Nein Danke! - Rollkoffer
Ein Dilemma: Es gibt so viele praktische Dinge, die das Leben leichter, aber auch hässlicher machen. Wie soll man dazu stehen?
Mein Problem mit dieser Kolumne: Sie verbessert vielleicht das Leben der Leser – meines vermiest sie. Seitdem ich mir Gedanken darüber mache, was ich mir lieber nicht kaufe, werde ich immer kritischer und zickiger. Es geht gar nicht um den offensichtlichen Unfug, von dem Leserin Annika Müller mir zu Recht schreibt: »Ich habe festgestellt, dass sich Krümel jeglicher Art besser mit einem feuchten Lappen, mit dem Kehrbesen oder einfach mit der Hand wegmachen lassen als mit dem supertollen Handstaubsauger.« Leser Oliver Kirpal hat mich auf einen Tischtennisschläger mit Pistolengriff, Modell »High Noon«, hingewiesen. Vielen Dank, natürlich auch Spitzenunfug. Steve Haider versteht nicht, warum Ballerinas, die in den 80er Jahren schon Frauenbeine verschandelt haben, ein Comeback erleben. Und warum man einen Nahrungsersatz wie »Vie« von Knorr statt Obst und Gemüse zu sich nehmen soll, ist Leser Jan Grygoriew und mir ein Rätsel. Aber was ist mit den Sachen, die absolut nützlich sind, mir aber trotzdem auf die Nerven gehen, wenn ich genau hinsehe? Ein Bild der Trauer ist für mich jeder Mann, der ein Kind im »Babybjörn« vor sich her trägt. Babybjörns sind diese Nachwuchsbehälter, die Väter sich um den Bauch schnallen können, um ihren Rücken und ihre Arme zu schonen, wenn sie mit Kind unterwegs sind. Für mich sind sie ein Grund, keine Kinder zu zeugen. Ein Mann mit Babybjörn zeigt an, dass jegliche Energie ihn verlassen hat, dass er von einem Individuum zu einem Teil von etwas geworden ist, das ihn beherrscht.
Ähnlich ist es mit Frauen, die sich auf Rollerblades durch die Stadt kämpfen. Ist schon klar, die Dinger halten fit, machen stramme Waden und sind ein tipptopp Fortbewegungsmittel. Trotzdem ahne ich, dass diese Frauen heimlich Kalorien zählen, wenn man sie zum Abendessen ausführt, und zu laut über Bemerkungen lachen, die man nicht mal lustig gemeint hat. Mit anderen Worten: Diese Gegenstände setzen Fantasien in Gang und machen in den Augen der anderen etwas aus ihren Besitzern, was sie nicht sein wollen. Am deutlichsten lässt sich das vielleicht an dem Gegenstand demonstrieren, dessen Anschaffung ich am beharrlichsten verweigere: dem Rollkoffer. Obwohl ich ein bis zwei Wochen im Monat beruflich auf Reisen bin, trage ich immer eine Umhängetasche mit mir herum. Der praktische Aspekt: Ich muss nicht erst auf das Namensschildchen kucken, um meinen Rollkoffer von den ganzen anderen Rollkoffern zu unterscheiden. Doch unweigerlich stelle ich mir vor, wie die Businessklone um mich herum ihr kleines mobiles Leben hinter sich her zerren, von einem Termin zum nächsten, abends am Telefon noch kurz ihre Frau langweilen, mit Erzählungen von erfolgreichen Vertragsabschlüssen, und dann den Hotel-Pornokanal freischalten. Es ist sicher alles ganz anders, die Wahrheit ist bestimmt viel schöner. Sie könnte aber auch noch trister sein. Wir wissen es nicht, und das Problem bleibt: Man kauft sich mit jedem Gegenstand ein Vorurteil. Eine große Sonnenbrille macht eine Frau zur Diva. Ein Anzug macht einen Kerl zum Herren. Aber ein Rollkoffer macht einen Mann nur zum Rollkofferzieher.





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