das ist der einzig entspannende See im Münchner Süden. Und entspannend schließt mit ein, dass es hier kein Souffside-Getue incl. Dixy-Klo gibt, sowie auch keine Jugendbanden wie am Münchner Garda See. Der Ammersee hat eine Umgebung wo man vielleicht mal seinen Gaul ausführt und biologisch korrekt dem Töpferhandwerk frönt in der Hoffnung bei jener Art von Paartherapie wieder zueinander zu finden, damit man beim nächsten Dia-Abend den Umhersitzenden zum x-ten Mal etwas zu zeigen hat was man selbst nicht mehr kennt. Nee, der Ammersee passt zu Neon so wenig wie Horst Hrubesch zu Hannover 96, auch wenn die Stadt nicht weit weg von HH liegt. Aber vielleicht hat Frau ungefähr so nen krassen Sonnenstich am Spitzingsee bekommen wie manch bescheuerter Glatzkopf aus m NRW, der sich dort oben rumtreibt und so können wir diesem Endprodukt jene Doppelvorsilbe verzeihen.
    Beweis, dass ich deinen Text wirklich gelesen habe? Postkartenrieselnd schreibt man genauso klein wie greifend kurz davor. Großartigkeit kommt auch manchmal klein ganz gut an. Insbesondere, wenn es sich so gehört....

    13.06.2017, 21:22 von Filousoph
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      danke mutti.
      aber ich mach aus prinzip keine hausaufgaben.

      15.06.2017, 10:37 von frau.von.ungefaehr
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    hab mir schon gewünscht, dass es noch weitergeht.... :) toll!

    08.06.2017, 13:45 von Christofff
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    einfach leiwand.

    30.05.2017, 12:24 von Agmokti
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    ammerseeligkeit

    30.05.2017, 11:53 von ga
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    Galant und easy aus der Hüfte geschossen. Kein Grindcore aber so klingt das für mich 

    30.05.2017, 10:00 von riotsk
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  • 2

    Erfrischend wie eine Arscbombe!

    Geatmet, nicht gelesen.

    30.05.2017, 00:29 von Freyr
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    Hach! Wunderbarer Text und passend zur Sommerstimmung hier!

    29.05.2017, 21:47 von Gluecksaktivistin
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      Ach? :)

      30.05.2017, 00:30 von Freyr
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