Undinger
Aggro in Berlin: Von Ronk-Ronks, Dudel-Leiern und Sabber-Schmatzern.
Es nervt. Wie Rücksichtslos kann man sein, seinen Mitmenschen den täglichen Weg zur Arbeit, sowie das flanieren durch die geliebte Stadt dermaßen zur Hölle zu machen?
Drei Alltags-Gegenstände, die wohl vom Teufel selbst erfunden wurden.
1. Der Koffer-Trolli
"Ronk-ronk, ronk-ronk-ronk," mit dieser lauthalsigen Aussage werden sie über das Kopfsteinpflaster gezerrt. Zu Dutzenden. Wenn eine Schulklasse auf dem Weg zum Hostel wieder einmal unter meinem Balkonfenster vorbeiläuft, klingt es als tanzten Planierwalzen Tango, da mindestens jeder zweite Schüler einen Trolli beauftragt hat, seine Sachen während der Reise aufzubewahren. Lärmbelästigung par Excellence, doch ich habe es schon schlimmer kommen sehen: Der Entscheidung unfähig, ob es nun besser sei, den Trolli die Treppe hinabzutragen oder ihn einfach Stufe für Stufe mit lautem "plonk-plonk" hinter sich herzuziehen verstopften neulich 30 Jugendliche für geschlagene zehn Minuten die Treppe zur U-Bahn im Bahnhof Friedrichstraße. Anderer Handlungsort, noch schlimmere Szene: wieder 30 Jugendliche bewegten sich schleppend die Treppe am Bahnhof Ostkreuz hinauf, wobei die 20 Trollis bei der schnecken-flinken Geschwindigkeit eine nicht unerhebliche Rolle spielten. Plötzlich geriet die Situation außer Kontrolle: einer der rollenden Monster gab seinen Geist auf und hinterließ seine erschrockene Besitzerin mit nichts als dem Griff in der Hand am oberern Ende der Treppe, während er selbst mit rasendem, nie gekannten Tempo den Weg nach unten antrat und dabei fast ein kleines Mädchen mit sich riss.
Warum werden Mitmenschen belästigt und gefährdet für einen Gegenstand, der in den seltensten Fällen stabil gebaut ist, meistens schneller kaputt geht, als man reisen kann, der für Rücken und Schulterblätter ungeeignet ist, bei Treppen versagt und darüber hinaus ein Zeichen für Spießertum schlechthin ist?
2. Das Dudel-Handy
Eine um sich greifende Unsitte, die anscheinend "cool" ist: Wenn ER, 15-18 Jahre, gegelte Haare und Nike-Fila-Adidas-bekleidet O-beinig durch Berlins Straßen und U-Bahnstationen streift und anderen Männchen imponieren will, so schaltet er heutzutage sein Handy an und spielt ein möglichst gangsterrappisches MP3 für alle hörbar ab. Blechern schallt es dann durch die Luft und soll den gleichaltrigen Weibchen zeigen: "Schau her Kleines, ich bin musikalisch und so". Noch absurdere Ausmaße nimmt es an, wenn aus der dudelnden Drecks-Schachtel orientalische Balz-Gesänge leiern. Geflissen wird das Augenrollen der genervten Passanten übersehen: Die haben eben keinen Geschmack! Und wenn ein zweiter Dudelkasten in Hörreichweite erscheint, wird er gekonnt aus dem auditiv markiertem Revier vertrieben: "Ey Alter, was hast du für ein beschissenes Phone, mit dem du da deine Kinderlieder abspielst, verzieh dich mal, Alter, du störst meine Musik!" Das blecherne, scheppernde Geschranze aus dem eigenen Phone, welches ganz offensichtlich keine sonderlich hochwertigen Lautsprecher aufweist, ist hingegen wohl eine Art persönlicher Trash-Stil und somit natürlich: angesagt.
3. Döner in der S-Bahn
Man betritt den Wagen, es ist stickig, schwül und riecht nach Menschen. Schlimm genug, doch es geht noch schlimmer: in die Geruchs-Melange mischt sich heute ein feiner Zwiebel-Knobleich-Lammfleisch-Duft. Dazu eine Geräuschkulisse, die aus "Schmatz-Schmatz" und "Schluck-Seufz-Hmmm" besteht. Döner essen ist eine Herausforderung, egal wo. Das Balancieren des Fladenbrot-Pakets mit zwei Händen, das abschätzen der geeignetsten Abbeiß-Stelle für den folgenden beherzten Biss, das Bemühen, keinen vegetabilen Bestandteil zu verlieren und nicht alles mit Kräuter-Knoblauch-Scharf-Soße vollzukleckern, erfordern für den Döner-Kau eine geeignete, ruhige und schnell zu reinigende Umgebung mit Zahnstochern für hinterher. Die S-Bahn erfüllt keinen dieser Ansprüche. Erst recht nicht zur Feierabend-Zeit zwischen 16 und 17.30 Uhr. Er schmatzt, kleckert, wird rot. Sichtlich mühsam beißt er sich Stück für Stück in den Fleisch-Gemüse-Berg vor, mit jedem Bissen wird es schwerer: Balance, Klecker- und Sabbervermeidung strengen an, Schweißperlen bilden sich auf der Stirn. Dann noch diese Blicke. Und alle rutschen weiter weg. Natürlich bereut der Delinquent spätestens nach der Hälfte der Speise, seinem akuten Heißhunger auf Fett und Deftigem nachgegeben zu haben, so stark wird nach kürzester Zeit die soziale Ausgrenzung in der Bahn und das offensichtliche Missfallen der umstehenden und nebensitzenden Mitmenschen. IHM wird das nicht noch einmal passieren - doch es gibt noch viele, die im Eifer des Hunger-Gefechts erst ihre Erfahrungen zu machen haben...






Kommentare
Ich verfolständige:
10.02.2011, 23:45 von topfbluemchen° auf dem Boden rotzen
° an Leuten hautnah vorbeigehen, obwohl auf der anderen Seite kein Mensch weit und breit ist
° Rotze hochziehen
° schlurfen
° "Altaaaaa und Diggaaa"
° Piepsstimmen
° existieren
Ab sofort für Schüler nur noch Rucksäcke, Döneressen nur noch mit Qualifikation und Basszauber aus all den Autos nur noch über zusätzliche Verstärker= wenn schon, denn schon.
14.12.2008, 12:18 von tie.heschmunzelgrüße aus dus
diese trollys. nicht nur auf reisen, die werden ja seit neuestem auch als schulranzen benutzt. das ist ätzend. besonders an meiner schule, die gefühlte 1000 treppenstufen hat, wo ein trolly auch sinnlos ist, da die kinder ihn eh die ganze zeit irgendwelche stufen hochbefördern müssen. trollys gehören auf den flughafen, aber nicht auf die straße!
06.12.2008, 22:44 von piratesssehr guter text.
12.11.2008, 10:23 von einsamespitzealles wahr.
war etwas traurig, als er zu ende war.
mehr mehr mehr!!!
:)
In der Öffentlichkeit essen an nicht dafür vorgesehenen Plätzen sollte bei 20 Peitschenhieben auf die nackten Fußsohlen verboten werden.
23.05.2007, 18:29 von sailorLetztens saß ich im Zug, das hat jemand eine Banane gegessen. Um 8 Uhr morgens. Ich hätte nie gedacht, das eine Banane so derartig penetrant ekelerregend richen kann.
Wobei Essen (essen [?]) vor 10 Uhr per se ekelerregend ist...
Ich habe hier Leute kennen gelernt, die würden Dir jetzt wegen dieser Döner-Geschichte erst mal den belehrenden Zeigefinger entgegenhalten und Dir sagen, dass schon etwas gegen den Döner zu schreiben rassistisch und ausgrenzend ist! Soziale Ausgrenzung durch Döner! Ich glaub' ich schick der, die ich da kenne, mal den Link zu Deinem Artikel! Da hat der "Moralblockwart" wieder was zu tun... :-D
21.05.2007, 18:34 von verdun1916zu.
14.05.2007, 16:55 von KirstinkindPunkt.